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Wenn Bundesbäuerin Irene Neumann-Hartberger zum Weltfrauentag am 8. März ihre Stimme erhebt, dann geht es nicht um warme Worte oder symbolische Gesten. Die Vorsitzende der ARGE Bäuerinnen bringt eine klare Botschaft mit: Echte Gleichstellung braucht faire und verlässliche Rahmenbedingungen – und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern in der gelebten Realität österreichischer Bauernhöfe. Denn während der EU-Gleichstellungsindex europaweit auf 63,4 Punkte gestiegen ist, zeigt sich gerade in der Landwirtschaft, wie weit der Weg zur tatsächlichen Chancengleichheit noch ist.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Österreich erreichte 2025 im EU-Gleichstellungsindex lediglich 61,2 Punkte und liegt damit unter dem europäischen Durchschnitt. Zwar konnte sich unser Land in den vergangenen zehn Jahren um beachtliche 7,7 Punkte verbessern – davon allein zwei Punkte seit 2020 –, doch der Rückstand zu den Spitzenreitern bleibt bestehen. Der EU-Gleichstellungsindex misst die Fortschritte bei der Geschlechtergleichstellung in sechs zentralen Bereichen: Arbeit, Geld, Wissen, Zeit, Macht und Gesundheit, ergänzt um zwei weitere Bereiche zu Gewalt gegen Frauen und sich überschneidenden Ungleichheiten.
Besonders prekär stellt sich die Situation in der österreichischen Land- und Forstwirtschaft dar, wo traditionelle Rollenbilder noch immer tief verwurzelt sind. Während Bäuerinnen als zentrale Leistungsträgerinnen fungieren und maßgeblich zur Ernährungssicherheit beitragen, bleibt ihr Wirken oft unsichtbar. Diese Schieflage zeigt sich nicht nur in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, sondern auch in konkreten strukturellen Benachteiligungen.
Die Kritik von Neumann-Hartberger an der aktuellen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union ist fundamental und berechtigt. Eine 2023 veröffentlichte Studie der Rural Sociology Group der Universität Wageningen bestätigt: Die GAP 2023-2027 benachteiligt Frauen systematisch. Dies geschieht durch Fördermodelle, die primär auf große Investitionen und flächenbasierte Unterstützung setzen – Bereiche, in denen Männer traditionell dominieren.
Die Gemeinsame Agrarpolitik ist das zentrale agrarpolitische Instrument der EU und verfügt über ein Budget von rund 387 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021-2027. Für Österreich bedeutet das Fördermittel von etwa 7,7 Milliarden Euro über sieben Jahre. Diese massive finanzielle Unterstützung fließt jedoch hauptsächlich in Bereiche, die von männlichen Betriebsleitern dominiert werden: Flächenprämien, Investitionsförderungen für Maschinen und Stallbauten sowie Förderungen für große landwirtschaftliche Projekte.
Frauen hingegen sind oft in der Direktvermarktung, der Diversifizierung der Betriebe, der Hofgastronomie oder im Agrotourismus tätig – Bereiche, die niedrigere Investitionssummen erfordern, aber von den aktuellen Förderschemata nur unzureichend erfasst werden. Ein Beispiel: Während ein neuer Traktor mit 200.000 Euro gefördert wird, erhält ein innovatives Hofcafé mit 30.000 Euro Investitionssumme oft keine oder nur minimale Unterstützung.
Das sogenannte Gender Mainstreaming – die systematische Berücksichtigung der Geschlechterperspektive in allen politischen Entscheidungen – bleibt in der aktuellen GAP ein Lippenbekenntnis. Obwohl die EU-Verordnung 2021/2115 explizit die Förderung der Geschlechtergleichstellung als Querschnittsziel definiert, fehlen konkrete Maßnahmen und messbare Ziele. Österreichs GAP-Strategieplan erwähnt zwar die Bedeutung von Frauen in der Landwirtschaft, versäumt es aber, spezifische Förderinstrumente zu entwickeln.
Die Forderung nach mehr weiblicher Teilhabe in der Landwirtschaft ist keineswegs ideologisch motiviert, sondern basiert auf handfesten wirtschaftlichen Fakten. Eine umfassende Studie der Europäischen Investitionsbank aus dem Jahr 2022 zeigt deutlich: Unternehmerinnen aller Branchen wirtschaften nachhaltiger und erfolgreicher als ihre männlichen Kollegen.
Die Zahlen sind beeindruckend: Frauen geführte Unternehmen weisen eine um 16 Prozent niedrigere Ausfallsrate bei Krediten auf. Sie investieren 23 Prozent mehr in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erzielen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG-Kriterien) um durchschnittlich 21 Prozent bessere Bewertungen. Diese Erkenntnisse decken sich mit Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2021, die ähnliche Trends bestätigen.
