In Österreich tobt eine hitzige Debatte über die Einführung des Nutri-Scores, einer französischen Lebensmittelampel, die auf den Verpackungen unserer täglichen Nahrungsmittel erscheinen könnte. Doch was steckt wirklich hinter diesem System, und warum wird es von der heimischen Lebensmittelindustrie
In Österreich tobt eine hitzige Debatte über die Einführung des Nutri-Scores, einer französischen Lebensmittelampel, die auf den Verpackungen unserer täglichen Nahrungsmittel erscheinen könnte. Doch was steckt wirklich hinter diesem System, und warum wird es von der heimischen Lebensmittelindustrie so kritisch beäugt? Ein Blick hinter die Kulissen dieser farbenfrohen Ampel, die mehr Verwirrung als Klarheit schafft.
Der Nutri-Score ist ein Bewertungssystem, das Lebensmittel mit einem Buchstabencode von „A“ bis „E“ sowie den Farben Grün bis Rot versieht. Diese Kennzeichnung soll auf einen Blick zeigen, wie gesund ein Produkt ist. Das System basiert auf einem französischen Berechnungsmodell, das Nährstoffgehalte wie Zucker, Fett und Salz berücksichtigt, aber auch positive Aspekte wie den Gehalt an Ballaststoffen und Proteinen.
Die österreichische Lebensmittelindustrie, vertreten durch den Fachverband, hat sich seit Jahren gegen den Nutri-Score ausgesprochen. „Der Nutri-Score hat sich bis heute in der EU nicht etabliert“, heißt es. Tatsächlich unterstützen 20 EU-Mitgliedstaaten diesen nicht, und einige lehnen ihn strikt ab. In der Wissenschaft und bei Unternehmen wird die Kritik an diesem Konzept immer lauter.
Warum ist der Nutri-Score so umstritten? Ein wesentlicher Kritikpunkt ist die vermeintliche Irreführung der Verbraucher. So kann es vorkommen, dass eine Pizza mit einem grünen „A“ bewertet wird, während Vollmilch ein gelbes „C“ erhält. Diese Bewertungen spiegeln nicht unbedingt die tatsächliche Gesundheitswirkung wider, was zu Verwirrung führen kann.
Eine gesetzliche Verpflichtung zur Nutzung des Nutri-Scores könnte für österreichische Exporteure problematisch werden. Verpackungen müssten ständig angepasst werden, was einen enormen bürokratischen und finanziellen Aufwand bedeuten würde. Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation und sinkender Wettbewerbsfähigkeit ist dies eine große Herausforderung.
Deutschland, ein wichtiger Exportmarkt für österreichische Lebensmittel, empfiehlt den Nutri-Score, während Italien, der zweitwichtigste Markt, ihn ablehnt. In Italien werden Hersteller, die den Nutri-Score verwenden, sogar mit Bußgeldern belegt. Diese unterschiedlichen Bewertungen in den Ländern machen es für Exporteure fast unmöglich, einheitliche Verpackungen zu verwenden.
Um solche Probleme zu vermeiden, fordert die österreichische Lebensmittelindustrie EU-weit einheitliche Regeln für die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Nationale Sonderregelungen könnten den freien Warenverkehr im Binnenmarkt behindern und sollten daher vermieden werden. Italien bevorzugt ein „Batterie“-System, während skandinavische Länder ein Schlüsselloch-Modell verwenden. Ein einheitliches EU-Modell könnte hier Abhilfe schaffen.
Ein weiterer Kritikpunkt am Nutri-Score ist seine angeblich fehlende Wirkung auf die Gesundheit. Die Europäische Kommission und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) fanden keine ausreichenden Belege dafür, dass der Nutri-Score die Ernährungsweise oder die Gesundheit der Menschen verbessert.
Übergewicht hat viele Ursachen, von übermäßiger Energieaufnahme bis zu Bewegungsmangel. Die Lebensmittelindustrie fordert daher, den Fokus auf Ernährungsbildung zu legen. „Anstatt noch mehr Kennzeichnungen auf Lebensmittelverpackungen vorzuschreiben, sollten wir endlich mehr Basiswissen über Lebensmittel und einen gesunden Lebensstil vermitteln“, so eine Stimme aus der Branche.
Nachhaltige gesundheitliche Effekte lassen sich nur durch konsequente Ernährungsbildung und einen gesunden Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und ausreichender Bewegung erzielen. Bereits ab dem Kindesalter sollte dieses Wissen vermittelt werden, um langfristig positive Auswirkungen zu erzielen.
Die Lebensmittelindustrie ist eine der größten Branchen Österreichs. Sie sichert die Versorgung mit sicheren, qualitativen und leistbaren Lebensmitteln. Rund 200 Unternehmen mit 27.400 direkt Beschäftigten erwirtschafteten 2024 ein Produktionsvolumen von 12 Milliarden Euro, von denen etwa 10 Milliarden Euro im Export in über 180 Länder abgesetzt werden.
Der Fachverband der Lebensmittelindustrie unterstützt seine Mitglieder durch Information, Beratung und internationale Vernetzung. Die Branche setzt seit Jahren auf neue Rezepturen und Innovationen mit weniger oder keinen Kalorien, um das Angebot an sicheren und qualitativ hochwertigen Produkten „Made in Austria“ stetig weiterzuentwickeln.
Wie sieht die Zukunft der Lebensmittelkennzeichnung in Europa aus? Sollte die Europäische Kommission ein EU-weit einheitliches Modell für eine zusätzliche Nährwertkennzeichnung vorlegen, das wissenschaftlich fundiert, diskriminierungsfrei und leicht verständlich ist, könnten österreichische Lebensmittelhersteller die Nutzung eines solchen EU-Modells in Betracht ziehen.
Die Diskussion um den Nutri-Score zeigt, wie komplex die Themen Ernährung und Gesundheit sind. Einfache Lösungen wie eine Lebensmittelampel reichen oft nicht aus, um die vielschichtigen Ursachen von Übergewicht zu adressieren. Eine umfassende Ernährungsbildung könnte hier der Schlüssel zu einer gesünderen Zukunft sein.
Ein fiktiver Ernährungsexperte könnte abschließend sagen: „Der Nutri-Score ist wie ein Pflaster auf einer tiefen Wunde – er mag gut gemeint sein, löst aber nicht das grundlegende Problem. Es ist an der Zeit, dass wir die Verantwortung für unsere Gesundheit selbst in die Hand nehmen und uns umfassend informieren.“