Am morgigen Tag der Weltgesundheit rückt ein Thema in den Fokus, das für Millionen von Menschen in Österreich von existenzieller Bedeutung ist: die Entwicklung lebensrettender Medikamente. Während
Am morgigen Tag der Weltgesundheit rückt ein Thema in den Fokus, das für Millionen von Menschen in Österreich von existenzieller Bedeutung ist: die Entwicklung lebensrettender Medikamente. Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter dem Motto "Together for health. Stand with science" zur Einigkeit aufruft, macht die österreichische Pharmaindustrie auf ein Problem aufmerksam, das die Zukunft der medizinischen Versorgung hierzulande betreffen könnte. Die PHARMIG, als Interessenvertretung der heimischen Pharmaindustrie, sieht dringenden Handlungsbedarf bei den politischen Rahmenbedingungen für Medikamentenforschung in Österreich.
Die Geschichte der Arzneimittelentwicklung gleicht einer wissenschaftlichen Revolution, die sich über Jahrhunderte erstreckt. Während unsere Vorfahren noch ausschließlich auf pflanzliche Heilmittel wie Weidenrinde gegen Fieber oder Digitalis gegen Herzprobleme angewiesen waren, arbeiten heutige Forscher mit molekularen Strukturen, die gezielt in Krankheitsprozesse eingreifen. Diese sogenannte "Präzisionsmedizin" ermöglicht es, Therapien individuell auf Patienten abzustimmen und dabei Nebenwirkungen zu minimieren.
Ein anschauliches Beispiel für diesen Fortschritt ist die Krebstherapie: Während früher hauptsächlich Chemotherapeutika eingesetzt wurden, die gesunde und kranke Zellen gleichermaßen angreifen, können moderne Immuntherapien das körpereigene Abwehrsystem so programmieren, dass es ausschließlich Tumorzellen bekämpft. Monoklonale Antikörper, eine weitere Innovation der letzten Jahrzehnte, docken wie Schlüssel an spezifische Rezeptoren an und blockieren krankhafte Signalwege.
Alexander Herzog, Generalsekretär der PHARMIG, betont die Bedeutung kontinuierlicher Forschung: "Wurden früher vor allem pflanzliche Mittel eingesetzt, so bekämpfen wir Krankheiten mittlerweile mit hoch präzisen und komplexen Therapien. Das verdanken wir unablässiger Forschung." Diese Entwicklung hat nicht nur die Behandlungserfolge revolutioniert, sondern auch die Lebenserwartung in entwickelten Ländern wie Österreich erheblich gesteigert.
Der Weg von der Entdeckung eines Wirkstoffs bis zur Marktreife eines Medikaments ist ein hochkomplexer Prozess, der durchschnittlich 10 bis 15 Jahre dauert und Kosten von oft über einer Milliarde Euro verursacht. Zunächst werden in der präklinischen Phase potenzielle Wirkstoffe in Laborversuchen und Tierstudien getestet. Nur etwa ein Prozent aller untersuchten Substanzen schaffen es in die klinische Entwicklung.
Die anschließenden klinischen Phasen umfassen drei Stufen: Phase I testet die Sicherheit an wenigen gesunden Probanden oder schwerkranken Patienten, Phase II untersucht die Wirksamkeit an einer größeren Patientengruppe, und Phase III vergleicht das neue Medikament in groß angelegten Studien mit bestehenden Therapien. Erst nach erfolgreicher Durchführung aller Phasen kann die Zulassungsbehörde – in Europa die European Medicines Agency (EMA) – das Medikament für den Markt freigeben.
Im Vergleich zu anderen Ländern nimmt Österreich bei der Pharmaforschung eine ambivalente Position ein. Einerseits verfügt das Land über eine starke Tradition in der medizinischen Forschung und hochqualifizierte Wissenschaftler, andererseits hinkt es bei den Investitionen in die Arzneimittelentwicklung anderen europäischen Ländern hinterher.
Die Schweiz investiert beispielsweise jährlich über 8 Milliarden Franken in Pharmaforschung und Development, was etwa 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Deutschland wendete 2023 rund 9,2 Milliarden Euro für pharmazeutische Forschung auf, während Österreich mit geschätzten 800 Millionen Euro deutlich dahinter liegt. Diese Zahlen spiegeln sich auch in der Anzahl der klinischen Studien wider: Während in der Schweiz pro 100.000 Einwohner etwa 15 klinische Studien durchgeführt werden, sind es in Österreich nur etwa 8.
Besonders deutlich wird der Unterschied bei den forschungsintensiven Biotechnologieunternehmen. Basel gilt als europäisches Zentrum der Pharmaindustrie mit Konzernen wie Roche und Novartis, die zusammen über 25.000 Mitarbeiter in der Forschung beschäftigen. In Österreich sind es bei allen Pharmaunternehmen zusammen weniger als 3.000 Forschungsarbeitsplätze.
Dennoch kann Österreich auf bedeutende Erfolge in der Medikamentenentwicklung verweisen. Das Wiener Biotechnologieunternehmen Affiris hat innovative Impfstoffe gegen Alzheimer entwickelt, die sich in klinischen Studien befinden. Die oberösterreichische Firma Apeiron Biologics forscht an Therapien gegen seltene Lungenerkrankungen und COVID-19. Diese Beispiele zeigen das vorhandene Potenzial, das laut PHARMIG-Generalsekretär Herzog stärker gefördert werden sollte.
Die PHARMIG sieht in einer gezielten Life-Sciences-Strategie den Schlüssel für die Stärkung des Forschungsstandorts Österreich. Herzog argumentiert: "Die Politik hat es in der Hand, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sowohl Forscherinnen und Forscher als auch in der Forschung tätige Unternehmen, Österreich als Standort für ihre Projekte wählen."
Eine Life-Sciences-Strategie umfasst verschiedene Bereiche der biologischen und medizinischen Forschung, von der Grundlagenforschung über die Medikamentenentwicklung bis hin zur Medizintechnik. Solche strategischen Programme haben sich international bewährt: Singapur investiert seit 2000 systematisch in Biomedizin und hat sich zu einem führenden Forschungsstandort in Asien entwickelt. Irland konnte durch gezielte Fördermaßnahmen zahlreiche internationale Pharmaunternehmen anlocken und beschäftigt heute über 50.000 Menschen in der Branche.
Die PHARMIG identifiziert mehrere Bereiche, in denen politische Reformen notwendig sind. Schnellere Genehmigungsverfahren stehen dabei an oberster Stelle: Während in anderen Ländern die Genehmigung klinischer Studien oft binnen weniger Wochen erfolgt, dauert es in Österreich häufig mehrere Monate. Diese Verzögerungen können dazu führen, dass Unternehmen ihre Studien in andere Länder verlagern.
Die Förderung von Talenten ist ein weiterer Kernpunkt. Österreichische Universitäten bilden exzellente Wissenschaftler aus, doch viele von ihnen wandern ins Ausland ab, wo bessere Karrierechancen und höhere Gehälter winken. Gezielte Programme zur Rückgewinnung österreichischer Forscher aus dem Ausland könnten diesem "Brain Drain" entgegenwirken.
Zukunftsweisende Berufsbilder wie Bioinformatiker, Regulatory Affairs Manager oder Clinical Data Manager sind in der modernen Pharmaforschung unverzichtbar geworden. Die Ausbildung in diesen Bereichen müsse gestärkt und an die Bedürfnisse der Industrie angepasst werden, fordert die PHARMIG.
Die Forderungen der Pharmaindustrie sind nicht nur von wirtschaftlichem Interesse, sondern haben direkte Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung der österreichischen Bevölkerung. Herzog erklärt: "In der Regel kommen dort, wo geforscht wird, die neu entwickelten Medikamente auch als erstes auf den Markt." Diese Aussage hat eine wichtige praktische Dimension für Patienten.