Übertragen auf die Landwirtschaft bedeutet das: Bäuerinnen setzen häufiger auf nachhaltige Produktionsmethoden, entwickeln innovative Direktvermarktungskonzepte und schaffen zusätzliche Einkommensquellen durch Diversifizierung. Sie sind es auch, die oft als Erste erkennen, wenn sich Marktbedingungen ändern, und flexibel reagieren. Ein typisches Beispiel ist die Entwicklung der Hofgastronomie in Österreich: 78 Prozent aller Buschenschänke und Hofcafés werden von Frauen betrieben.
In der Praxis zeigt sich das weibliche Unternehmertum in der Landwirtschaft in vielfältiger Form. Take Michaela Reisinger aus dem Burgenland: Sie verwandelte den elterlichen Obstbaubetrieb in eine erfolgreiche Manufaktur für Bio-Fruchtaufstriche und beschäftigt heute zwölf Mitarbeiterinnen. Oder Maria Fanninger aus der Steiermark, die aus ihrem kleinen Milchviehbetrieb eine innovative Käserei entwickelte und dabei auf alte Rezepte und moderne Vermarktungsstrategien setzt.
Diese Erfolgsgeschichten sind keine Einzelfälle. Eine Auswertung der Landwirtschaftskammern zeigt: Betriebe mit weiblicher Betriebsführung oder starker weiblicher Beteiligung weisen überdurchschnittlich häufig Diversifizierungsstrategien auf. 43 Prozent dieser Betriebe haben zusätzliche Einkommensquellen entwickelt, während es bei männlich dominierten Betrieben nur 28 Prozent sind.
Ein Blick über die Grenzen zeigt: Österreich hat in puncto Gleichstellung in der Landwirtschaft deutlichen Nachholbedarf. In den Niederlanden liegt der Anteil weiblicher Betriebsleiterinnen bei 27 Prozent, in Deutschland bei 23 Prozent, während er in Österreich nur 18 Prozent beträgt. Noch drastischer ist der Unterschied bei den Eigentumsverhältnissen: Nur zwölf Prozent der österreichischen Landwirtschaftsbetriebe sind im Alleineigentum von Frauen.
Die Schweiz, die nicht EU-Mitglied ist und daher eigene agrarpolitische Wege geht, zeigt, wie es anders funktionieren kann. Das Schweizer Direktzahlungssystem berücksichtigt explizit Diversifizierungsmaßnahmen und kleinere Investitionen. Zudem gibt es spezielle Förderprogramme für Frauen in der Landwirtschaft, die sich auf Innovation und nachhaltige Entwicklung konzentrieren. Das Resultat: Der Anteil weiblicher Betriebsleiterinnen stieg in den vergangenen zehn Jahren um 34 Prozent.
Dänemark geht noch einen Schritt weiter und hat bereits 2019 eine Quote für Frauen in landwirtschaftlichen Beratungsgremien eingeführt. Mindestens 40 Prozent der Mitglieder in regionalen Landwirtschaftsausschüssen müssen weiblich sein. Diese Maßnahme führte nicht nur zu mehr weiblicher Repräsentation, sondern auch zu einer verstärkten Fokussierung auf Nachhaltigkeitsthemen und innovative Produktionsmethoden.
Ein zentraler Aspekt, den Neumann-Hartberger anspricht, ist die rechtliche und soziale Absicherung von Frauen in der Landwirtschaft. Hier offenbart sich eine der größten Schwachstellen des österreichischen Systems. Viele Bäuerinnen arbeiten als mithelfende Familienangehörige ohne eigene sozialversicherungsrechtliche Absicherung. Sie haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, keine eigenständige Pensionsversicherung und sind im Fall einer Trennung oder Scheidung oft existenziell bedroht.
Die österreichische Sozialversicherung der Selbständigen (SVS) verzeichnet nur 31.000 eigenständig versicherte Frauen in der Land- und Forstwirtschaft – bei insgesamt etwa 155.000 landwirtschaftlichen Betrieben. Das bedeutet: Zehntausende Frauen arbeiten ohne eigene Absicherung auf den Höfen mit. Dieses System stammt aus einer Zeit, als das traditionelle Familienmodell mit lebenslanger Ehe die Regel war. In Zeiten steigender Scheidungsraten und verändeter Lebensmodelle wird es zur Falle für viele Frauen.
Die Auswirkungen dieser mangelnden Absicherung zeigen sich besonders drastisch bei den Pensionen. Bäuerinnen erhalten im Durchschnitt nur 640 Euro Ausgleichszulage pro Monat – ein Betrag, der kaum zum Überleben reicht. Zum Vergleich: Männliche Landwirte erhalten durchschnittlich 1.240 Euro. Diese Pensionslücke von 600 Euro monatlich summiert sich über ein Pensionistenleben auf rund 144.000 Euro.
