Der Grazer Stefaniensaal verwandelte sich am Mittwochabend in eine Bühne für musikalische Vorfreude: Intendant Michael Nemeth stellte das ambitionierte Programm der 212. Saison 2026/27 des Musikver...
Der Grazer Stefaniensaal verwandelte sich am Mittwochabend in eine Bühne für musikalische Vorfreude: Intendant Michael Nemeth stellte das ambitionierte Programm der 212. Saison 2026/27 des Musikvereins Graz vor. Mit internationalen Stars wie Plácido Domingo, einem facettenreichen Mozart-Fest und dem zehnjährigen Jubiläum des Landesjugendsinfonieorchesters Steiermark verspricht die kommende Spielzeit eine einzigartige Mischung aus Tradition und Innovation. Die Präsentation selbst unterstrich bereits die künstlerische Vielfalt: Sänger des Opernstudios der Wiener Staatsoper eröffneten den Abend, bevor das Günther Brück Latin Jazz Quartett im Foyer für den passenden Ausklang sorgte.
Das thematische Herzstück der Saison 2026/27 bildet die Verbindung zwischen Musik und Natur – ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Programm zieht. "Musik und Natur sind seit jeher tief miteinander verwoben und sorgen (frei nach Goethe) für Ruhe und Besinnung", erklärt Intendant Michael Nemeth die Programmphilosophie. Diese Thematik wird in unterschiedlichsten musikalischen Epochen und Stilen beleuchtet, von der Romantik bis zur zeitgenössischen Klassik.
Gustav Mahlers monumentale 3. Symphonie steht dabei im Zentrum des Orchesterzyklus. Das Werk, in dem laut Mahler "die ganze Natur eine Stimme" erhält, gilt als eines der ambitioniertesten sinfonischen Projekte der Musikgeschichte. Mit einer Aufführungsdauer von etwa 100 Minuten und einer Besetzung, die neben dem großen Orchester auch Solisten und Chor umfasst, stellt die Symphonie sowohl für die ausführenden Musiker als auch für das Publikum eine besondere Herausforderung dar. Die sechs Sätze des Werks spiegeln Mahlers Vorstellung einer musikalischen Weltschöpfung wider, vom Erwachen der Natur bis hin zur göttlichen Liebe.
Ergänzt wird diese romantische Naturverklärung durch Antonín Dvořáks Ouvertüre "In der Natur" und seine 5. Symphonie, die beide die böhmische Landschaft in Töne fassen. Diese Werke entstanden während Dvořáks produktivster Schaffensperiode in den 1890er Jahren, als der Komponist zwischen seiner Heimat und seinem Amerika-Aufenthalt pendelte. Die Naturverbundenheit des Komponisten spiegelt sich in der Verwendung volkstümlicher Melodien und der malerischen Orchestrierung wider.
Einen zeitgenössischen Kontrapunkt setzt Fazil Says Klavierkonzert "Mother Earth", ein Werk, das die Umweltproblematik der Gegenwart musikalisch thematisiert. Der türkische Komponist und Pianist, bekannt für seine Verbindung klassischer und orientalischer Musiktraditionen, schuf mit diesem Konzert ein politisches Statement zur Klimakrise. Die Uraufführung des Werks 2017 sorgte international für Aufsehen und etablierte Say als einen der wichtigsten Komponisten der Gegenwart.
Das Jahr 2027 steht ganz im Zeichen Ludwig van Beethovens, dessen 200. Todestag die Musikwelt würdigt. Der Musikverein Graz nimmt dieses Jubiläum zum Anlass für eine zyklusübergreifende Beethoven-Hommage, die sowohl bekannte Meisterwerke als auch seltener gespielte Kompositionen des Bonner Meisters präsentiert. "Wir möchten die Wiener Klassik in breiter Klangvielfalt zeigen und aus vielfältigen Perspektiven beleuchten", betont Nemeth die kuratorische Herangehensweise.
