Zurück
OTS-MeldungArbeitsmarkt/Armut/Soziales

ÖH startet Studienbeihilfe-Kampagne: Nur 12% nutzen Anspruch

16. März 2026 um 07:33
Teilen:

Während die Lebenshaltungskosten für Studierende in Österreich kontinuierlich steigen, nutzen nur 12,1 Prozent der Studierenden ihre Berechtigung auf staatliche Studienbeihilfe. Die Österreichische...

Während die Lebenshaltungskosten für Studierende in Österreich kontinuierlich steigen, nutzen nur 12,1 Prozent der Studierenden ihre Berechtigung auf staatliche Studienbeihilfe. Die Österreichische Hochschüler_innenschaft (ÖH) startet daher am 17. März 2026 eine neue Kampagne unter dem Motto "Hol dir, was dir zusteht", um auf diese prekäre finanzielle Situation aufmerksam zu machen und mehr Studierende zur Antragsstellung zu bewegen.

Massive Unterausschöpfung der Studienbeihilfe in Österreich

Die aktuellen Zahlen offenbaren ein gravierendes Problem im österreichischen Bildungssystem: Obwohl Schätzungen zufolge deutlich mehr Studierende Anspruch auf Studienbeihilfe hätten, beziehen nur etwa 37.000 von insgesamt rund 306.000 Studierenden diese finanzielle Unterstützung. Diese Diskrepanz zwischen Anspruchsberechtigten und tatsächlichen Bezieher_innen deutet auf ein systematisches Informationsdefizit hin.

Die Studienbeihilfe ist eine staatliche Unterstützungsleistung, die bedürftigen Studierenden dabei helfen soll, ihre Ausbildung zu finanzieren. Sie wird als monatlicher Betrag ausbezahlt und richtet sich nach dem Einkommen der Eltern, der sozialen Bedürftigkeit und dem Studienerfolg. Grundsätzlich können österreichische Staatsbürger_innen sowie EU-Bürger_innen und unter bestimmten Voraussetzungen auch Drittstaatsangehörige diese Förderung beantragen.

Komplexes Antragsverfahren schreckt viele Studierende ab

Ein wesentlicher Grund für die geringe Inanspruchnahme liegt im komplizierten Antragsverfahren. Viele Studierende sind sich nicht bewusst, dass sie überhaupt anspruchsberechtigt sind, oder scheuen den bürokratischen Aufwand. Der Antrag muss bei der Studienbeihilfenbehörde gestellt werden, einer nachgeordneten Dienststelle des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung, die für die Abwicklung aller studienförderungsrechtlichen Angelegenheiten zuständig ist.

Die Antragsstellung erfordert umfangreiche Unterlagen: Einkommensnachweise der Eltern, Studiennachweise, Meldebescheinigungen und weitere Dokumente müssen eingereicht werden. Für viele Studierende, insbesondere jene aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationshintergrund, stellt dies eine erhebliche Hürde dar.

Finanzielle Situation von Studierenden verschärft sich dramatisch

Die aktuelle Teuerungswelle trifft Studierende besonders hart. Während die Inflation in Österreich 2024 bei durchschnittlich 2,8 Prozent lag, stiegen die Mietkosten in Universitätsstädten wie Wien, Graz oder Innsbruck deutlich überproportional. Ein durchschnittliches WG-Zimmer in Wien kostet mittlerweile zwischen 450 und 650 Euro monatlich – Tendenz steigend.

Gleichzeitig ist die maximale Studienbeihilfe seit Jahren nicht entsprechend angepasst worden. Der Höchstbetrag liegt derzeit bei 715 Euro monatlich für auswärtige Studierende, was angesichts der Lebenshaltungskosten in österreichischen Universitätsstädten als völlig unzureichend betrachtet werden muss.

Vergleich mit anderen deutschsprachigen Ländern zeigt Defizite auf

Ein Blick über die Grenzen verdeutlicht die Problematik: In Deutschland erhalten etwa 18 Prozent der Studierenden BAföG, die deutsche Entsprechung zur österreichischen Studienbeihilfe. Der Höchstsatz liegt dort bei 934 Euro monatlich. In der Schweiz variieren die kantonalen Stipendien stark, erreichen aber oft Beträge von über 1.000 Schweizer Franken monatlich.

Diese Zahlen zeigen, dass Österreich sowohl bei der Abdeckung als auch bei der Höhe der Unterstützung Nachholbedarf hat. Bildungsexpert_innen fordern seit Jahren eine grundlegende Reform des Studienförderungssystems, um Chancengerechtigkeit im Bildungsbereich zu gewährleisten.

Konkrete Auswirkungen auf den Studienalltag

Die unzureichende finanzielle Unterstützung hat gravierende Folgen für den Studienalltag vieler junger Menschen. Laut der aktuellen Studierenden-Sozialerhebung sind 68 Prozent der Studierenden erwerbstätig, um ihr Studium finanzieren zu können. Dies führt zu einer deutlichen Verlängerung der Studiendauer und erhöht das Risiko eines Studienabbruchs erheblich.

Besonders betroffen sind Studierende aus einkommensschwachen Familien und sogenannte "First-Generation-Students" – also junge Menschen, die als erste in ihrer Familie studieren. Sie haben oft keine familiäre Unterstützung bei der Navigation durch das Hochschulsystem und sind stärker auf staatliche Förderung angewiesen.

Konkrete Beispiele aus dem Studienalltag verdeutlichen die Problematik: Eine Lehramtsstudentin aus Niederösterreich, die in Wien studiert, benötigt monatlich mindestens 1.200 Euro für Miete, Lebenshaltung und Studienmaterialien. Erhält sie die maximale Studienbeihilfe von 715 Euro, bleiben 485 Euro, die durch Nebenjobs oder familiäre Unterstützung aufgebracht werden müssen.

Historische Entwicklung der Studienförderung in Österreich

Die österreichische Studienförderung blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Das erste Studienförderungsgesetz trat 1963 in Kraft und sollte begabten, aber finanziell benachteiligten Studierenden den Hochschulzugang ermöglichen. Damals erhielten nur etwa 3 Prozent der Studierenden eine staatliche Unterstützung.

Mit der großen Bildungsreform der 1970er Jahre unter Bildungsminister Fred Sinowatz wurde das System deutlich ausgeweitet. Die Anzahl der Förderungsberechtigten stieg kontinuierlich an und erreichte in den 1990er Jahren ihren Höhepunkt mit über 20 Prozent aller Studierenden als Beihilfenbezieher_innen.

Seit der Jahrtausendwende ist jedoch ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen. Während die Anzahl der Studierenden von 2000 bis heute um über 60 Prozent gestiegen ist, blieb die Zahl der Studienbeihilfenbezieher_innen nahezu konstant. Dies liegt zum einen an nicht inflationsangepassten Einkommensgrenzen, zum anderen an der mangelnden Valorisierung der Beihilfensätze.

Regionale Unterschiede und bundesländerspezifische Herausforderungen

Die Inanspruchnahme der Studienbeihilfe variiert stark zwischen den österreichischen Bundesländern. Während in Wien aufgrund der Konzentration mehrerer Universitäten die absolute Zahl der Beihilfenbezieher_innen am höchsten ist, zeigen sich in ländlichen Gebieten andere Problematiken.

Studierende aus Tirol oder Vorarlberg, die zum Studium nach Wien ziehen, haben aufgrund der höheren Lebenshaltungskosten einen deutlich höheren finanziellen Bedarf. Gleichzeitig sind sie oft auf teure private Unterkünfte angewiesen, da das Angebot an leistbaren Studierendenwohnheimen begrenzt ist.

In der Steiermark wiederum zeigt sich, dass viele potentiell berechtigte Studierende aus dem ländlichen Raum gar nicht erst ein Studium beginnen, weil sie die finanzielle Belastung scheuen. Dies führt zu einer sozialen Selektion bereits vor Studienbeginn, die dem Prinzip der Bildungsgerechtigkeit widerspricht.

