In der Wiener Lobau sind heute die Bagger aufgefahren. Was für Befürworter der S1-Autobahn ein lang ersehnter Meilenstein ist, löst bei Umweltschützern und den Grünen heftige Kritik aus. Elisabeth ...
In der Wiener Lobau sind heute die Bagger aufgefahren. Was für Befürworter der S1-Autobahn ein lang ersehnter Meilenstein ist, löst bei Umweltschützern und den Grünen heftige Kritik aus. Elisabeth Götze, Mobilitätssprecherin der Grünen im Parlament, bezeichnete das Projekt als "fossiles Großprojekt aus dem letzten Jahrhundert" und forderte Verkehrsminister Leonore Gewessler und die zuständigen Stellen auf, die Arbeiten sofort zu stoppen.
Die geplante Schnellstraße S1 soll als Südumfahrung von Wien fungieren und die stark belastete Donauufer-Autobahn A4 entlasten. Das Projekt umfasst einen etwa 8,2 Kilometer langen Autobahnabschnitt, der durch das Naturschutzgebiet Lobau führen soll. Die Lobau ist Teil des Nationalparks Donau-Auen und gilt als eines der wertvollsten Feuchtgebiete Mitteleuropas. Hier leben über 700 Pflanzenarten und mehr als 5.000 Tierarten, darunter seltene Vogelarten wie der Seeadler und gefährdete Säugetiere wie der Biber.
Das Vorhaben ist seit Jahrzehnten umstritten. Während Verkehrsplaner und Wirtschaftsvertreter die dringend notwendige Entlastung der überlasteten Verkehrswege rund um Wien betonen, warnen Umweltschützer vor irreparablen Schäden an einem einzigartigen Ökosystem. Die geschätzten Baukosten belaufen sich mittlerweile auf über zwei Milliarden Euro, Tendenz steigend.
Die Planungen für die S1 reichen zurück bis in die 1970er Jahre. Damals sollte die Autobahn als Teil des hochrangigen Straßennetzes rund um Wien die wachsenden Verkehrsprobleme der Bundeshauptstadt lösen. Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Projekt zu einem der umstrittensten Infrastrukturvorhaben Österreichs. Immer wieder führten Bürgerinitiativen, Umweltorganisationen und politische Gruppierungen Widerstand gegen die Pläne.
Ein erster großer Erfolg der Projektgegner war 1984 die Verhinderung der Rodung von Teilen der Lobau durch Baumbesetzungen und Proteste. Diese als "Lobau-Besetzung" bekannt gewordene Aktion gilt als Geburtsstunde der österreichischen Umweltbewegung. Prominente Unterstützer wie der Schriftsteller Peter Handke und der Kabarettist Georg Danzer machten das Anliegen einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
Nach jahrelanger Ruhe wurde das Projekt in den 2000er Jahren wieder aufgegriffen. 2019 erteilte das Bundesverwaltungsgericht schließlich die umweltrechtliche Genehmigung, nachdem zuvor mehrere Instanzen durchlaufen worden waren. Kritiker monieren jedoch, dass sich die Rahmenbedingungen seit der ursprünglichen Planung grundlegend geändert haben – sowohl was den Klimaschutz als auch die Verkehrspolitik betrifft.
Die Finanzierung der S1 steht vor enormen Herausforderungen. Ursprünglich mit 800 Millionen Euro veranschlagt, sind die Kosten mittlerweile auf über zwei Milliarden Euro angestiegen. Inflation, gestiegene Rohstoffpreise und zusätzliche Umweltauflagen haben das Projekt deutlich verteuert. Diese Kostensteigerung fällt in eine Zeit, in der die öffentlichen Haushalte durch die COVID-19-Pandemie, die Energiekrise und hohe Inflation unter enormem Druck stehen.
