Bis 2032 könnten bis zu 120 Tierärztinnen und Tierärzte im Nutztierbereich fehlen – bäuerliche Betriebe schlagen Alarm
Der Mangel an Nutztierärztinnen und -ärzten gefährdet die tierärztliche Versorgung im ländlichen Raum. Eine Petition im Nationalrat fordert nun rasche Gegenmaßnahmen.
Die tierärztliche Versorgung von Nutztieren in Österreich steht vor einer ernsthaften Bewährungsprobe. Der zunehmende Mangel an Fachkräften im Bereich der Großtiermedizin stellt landwirtschaftliche Betriebe vor wachsende Herausforderungen – insbesondere bei Notfällen außerhalb der regulären Arbeitszeiten. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, haben ÖVP-Abgeordnete nun eine Petition im Nationalrat eingebracht, die konkrete Maßnahmen zur Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung fordert.
Die Zahlen, die der steirische ÖVP-Abgeordnete Andreas Kühberger präsentiert, zeichnen ein besorgniserregendes Bild. Bereits im Jahr 2027 wird österreichweit ein Defizit von 30 bis 50 Vollzeitäquivalenten im Bereich der Nutztiermedizin prognostiziert. Doch damit nicht genug: Bis zum Jahr 2032 könnte dieser Mangel laut aktuellen Schätzungen auf 70 bis 105 Vollzeitäquivalente anwachsen.
In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass in weniger als zehn Jahren zwischen 85 und 120 Tierärztinnen und Tierärzte im Nutztierbereich fehlen könnten. Eine Entwicklung, die nicht nur einzelne Betriebe, sondern ganze Regionen vor massive Probleme stellen würde.
Die Gründe für den drohenden Versorgungsengpass sind vielschichtig und haben sich über Jahre aufgebaut. Ein wesentlicher Faktor ist die Berufswahl der Absolventinnen und Absolventen der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Der Großteil der jungen Tierärztinnen und Tierärzte entscheidet sich nach dem Studium für eine Tätigkeit im Kleintierbereich – also für die Behandlung von Hunden, Katzen und anderen Haustieren.
Die Arbeit mit Nutztieren wie Rindern, Schweinen, Schafen oder Ziegen ist hingegen deutlich weniger attraktiv. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Nutztierärzte müssen oft weite Strecken zu den landwirtschaftlichen Betrieben zurücklegen, arbeiten häufig unter schwierigen körperlichen Bedingungen und sind mit unregelmäßigen Arbeitszeiten konfrontiert. Notfälle kennen bekanntlich keine Bürozeiten.
Erschwerend kommt hinzu, dass in den kommenden Jahren eine Pensionierungswelle unter den erfahrenen Großtierärztinnen und -ärzten bevorsteht. Viele jener Veterinäre, die seit Jahrzehnten die Versorgung im ländlichen Raum sichergestellt haben, werden in den wohlverdienten Ruhestand treten – ohne dass ausreichend Nachwuchs bereitsteht, um diese Lücken zu füllen.
Die von Kühberger gemeinsam mit ÖVP-Landwirtschaftssprecher Georg Strasser und Tierschutzsprecher Josef Hechenberger eingebrachte Petition trägt den Titel "Sicherstellung der tierärztlichen Versorgung im ländlichen Raum zur Stärkung der Landwirtschaft und des Tierwohls". Sie richtet sich an die zuständigen Bundesministerien und fordert rasche strukturelle Maßnahmen.
Im Zentrum der Forderungen stehen drei wesentliche Punkte:
Insbesondere die Idee einer regionalen Bindung für bestimmte Studienplätze könnte ein interessanter Ansatz sein. Ähnliche Modelle existieren bereits in anderen Bereichen des Gesundheitswesens und sollen sicherstellen, dass Absolventinnen und Absolventen zumindest für einen gewissen Zeitraum in unterversorgten Regionen tätig werden.
Die Konsequenzen eines flächendeckenden Nutztierärztemangels würden weit über die unmittelbare tierärztliche Versorgung hinausreichen. "Wenn wir jetzt nicht handeln, gefährden wir Tierwohl, Versorgungssicherheit und die Zukunft unserer bäuerlichen Betriebe", warnt Abgeordneter Kühberger.
Tatsächlich sind Nutztierärzte ein unverzichtbares Glied in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Sie gewährleisten nicht nur die Gesundheit der Tiere bei akuten Erkrankungen oder Verletzungen, sondern spielen auch eine zentrale Rolle bei der Prävention von Tierseuchen und der Überwachung der Lebensmittelsicherheit.
Fleisch, Milch und andere tierische Produkte, die in österreichischen Supermärkten landen, unterliegen strengen Qualitätskontrollen. Tierärztliche Untersuchungen und Gesundheitszeugnisse sind dabei ein wesentlicher Bestandteil. Ohne ausreichend Fachpersonal könnte diese Kontrollfunktion nur noch eingeschränkt wahrgenommen werden.
Die österreichische Landwirtschaft ist traditionell von kleineren und mittleren Familienbetrieben geprägt. Anders als Großbetriebe in anderen europäischen Ländern verfügen diese oft nicht über die Ressourcen, um eigene Tierärzte anzustellen oder weite Anfahrtswege in Kauf zu nehmen.
Besonders kritisch wird die Situation bei Notfällen außerhalb der regulären Arbeitszeiten. Wenn eine Kuh mitten in der Nacht Geburtskomplikationen hat oder ein Schwein plötzlich erkrankt, zählt jede Minute. Ist dann kein Tierarzt erreichbar, kann dies nicht nur zum Verlust des Tieres führen, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Schäden für den Betrieb bedeuten.
In manchen Regionen Österreichs ist diese Situation bereits heute Realität. Landwirte berichten von stundenlangen Wartezeiten auf tierärztliche Hilfe oder davon, dass sie keinen Veterinär finden, der bereit ist, den Notdienst zu übernehmen.
Die Veterinärmedizinische Universität Wien ist die einzige Ausbildungsstätte für Tierärztinnen und Tierärzte in Österreich. Pro Jahr beginnen dort rund 200 Studierende ihre Ausbildung. Doch wie die Absolventen später ihre berufliche Laufbahn gestalten, liegt außerhalb des direkten Einflussbereichs der Universität.
Die Petition könnte daher auch als Aufforderung verstanden werden, bereits während des Studiums verstärkt Anreize für eine Spezialisierung auf Nutztiermedizin zu setzen. Praktika auf landwirtschaftlichen Betrieben, spezielle Förderprogramme oder Stipendien für angehende Großtierärzte wären denkbare Maßnahmen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Gesamtzahl der Studienplätze ausreicht, um den Bedarf langfristig zu decken. Eine Aufstockung der Kapazitäten an der Vetmeduni könnte ebenfalls Teil der Lösung sein – vorausgesetzt, die zusätzlichen Absolventen entscheiden sich auch tatsächlich für eine Tätigkeit im Nutztierbereich.
Österreich steht mit diesem Problem keineswegs alleine da. In vielen europäischen Ländern kämpft man mit ähnlichen Herausforderungen. Einige Staaten haben bereits Gegenmaßnahmen ergriffen, die als Vorbild dienen könnten.
In Deutschland etwa gibt es in einigen Bundesländern Programme, die Tierärztinnen und Tierärzten finanzielle Anreize bieten, wenn sie sich in unterversorgten ländlichen Regionen niederlassen. Auch die Vereinfachung bürokratischer Hürden bei Praxisgründungen hat sich als wirksam erwiesen.
In skandinavischen Ländern wiederum setzt man verstärkt auf mobile tierärztliche Einheiten und telemedizinische Lösungen. Letztere können zwar den persönlichen Tierarztbesuch nicht ersetzen, ermöglichen aber zumindest eine erste Einschätzung und Beratung aus der Ferne.
Mit der Einbringung der Petition im Nationalrat ist ein erster formaler Schritt getan. Petitionen werden im österreichischen Parlament im Petitionsausschuss behandelt, der die Anliegen prüft und gegebenenfalls Stellungnahmen von Ministerien und anderen Stellen einholt.
Ob und welche konkreten Maßnahmen daraus resultieren, hängt von verschiedenen Faktoren ab – nicht zuletzt von der politischen Bereitschaft, entsprechende Mittel bereitzustellen. Strukturelle Veränderungen im Bereich der tierärztlichen Versorgung würden sowohl das Bildungsministerium als auch das Landwirtschaftsministerium betreffen und erfordern daher eine ressortübergreifende Zusammenarbeit.
Die Petition selbst ist unter dem Link https://www.parlament.gv.at/gegenstand/XXVIII/PET/16 einsehbar und kann von Bürgerinnen und Bürgern unterstützt werden. Je mehr Unterstützung eine Petition erhält, desto größer ist der politische Druck, sich ernsthaft mit den vorgebrachten Anliegen auseinanderzusetzen.
Der drohende Nutztierärztemangel ist kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern eine sich bereits abzeichnende Realität. Die Prognosen sind eindeutig, die Ursachen bekannt. Was fehlt, sind entschlossene politische Maßnahmen, um die Entwicklung noch rechtzeitig zu korrigieren.
Für die bäuerlichen Familienbetriebe im ländlichen Raum geht es um nichts Geringeres als ihre Existenzgrundlage. Ohne verlässliche tierärztliche Versorgung ist eine verantwortungsvolle Tierhaltung schlicht nicht möglich. Die eingebrachte Petition ist ein wichtiger Impuls – nun liegt es an den politischen Entscheidungsträgern, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und entsprechend zu handeln.