Das Bruckner Orchester Linz unter François Leleux bringt Beethovens Violinkonzert und die "Eroica" zu Gehör, während Rudolf Buchbinder, einer der renommiertesten Beethoven-Interpreten der Gegenwart, sich den Klaviersonaten widmet. Buchbinder, der bereits alle 32 Klaviersonaten Beethovens auf CD eingespielt hat, gilt als Spezialist für die Wiener Klassik und bringt jahrzehntelange Erfahrung in der Beethoven-Interpretation mit.
Als Gegengewicht zu Beethoven etabliert der Musikverein einen Mozart-Schwerpunkt, der die Vielseitigkeit der Wiener Klassik unterstreicht. Das Mozart-Fest präsentiert sich dabei als facettenreiches Ereignis mit unterschiedlichen Formaten: Adam Fischer dirigiert das Danish Chamber Orchestra in Mozarts Fagottkonzert und der "Jupitersymphonie", das Ensemble Colloredo widmet sich in "Mozart. Ernsthaft?" den weniger bekannten Seiten des Salzburger Genies, und die Philharmonix überraschen mit ihrem Konzept "Surprising Mozart".
Die Philharmonix, ein Ensemble aus Mitgliedern der Wiener und Berliner Philharmoniker, haben sich in den letzten Jahren als Meister der klassischen Crossover-Musik etabliert. Ihre Arrangements verbinden höchste musikalische Qualität mit innovativen Interpretationsansätzen und sprechen sowohl Klassik-Kenner als auch ein jüngeres Publikum an.
Die Festkonzerte der Saison 2026/27 vereinen internationale Weltstars mit herausragenden österreichischen Künstlern. Plácido Domingo, die lebende Legende des Operngesangs, gastiert gemeinsam mit María José Siri mit einem Programm aus Zarzuela-Musik und Verdi-Arien. Der 83-jährige Domingo, ursprünglich als Tenor gestartet und später zum Bariton gewechselt, verkörpert wie kein anderer die Kontinuität und Entwicklung des Operngesangs über Jahrzehnte hinweg.
Die Zarzuela, das spanische Pendant zur deutschen Operette, erlebt derzeit eine Renaissance im deutschsprachigen Raum. Diese typisch iberische Kunstform verbindet Gesang, Schauspiel und Tanz und erzählt meist volkstümliche Geschichten mit gesellschaftskritischem Unterton. Domingos Engagement für die Zarzuela hat maßgeblich zu deren internationaler Anerkennung beigetragen.
Den österreichischen Beitrag zur internationalen Klassikszene repräsentiert Rudolf Buchbinder, der sich in den Beethoven-Klaviersonaten präsentiert. Buchbinder, geboren 1946 in Leitmeritz, zählt zu den bedeutendsten Pianisten Österreichs und ist besonders für seine Interpretationen der Wiener Klassik geschätzt. Seine Aufnahmen haben zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten und gelten als Referenz für stilbewusste Beethoven-Interpretation.
Ein besonderes Highlight stellt das Jubiläumskonzert des Landesjugendsinfonieorchesters Steiermark dar, das sein zehnjähriges Bestehen mit Smetanas "Moldau" feiert. Die "Moldau" aus dem Zyklus "Mein Vaterland" gehört zu den populärsten Werken der tschechischen Nationalromantik und erzählt die Geschichte des böhmischen Flusses von der Quelle bis zur Mündung in die Elbe. Für junge Musiker stellt das Werk sowohl technisch als auch interpretatorisch eine ideale Herausforderung dar.
Der Orchesterzyklus 2026/27 präsentiert eine beeindruckende internationale Vielfalt: Das Estonian National Symphony Orchestra unter Olari Elts gastiert mit Dvořáks 9. Symphonie "Aus der Neuen Welt", einem Werk, das die amerikanischen Eindrücke des Komponisten mit böhmischer Melodik verbindet. Das Orchester aus Tallinn hat sich in den letzten Jahren als eines der führenden Klangkörper Nordeuropas etabliert und steht für die musikalische Renaissance der baltischen Staaten.
Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Markus Poschner bringt Strawinskys skandalträchtiges "Le Sacre du Printemps" zur Aufführung. Das 1913 uraufgeführte Ballett löste damals einen der größten Musikskandale der Geschichte aus und gilt heute als Meilenstein der Moderne. Poschners Interpretation verspricht neue Perspektiven auf dieses revolutionäre Werk zu eröffnen.
Die Brünner Philharmoniker unter Dennis Russell Davies präsentieren gemeinsam mit Fazil Say dessen Klavierkonzert "Mother Earth". Davies, ein amerikanischer Dirigent mit österreichischer Wahlheimat, hat sich als Spezialist für zeitgenössische Musik einen Namen gemacht und arbeitet regelmäßig mit führenden Komponisten zusammen.
Repertoireerweiterung und Nachwuchsförderung bilden seit Jahren zentrale Säulen der Musikvereins-Philosophie. Die Saison 2026/27 setzt diese Tradition mit besonderen Akzenten fort: In der Reihe "Hidden Harmonies" werden Werke von Komponistinnen präsentiert, die lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen. Maddalena Lombardini Sirmen, eine venezianische Komponistin des 18. Jahrhunderts, war eine der ersten Frauen, die öffentlich als Violinistin auftrat und eigene Kompositionen veröffentlichte.
Die zeitgenössische russisch-amerikanische Komponistin Lera Auerbach repräsentiert die moderne Generation weiblicher Komponistinnen. Ihre Werke verbinden traditionelle Kompositionstechniken mit experimentellen Ansätzen und haben international große Beachtung gefunden. Auerbach ist auch als Pianistin und bildende Künstlerin tätig, was ihre Musik mit zusätzlichen Dimensionen bereichert.
Rebecca Clarke, eine britische Komponistin des frühen 20. Jahrhunderts, war Pionierin sowohl als Bratschistin als auch als Komponistin. Ihre Werke für Bratsche gelten heute als Meilensteine der Instrumentalliteratur und werden von führenden Interpreten regelmäßig aufgeführt.
Die Reihe "Klassik um 6" etabliert sich als Format für experimentelle Programmgestaltung. Diese einstündigen, moderierten Konzerte im Kammermusiksaal beginnen bewusst zur "After-Work-Zeit" und sprechen ein breiteres Publikum an. Die anschließenden Jazz Lounges mit Studierenden der Kunstuniversität Graz schaffen eine ungezwungene Atmosphäre und fördern gleichzeitig den musikalischen Nachwuchs.
Der 2024 ins Leben gerufene Gesangswettbewerb "Young Voices Alpe Adria" etabliert sich als wichtige Plattform für junge Sängertalente. Die erste Edition lockte 54 Teilnehmer aus 23 Nationen nach Graz – ein beeindruckender Beweis für die internationale Ausstrahlung des Wettbewerbs. Die Kooperation mit dem Johann Joseph Fux Konservatorium unterstreicht die enge Verbindung zwischen Ausbildung und Praxis.
Bewerben können sich Sänger zwischen 18 und 28 Jahren aus aller Welt bis zum 10. Juni 2026. Diese Altersgruppe repräsentiert die kritische Phase der Gesangsausbildung, in der sich die künstlerische Persönlichkeit formt und erste professionelle Erfahrungen gesammelt werden. Die Durchführung von 25. bis 28. August 2026 bietet den Teilnehmern optimale Bedingungen für Vorbereitung und Präsentation.
Das Konzept des Wettbewerbs orientiert sich an international etablierten Vorbildern wie dem Concours Reine Elisabeth in Brüssel oder dem International Tchaikovsky Competition in Moskau, passt aber Format und Anforderungen an die spezifischen Bedürfnisse junger Künstler an. Die namhafte Jury garantiert professionelle Bewertung und wertvolle Karriereimpulse für die Preisträger.