Digitalisierung als Chance und Herausforderung

Die ÖH-Kampagne setzt auch auf digitale Kanäle, um junge Menschen zu erreichen. Social Media Plattformen wie Instagram, TikTok und LinkedIn werden genutzt, um niederschwellig über Anspruchsvoraussetzungen zu informieren. Online-Rechner sollen Studierenden dabei helfen, schnell und unkompliziert zu prüfen, ob sie berechtigt sind.

Gleichzeitig plant die Studienbeihilfenbehörde die weitere Digitalisierung des Antragsverfahrens. Bis 2027 soll eine vollständig digitale Abwicklung möglich sein, was den bürokratischen Aufwand deutlich reduzieren könnte.

Politische Forderungen und geplante Reformen

Die ÖH fordert seit Jahren eine grundlegende Reform des Studienförderungssystems. Konkret werden eine Erhöhung der Höchstbeträge auf mindestens 1.000 Euro monatlich, eine automatische Inflationsanpassung und eine Vereinfachung der Antragsstellung gefordert.

Das Bildungsministerium hat für 2026 eine Evaluierung des aktuellen Systems angekündigt. Bildungsminister Martin Polaschek betonte in einer parlamentarischen Anfragebeantwortung, dass die Studienförderung "zeitgemäß und bedarfsgerecht" gestaltet werden müsse.

Auch auf europäischer Ebene rückt das Thema verstärkt in den Fokus. Die EU-Kommission hat in ihrer Strategie für den Europäischen Bildungsraum 2025 die Bedeutung finanzieller Unterstützung für Studierende hervorgehoben und nationale Regierungen zu entsprechenden Maßnahmen aufgefordert.

Wirtschaftliche Dimension der Studienförderung

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist eine effektive Studienförderung eine wichtige Investition in die Zukunft. Hochqualifizierte Arbeitskräfte sind ein entscheidender Standortfaktor im internationalen Wettbewerb. Jeder Euro, der in die Bildung investiert wird, generiert laut OECD-Studien einen gesellschaftlichen Mehrwert von etwa vier Euro.

Österreich investiert derzeit etwa 180 Millionen Euro jährlich in die direkte Studienförderung. Zum Vergleich: Die gesamten Bildungsausgaben belaufen sich auf rund 19 Milliarden Euro pro Jahr. Expert_innen sehen hier deutlichen Aufholbedarf, um international konkurrenzfähig zu bleiben.

Zukunftsperspektiven und mögliche Lösungsansätze

Die kommenden Jahre werden entscheidend für die Weiterentwicklung der österreichischen Studienförderung sein. Demografische Veränderungen, die zunehmende Akademisierung und der Fachkräftemangel in verschiedenen Bereichen erfordern ein durchdachtes Konzept.

Innovative Ansätze wie einkommensabhängige Rückzahlungsmodelle nach australischem Vorbild werden diskutiert. Dabei würden Studierende erst nach Berufseintritt und bei Überschreitung eines bestimmten Einkommens zur Rückzahlung verpflichtet. Dies könnte die Finanzierungsbasis verbreitern und gleichzeitig das Risiko für die Studierenden reduzieren.

Auch eine stärkere Regionalisierung der Studienförderung wird erwogen. Höhere Beträge für Studierende in teuren Universitätsstädten und spezielle Förderungen für unterrepräsentierte Gruppen könnten die Treffsicherheit des Systems verbessern.

Die ÖH-Kampagne "Hol dir, was dir zusteht" ist somit mehr als nur eine Informationsoffensive – sie ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit in Österreich. Ob sie nachhaltigen Erfolg haben wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Politik bereit ist, die notwendigen strukturellen Reformen anzugehen. Für tausende Studierende könnte sie jedoch bereits jetzt den entscheidenden Unterschied machen zwischen einem erfolgreichen Studienabschluss und einem vorzeitigen Abbruch aus finanziellen Gründen.

Weitere Meldungen

OTS
Arbeitsmarkt

69% der Studierenden arbeiten nebenbei: ÖH warnt vor Prekarität

16. März 2026
Lesen
OTS
Österreichische Post

Österreichische Post zahlt 836 Euro Gewinnbeteiligung aus

15. März 2026
Lesen
OTS
Familienfreundlich

Hilfswerk Kärnten für Staatspreis nominiert

13. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen