Während die Lebenshaltungskosten für Studierende in Österreich kontinuierlich steigen, verzichten 88 Prozent aller Studierenden auf staatliche Studienbeihilfe – obwohl deutlich mehr Anspruch darauf
Während die Lebenshaltungskosten für Studierende in Österreich kontinuierlich steigen, verzichten 88 Prozent aller Studierenden auf staatliche Studienbeihilfe – obwohl deutlich mehr Anspruch darauf hätten. Die Österreichische Hochschüler_innenschaft (ÖH) startet deshalb am Dienstag, 17. März 2026, eine neue Kampagne vor dem Hauptgebäude der Universität Wien, um auf diese prekäre finanzielle Situation aufmerksam zu machen.
Die Studienbeihilfe ist eine staatliche Unterstützung für Studierende, die aufgrund ihrer sozialen Bedürftigkeit finanzielle Hilfe benötigen. Das System basiert auf dem Studienförderungsgesetz (StudFG) und wird über die Studienbeihilfenbehörde abgewickelt. Studierende können monatlich zwischen 335 und 923 Euro erhalten, abhängig von verschiedenen Faktoren wie dem Einkommen der Eltern, der Wohnsituation und dem Studienfortschritt. Die Höhe wird anhand komplexer Berechnungsformeln ermittelt, die Grundbetrag, Studienzuschlag, Wohnkostenzuschlag und weitere Zuschläge berücksichtigen. Zusätzlich zur regulären Studienbeihilfe existieren Sonderformen wie die Studienabschluss-Stipendien, Mobilitätsstipendien für Auslandsaufenthalte und Beihilfen für Studierende mit besonderen Bedürfnissen.
Das Antragsverfahren erfolgt digital über das Online-Portal der Studienbeihilfenbehörde. Antragsteller müssen zahlreiche Dokumente einreichen, darunter Einkommensnachweise der Eltern, Meldebescheinigungen, Studiennachweise und bei erstmaliger Beantragung auch den Nachweis der Studienberechtigung. Die Bearbeitung kann mehrere Monate dauern, weshalb Experten empfehlen, den Antrag bereits vor Studienbeginn zu stellen.
Die aktuellen Statistiken der Studienbeihilfenbehörde zeichnen ein ernüchterndes Bild: Von den rund 395.000 Studierenden in Österreich beziehen lediglich 47.795 Personen Studienbeihilfe – das entspricht exakt 12,1 Prozent. Diese Quote ist seit Jahren relativ konstant, obwohl Bildungsexperten schätzen, dass mindestens 20 bis 25 Prozent aller Studierenden die Voraussetzungen erfüllen würden.
Die Gründe für diese Diskrepanz sind vielfältig: Viele Studierende wissen schlichtweg nicht, dass sie Anspruch haben, oder scheuen den bürokratischen Aufwand. Andere befürchten, dass ihre Eltern zu viel verdienen könnten, ohne die genauen Einkommensgrenzen zu kennen. Tatsächlich liegt die Zuverdienstgrenze für Eltern bei einem Jahreseinkommen von bis zu 55.000 Euro brutto für beide Elternteile zusammen, wobei verschiedene Freibeträge und Abzüge berücksichtigt werden.
Das österreichische Studienförderungssystem blickt auf eine mehr als 50-jährige Geschichte zurück. 1963 wurde das erste Studienförderungsgesetz beschlossen, das erstmals eine systematische staatliche Unterstützung für bedürftige Studierende vorsah. Damals erhielten nur etwa 3.000 Studierende Förderung. In den 1970er Jahren unter Bildungsminister Fred Sinowatz wurde das System erheblich ausgebaut und demokratisiert.
Ein Meilenstein war die große Reform von 1992, die das Stipendiensystem grundlegend modernisierte und die Anspruchsvoraussetzungen vereinfachte. 2001 folgte eine weitere wichtige Novelle, die unter anderem die Selbsterhalter-Stipendien einführte – eine Innovation, die Österreich zum Vorreiter in Europa machte. Diese ermöglichen es Studierenden, die bereits vier Jahre erwerbstätig waren, unabhängig vom Elterneinkommen Unterstützung zu erhalten.
Die jüngste bedeutende Reform erfolgte 2017, als die Studienbeihilfenhöhen erstmals seit Jahren wieder deutlich angehoben wurden. Dennoch kritisieren Studierendenvertreter, dass die Anpassungen nicht mit der Inflationsentwicklung Schritt gehalten haben. Während die maximale Studienbeihilfe 1992 etwa 70 Prozent der damaligen Mindestpension entsprach, sind es heute nur noch rund 45 Prozent.
Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Ländern zeigt sich ein gemischtes Bild bei der Studienförderung. Deutschland unterstützt mit dem BAföG-System etwa 17 Prozent aller Studierenden, wobei die maximalen Förderbeträge mit 934 Euro monatlich ähnlich hoch sind wie in Österreich. Allerdings muss in Deutschland die Hälfte der Förderung als zinsloses Darlehen zurückgezahlt werden, während die österreichische Studienbeihilfe einen nicht rückzahlbaren Zuschuss darstellt.
Die Schweiz verfolgt ein dezentrales System, bei dem jeder Kanton eigene Stipendienregelungen hat. Im Durchschnitt erhalten dort etwa 12 Prozent der Studierenden Unterstützung, allerdings bei deutlich höheren Lebenshaltungskosten. Skandinavische Länder wie Schweden oder Dänemark haben hingegen universelle Systeme, bei denen grundsätzlich alle Studierenden Anspruch auf staatliche Unterstützung haben, unabhängig vom Elterneinkommen.
Die niedrige Inanspruchnahme der Studienbeihilfe hat weitreichende Folgen für die betroffenen Studierenden. Laut der aktuellen Studierenden-Sozialerhebung der Statistik Austria sind 68 Prozent aller Studierenden erwerbstätig, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Diese hohe Erwerbsquote führt oft zu Studienverzögerungen und erhöhtem Stress.
Ein typisches Beispiel ist Maria, eine 22-jährige Psychologiestudentin aus Wien: Ihre Eltern verdienen zusammen etwa 45.000 Euro brutto jährlich – sie hätte somit Anspruch auf Studienbeihilfe von rund 650 Euro monatlich. Da sie jedoch nicht wusste, dass sie berechtigt ist, arbeitet sie stattdessen 20 Stunden pro Woche in einem Café, um die monatlichen Kosten von etwa 900 Euro für Miete, Essen und Studienmaterialien zu stemmen. Dies führt dazu, dass sie pro Semester nur etwa die Hälfte der vorgesehenen ECTS-Punkte schafft.
Besonders dramatisch ist die Situation bei Studierenden aus bildungsfernen Schichten. Hier liegt die Studienabbrecherquote bei über 40 Prozent – oft aus finanziellen Gründen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Studierende, die Studienbeihilfe beziehen, ihre Studien nicht nur häufiger abschließen, sondern auch bessere Noten erzielen, da sie sich vollständig auf das Studium konzentrieren können.
Trotz der Bedeutung der Studienbeihilfe stellt sich die Frage nach ihrer Angemessenheit. Die aktuellen Lebenshaltungskosten für Studierende in Wien liegen laut ÖH bei durchschnittlich 1.200 Euro monatlich. Davon entfallen etwa 500 Euro auf die Miete für ein WG-Zimmer, 300 Euro für Lebensmittel, 200 Euro für Versicherungen und weitere fixe Kosten sowie 200 Euro für Studienmaterialien, Mobilität und Freizeitaktivitäten.
