Zurück
OTS-MeldungStrom/Energiemarkt/Energie/NGOs

Österreichs Energiewende: Warum Strompreise trotz Ökostrom steigen

16. März 2026 um 13:52
Teilen:

Während Österreich den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreibt, steigen paradoxerweise die Strompreise für Verbraucher weiter an. Die Umweltorganisation oecolution unterstützt nun eine Initiative ...

Während Österreich den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreibt, steigen paradoxerweise die Strompreise für Verbraucher weiter an. Die Umweltorganisation oecolution unterstützt nun eine Initiative von Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner, die mehr Transparenz im europäischen Strommarkt fordert. Im Zentrum der Kritik steht ein systemisches Problem: Obwohl erneuerbarer Strom günstiger produziert wird als fossiler Strom, profitieren österreichische Haushalte und Unternehmen kaum von diesen niedrigeren Kosten.

Das Merit-Order-System: Warum der teuerste Strom den Preis bestimmt

Um das aktuelle Problem zu verstehen, muss man sich das europäische Strompreissystem genauer ansehen. Im sogenannten Merit-Order-Verfahren bestimmt das teuerste Kraftwerk, das zur Stromversorgung benötigt wird, den Preis für alle Anbieter. Das bedeutet: Auch wenn 70 Prozent des Stroms aus günstiger Wasserkraft stammen, bestimmen die verbleibenden 30 Prozent aus teuren Gaskraftwerken den gesamten Strompreis.

Christian Tesch, Geschäftsführer von oecolution, kritisiert dieses System scharf: "Erneuerbarer Strom ist günstiger als fossiler Strom. Dieser Vorteil geht aber verloren, wenn fossile CO₂-Kosten auch auf den Preis für erneuerbaren Strom aufgeschlagen werden." Diese Preisverzerrung führt dazu, dass österreichische Verbraucher für klimafreundlich produzierten Strom denselben Preis zahlen wie für umweltschädlichen Kohlestrom.

Österreichs Energiemix im Detail

Österreich verfügt über eine der saubersten Stromproduktionen Europas. Rund 78 Prozent des heimischen Stroms stammen aus erneuerbaren Quellen - hauptsächlich aus Wasserkraft (60 Prozent), gefolgt von Wind- und Solarenergie. Diese Kraftwerke haben nach der Errichtung sehr niedrige Betriebskosten, da weder Brennstoffkosten anfallen noch CO₂-Zertifikate gekauft werden müssen.

Dennoch zahlen österreichische Haushalte durchschnittlich 25 Cent pro Kilowattstunde - deutlich mehr als die reinen Produktionskosten von Ökostrom rechtfertigen würden. Ein Vier-Personen-Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden zahlt somit rund 1.000 Euro jährlich für Strom, obwohl die heimische Wasserkraft den Strom für etwa 4-6 Cent pro Kilowattstunde produziert.

Europäischer Vergleich: Österreich im internationalen Kontext

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zeigt sich die Problematik besonders deutlich. Norwegen, das ebenfalls über große Wasserkraftressourcen verfügt, aber nicht vollständig in den europäischen Strommarkt integriert ist, kann seinen Bürgern deutlich günstigere Strompreise anbieten. Dort zahlen Haushalte umgerechnet nur etwa 12-15 Cent pro Kilowattstunde.

Deutschland hingegen, das einen höheren Anteil fossiler Energieträger im Strommix hat, weist ähnliche Preise wie Österreich auf - obwohl der deutsche Strommix deutlich mehr CO₂-intensive Kraftwerke umfasst. Diese Preisangleichung ist ein direktes Ergebnis des europäischen Strommarktdesigns, das ursprünglich zur Förderung des Wettbewerbs und der Versorgungssicherheit entwickelt wurde.

Die Schweiz, die nicht Mitglied der Europäischen Union ist, kann ihre Strompreise flexibler gestalten und profitiert stärker von ihrer eigenen Wasserkraftproduktion. Schweizer Haushalte zahlen durchschnittlich etwa 18-20 Cent pro Kilowattstunde und damit merklich weniger als ihre österreichischen Nachbarn.

Konkrete Auswirkungen auf österreichische Verbraucher

Die aktuellen Strompreise belasten österreichische Haushalte und Unternehmen erheblich. Eine durchschnittliche Familie gibt mittlerweile rund 3-4 Prozent ihres Nettoeinkommens für Strom aus - vor zehn Jahren waren es noch etwa 2 Prozent. Besonders betroffen sind einkommensschwache Haushalte und energieintensive Gewerbebetriebe.

Kleine und mittlere Unternehmen, die das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft bilden, sehen sich mit Stromkosten konfrontiert, die ihre Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen. Ein Bäckerei-Betrieb mit einem Jahresverbrauch von 50.000 Kilowattstunden zahlt derzeit etwa 12.500 Euro für Strom - Kosten, die bei einer direkten Vermarktung von Ökostrom deutlich niedriger ausfallen könnten.

Besonders betroffene Regionen

Ironischerweise sind oft jene Regionen am stärksten von hohen Strompreisen betroffen, die selbst große Mengen an erneuerbarer Energie produzieren. Das Mühlviertel in Oberösterreich beispielsweise, wo zahlreiche Windparks und Wasserkraftwerke stehen, profitiert kaum von der lokalen Stromproduktion. Die dort erzeugte Energie fließt in den europäischen Markt und wird zum europäischen Marktpreis verkauft.

Genehmigungsverfahren als zusätzliche Hürde

Parallel zur Preisdiskussion drängt oecolution auf eine Beschleunigung der Genehmigungsverfahren für erneuerbare Energieprojekte. Derzeit dauert es in Österreich durchschnittlich 8-12 Jahre, bis ein Windpark oder ein Wasserkraftwerk genehmigt und gebaut ist. Diese lange Planungszeit bremst den Ausbau der erneuerbaren Energien erheblich.

Besonders kontrovers ist die Forderung der Organisation, die "Blockademöglichkeiten von NGOs bei Projekten der erneuerbaren Energie" einzuschränken. Umweltschutzorganisationen argumentieren hingegen, dass ihre Einspruchsrechte wichtige ökologische und landschaftliche Interessen schützen. Diese Debatte spiegelt einen grundsätzlichen Zielkonflikt wider: den schnellen Ausbau erneuerbarer Energien gegen den Schutz lokaler Ökosysteme und Landschaften.

Vergleich der Genehmigungszeiten in Europa

Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Österreich bei Genehmigungsverfahren im Mittelfeld liegt. Dänemark schafft es, Windparks in 3-5 Jahren zu realisieren, während in Deutschland ähnliche Projekte 6-10 Jahre benötigen. Die Niederlande haben durch standardisierte Verfahren und digitale Antragsbearbeitung die Genehmigungszeiten auf durchschnittlich 4-6 Jahre verkürzt.

Transparenz-Initiative der Staatssekretärin

Die von Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner initiierte Transparenz-Offensive zielt darauf ab, die Preisbildung im europäischen Strommarkt für Verbraucher nachvollziehbarer zu machen. Konkret geht es darum, aufzuzeigen, welcher Anteil des Strompreises auf reine Produktionskosten entfällt und welcher Teil durch das europäische Marktdesign bedingt ist.

Diese Initiative könnte der erste Schritt zu einer grundlegenderen Reform des europäischen Strommarkts sein. Verschiedene EU-Länder diskutieren bereits alternative Preismodelle, die den Anteil erneuerbarer Energien stärker berücksichtigen könnten. Spanien und Portugal haben bereits eine temporäre Ausnahme vom Merit-Order-System erhalten, um ihre Strompreise zu begrenzen.

Zukunftsperspektiven: Mögliche Reformansätze

Experten diskutieren verschiedene Ansätze zur Reform des Strommarktdesigns. Ein vielversprechender Weg könnte die Einführung von sogenannten "Power Purchase Agreements" (PPAs) sein - langfristige Direktverträge zwischen Stromerzeugern und Großverbrauchern. Diese würden es ermöglichen, die niedrigen Produktionskosten erneuerbarer Energien direkter an die Verbraucher weiterzugeben.

Ein anderer Ansatz wäre die teilweise Entkopplung des Ökostrompreises vom fossilen Strompreis. Modelle hierfür werden bereits in verschiedenen EU-Ländern erprobt. Norwegen zeigt mit seinem teilweise eigenständigen Marktmodell, dass alternative Preisstrukturen durchaus funktionieren können.

Langfristig könnte auch die Digitalisierung des Strommarkts neue Möglichkeiten eröffnen. Smart Grids und intelligente Stromzähler könnten es ermöglichen, Strom zeitnah dann zu verbrauchen, wenn viel erneuerbare Energie verfügbar ist - und entsprechend günstige Preise zu realisieren.

Rolle der österreichischen Energieunternehmen

Österreichische Energieunternehmen wie die Verbund AG, Wien Energie oder die Salzburg AG könnten von einer Reform des Strommarktdesigns profitieren. Diese Unternehmen haben in den vergangenen Jahren massiv in erneuerbare Energien investiert und könnten ihre günstigen Produktionskosten bei einem reformierten Marktmodell besser an die Kunden weitergeben.

Gleichzeitig entstünde für diese Unternehmen ein neuer Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten aus Ländern mit einem höheren Anteil fossiler Energieträger. Dies könnte die österreichische Energiewirtschaft langfristig stärken und neue Investitionen in erneuerbare Energien fördern.

Die Energiewende in Österreich steht an einem Wendepunkt: Technisch sind die Voraussetzungen für günstige, saubere Stromversorgung gegeben. Politisch und regulatorisch müssen jedoch die Weichen gestellt werden, damit die Vorteile der erneuerbaren Energien auch bei den Verbrauchern ankommen. Die von oecolution unterstützte Transparenz-Initiative könnte der erste Schritt zu einer grundlegenden Reform sein, die Österreichs Pionierrolle bei erneuerbaren Energien auch preislich zum Vorteil der Bürger macht. Ob und wann diese Reform kommt, wird maßgeblich darüber entscheiden, wie schnell die Energiewende gesellschaftlich akzeptiert und wirtschaftlich erfolgreich voranschreitet.

Weitere Meldungen

OTS
Strom

Oecolution fordert faire Strompreise für Energiewende

16. März 2026
Lesen
OTS
FPÖ

FPÖ fordert sofortige Abschaffung der CO2-Steuer in Österreich

16. März 2026
Lesen
OTS
Strommarkt

Österreichs E-Wirtschaft unterstützt EU-Strommarkt-Initiative

16. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen