Vier Opernklassiker philosophisch beleuchtet
Ab 1. März widmet sich Konrad Paul Liessmann in einer neuen Ö1-Reihe der philosophischen Dimension großer Opernwerke von Mozart bis Berg.
Ab 1. März 2024 startet auf Ö1 eine außergewöhnliche neue Radioserie, die zwei scheinbar unterschiedliche Welten miteinander verbindet: "Oper und Philosophie". Der renommierte österreichische Philosoph und Publizist Konrad Paul Liessmann führt dabei durch eine vierteilige Reihe, die jeweils am ersten Sonntag im Monat um 15.05 Uhr im Rahmen der Sendung "Apropos Oper" ausgestrahlt wird.
Die ambitionierte Serie nimmt vier bedeutende Opern der Musikgeschichte unter die philosophische Lupe: Wolfgang Amadeus Mozarts "Don Giovanni" (1. März), Richard Wagners "Tristan und Isolde" (5. April), Giuseppe Verdis "Otello" (3. Mai) und Alban Bergs "Wozzeck" (7. Juni). Jedes dieser Werke wird von Liessmann auf sehr persönliche und ungewöhnliche Weise beleuchtet.
Diese Auswahl ist keineswegs zufällig: Sie spannt einen Bogen von der Wiener Klassik über die deutsche Romantik und den italienischen Verismo bis hin zur Moderne des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig repräsentieren diese Opern unterschiedliche philosophische Themenkomplexe und Fragestellungen.
"Oper und Philosophie: Passt dies überhaupt zusammen?", fragt Liessmann rhetorisch und gibt gleich selbst die Antwort: "Und wie!" Seine Begründung ist überzeugend: In der Oper werden existentielle Fragen verhandelt, die zutiefst philosophischer Natur sind - Liebe und Hass, Verbrechen und Gerechtigkeit, Macht und Ohnmacht, Leben und Tod.
Für Liessmann liegt gerade in der Sinnlichkeit des Musiktheaters und seinem Anspruch, alle Künste zu vereinen, ein philosophischer Impuls: "der Versuch, das Weltganze zu deuten". Jede Oper gleiche einem in sich geschlossenen Kosmos, der dennoch in lebendiger Korrespondenz mit der Wirklichkeit stehe. "Jede große Oper enthält im Kern eine Philosophie, die zur Sprache gebracht werden kann", so der Wiener Philosoph.
Die Verbindung zwischen Oper und Philosophie ist dabei keine Einbahnstraße. Liessmann verweist darauf, dass manche Philosophen in ihrem Denken unmittelbar vom Musiktheater beeinflusst wurden: "Was wäre Kierkegaard ohne Mozart, Nietzsche ohne Wagner, Adorno ohne Alban Berg?" Diese Frage verdeutlicht, wie tief die Wurzeln zwischen musikalischem und philosophischem Denken reichen.
Umgekehrt schärfe der philosophische Blick auf die Oper auch das Gehör für die tieferen Bedeutungsschichten der Werke. Diese wechselseitige Befruchtung macht die Faszination der neuen Ö1-Reihe aus.
Mit Konrad Paul Liessmann hat Ö1 einen idealen Protagonisten für dieses anspruchsvolle Projekt gewonnen. Der emeritierte Professor für Philosophie an der Universität Wien ist nicht nur ein ausgewiesener Experte seines Fachs, sondern auch ein leidenschaftlicher Opernliebhaber. Diese Doppelqualifikation ermöglicht es ihm, beide Welten authentisch zu verbinden.
Liessmann, der durch zahlreiche Publikationen und seine Teilnahme an Diskussionsformaten wie dem "Philosophicum Lech" einem breiteren Publikum bekannt ist, verspricht einen ungewöhnlichen Zugang: "Nachdenklich und enthusiastisch, reflektierend und persönlich, mit den Ohren in den Klangwelten des Musiktheaters, mit den Augen in den Texten der großen Philosophen."
Der Auftakt am 1. März mit Mozarts "Don Giovanni" könnte passender nicht sein. Diese Oper, die bereits zu Lebzeiten des Komponisten als "dramma giocoso" zwischen Komödie und Tragödie changierte, wirft fundamentale Fragen nach Moral, Verführung und göttlicher Gerechtigkeit auf. Der libertinäre Titelheld konfrontiert das Publikum mit der Frage nach den Grenzen menschlicher Selbstbestimmung.
Wagners "Tristan und Isolde" im April führt in die Tiefen der romantischen Liebesphilosophie, während Verdis "Otello" im Mai die dunklen Seiten menschlicher Eifersucht und Manipulation beleuchtet. Den Abschluss im Juni bildet Alban Bergs "Wozzeck", ein Werk, das die Entfremdung und Dehumanisierung des modernen Menschen thematisiert.
Die neue Reihe "Oper und Philosophie" unterstreicht einmal mehr den Bildungsauftrag von Ö1. In einer Zeit, in der kulturelle Inhalte oft dem Diktat der Quote unterworfen sind, setzt der österreichische Kultursender bewusst auf anspruchsvolle Formate, die zum Nachdenken anregen.
Die Verbindung von Hochkultur und philosophischer Reflexion spricht dabei nicht nur Opernliebhaber an, sondern kann auch Hörer erreichen, die bisher wenig Berührung mit dem Musiktheater hatten. Liessmanns Ansatz, persönliche Begeisterung mit wissenschaftlicher Fundierung zu verbinden, verspricht eine lebendige und zugängliche Auseinandersetzung mit komplexen Themen.
"Oper und Philosophie" könnte zum Vorbild für weitere innovative Formate werden, die verschiedene Kunstsparten und Wissenschaftsdisziplinen miteinander in Dialog bringen. Die Reihe zeigt, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch im digitalen Zeitalter eine wichtige Rolle als Kulturvermittler spielen kann.
Für Opernliebhaber und Philosophieinteressierte gleichermaßen bietet die Serie die Chance, vertraute Werke aus neuen Blickwinkeln zu erleben und dabei tiefere Einsichten in die menschliche Kondition zu gewinnen. Die Kombination aus Liessmanns Expertise und der sorgfältigen Werkauswahl verspricht eine bereichernde Hörerfahrung.
Die erste Folge der Reihe "Oper und Philosophie" mit Konrad Paul Liessmann ist am Sonntag, 1. März, um 15.05 Uhr auf Ö1 zu hören. Weitere Informationen zum Programm von Ö1 sind auf der Website des Senders verfügbar.