Die maximale Studienbeihilfe von 923 Euro deckt somit nur etwa 77 Prozent der tatsächlichen Kosten ab. In anderen Universitätsstädten sieht die Situation teilweise besser aus: In Graz oder Innsbruck liegen die Lebenshaltungskosten bei etwa 1.000 Euro monatlich, in kleineren Städten wie Leoben oder Krems sogar nur bei 850 Euro. Dennoch bleibt eine Finanzierungslücke bestehen, die viele Studierende durch Nebenjobs oder familiäre Unterstützung schließen müssen.
Die Studienbeihilfenbehörde hat in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um den Antragsprozess zu modernisieren und zu vereinfachen. Seit 2019 ist das gesamte Verfahren digital abwickelbar, was die Bearbeitungszeiten von durchschnittlich vier Monaten auf etwa sechs Wochen verkürzt hat. Die neue Online-Plattform ermöglicht es auch, den Bearbeitungsstatus jederzeit einzusehen und fehlende Dokumente nachzureichen.
Trotz dieser Verbesserungen bleiben viele Studierende von der Komplexität des Systems überfordert. Die ÖH fordert deshalb eine weitere Vereinfachung, beispielsweise durch automatische Datenabfragen bei anderen Behörden oder durch eine „Ein-Klick-Beantragung" für einfache Fälle. Auch die Einführung einer Smartphone-App wird diskutiert, um jüngere Zielgruppen besser zu erreichen.
Die neue ÖH-Kampagne setzt auf mehrere Kommunikationskanäle, um Studierende über ihre Rechte aufzuklären. Neben der Auftaktveranstaltung vor dem Hauptgebäude der Universität Wien sind österreichweit Infostände an allen größeren Hochschulstandorten geplant. Zusätzlich werden über Social-Media-Kanäle gezielt junge Menschen angesprochen, die möglicherweise noch nie von der Studienbeihilfe gehört haben.
Ein zentraler Baustein der Kampagne ist ein Online-Rechner, der in wenigen Minuten eine erste Einschätzung der Anspruchsberechtigung ermöglicht. Studierende müssen lediglich grundlegende Angaben zu ihrer familiären Situation machen und erhalten sofort eine Prognose über die mögliche Förderhöhe. Dieser Service soll die Hemmschwelle senken und mehr junge Menschen dazu bewegen, einen offiziellen Antrag zu stellen.
Die Debatte um eine Reform der Studienbeihilfe ist in der österreichischen Politik seit Jahren präsent. Während die Regierungsparteien grundsätzlich Verbesserungen befürworten, gehen die Meinungen über das Ausmaß der Reformen auseinander. Die SPÖ fordert eine Erhöhung der maximalen Beträge auf 1.200 Euro monatlich und eine Ausweitung der Anspruchsvoraussetzungen. Die ÖVP hingegen setzt eher auf gezielte Verbesserungen für besondere Zielgruppen wie Selbsterhalter oder Studierende mit Kindern.
Die NEOS propagieren ein völlig neues System nach schwedischem Vorbild, bei dem alle Studierenden unabhängig vom Elterneinkommen Anspruch auf eine Grundförderung hätten. Die Grünen konzentrieren sich auf ökologische Aspekte und fordern zusätzliche Förderungen für Studierende, die umweltfreundlich leben oder in grünen Studiengängen eingeschrieben sind. Die FPÖ kritisiert hingegen die hohen Kosten des Systems und will die Förderungen stärker an die Studienleistung koppeln.
Andere Länder zeigen innovative Wege in der Studienförderung auf, die als Inspiration für österreichische Reformen dienen könnten. Australien hat beispielsweise ein einkommensabhängiges Rückzahlungssystem eingeführt, bei dem Absolventen erst ab einem bestimmten Jahreseinkommen ihre Studienförderung zurückzahlen müssen. Dies reduziert das finanzielle Risiko während des Studiums erheblich.
Kanada wiederum kombiniert Zuschüsse mit zinslosen Darlehen und bietet zusätzliche Unterstützung für Studierende aus benachteiligten Gruppen. Besonders interessant ist das kanadische System der „Need-based grants