Konkret bedeutet dies: Wenn in Österreich mehr Pharmaforschung betrieben würde, hätten österreichische Patienten früher Zugang zu innovativen Therapien. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die COVID-19-Pandemie, bei der Länder mit starker Pharmaforschung wie Deutschland und die USA früher Zugang zu Impfstoffen und Medikamenten hatten als andere Länder.
Für Patienten mit seltenen Erkrankungen ist dieser Aspekt besonders relevant. Sogenannte "Orphan Drugs" für seltene Krankheiten werden oft nur in begrenzten Mengen produziert und zunächst in den Ländern verfügbar gemacht, in denen die Forschung stattgefunden hat. Ein starker heimischer Forschungsstandort könnte daher lebensrettend für österreichische Patienten sein.
Die Corona-Pandemie und aktuelle geopolitische Spannungen haben die Verwundbarkeit globaler Lieferketten aufgezeigt. Eine stärkere heimische Pharmaproduktion und -forschung könnte die Versorgungssicherheit mit wichtigen Medikamenten erhöhen. Derzeit ist Österreich bei vielen lebenswichtigen Arzneimitteln von Importen abhängig, was in Krisenzeiten problematisch werden kann.
Besonders bei Antibiotika, deren Produktion größtenteils nach Asien verlagert wurde, zeigen sich bereits heute Lieferengpässe. Eine Renaissance der pharmazeutischen Produktion in Europa – und damit auch in Österreich – könnte diese Abhängigkeiten reduzieren und die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen.
Die PHARMIG vertritt etwa 120 Mitgliedsunternehmen, die zusammen 95 Prozent des österreichischen Medikamentenmarkts abdecken. Diese Zahlen verdeutlichen die bereits heute beträchtliche wirtschaftliche Bedeutung der Branche für Österreich. Die Pharmaindustrie beschäftigt direkt etwa 18.000 Menschen und indirekt weitere 50.000 in Zulieferbetrieben und Dienstleistungsunternehmen.
Der Umsatz der österreichischen Pharmaindustrie betrug 2023 etwa 6,8 Milliarden Euro, wovon der Großteil für den Export bestimmt war. Diese Exportorientierung macht die Branche zu einem wichtigen Devisenverdiener für Österreich. Gleichzeitig zeigt sie das Potenzial auf, das durch eine Stärkung der Forschungsaktivitäten noch besser genutzt werden könnte.
Internationale Vergleiche zeigen das brachliegende Potenzial: In der Schweiz erwirtschaftet die Pharmaindustrie etwa 35 Prozent der gesamten Industrieproduktion, in Österreich sind es lediglich 8 Prozent. Diese Diskrepanz verdeutlicht, welche wirtschaftlichen Chancen Österreich durch eine gezielten Förderung der Pharmaforschung erschließen könnte.
Die Pharmaforschung schafft nicht nur hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze, sondern fördert auch Innovation in verwandten Bereichen. Biotechnologie, Medizintechnik und digitale Gesundheitslösungen profitieren von einem starken Pharmastandort. Diese Synergieeffekte könnten Österreich zu einem führenden Life-Sciences-Hub in Mitteleuropa machen.
Besonders für junge Akademiker bietet die Pharmaforschung attraktive Karriereperspektiven. Von Molekularbiologen über Chemiker bis hin zu Datenanalysten – die Branche benötigt vielfältige Qualifikationen und bietet entsprechend diverse Entwicklungsmöglichkeiten.
Österreich profitiert bereits heute von verschiedenen EU-Programmen zur Förderung der Pharmaforschung. Das Horizon Europe Programm stellt bis 2027 etwa 95 Milliarden Euro für Forschung und Innovation bereit, wovon ein erheblicher Teil in Gesundheitsforschung fließt. Österreichische Forschungseinrichtungen und Unternehmen könnten von diesen Mitteln stärker profitieren, wenn die nationalen Rahmenbedingungen attraktiver gestaltet würden.
Die European Medicines Agency (EMA) hat verschiedene Initiativen gestartet, um die Arzneimittelentwicklung in Europa zu beschleunigen. Programme wie PRIME (PRIority MEdicines) bieten wissenschaftliche Beratung für besonders vielversprechende Therapien. Österreichische Unternehmen könnten von solchen Programmen stärker profitieren, wenn sie mehr Forschungsprojekte durchführen würden.
Dänemark zeigt exemplarisch, wie ein kleineres europäisches Land zu einem bedeutenden Pharmastandort werden kann. Novo Nordisk, der weltgrößte Insulinhersteller, hat seinen Hauptsitz in Kopenhagen und beschäftigt dort über 25.000 Menschen. Dies wurde durch gezielte staatliche Förderung, enge Kooperationen zwischen Universitäten und Industrie sowie ein innovationsfreundliches Regelwerk erreicht.
Auch die Niederlande haben sich erfolgreich als Pharmastandort positioniert. Das "Health~Holland" Programm koordiniert alle Aktivitäten im Bereich Life Sciences und hat zu einem deutlichen Wachstum der Branche geführt. Solche koordinierten Ansätze könnte auch Österreich umsetzen.
Die Zukunft der Pharmaforschung wird von mehreren Megatrends geprägt. Personalisierte Medizin, bei der Therapien basierend auf genetischen Profilen individuell angepasst werden, verspricht revolutionäre Behandlungsmöglichkeiten. Künstliche Intelligenz beschleunigt die Wirkstoffsuche erheblich und kann die Entwicklungszeit neuer Medikamente halbieren. Gentherapien ermöglichen es, Erbkrankheiten an der Wurzel zu behandeln.
Diese Entwicklungen eröffnen Österreich die Chance, sich in Zukunftsbereichen zu positionieren. Besonders im Bereich der digitalisierten Medizin könnte das Land seine starke IT-Branche mit der Pharmaforschung verknüpfen. Start-ups wie MindMaze, das neurologische Rehabilitation mit virtueller Realität kombiniert, zeigen bereits das Potenzial solcher interdisziplinären Ansätze.
Gleichzeitig stehen der Pharmaindustrie große Herausforderungen bevor. Der demografische Wandel führt zu einer steigenden Nachfrage nach Therapien für altersbedingte Erkrankungen wie Alzheimer oder Osteoporose. Klimawandel und Globalisierung begünstigen die Ausbreitung neuer Infektionskrankheiten, für die schnell Impfstoffe und Medikamente entwickelt werden müssen.
Ein zunehmend wichtiger Aspekt ist die Nachhaltigkeit der Arzneimittelproduktion. Green Chemistry, also umweltfreundliche Syntheseverfahren, gewinnt an Bedeutung. Österreich könnte sich als Vorreiter für nachhaltige Pharmaproduktion positionieren und damit sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile erzielen.
Die Kreislaufwirtschaft bietet weitere Chancen: Durch Recycling von Ausgangsstoffen und optimierte Produktionsprozesse lassen sich Kosten senken und die Umweltbelastung reduzieren. Solche innovativen Ansätze könnten österreichischen Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen.
Der Tag der Weltgesundheit am 7. April macht deutlich, dass Medikamente unverzichtbar für die moderne Gesundheitsversorgung sind. Wie die PHARMIG argumentiert, liegt es nun an der Politik, die Weichen für eine starke österreichische Pharmaforschung zu stellen. Nur so kann gewährleistet werden, dass auch künftige Generationen von österreichischen Patienten von den neuesten medizinischen Entwicklungen profitieren können. Die Zeit für eine umfassende Life-Sciences-Strategie ist reif – die Frage ist nur, ob Österreich diese Chance ergreifen wird.