Zwischen 800.000 und einer Million Mal stürzen Menschen über 65 Jahre in Österreich jährlich – und die meisten dieser Unfälle wären vermeidbar. Dennoch steigen die Kosten ins Milliardenschwere, wäh...
Zwischen 800.000 und einer Million Mal stürzen Menschen über 65 Jahre in Österreich jährlich – und die meisten dieser Unfälle wären vermeidbar. Dennoch steigen die Kosten ins Milliardenschwere, während gleichzeitig der Pflegebedarf explodiert. Das Problem liegt nicht an mangelndem Willen zur Prävention, sondern an grundlegend falschen Ansätzen, wie das Hilfswerk Österreich in einer brisanten Analyse aufzeigt. Am 24. März 2026 präsentiert die Organisation in Wien erschreckende Zahlen und konkrete Lösungsvorschläge.
Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Von den geschätzten 800.000 bis eine Million Stürzen pro Jahr bei Personen über 65 benötigt etwa ein Viertel medizinische Behandlung. Das entspricht rund 200.000 bis 250.000 behandlungsbedürftigen Sturzereignissen jährlich. Die direkten Behandlungskosten bewegen sich bereits im Milliardenbereich, doch das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Besonders problematisch ist der sogenannte Drehtüreffekt: Mangelnde Nachsorge und fehlende strukturierte Therapiepläne führen dazu, dass Patienten nach einem Sturz nicht optimal versorgt werden. Die Folge sind wiederkehrende Stürze, bleibende Schäden und in vielen Fällen dauerhafter Pflegebedarf – genau das Gegenteil dessen, was eine effektive Prävention erreichen sollte.
Sturzprävention umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, das Risiko von Stürzen zu reduzieren oder deren Folgen zu minimieren. Dazu gehören sowohl primäre Prävention (Vermeidung des ersten Sturzes), sekundäre Prävention (Verhinderung weiterer Stürze nach einem ersten Ereignis) als auch tertiäre Prävention (Minimierung der Folgeschäden). Eine wirksame Sturzprävention berücksichtigt dabei multiple Faktoren: körperliche Fitness, Medikamenteninteraktionen, Umgebungsgestaltung, Hilfsmittel und individuelle Risikofaktoren wie Gleichgewichtsstörungen oder Sehbeeinträchtigungen.
Die aktuelle politische Diskussion in Österreich setzt stark auf Eigenverantwortung und Prävention als Lösung für die Pflegekrise. Diese Herangehensweise greift jedoch zu kurz, wie die Analyse des Hilfswerks zeigt. Eigenverantwortung allein kann strukturelle Probleme im Gesundheitssystem nicht lösen, insbesondere wenn die notwendigen Rahmenbedingungen fehlen.
Das Problem liegt in der oberflächlichen Diskussion über Prävention. Während politische Entscheidungsträger gerne von präventiven Maßnahmen sprechen, fehlen konkrete, evidenzbasierte Programme und deren systematische Umsetzung. Stattdessen werden oft kosmetische Maßnahmen ergriffen, die zwar gut klingen, aber keine messbare Wirkung auf die Sturzhäufigkeit oder deren Folgen haben.
Eine zentrale Rolle in diesem Versagen spielt die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK). Als größter Sozialversicherungsträger des Landes wäre sie in der Position, systematische Präventionsprogramme zu entwickeln und zu finanzieren. Doch die derzeitige Struktur der Gesundheitsfinanzierung bevorzugt Akutbehandlungen gegenüber präventiven Maßnahmen.
Die ÖGK erstattet zwar die Kosten für die Behandlung nach einem Sturz, investiert aber vergleichsweise wenig in Programme, die Stürze von vornherein verhindern könnten. Diese Fehlsteuerung im System führt zu einem Teufelskreis: Hohe Behandlungskosten bei gleichzeitig steigenden Sturzzahlen.
Ein Blick über die Grenzen offenbart, dass andere Länder deutlich erfolgreicher bei der Sturzprävention sind. In den Niederlanden beispielsweise konnte durch systematische Programme die Sturzhäufigkeit bei älteren Menschen um bis zu 30 Prozent reduziert werden. Das niederländische Modell setzt auf multidisziplinäre Teams, regelmäßige Risikoassessments und individuell angepasste Interventionen.
Auch Deutschland hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Dort wurden strukturierte Präventionsprogramme in die Regelversorgung integriert, die nicht nur die Sturzhäufigkeit reduzierten, sondern auch die Behandlungskosten signifikant senkten. Besonders erfolgreich erwies sich die Einbindung von Physiotherapie, Ergotherapie und speziell ausgebildeten Pflegekräften in interdisziplinäre Teams.
Die Schweiz geht noch einen Schritt weiter und hat bereits vor Jahren begonnen, Sturzprävention als integralen Bestandteil der Gesundheitsversorgung zu etablieren. Schweizer Studien zeigen, dass jeder in die Prävention investierte Franken langfristig drei bis vier Franken an Behandlungskosten einspart.
Hinter den abstrakten Zahlen stehen konkrete Schicksale. Ein Sturz im höheren Alter bedeutet oft den Beginn einer Abwärtsspirale: Vom selbstständigen Leben in den eigenen vier Wänden über die vorübergehende Hilfe durch Angehörige bis hin zur dauerhaften Pflegebedürftigkeit. Diese Entwicklung belastet nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren Familien erheblich.