Die Vermittlungsarbeit des Musikvereins richtet sich gezielt an Kinder und Jugendliche, um frühzeitig Begeisterung für klassische Musik zu wecken. Marko Simsa, einer der bekanntesten Musikvermittler im deutschsprachigen Raum, präsentiert im Oktober 2026 "Mozart für Kinder" – ein bewährtes Konzept, das komplexe Musik kindgerecht aufbereitet, ohne zu banalisieren.
Theresa Winkler bringt im Februar 2027 mit "Anpfiff" ein interaktives Fußballkonzert auf die Bühne. Diese innovative Verbindung von Sport und Musik spricht besonders Kinder an, die zunächst wenig Berührung mit klassischer Musik haben. Solche thematischen Konzerte haben sich international als erfolgreiche Methode der Musikvermittlung etabliert.
Das Posaunenquartett "Trombone Attraction" entführt im April 2027 das junge Publikum auf eine "intergalaktische Mission". Blechbläserensembles eignen sich besonders für Kinderkonzerte, da sie spektakuläre Klangeffekte erzeugen können und die Instrumente für Kinder visuell besonders eindrucksvoll sind.
Das Schulprogramm des Musikvereins umfasst verschiedene Altersstufen und Vermittlungsformen. Von der ersten bis zur fünften Schulstufe sprechen Mozart-Programme mit Marko Simsa und Fußball-Mitmachkonzerte die Grundschulzeit an. Die dritte bis siebte Schulstufe erlebt mit "Trombone Attraction" altersgerechte Weltraum-Thematik, während ältere Schüler mit "Cuban Christmas" und "Rocking Ludwig" auch populäre Musikelemente kennenlernen.
Workshops zu Musikvereins-Konzerten, Probenbesuche und Hausführungen bieten Schülern Einblicke hinter die Kulissen des Konzertbetriebs. Diese praktischen Erfahrungen sind oft nachhaltiger als reine Konzertbesuche und können berufliche Orientierung in Richtung Musikberufe fördern.
Mit rund 31.000 Besuchern in 48 Konzerten der Saison 2024/25 gehört der Musikverein Graz zu den bedeutendsten Kulturinstitutionen der Steiermark. Die 2.100 Mitglieder und 2.300 verkauften Abonnements pro Jahr zeigen die starke regionale Verankerung und das Vertrauen des Publikums in die künstlerische Qualität.
Die Kooperation mit Eventim Austria und dem neuen Klassik-Portal klassikticket.at modernisiert den Ticketvertrieb und erschließt neue Zielgruppen. Diese digitale Transformation ist essentiell für die Zukunftsfähigkeit von Konzerthäusern und ermöglicht es, auch jüngere, technikaffine Publikumsschichten zu erreichen.
Die internationale Ausrichtung mit Gastspielen renommierter Orchester und Solisten positioniert Graz als wichtigen Standort im europäischen Konzertleben. Gleichzeitig stärkt die Förderung regionaler Talente und die Zusammenarbeit mit lokalen Bildungseinrichtungen die kulturelle Infrastruktur der Region.
Die 212. Saison des Musikvereins Graz verspricht eine gelungene Balance zwischen bewährten Traditionen und innovativen Ansätzen. Die Verbindung von internationalen Stars wie Plácido Domingo mit aufstrebenden Talenten aus dem eigenen Nachwuchswettbewerb schafft einen lebendigen Dialog zwischen den Generationen.
Das thematische Konzept "Musik und Natur" gewinnt angesichts aktueller Umweltdiskussionen zusätzliche Relevanz und zeigt, wie klassische Musik gesellschaftliche Themen reflektieren kann. Die Erweiterung des Repertoires um Werke von Komponistinnen und zeitgenössische Musik beweist den Mut zur Innovation, ohne die künstlerische Exzellenz zu gefährden.
Für das Grazer Kulturleben und darüber hinaus für die österreichische Musiklandschaft setzt die kommende Saison wichtige Impulse. Die Kombination aus künstlerischer Qualität, pädagogischem Engagement und wirtschaftlicher Solidität macht den Musikverein Graz zu einem Modell für zukunftsfähige Konzertveranstalter im deutschsprachigen Raum.