Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten haben längst die heimische Wirtschaft erreicht. Besonders betroffen zeigt sich die österreichische Lackindustrie, die mit 26 Betrieben und rund 2.700 Be...
Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten haben längst die heimische Wirtschaft erreicht. Besonders betroffen zeigt sich die österreichische Lackindustrie, die mit 26 Betrieben und rund 2.700 Beschäftigten einen wichtigen Wirtschaftszweig darstellt. Steigende Rohölpreise und massive Störungen in den globalen Lieferketten bringen die Branche in eine prekäre Lage, die weit über die unmittelbaren Konfliktauswirkungen hinausreichen wird.
Die Lackproduktion ist in erheblichem Maße von petrochemischen Rohstoffen abhängig. Bindemittel, Lösungsmittel, Harze und verschiedene Additive – allesamt essenzielle Komponenten für die Herstellung hochwertiger Lacke – basieren direkt oder indirekt auf Erdölderivaten. Diese Abhängigkeit macht die Branche besonders verwundbar gegenüber Preisschwankungen am Rohölmarkt.
Bindemittel fungieren als Grundlage jedes Lacksystems und sorgen für die Haftung zwischen Farbe und Untergrund. Sie bestehen häufig aus Kunstharzen, die wiederum aus petrochemischen Grundstoffen hergestellt werden. Lösungsmittel, die für die richtige Konsistenz und Verarbeitbarkeit sorgen, werden ebenfalls größtenteils aus Erdöl gewonnen. Harze verleihen dem getrockneten Lack seine charakteristischen Eigenschaften wie Härte, Glanz oder chemische Beständigkeit.
"Die aktuelle Entwicklung zeigt einmal mehr, wie stark unsere Industrie in globale Wertschöpfungsketten eingebunden ist. Preissteigerungen bei Rohstoffen treffen uns unmittelbar und mit erheblicher Dynamik", erklärt Hubert Culik, Obmann der österreichischen Lackindustrie im Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO).
Die aktuelle Situation reiht sich in eine Serie von Krisen ein, die die globalen Rohstoffmärkte in den vergangenen Jahren erschüttert haben. Bereits die COVID-19-Pandemie hatte ab 2020 massive Verwerfungen in den internationalen Lieferketten verursacht. Produktionsausfälle in Asien, Containerknappheit und überlastete Häfen führten zu Verzögerungen und Preissteigerungen.
Der Ukrainekrieg seit Februar 2022 verstärkte diese Problematik zusätzlich. Russland und die Ukraine sind wichtige Lieferanten für verschiedene chemische Grundstoffe und Rohstoffe. Sanktionen und Produktionsausfälle führten zu weiteren Engpässen und Preisanstiegen. Die europäische Chemieindustrie musste ihre Versorgungsstrategien grundlegend überdenken.
Nun verschärft der eskalierende Konflikt im Nahen Osten die bereits angespannte Lage weiter. Die Region ist nicht nur ein wichtiger Ölproduzent, sondern auch ein bedeutender Knotenpunkt für den internationalen Warentransport. Das Rote Meer und der Suezkanal sind zentrale Verkehrsadern für den Handel zwischen Asien und Europa.
Die angespannte Sicherheitslage im Roten Meer zwingt Reedereien dazu, ihre Routen zu ändern. Statt der direkten Verbindung durch den Suezkanal müssen Schiffe nun den Umweg über das Kap der Guten Hoffnung nehmen. Diese Route verlängert die Transportzeit von Asien nach Europa um etwa zwei Wochen und erhöht die Transportkosten erheblich.
Für die österreichische Lackindustrie, die einen Großteil ihrer Rohstoffe aus Asien bezieht, bedeutet dies konkret: längere Lieferzeiten, höhere Frachtraten und größere Unsicherheit bei der Produktionsplanung. Unternehmen müssen ihre Lagerbestände erhöhen, um Engpässe zu vermeiden, was zusätzliches Kapital bindet.
Die Probleme der österreichischen Lackindustrie spiegeln sich in ähnlicher Form auch in anderen europäischen Ländern wider. Deutschland, als größter Chemieproduzent Europas, verzeichnet ebenfalls deutliche Kostensteigerungen in der Lackbranche. Der Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie berichtet von Rohstoffpreissteigerungen von 15 bis 25 Prozent seit Jahresbeginn.
In der Schweiz zeigt sich ein ähnliches Bild. Schweizer Lackhersteller profitieren zwar von der starken Währung beim Import von Rohstoffen, leiden aber unter denselben Lieferproblemen wie ihre österreichischen Kollegen. Die Schweizer Chemie- und Pharmabranche hat bereits angekündigt, Preiserhöhungen an die Kunden weiterzugeben.
Besonders interessant ist der Vergleich mit den USA: Dort ist die Lackindustrie aufgrund der größeren Nähe zu heimischen Rohstoffquellen weniger stark von den Transportproblemen betroffen. Allerdings leiden auch amerikanische Hersteller unter den gestiegenen Rohölpreisen und den allgemein höheren Energiekosten.
Die Kostensteigerungen in der Lackindustrie werden unweigerlich an die Endverbraucher weitergegeben. Maler und Lackierer müssen bereits jetzt mit Preissteigerungen von 10 bis 20 Prozent bei Farben und Lacken rechnen. Ein Einfamilienhaus-Anstrich, der vor einem Jahr noch 3.000 Euro gekostet hat, schlägt heute mit 3.500 bis 3.600 Euro zu Buche.
Besonders betroffen sind auch Industrieunternehmen, die Lacke für ihre Produkte benötigen. Automobilhersteller, Möbelproduzenten und Maschinenbauer sehen sich mit deutlich höheren Materialkosten konfrontiert. Dies kann zu Verzögerungen bei Aufträgen oder zu höheren Endpreisen für Konsumgüter führen.
Auch die Baubranche spürt die Auswirkungen deutlich. Fassadenanstriche, Korrosionsschutz für Stahlkonstruktionen oder Bodenbeschichtungen werden teurer. Bei größeren Bauprojekten können die Mehrkosten schnell in den fünfstelligen Bereich gehen.
Die 2.700 Beschäftigten in der österreichischen Lackindustrie müssen um ihre Arbeitsplätze bangen. Wenn Unternehmen ihre Kosten nicht mehr decken können oder Aufträge verlieren, drohen Kurzarbeit oder sogar Entlassungen. Besonders gefährdet sind kleinere Betriebe, die weniger Spielraum für Preiserhöhungen haben als große Konzerne.
Ein Hoffnungsschimmer für die Branche liegt in der bereits fortgeschrittenen Umstellung auf wasserbasierte Lacksysteme. Rund 80 Prozent der österreichischen Lackproduktion basiert heute auf Wasserlacken, die weniger lösungsmittelintensiv sind als herkömmliche Lacke. Wasserlacke verwenden Wasser als Hauptlösungsmittel anstelle von organischen Lösungsmitteln, wodurch sie umweltfreundlicher und weniger abhängig von petrochemischen Rohstoffen sind.
Dennoch bleiben auch bei Wasserlacken wichtige Komponenten wie Bindemittel und Additive von petrochemischen Rohstoffen abhängig. Die Abhängigkeit ist zwar geringer, aber keineswegs eliminiert. Culik warnt: "Auch wenn die österreichische Lackindustrie zu rund 80 Prozent auf wasserbasierte Systeme setzt, bleibt die Abhängigkeit von petrochemischen Ausgangsstoffen bestehen."
Die österreichische Lackindustrie investiert traditionell stark in Forschung und Entwicklung – zwischen 10 und 15 Prozent des Umsatzes fließen in Innovation. Diese Investitionen könnten sich nun als strategischer Vorteil erweisen. Unternehmen arbeiten intensiv an alternativen Rohstoffen und nachhaltigeren Produktionsverfahren.
Biobasierte Lacke, die auf nachwachsenden Rohstoffen basieren, stehen im Fokus der Entwicklung. Pflanzenöle, Harze aus Baumharz oder sogar Algenextrakte könnten künftig petrochemische Komponenten ersetzen. Allerdings sind diese Technologien noch nicht marktreif und können die aktuellen Probleme nicht lösen.
Ein weiterer Ansatz liegt in der digitalen Optimierung der Lieferketten. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, Rohstoffbedarfe besser vorherzusagen und alternative Lieferquellen zu identifizieren. Blockchain-Technologie ermöglicht eine bessere Nachverfolgbarkeit von Rohstoffen und kann dabei helfen, Ausfälle frühzeitig zu erkennen.
Neben den aktuellen geopolitischen Herausforderungen steht die Lackindustrie auch unter zunehmendem regulatorischem Druck. Die EU-Chemikalienverordnung REACH wird kontinuierlich verschärft, was zusätzliche Kosten für Zulassungen und Sicherheitsstudien verursacht. Die geplante Überarbeitung der Industrieemissionsrichtlinie wird weitere Auflagen für die Produktion mit sich bringen.
Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Nachhaltigkeit von Produkten. Verbraucher und Industriekunden fordern zunehmend umweltfreundliche Lacke mit geringem CO2-Fußabdruck. Dies erfordert weitere Investitionen in neue Technologien und Produktionsverfahren.
Die österreichische Lackindustrie steht im intensiven internationalen Wettbewerb, insbesondere mit Herstellern aus Asien und Osteuropa. Während österreichische Unternehmen mit steigenden Rohstoff- und Energiekosten kämpfen, können Konkurrenten aus anderen Regionen teilweise günstiger produzieren.
"Bestehende strukturelle Herausforderungen wie etwa der zunehmende regulatorische Druck oder der starke internationale Wettbewerb werden durch die geopolitische Lage nun zusätzlich verschärft", warnt Culik. Dies könnte langfristig zu einer Verlagerung von Produktionsstandorten führen, wenn österreichische Unternehmen nicht wettbewerbsfähig bleiben können.
Die Branche steht vor der Herausforderung, ihre Wertschöpfungsketten grundlegend zu überdenken. Diversifizierung der Lieferquellen, Aufbau regionaler Partnerschaften und Investitionen in alternative Rohstoffe werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren. "Die Auswirkungen werden die Branche über das unmittelbare Konfliktgeschehen hinaus begleiten und erfordern strategische Anpassungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette", prognostiziert Culik.
Mittel- bis langfristig könnte dies zu einer Regionalisierung der Lackindustrie führen. Unternehmen werden verstärkt auf lokale und europäische Lieferanten setzen, um ihre Abhängigkeit von instabilen Regionen zu reduzieren. Dies könnte zwar anfangs zu höheren Kosten führen, aber langfristig für mehr Stabilität sorgen.
Besonders problematisch ist der Zeitpunkt der aktuellen Krise. Nach schwierigen Jahren während der Pandemie und des Ukrainekriegs hatte sich die österreichische Lackindustrie langsam erholt. Die Produktionszahlen stiegen wieder, und neue Aufträge gaben Hoffnung auf eine nachhaltige Besserung der Geschäftslage.
"Das volle Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen ist derzeit noch nicht abschätzbar. Klar ist jedoch bereits jetzt: Die konjunkturelle Erholung, die sich in den letzten Monaten angedeutet hat, ist nun wieder stark gefährdet", warnt der Fachverband. Dies könnte bedeuten, dass geplante Investitionen verschoben werden müssen und die Branche länger braucht, um zu alter Stärke zurückzufinden.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die österreichische Lackindustrie ihre traditionelle Innovationskraft nutzen kann, um gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Mit einem jährlichen Produktionsvolumen von 133.000 Tonnen Lack- und Anstrichmitteln im Wert von 503 Millionen Euro steht viel auf dem Spiel – nicht nur für die Unternehmen selbst, sondern für die gesamte österreichische Wirtschaft.