Angehörige müssen oft ihre Berufstätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben, um die Pflege zu übernehmen. Dies führt zu erheblichen finanziellen Einbußen und zusätzlichen psychischen Belastungen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an professionellen Pflegekräften, die bereits jetzt Mangelware sind.
Besonders dramatisch ist die Situation für Menschen, die nach einem Sturz in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Viele entwickeln eine Sturzangst, die zu noch geringerer körperlicher Aktivität führt. Dies schwächt die Muskulatur weiter und erhöht paradoxerweise das Sturzrisiko noch mehr.
Die volkswirtschaftlichen Kosten der mangelhaften Sturzprävention sind immens. Neben den direkten Behandlungskosten kommen indirekte Kosten durch Arbeitsausfälle von Angehörigen, vorzeitige Pensionierungen und den Verlust an Produktivität hinzu. Experten schätzen die Gesamtkosten auf mehrere Milliarden Euro jährlich.
Besonders ins Gewicht fallen die langfristigen Pflegekosten. Ein Sturz mit anschließender Pflegebedürftigkeit kann über die verbleibende Lebenszeit Kosten von 100.000 bis 200.000 Euro verursachen. Hochgerechnet auf alle Fälle ergibt sich ein enormes Einsparpotenzial durch effektive Prävention.
Professorin Regina Roller-Wirnsberger von der Medizinischen Universität Graz, eine der führenden Geriatrie-Expertinnen Österreichs, wird bei der Pressekonferenz des Hilfswerks die medizinischen Aspekte der Problematik beleuchten. Als Leiterin der Forschungsabteilung für Altersmedizin verfügt sie über umfassende Erfahrungen mit den Auswirkungen mangelhafter Sturzprävention.
Othmar Karas, Präsident des Hilfswerk Österreich, und Geschäftsführerin Elisabeth Anselm werden die politischen Versäumnisse und notwendigen Reformen thematisieren. Angelika Kuhn, Fachliche Leitung Pflege und Pflegepolitik, wird konkrete Lösungsansätze aus der Praxis vorstellen.
Die Experten des Hilfswerks sehen mehrere zentrale Ansatzpunkte für eine Verbesserung der Situation. An erster Stelle steht die Notwendigkeit einer systematischen Risikoerfassung bei allen Personen über 65 Jahre. Dies sollte nicht nur im Krankenhaus nach einem Sturz erfolgen, sondern proaktiv im Rahmen der Hausarztbetreuung.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Schulung von Gesundheitspersonal. Viele Ärzte und Pflegekräfte sind nicht ausreichend über moderne Sturzpräventionsmaßnahmen informiert oder wenden diese nicht systematisch an. Hier besteht erheblicher Nachholbedarf in der Aus- und Weiterbildung.
Die Finanzierungsstrukturen müssen ebenfalls grundlegend überarbeitet werden. Solange Prävention als Kostenfaktor und nicht als Investition betrachtet wird, werden die notwendigen Ressourcen nicht bereitgestellt. Eine Umstellung auf ergebnisorientierte Vergütung könnte hier Anreize für bessere Präventionsarbeit schaffen.
Moderne Technologie bietet neue Möglichkeiten für die Sturzprävention. Sensorsysteme können Bewegungsmuster analysieren und frühzeitig auf erhöhte Sturzgefahr hinweisen. Sturzsensoren können im Notfall automatisch Hilfe rufen. Telemedizinische Lösungen ermöglichen es, auch Menschen in entlegenen Gebieten optimal zu versorgen.
Besonders vielversprechend sind Apps und digitale Trainingsprogramme, die älteren Menschen helfen, ihre Balance und Koordination zu verbessern. Studien zeigen, dass bereits 15 Minuten tägliches, gezieltes Training das Sturzrisiko um bis zu 40 Prozent reduzieren kann.
Die demografische Entwicklung Österreichs macht das Problem der Sturzprävention in den kommenden Jahren noch dringender. Bis 2030 wird die Zahl der über 65-Jährigen um weitere 20 Prozent steigen. Ohne grundlegende Reformen im Präventionsbereich werden sich die Kosten und der Pflegebedarf entsprechend vervielfachen.
Gleichzeitig bietet diese Herausforderung auch Chancen. Österreich könnte durch eine Vorreiterrolle bei der Sturzprävention nicht nur Kosten sparen und Leid verhindern, sondern auch international als Modell fungieren. Die notwendigen wissenschaftlichen Grundlagen sind vorhanden, es fehlt lediglich der politische Wille zur Umsetzung.
Besonders wichtig ist dabei ein ganzheitlicher Ansatz, der alle Akteure des Gesundheitssystems einbezieht: von den Hausärzten über die Sozialversicherung bis hin zu den Gemeinden. Nur durch koordiniertes Handeln kann das Ziel erreicht werden, Österreich zu einem der sichersten Länder für ältere Menschen zu machen.
Die Pressekonferenz des Hilfswerk Österreich am 24. März 2026 verspricht, konkrete Zahlen, Fakten und Lösungsvorschläge zu liefern. Es bleibt zu hoffen, dass die politischen Entscheidungsträger diese Chance nutzen und endlich wirksame Maßnahmen gegen die milliardenschwere Stolperfalle einleiten. Die Zeit drängt – jeder weitere Tag ohne angemessene Prävention kostet nicht nur Geld, sondern vor allem menschliches Leid.