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Österreichs erste krisensichere 5G-Infrastruktur entsteht

5. März 2026 um 12:07
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Was passiert, wenn der große Blackout kommt und sämtliche Mobilfunknetze zusammenbrechen? Diese Frage beschäftigt Experten seit Jahren – nun hat ein österreichisches Unternehmen eine konkrete Antwort darauf gefunden. Big Blue Marble, ein Spezialist für Medientechnologie, startet ein bahnbrechendes Pilotprojekt für ein völlig autarkes 5G-Mobilfunknetz zwischen Wien-Liesing und Moosbrunn in Niederösterreich. Das Besondere daran: Dieses Netz funktioniert auch dann noch, wenn die reguläre Infrastruktur längst ausgefallen ist.

Revolutionäre Technologie für den Ernstfall

Das Konzept eines autarken 5G-Netzes klingt zunächst futuristisch, basiert jedoch auf sehr realen Bedrohungsszenarien. Ein autarkes Netz bezeichnet eine vollständig unabhängige Kommunikationsinfrastruktur, die ohne Anbindung an das öffentliche Mobilfunknetz oder das Stromnetz funktioniert. Diese Technologie nutzt eigene Frequenzen, eigene Sendemasten und eigene Energieversorgung – eine Art digitale Insel, die auch bei großflächigen Ausfällen bestehen bleibt.

Die technischen Herausforderungen sind beträchtlich. Während herkömmliche 5G-Netze auf eine dichte Infrastruktur aus Basisstationen angewiesen sind, die alle mit dem Kernnetz verbunden sind, muss ein autarkes System diese Funktionen lokal bereitstellen. Das bedeutet: Jede Basisstation benötigt nicht nur eine unabhängige Stromversorgung, sondern auch lokale Rechenkapazitäten und Datenspeicher. Die Komplexität steigt exponentiell, da alle Netzwerkfunktionen – von der Authentifizierung der Nutzer bis zur Datenverarbeitung – vor Ort abgewickelt werden müssen.

Pilotprojekt als Realitätstest

Big Blue Marble testet diese Technologie auf einer 20 Kilometer langen Strecke zwischen Wien-Liesing und Moosbrunn. Diese geografische Ausdehnung ist bewusst gewählt: Sie simuliert realistische Szenarien, in denen Techniker zwischen verschiedenen Standorten kommunizieren müssen. Johann Mika, Chief Innovation Officer bei Big Blue Marble, erklärt die strategische Bedeutung: "Mit diesem Pilotprojekt ergänzen wir unser langjähriges Know-how in der Übermittlung von TV- und Radio-Signalen mit State-of-the-Art-Technologie im Bereich Mobilkommunikation."

Die verwendeten 5G-Frequenzen stellt der Technologiepartner spusu zur Verfügung. Diese Kooperation zeigt, wie etablierte Telekommunikationsunternehmen und Infrastrukturbetreiber zusammenarbeiten, um Österreichs Kommunikationslandschaft krisenfester zu gestalten. Spusu, als einer der alternativen Mobilfunkanbieter in Österreich, bringt dabei sein Frequenzspektrum und seine technische Expertise ein.

Österreichs Verwundbarkeit bei Stromausfällen

Die Relevanz solcher Systeme wird deutlich, wenn man die Entwicklung der letzten Jahre betrachtet. Österreich erlebte in den vergangenen fünf Jahren mehrere regionale Stromausfälle, die jeweils Tausende von Menschen betrafen. Der längste dokumentierte Ausfall in Niederösterreich dauerte 2019 über 14 Stunden und legte weite Teile der Kommunikationsinfrastruktur lahm. Mobilfunkmasten haben typischerweise nur eine Notstromversorgung für vier bis acht Stunden – danach sind ganze Regionen von der Außenwelt abgeschnitten.

Im europäischen Vergleich zeigt sich Österreichs besondere Herausforderung: Während Länder wie die Schweiz oder Deutschland über eine stärker dezentralisierte Energieversorgung verfügen, ist Österreich aufgrund seiner Geographie und der Konzentration auf Wasserkraft anfälliger für großflächige Ausfälle. Eine Studie der österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge aus dem Jahr 2023 identifizierte die Kommunikationsinfrastruktur als kritischen Schwachpunkt bei längeren Stromausfällen.

Internationale Vorbilder und Alleinstellungsmerkmale

Während andere europäische Länder ähnliche Projekte verfolgen, geht Österreich mit diesem Pilotprojekt einen besonderen Weg. In Deutschland arbeitet die Bundesnetzagentur an Konzepten für Notfall-Kommunikationsnetze, die jedoch primär auf Behörden und Rettungskräfte ausgerichtet sind. Die Schweiz hat bereits 2021 ein ähnliches System für alpine Regionen getestet, allerdings mit deutlich geringerer Reichweite und ohne die Integration in bestehende Rundfunkinfrastruktur.

Das österreichische Projekt unterscheidet sich durch seinen dualen Ansatz: Es kombiniert die Kommunikation für Servicetechniker mit der Aufrechterhaltung der Informationsversorgung der Bevölkerung. Diese Verbindung von privatwirtschaftlicher Sicherheit und öffentlicher Daseinsvorsorge ist in Europa einzigartig und könnte zum Modell für andere Länder werden.

Drohnen-Technologie als Zusatznutzen

Neben der reinen Kommunikation erprobt Big Blue Marble innovative Anwendungsfälle für das autarke 5G-Netz. Ein besonders interessanter Aspekt ist die autonome, mobilfunkgestützte Steuerung von Drohnen zur Inspektion der terrestrischen Infrastruktur. Diese Drohnen können auch bei Netzausfällen eingesetzt werden, um Schäden an Sendemasten, Stromleitungen oder anderen kritischen Infrastrukturelementen zu identifizieren.

Die Drohnen-Technologie nutzt dabei die niedrige Latenz von 5G-Netzen, die bei unter einer Millisekunde liegt. Diese nahezu verzögerungsfreie Kommunikation ermöglicht es, Drohnen auch über größere Distanzen präzise zu steuern und hochauflösende Videoübertragungen in Echtzeit zu empfangen. Für die Inspektion von Hochspannungsleitungen oder Sendemasten in schwer zugänglichem Terrain ist dies ein entscheidender Vorteil.

Technische Innovationen im Detail

Das autarke 5G-Netz von Big Blue Marble nutzt sogenannte Small Cells – kleinere Basisstationen mit geringerer Reichweite, aber höherer Effizienz. Diese Small Cells sind mit redundanten Stromversorgungssystemen ausgestattet, die eine Mindestlaufzeit von 72 Stunden garantieren. Diese Zeitspanne orientiert sich an internationalen Standards für kritische Infrastruktur und den Erfahrungen aus vergangenen Krisensituationen.

Die verwendete 5G-Technologie arbeitet im sogenannten Standalone-Modus (5G SA), der völlig unabhängig von bestehenden 4G-Infrastrukturen funktioniert. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu den meisten kommerziellen 5G-Netzen, die noch auf 4G-Kernnetze angewiesen sind. Der Standalone-Modus ermöglicht nicht nur eine höhere Leistung, sondern auch die vollständige Isolation vom öffentlichen Netz.

Auswirkungen auf Bürger und Unternehmen

Für die österreichische Bevölkerung bedeutet dieses Pilotprojekt zunächst eine indirekte, aber wichtige Verbesserung der Sicherheit. Wenn im Krisenfall die Radio- und TV-Übertragung aufrechterhalten werden kann, bleiben Bürger auch bei großflächigen Stromausfällen informiert. Diese Informationsversorgung ist in Notsituationen lebenswichtig – sei es für Evakuierungsanweisungen, Wetterwarnungen oder allgemeine Verhaltensempfehlungen.

Unternehmen, insbesondere solche mit kritischer Infrastruktur, könnten von den Erkenntnissen des Pilotprojekts profitieren. Energieversorgungsunternehmen, Krankenhäuser oder Industriebetriebe könnten ähnliche Systeme implementieren, um ihre interne Kommunikation auch bei großflächigen Ausfällen zu gewährleisten. Die Investitionskosten sind zwar erheblich – Schätzungen gehen von mehreren hunderttausend Euro pro Kilometer aus – aber für kritische Infrastruktur durchaus vertretbar.

Wirtschaftliche Perspektiven

Der österreichische Markt für krisensichere Kommunikationslösungen ist noch klein, aber wachsend. Analysten schätzen das Marktvolumen für 2024 auf etwa 50 Millionen Euro, mit einem jährlichen Wachstum von 15 bis 20 Prozent. Dieses Wachstum wird getrieben durch steigende regulatorische Anforderungen an kritische Infrastruktur und das wachsende Bewusstsein für Cyber-Bedrohungen und Naturkatastrophen.

Big Blue Marble positioniert sich mit diesem Pilotprojekt als Pionier in einem entstehenden Markt. Das Unternehmen, das traditionell auf die Übertragung von TV- und Audio-Content spezialisiert ist, erweitert sein Geschäftsfeld strategisch in Richtung kritischer Kommunikationsinfrastruktur. Diese Diversifikation könnte sich als vorausschauend erweisen, da Experten für die nächsten Jahre eine verstärkte Nachfrage nach ausfallsicheren Kommunikationslösungen prognostizieren.

Herausforderungen und Risiken

Trotz der vielversprechenden Ansätze stehen autarke 5G-Netze vor erheblichen Herausforderungen. Die hohen Investitionskosten sind nur ein Aspekt – komplexer ist die Wartung und der Betrieb solcher Systeme. Jede Komponente muss redundant ausgelegt sein, und das Personal muss für den Notfall geschult werden. Bei einem 20-Kilometer-Netz wie dem Pilotprojekt sind das mindestens acht bis zehn kritische Infrastrukturpunkte, die überwacht und gewartet werden müssen.

Ein weiteres Risiko liegt in der Frequenzverfügbarkeit. Die für das Pilotprojekt genutzten Frequenzen stammen von spusu, aber für eine österreichweite Implementierung wären deutlich mehr Frequenzressourcen nötig. Die österreichische Regulierungsbehörde RTR müsste spezielle Frequenzblöcke für kritische Infrastruktur reservieren – eine politisch und wirtschaftlich komplexe Entscheidung.

Regulatorische Rahmenbedingungen

Die rechtlichen Aspekte autarker 5G-Netze sind noch nicht vollständig geklärt. Während das Telekommunikationsgesetz die Bereitstellung von Notfall-Kommunikation grundsätzlich vorsieht, sind die spezifischen Anforderungen an private Betreiber solcher Netze noch in Entwicklung. Die RTR arbeitet derzeit an Richtlinien, die voraussichtlich 2025 in Kraft treten und die Rahmenbedingungen für kritische Kommunikationsinfrastruktur definieren werden.

International orientiert sich Österreich dabei an EU-Richtlinien zur Resilienz kritischer Einrichtungen. Diese Richtlinien, die 2022 verabschiedet wurden, verpflichten Mitgliedstaaten dazu, die Widerstandsfähigkeit ihrer kritischen Infrastruktur zu stärken. Autarke Kommunikationsnetze könnten ein wichtiger Baustein zur Erfüllung dieser Verpflichtungen werden.

Zukunftsperspektiven und Ausblick

Das Pilotprojekt von Big Blue Marble ist nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer flächendeckenden, krisensicheren Kommunikationsinfrastruktur in Österreich. Wenn die Tests erfolgreich verlaufen, könnte das System schrittweise auf andere Regionen ausgeweitet werden. Priorität hätten dabei Gebiete mit hohem Katastrophenrisiko – alpine Regionen mit Lawinengefahr, Hochwasser-gefährdete Gebiete entlang der Donau oder industrielle Ballungsräume.

Die Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt könnten auch die Entwicklung ähnlicher Systeme in anderen EU-Ländern beeinflussen. Österreich hat aufgrund seiner geographischen Lage und seiner technologischen Kompetenz das Potenzial, zum Referenzland für autarke 5G-Infrastrukturen zu werden. Dies würde nicht nur die nationale Sicherheit stärken, sondern auch wirtschaftliche Chancen für österreichische Technologieunternehmen eröffnen.

Langfristig könnte sich aus solchen Pilotprojekten ein völlig neuer Infrastrukturbereich entwickeln. Ähnlich wie heute Autobahnen oder Stromnetze könnte in Zukunft eine parallele, krisensichere Kommunikationsinfrastruktur entstehen, die in Normalsituationen ruht, aber in Krisen automatisch aktiviert wird. Diese Vision mag heute noch futuristisch erscheinen, aber angesichts zunehmender Bedrohungen durch Cyberangriffe, Naturkatastrophen und geopolitische Spannungen wird sie immer realistischer.

Das Pilotprojekt von Big Blue Marble zeigt: Österreich ist bereit, innovative Wege zu gehen, um seine kritische Infrastruktur zu sichern. Ob sich diese Investition langfristig auszahlt, werden die kommenden Monate zeigen – aber der erste Schritt in Richtung einer krisensicheren Zukunft ist getan.

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