Elisabeth Götze kritisierte scharf, dass "Millionen Menschen in Österreich aktuell unter hohen Preisen und der nächsten fossilen Krise leiden", während gleichzeitig Milliarden für eine umstrittene Autobahn ausgegeben werden sollen. Tatsächlich zeigen aktuelle Daten der Statistik Austria, dass die Inflation im vergangenen Jahr überdurchschnittlich stark bei Energie und Lebensmitteln zugeschlagen hat – Bereiche, die besonders einkommensschwache Haushalte belasten.
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern investiert Österreich traditionell überdurchschnittlich viel in den Straßenbau. Während Deutschland beispielsweise verstärkt auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs setzt, plant Österreich weiterhin kostspielige Autobahnprojekte. Die Schweiz hat sich dagegen bereits vor Jahren gegen den Bau neuer Autobahnen durch Naturschutzgebiete entschieden und investiert stattdessen in innovative Mobilitätslösungen.
Ein zentraler Streitpunkt ist die Frage, ob die S1 tatsächlich zur versprochenen Verkehrsentlastung führen wird. Ein von der Regierung in Auftrag gegebener Klimacheck kam zu dem Schluss, dass die neue Autobahn zu zusätzlichem Verkehr führen könnte, anstatt bestehende Strecken zu entlasten. Dieses Phänomen, in der Verkehrsplanung als "induzierter Verkehr" bekannt, besagt, dass neue Straßen oft zusätzliche Fahrten generieren, anstatt nur bestehende umzuleiten.
Verkehrsexperten verweisen auf internationale Studien, die zeigen, dass Autobahnbauten in städtischen Gebieten langfristig zu mehr Verkehr und damit auch zu mehr Emissionen führen können. Besonders problematisch ist dies vor dem Hintergrund der österreichischen Klimaziele. Österreich hat sich verpflichtet, bis 2040 klimaneutral zu werden – ein Ziel, das ohne drastische Reduktion des Autoverkehrs kaum erreichbar scheint.
Befürworter der S1 argumentieren hingegen, dass die Entlastung der A4 und anderer Wiener Verkehrswege zu einem flüssigeren Verkehr und damit paradoxerweise zu weniger Emissionen führen könnte. Sie verweisen auf Staus und Stop-and-go-Verkehr als besondere Emissionstreiber. Zudem könnte die neue Strecke moderne Verkehrstechnologien integrieren, die den Verkehrsfluss optimieren.
Neben den politischen und umweltpolitischen Einwänden gibt es auch rechtliche Bedenken gegen den Baubeginn. Götze verwies auf "aktuelle Gutachten", die "die Frage aufs Neue aufwerfen, ob der Baubeginn überhaupt legal ist". Diese Aussage bezieht sich vermutlich auf neue Erkenntnisse zu Umweltauswirkungen oder Verfahrensfehlern, die nach der ursprünglichen Genehmigung bekannt geworden sind.
Das Genehmigungsverfahren für die S1 war bereits in der Vergangenheit von rechtlichen Herausforderungen geprägt. Verschiedene NGOs und Bürgerinitiativen haben über Jahre hinweg Einsprüche und Beschwerden eingelegt. Besonders umstritten waren dabei die Umweltverträglichkeitsprüfung und die Bewertung der Auswirkungen auf das Natura-2000-Gebiet Lobau.
Die Europäische Union hat in ähnlichen Fällen bereits mehrfach gegen Mitgliedsstaaten Verfahren eingeleitet, wenn Naturschutzgebiete von europäischer Bedeutung gefährdet wurden. Sollten sich die rechtlichen Bedenken bestätigen, könnte dies zu einem erneuten Stopp der Arbeiten führen und das Projekt weiter verzögern.
Für die Wiener Bevölkerung hat das Projekt sowohl potenzielle Vor- als auch Nachteile. Einerseits verspricht die S1 eine Entlastung der stark befahrenen Stadtautobahn A4 und der Südosttangente. Pendler aus dem südlichen Niederösterreich und dem Burgenland könnten von kürzeren Fahrzeiten profitieren. Andererseits verliert Wien mit der Lobau eines seiner wichtigsten Naherholungsgebiete in seiner ursprünglichen Form.
