Die oberösterreichische Lenzing AG kann trotz eines herausfordernden Marktumfelds eine bemerkenswerte Wende vorweisen: Während der Umsatz um 2,3 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro zurückging, gelang e
Die oberösterreichische Lenzing AG kann trotz eines herausfordernden Marktumfelds eine bemerkenswerte Wende vorweisen: Während der Umsatz um 2,3 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro zurückging, gelang es dem Faserproduzenten aus dem Innviertel, seine operative Leistung deutlich zu verbessern. Das bereinigte EBITDA stieg um 7,6 Prozent auf 425,6 Millionen Euro, während der freie Cashflow auf 173,9 Millionen Euro zulegte. Diese Zahlen belegen eindrucksvoll, dass das umfassende Transformationsprogramm des Unternehmens erste Früchte trägt.
Das Jahr 2025 war für die Lenzing AG von erheblichen externen Herausforderungen geprägt. Internationale Zollmaßnahmen, gedämpfte Nachfrage und fallende Marktpreise belasteten besonders in der zweiten Jahreshälfte das Geschäft. Trotzdem konnte das Unternehmen durch sein Performance-Programm beeindruckende Kosteneinsparungen von mehr als 200 Millionen Euro realisieren – eine deutliche Steigerung gegenüber den 130 Millionen Euro im Vorjahr.
EBITDA bezeichnet das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen und gilt als wichtiger Indikator für die operative Stärke eines Unternehmens. Es zeigt, wie profitabel das Kerngeschäft läuft, unabhängig von Finanzierungskosten oder steuerlichen Effekten. Bei Lenzing stieg das bereinigte EBITDA von 395,4 Millionen Euro auf 425,6 Millionen Euro, was einer EBITDA-Marge von 15,9 Prozent entspricht.
Das Unternehmen musste allerdings eine nicht-liquiditätswirksame Wertberichtigung von 82,1 Millionen Euro für seinen indonesischen Produktionsstandort vornehmen. Diese Abschreibung spiegelt eine strategische Neubewertung der Auslandsaktivitäten wider und führte dazu, dass das EBIT nach der Wertberichtigung nur noch 17,6 Millionen Euro betrug.
Ein wesentlicher Bestandteil des Kostensenkungsprogramms ist die geplante Reduktion von rund 600 Arbeitsplätzen in Österreich. Diese Maßnahme soll jährliche Einsparungen von etwa 45 Millionen Euro bringen, die bis Ende 2027 vollständig realisiert werden sollen. Bereits in den letzten Monaten des Jahres 2025 wurden durch die Beendigung von mehr als 200 Arbeitsverhältnissen Einsparungen von 22 Millionen Euro erzielt.
Der Personalabbau ist Teil einer umfassenden Organisationsentwicklung, die darauf abzielt, die Profitabilität und Widerstandsfähigkeit des Unternehmens zu stärken. Gleichzeitig investiert Lenzing gezielt in seine Standorte und setzt auf eine Premiumisierungsstrategie, um sich von günstigen Konkurrenzprodukten abzusetzen.
Die Preise für Standardfasern blieben 2025 unter Druck, während die Kosten für Rohstoffe, Energie und Logistik weiterhin hoch waren. Besonders die Preise für Dissolving-Pulp, einen wichtigen Rohstoff für die Faserproduktion, gingen erheblich zurück. Diese Entwicklung zeigt die strukturellen Herausforderungen auf, mit denen die gesamte Textilindustrie konfrontiert ist.
Dissolving-Pulp ist ein speziell behandelter Zellstoff mit besonders hohem Zellulosegehalt, der als Ausgangsmaterial für die Produktion von Chemiefasern wie Viskose oder Modal dient. Anders als normaler Papierzellstoff wird Dissolving-Pulp so aufbereitet, dass er sich vollständig in chemischen Lösungsmitteln auflöst und zu neuen Fasern verarbeitet werden kann. Die Qualität und Reinheit dieses Zellstoffs bestimmt maßgeblich die Eigenschaften der daraus hergestellten Textilfasern.
Der Fasermarkt ist stark von globalen Trends abhängig. Überkapazitäten in Asien, veränderte Konsumentenpräferenzen und neue Umweltauflagen beeinflussen Angebot und Nachfrage erheblich. Lenzing versucht durch die Fokussierung auf hochwertige, nachhaltige Spezialfasern weniger anfällig für Preisdruck bei Standardprodukten zu werden.
Die regionale Verteilung der Umsätze verdeutlicht Lenzings starke Position in Asien: 61 Prozent der externen Erlöse entfielen auf asiatische Märkte, 29 Prozent auf Europa einschließlich der Türkei, 9 Prozent auf Amerika und 1 Prozent auf andere Regionen. Diese Verteilung spiegelt sowohl die globale Produktionsverlagerung in der Textilindustrie als auch Lenzings strategische Ausrichtung wider.
Die Faserverkaufsmengen sanken von etwa 960.000 Tonnen im Vorjahr auf rund 904.000 Tonnen. Trotz der geringeren Mengen konnte Lenzing durch Neukunden für Schlüsselprodukte und die Expansion in wichtige, margenstarke Märkte in Nordamerika und Asien seine Marktposition stabilisieren.
