FCG-younion startet Konsultationen für Sofortmaßnahmen zur Rettung des Medienstandortes
Der massive Stellenabbau in österreichischen Medien erreicht dramatische Ausmaße. Gewerkschaft fordert politisches Handeln.
Die österreichische Medienlandschaft befindet sich in einer tiefen Strukturkrise. Bald werden 1.100 Journalistinnen und Journalisten als arbeitslos gemeldet sein – eine Zahl, die laut der Fraktion Christlicher Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter (FCG) in der younion weiter ansteigen wird. Der jüngste Stellenabbau bei der Privatsendergruppe ProSiebenSat.1Puls4, wo weitere 45 Mitarbeitende ihre Jobs verlieren, ist nur die Spitze des Eisbergs.
"Was passiert, wenn Medienmenschen ihren gesellschaftspolitisch so wichtigen Berufen nicht nachgehen können und in der öffentlichen Meinungsbildung fehlen, sehen wir aktuell in den USA", warnt Markus Tiller, Vorsitzender der FCG-Wien younion, anlässlich der Vollversammlung der younion-Hauptgruppe 8 (Kunst, Medien, Sport, freie Berufe). Als abschreckendes Beispiel verweist er auf die Washington Post, wo Amazon-Chef Jeff Bezos als Eigentümer ein Drittel der Belegschaft entlassen hat.
Die Parallelen zu Österreich sind beunruhigend. Der kontinuierliche Personalabbau in heimischen Medienunternehmen gefährdet nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch die Meinungsvielfalt und damit die demokratische Grundordnung. "Österreich darf nicht zur publizistischen Wüste werden!", appelliert Tiller eindringlich. "Wer am Journalismus spart, der spart an unserer Demokratie!"
Trotz der dramatischen Lage gibt es positive Ansätze. Tiller lobt die gemeinsame Beratungsinitiative "Ajour – Arbeit für JournalistInnen", die von Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung, Presseclub Concordia und dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) ins Leben gerufen wurde. Mit Unterstützung des Arbeitsmarktservice (AMS) hilft diese Initiative arbeitslos gewordenen Medienarbeitern bei der Suche nach neuen Berufsperspektiven.
Diese Maßnahmen zeigen, dass die Branche selbst aktiv wird. Unternehmen und Verbände erkennen die Notwendigkeit, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Die Initiative "Ajour" bietet nicht nur praktische Hilfe bei der Jobsuche, sondern auch Umschulungsmöglichkeiten und Beratung für Karrierewechsel.
Während die Branche selbst Initiativen ergreift, übt Tiller scharfe Kritik an der Politik. "Aber wo ist eigentlich der ressortzuständige Medienminister Babler?", fragt er besorgt. Der SPÖ-Chef wurde zuletzt bei der Berlinale gesichtet und bereitet sich intensiv auf den SPÖ-Parteitag am 7. März vor.
"Gefordert wäre er aber angesichts eines dramatischen Strukturwandels der publizistischen Öffentlichkeit, vor allem mit Sofortmaßnahmen zur Rettung des Medienstandortes Österreich", kritisiert der Gewerkschaftsvertreter. Statt politischer Konzepte für die Medienbranche stünden offensichtlich Parteitag und SPÖ-TV im Vordergrund.
Die Medienbranche durchlebt einen fundamentalen Wandel. Digitalisierung, veränderte Mediennutzung und wirtschaftlicher Druck setzen traditionelle Medienunternehmen unter enormen Druck. Während internationale Tech-Konzerne Werbeerlöse abschöpfen, kämpfen lokale Medien ums Überleben.
Diese Entwicklung ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein demokratiepolitisches Problem. Lokale Medien sind für die Meinungsbildung und die demokratische Kontrolle unverzichtbar. Ihr Verschwinden hinterlässt gefährliche Lücken in der Informationslandschaft.
Angesichts der politischen Untätigkeit hat die Vollversammlung der FCG in der younion HG8 beschlossen, selbst aktiv zu werden. "Wir wollen mit maßgeblichen Stakeholdern der Branche am Runden Tisch mit möglichst vielen Sesseln erarbeiten, welche weiteren Maßnahmen zur Sicherung des Medienstandortes nötig und machbar sind", erklärt Tiller das ambitionierte Vorhaben.
Dieser Konsultationsprozess soll alle relevanten Akteure einbinden: Medienunternehmen, Verlage, öffentlich-rechtliche Anstalten, freie Journalisten, Verbände und Bildungseinrichtungen. Gemeinsam sollen konkrete Lösungsansätze entwickelt werden, die über Einzelmaßnahmen hinausgehen.
Welche Maßnahmen könnte der Konsultationsprozess hervorbringen? Denkbar sind verschiedene Ansätze:
Ein Blick über die Grenzen zeigt, wie andere Länder auf die Medienkrise reagieren. Frankreich hat eine Digital-Services-Tax eingeführt, um Tech-Konzerne stärker zu besteuern. Die Niederlande investieren massiv in öffentlichen Journalismus. Norwegen unterstützt lokale Medien durch direkte Subventionen.
Diese internationalen Beispiele zeigen: Medienvielfalt zu erhalten ist eine politische Entscheidung. Länder, die frühzeitig handeln, können ihre Medienlandschaft stabilisieren. Wer zu spät reagiert, riskiert irreversible Verluste.
"Wenn die Politik hier untätig bleibt, springt die Gewerkschaft mit Rat und Tat ein – es wäre nicht das erste Mal", kündigt Tiller entschlossen an. Die FCG-younion zeigt damit, dass sie bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, wo die Politik versagt.
Der Kampf um den Erhalt der österreichischen Medienvielfalt hat gerade erst begonnen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, den negativen Trend zu stoppen und nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Die Initiative der Gewerkschaft könnte dabei zum entscheidenden Wendepunkt werden.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 1.100 arbeitslose Journalistinnen und Journalisten sind nicht nur individuelle Schicksale, sondern ein Warnsignal für die Demokratie. Jeder verlorene Arbeitsplatz im Journalismus bedeutet weniger Recherche, weniger Kontrolle, weniger Meinungsvielfalt. Es ist höchste Zeit zu handeln – mit oder ohne die Politik.