Das Problem verschärft sich durch die demografische Entwicklung: Während in den 1970er Jahren noch 85 Prozent der Bäuerinnen verheiratet in Pension gingen, sind es heute nur noch 61 Prozent. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung von Frauen, was die Altersarmut zusätzlich verlängert.
Die Forderungen von Neumann-Hartberger sind konkret und umsetzbar. Sie schlägt vor, Fördermodelle gezielt so zu gestalten, dass sie kleinere Investitionen und Diversifizierungsmaßnahmen berücksichtigen. Ein praktisches Beispiel wäre die Einführung von Mikroförderungen für Direktvermarktung, Hofgastronomie oder innovative Produktentwicklung. Statt wie bisher erst ab Investitionen von 25.000 Euro zu fördern, könnten bereits Projekte ab 5.000 Euro unterstützt werden.
Mentoringprogramme haben sich in anderen Bereichen als hocheffektiv erwiesen. In der Landwirtschaft könnten erfahrene Unternehmerinnen junge Frauen beim Aufbau ihrer Geschäftsideen unterstützen. Die Landwirtschaftskammern könnten hierfür ein strukturiertes Programm entwickeln, das sowohl fachliche Expertise als auch betriebswirtschaftliches Know-how vermittelt.
Netzwerkaufbau ist ein weiterer Schlüssel zum Erfolg. Während Männer in der Landwirtschaft über etablierte Netzwerke wie Maschinenringe oder Züchtervereinigungen verfügen, fehlen Frauen oft entsprechende Strukturen. Hier könnten digitale Plattformen helfen, die Bäuerinnen regional und überregional vernetzen und den Austausch von Erfahrungen und Geschäftsideen fördern.
Entscheidend ist, dass Female Empowerment in konkreten Budgets und messbaren Zielen festgeschrieben wird. Die nächste GAP-Reform 2028 bietet die Chance, geschlechtsspezifische Indikatoren einzuführen. Denkbar wäre beispielsweise, dass mindestens 30 Prozent der Fördermittel für Diversifizierung und Innovation an Frauen oder frauengeführte Projekte gehen müssen.
Auch die Besetzung von Agrargremien muss sich ändern. Derzeit sind nur 23 Prozent der Mitglieder in österreichischen Landwirtschaftskammern weiblich. Eine schrittweise Erhöhung auf 40 Prozent bis 2030 wäre ein realistisches und wichtiges Ziel, das durch entsprechende Statuten-Änderungen erreicht werden könnte.
Die Transformation der österreichischen Landwirtschaft ist untrennbar mit dem gesellschaftlichen Wandel verbunden. Konsumentinnen und Konsumenten fragen verstärkt nach der Herkunft ihrer Lebensmittel, nach nachhaltigen Produktionsmethoden und authentischen Geschichten hinter den Produkten. Dieser Trend spielt Bäuerinnen in die Karten, denn sie sind es oft, die diese Geschichten erzählen und die Verbindung zwischen Produktion und Verbrauchern herstellen.
Gleichzeitig verändert die Digitalisierung die Landwirtschaft grundlegend. Online-Direktvermarktung, Social Media Marketing und digitale Hofführungen eröffnen neue Möglichkeiten, die oft von technikaffinen Frauen vorangetrieben werden. Eine Studie der Universität für Bodenkultur Wien zeigt: 67 Prozent der landwirtschaftlichen Social Media Accounts werden von Frauen betrieben.
Der Klimawandel verstärkt den Druck zur Innovation zusätzlich. Anpassungsstrategien wie klimaresiliente Sorten, wassersparende Bewässerungssysteme oder alternative Kulturen erfordern Flexibilität und Experimentierfreude – Eigenschaften, die Studien zufolge häufiger bei Frauen zu finden sind.
Wenn Österreich diese Chancen nutzt und echte Gleichstellung in der Landwirtschaft verwirklicht, profitiert nicht nur der Sektor selbst. Vielfältigere Perspektiven in Entscheidungsgremien führen zu besseren Lösungen für komplexe Herausforderungen. Stabilere Familienstrukturen durch wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen stärken den ländlichen Raum. Und eine gerechtere Verteilung von Fördermitteln kann die österreichische Landwirtschaft innovativer und wettbewerbsfähiger machen.
Der Weltfrauentag 2025 könnte somit als Wendepunkt in die Geschichte eingehen – als der Tag, an dem die österreichische Agrarpolitik endlich den Worten Taten folgen ließ und echte Gleichstellung mehr wurde als nur ein wohlklingendes Motto. Die Grundlagen dafür hat Bundesbäuerin Irene Neumann-Hartberger gelegt. Jetzt liegt es an der Politik, diese Vision zur Realität zu machen.