Die Lobau ist für viele Wienerinnen und Wiener nicht nur ein Naturschutzgebiet, sondern auch ein beliebtes Ausflugsziel. An Wochenenden kommen tausende Besucher zum Wandern, Radfahren oder einfach nur zum Entspannen in die Natur. Der Verlust unberührter Naturräume wiegt besonders schwer in einer Millionenstadt wie Wien, wo Grünflächen bereits knapp sind.
Darüber hinaus befürchten Anrainer eine Verschlechterung der Luftqualität und eine Zunahme des Lärms. Obwohl die neue Autobahn den Verkehr theoretisch bündeln soll, könnten die Zufahrtsstraßen zusätzlich belastet werden. Studien zeigen, dass Autobahnbauten oft zu einer Zersiedelung der angrenzenden Gebiete führen, was weitere Umweltprobleme nach sich ziehen kann.
Österreichs Umgang mit umstrittenen Infrastrukturprojekten unterscheidet sich deutlich von anderen Ländern. In Deutschland wurde beispielsweise der Weiterbau der A100 in Berlin nach jahrelangen Protesten gestoppt, um Klimaziele nicht zu gefährden. Stattdessen investiert Berlin verstärkt in den öffentlichen Nahverkehr und Radverkehrsinfrastruktur.
Die Schweiz hat eine noch radikalere Wendung vollzogen und praktisch alle geplanten Autobahnbauten durch ökologisch wertvolle Gebiete gestrichen. Das Land setzt stattdessen auf eine Verkehrsvermeidungsstrategie und den massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Die Schweizer Erfahrung zeigt, dass auch ohne neue Autobahnen eine effiziente Verkehrsabwicklung möglich ist – allerdings erfordert dies erhebliche Investitionen in alternative Verkehrsmittel.
In anderen österreichischen Bundesländern gibt es ähnlich umstrittene Projekte. So wird etwa in Oberösterreich über den Bau der Westring-Autobahn um Linz diskutiert, während in der Steiermark die Koralmbahn als umweltfreundlichere Alternative zum Straßenverkehr forciert wird. Tirol hat aufgrund der besonderen geografischen Lage und der Transitproblematik bereits strenge Beschränkungen für den Lkw-Transit eingeführt und zeigt, dass auch ohne neue Autobahnen Verkehrsprobleme lösbar sind.
Die Diskussion um die Lobau-Autobahn steht stellvertretend für grundsätzliche Fragen der österreichischen Verkehrspolitik. Während die Bundesregierung offiziell eine Verkehrswende hin zu klimafreundlicheren Verkehrsmitteln propagiert, werden gleichzeitig weiterhin Milliarden in den Autobahnbau investiert. Dieser Widerspruch wird zunehmend auch von internationalen Beobachtern kritisiert.
Experten sehen in dem Festhalten an Großprojekten wie der S1 ein Relikt überholter Planungsansätze. Moderne Verkehrspolitik setze vielmehr auf eine Kombination aus öffentlichem Verkehr, Radverkehrsförderung und intelligenten Verkehrsleitsystemen. Die COVID-19-Pandemie hat zudem gezeigt, dass durch Homeoffice und veränderte Arbeitsmodelle der Verkehrsdruck deutlich reduziert werden kann.
Sollte die S1 trotz aller Widerstände gebaut werden, könnte dies Präzedenzcharakter für andere umstrittene Projekte haben. Umgekehrt könnte ein Stopp des Projekts den Weg für eine grundlegend neue Verkehrspolitik in Österreich ebnen. Die Entscheidung über die Lobau wird daher weit über Wien hinaus Auswirkungen haben und zeigen, wie ernst es Österreich mit dem Klimaschutz tatsächlich meint.
Die kommenden Wochen und Monate werden entscheidend sein für die Zukunft eines der umstrittensten Infrastrukturprojekte des Landes. Während die Bagger bereits aufgefahren sind, ist der politische und rechtliche Kampf um die Lobau noch lange nicht entschieden.