Ein besonders positiver Aspekt der Geschäftsentwicklung war die Verbesserung der Liquiditätssituation. Der Cashflow aus operativer Tätigkeit belief sich auf 419,7 Millionen Euro, während der freie Cashflow auf 173,9 Millionen Euro stieg. Der ungehebelte freie Cashflow erreichte sogar 279,3 Millionen Euro gegenüber 244,6 Millionen Euro im Vorjahr.
Working Capital bezeichnet das Betriebskapital, also die Differenz zwischen kurzfristigen Vermögenswerten (wie Vorräten und Forderungen) und kurzfristigen Verbindlichkeiten. Ein effizientes Working Capital Management bedeutet, dass weniger Kapital in Lagern und offenen Rechnungen gebunden ist, was die Liquidität des Unternehmens verbessert. Lenzing reduzierte sein Working Capital um 21,6 Prozent auf 453,4 Millionen Euro, hauptsächlich durch selektive Anpassungen der Produktionskapazitäten.
Diese Verbesserung zeigt, dass das Unternehmen seine Betriebsabläufe optimiert hat und weniger Kapital für das operative Geschäft benötigt. Das freigesetzte Kapital kann für Investitionen oder Schuldenrückzahlung verwendet werden, was die finanzielle Flexibilität erhöht.
Zur Stärkung der Kapitalstruktur sicherte sich Lenzing ein syndiziertes Finanzierungspaket von 545 Millionen Euro, bestehend aus einem Kredit von 355 Millionen Euro und einer revolvierenden Kreditfazilität von 190 Millionen Euro. Zusätzlich emittierte das Unternehmen eine neue Hybridanleihe über 500 Millionen Euro und tilgte gleichzeitig die Hybridanleihe aus dem Jahr 2020.
Hybridanleihen sind Finanzinstrumente, die Eigenschaften von Eigen- und Fremdkapital kombinieren. Sie werden bilanziell oft dem Eigenkapital zugerechnet, was die Eigenkapitalquote verbessert, tragen aber auch Zinsen wie normale Anleihen. Für Unternehmen bieten sie eine flexible Finanzierungsform, da sie meist nachrangig sind und oft über Optionen zur Zinsstundung verfügen.
Die liquiden Mittel beliefen sich zum Jahresende auf 690,9 Millionen Euro, während die Nettofinanzverschuldung auf 1,35 Milliarden Euro sank. Die bereinigte Eigenkapitalquote lag bei 29,6 Prozent, was eine solide Kapitalausstattung widerspiegelt.
Im Jahr 2025 gab es bedeutende Veränderungen in der Unternehmensführung. Nach dem Ausscheiden von Walter Bickel als Chief Transformation Officer Ende März übernahm Georg Kasperkovitz ab Juni die Position des Chief Operations Officer (COO). Mathias Breuer folgte am 1. Januar 2026 Nico Reiner als CFO nach, dessen Mandat regulär auslief. Christian Skilichs Vertrag wurde vorzeitig bis zum 31. Mai 2029 verlängert.
Ein einschneidender Wechsel war der Rücktritt von CEO Rohit Aggarwal am 31. Januar 2026. Seitdem führt ein dreiköpfiger Vorstand das Unternehmen: CFO Mathias Breuer, COO Georg Kasperkovitz und CPO/CTO Christian Skilich. Zur Unterstützung der organisatorischen Weiterentwicklung wurde ein Executive Committee etabliert.
Diese Führungsstruktur ohne klassischen CEO ist ungewöhnlich, aber nicht beispiellos. Sie kann Vorteile haben, da Entscheidungen von mehreren Experten getroffen werden und verschiedene Geschäftsbereiche gleichberechtigt vertreten sind. Allerdings erfordert sie auch intensive Koordination und klare Verantwortlichkeiten.
Die Lenzing AG wurde 1938 in Oberösterreich gegründet und entwickelte sich von einem traditionellen Zellstoffproduzenten zu einem führenden Hersteller von Spezialfasern auf Cellulosebasis. Das Unternehmen gilt als Innovationsführer in der nachhaltigen Faserproduktion und arbeitet eng mit globalen Textil- und Vliesstoffherstellern zusammen.
Die Geschäftstätigkeit geht weit über die reine Faserproduktion hinaus. Lenzing entwickelt gemeinsam mit Kunden und Partnern innovative Produkte entlang der Wertschöpfungskette und bietet Lösungen für den Übergang der Textilindustrie von einem linearen zu einem zirkulären Wirtschaftssystem. Die Fasern werden in verschiedenen Anwendungen eingesetzt, von funktionaler und modischer Bekleidung bis hin zu nachhaltigen Heimtextilien und Hygieneprodukten.
Das Unternehmen hat sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt, die mit dem Pariser Abkommen im Einklang stehen. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen in allen Bereichen (Scope 1, 2 und 3) deutlich reduziert werden, bis 2050 strebt Lenzing Netto-Null-Emissionen an.
Im Vergleich zu anderen europäischen Chemieunternehmen zeigt Lenzing eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Während viele Konkurrenten mit Energiekosten und Nachfragerückgängen kämpfen, gelingt es dem österreichischen Unternehmen durch sein Transformationsprogramm, die operative Profitabilität zu steigern.
Die deutsche Chemieindustrie beispielsweise verzeichnete 2025 deutliche Produktionsrückgänge und Gewinneinbrüche. Auch Schweizer Chemiekonzerne mussten Werke schließen oder Kapazitäten reduzieren. In diesem Umfeld sticht Lenzings Fähigkeit hervor, durch gezielte Kostenoptimierung und Effizienzsteigerungen die Margen zu verbessern.
Die Spezialisierung auf nachhaltige Fasern verschafft Lenzing einen Wettbewerbsvorteil, da die Nachfrage nach umweltfreundlichen Textilien steigt. Bekannte Marken wie TENCEL™, LENZING™ ECOVERO™ und VEOCEL™ haben sich in der Textilindustrie etabliert und ermöglichen Preisaufschläge gegenüber konventionellen Fasern.
Für den Wirtschaftsstandort Österreich ist Lenzing von erheblicher Bedeutung. Mit 7.738 Vollzeitäquivalenten ist das Unternehmen ein wichtiger Arbeitgeber, besonders in der strukturschwachen Region des oberösterreichischen Innviertels. Der geplante Stellenabbau von 600 Positionen wird daher nicht nur unternehmensintern, sondern auch regional spürbare Auswirkungen haben.
Gleichzeitig zeigt Lenzings Erfolg beim Export – rund 71 Prozent der Erlöse stammen aus Asien und Amerika – die Innovationskraft österreichischer Industrieunternehmen. Die Exporterlöse von 2,6 Milliarden Euro tragen positiv zur österreichischen Handelsbilanz bei und demonstrieren die internationale Wettbewerbsfähigkeit heimischer Technologien.
Die Investitionen in Forschung und Entwicklung, energieeffiziente Produktionsverfahren und nachhaltige Technologien positionieren Lenzing als Vorzeigeprojekt für die grüne Transformation der österreichischen Industrie. Das Unternehmen zeigt, wie traditionelle Industriekonzerne durch Innovation und Nachhaltigkeit ihre Marktposition stärken können.
Für das laufende Jahr erwartet Lenzing weiterhin ein schwieriges Marktumfeld. Handelspolitische Unsicherheiten und geopolitische Spannungen, einschließlich der indirekten Auswirkungen des US-Iran-Konflikts auf Energiemärkte und Lieferketten, bremsen die globale Entwicklung und führen zu begrenzter Planungssicherheit.
Die Preise im Markt für Standardfasern werden voraussichtlich weiter unter Druck bleiben, da zusätzliche Kapazitäten in Betrieb gehen. Allerdings beobachtet das Unternehmen im ersten Quartal 2026 leicht verbesserte Preistrends und eine stabilere Nachfrage sowohl im Zellstoff- als auch im Fasergeschäft.
Lenzing will seine Transformation konsequent vorantreiben und durch das ganzheitliche Performance-Programm sowie die Premiumisierungsstrategie Profitabilität, Widerstandsfähigkeit und Agilität weiter stärken. Die Fokussierung auf hochwertige, nachhaltige Produkte soll helfen, sich vom Preisdruck bei Standardprodukten zu entkoppeln.
Die mittelfristige Strategie basiert auf drei Säulen: operationale Exzellenz, Premiumisierung und Nachhaltigkeit. Das Unternehmen investiert gezielt in Technologien, die eine effizientere Rohstoffnutzung ermöglichen und den ökologischen Fußabdruck reduzieren. Gleichzeitig werden Partnerschaften entlang der Wertschöpfungskette ausgebaut, um gemeinsam innovative Lösungen zu entwickeln.
Die TÜV-zertifizierte Biologische Abbaubarkeit und Kompostierbarkeit der Lenzing-Fasern eröffnet neue Anwendungsgebiete, besonders in der Hygieneindustrie. Diese Diversifizierung reduziert die Abhängigkeit von traditionellen Textilmärkten und erschließt wachstumsstarke Segmente.
Mit einer Nennkapazität von 1,110 Millionen Tonnen Fasern gehört Lenzing zu den weltweit führenden Anbietern in diesem Segment. Die geografische Diversifizierung mit Produktionsstandorten in Europa, Asien und Nordamerika bietet Flexibilität bei Währungsschwankungen und regionalen Nachfrageveränderungen, bringt aber auch Komplexität in der Steuerung mit sich.
Die erfolgreiche Transformation der Lenzing AG zeigt, dass auch in schwierigen Marktphasen durch konsequente Kostendisziplin und strategische Neuausrichtung positive Ergebnisse erzielt werden können. Das Unternehmen hat bewiesen, dass nachhaltige Produkte und wirtschaftlicher Erfolg vereinbar sind – eine wichtige Botschaft für die gesamte österreichische Industrie im Wandel zur Kreislaufwirtschaft.