Trotz erstem Wachstum seit 2021 kämpft die Branche mit steigenden Pleiten und Arbeitslosigkeit
Der österreichische Handel verzeichnete 2025 erstmals seit vier Jahren wieder ein Wachstum von 0,4 Prozent, doch Insolvenzen und Arbeitslosigkeit stiegen stark an.
Nach vier schwierigen Jahren kann der österreichische Handel endlich wieder ein Lebenszeichen von sich geben: 2025 wuchs die Branche real um 0,4 Prozent – das erste Plus seit 2021. Doch die Freude ist getrübt, denn gleichzeitig erreichten Insolvenzen und Arbeitslosenzahlen Rekordniveau. Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), warnt: "Gründe zum Jubeln gibt es dennoch wenig."
Die vom Institut für Österreichs Wirtschaft (iföw) präsentierten Zahlen zeigen ein zwiespältiges Bild: Von Jänner bis November 2025 steigerte der österreichische Handel seine Umsätze nominell um 2,0 Prozent auf rund 306 Milliarden Euro. Da die Preissteigerungen im Handel mit 1,6 Prozent deutlich unter der allgemeinen Inflationsrate lagen, ergibt sich preisbereinigt ein reales Wachstum von 0,4 Prozent.
"Der Handel wirkte damit erneut inflationsdämpfend", erklärt Handelsforscher Peter Voithofer vom iföw. Diese positive Entwicklung kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Österreich im europäischen Vergleich deutlich zurückliegt: Im EU-Einzelhandelskonjunktur-Ranking belegt das Land nur den 22. Platz, während der EU-Durchschnitt bei 2,3 Prozent liegt.
Die Entwicklung verlief in den verschiedenen Handelssektoren höchst unterschiedlich. Den deutlichsten Aufschwung verzeichnete die Kfz-Wirtschaft mit einem nominellen Umsatzplus von 6,3 Prozent und real 3,4 Prozent. Der Einzelhandel wuchs nominell um 2,6 Prozent beziehungsweise real um 0,7 Prozent, während der Großhandel trotz eines kleinen nominellen Plusses von 0,5 Prozent real um 0,5 Prozent schrumpfte.
Innerhalb des Einzelhandels zeigten sich ebenfalls starke Unterschiede: Während der Lebensmitteleinzelhandel real um 1,1 Prozent zulegte, betrug das Plus im Non-Food-Bereich nur 0,4 Prozent. Besonders gut entwickelten sich der Schuheinzelhandel (plus 7,4 Prozent), Bau- und Heimwerkerbedarf (plus 7,0 Prozent) sowie der Blumenhandel (plus 5,0 Prozent). Deutliche Rückgänge verzeichneten hingegen der Schmuckhandel (minus 13,7 Prozent), der Buchhandel (minus 6,6 Prozent) und der Möbelhandel (minus 1,8 Prozent).
Die Entwicklung über das Jahr hinweg war von starken Schwankungen geprägt. "Wir hatten eine sehr volatile Entwicklung und in einzelnen Monaten wie beispielsweise im November sogar größere Umsatzrückgänge", berichtet Voithofer. Selbst die Black Week und das früh beginnende Weihnachtsgeschäft konnten die insgesamt schwache Konjunkturentwicklung nicht nachhaltig verbessern.
Besonders besorgniserregend ist die dramatische Entwicklung bei den Unternehmenspleiten: Während 2020 noch 495 Handelsunternehmen Insolvenz anmelden mussten, waren es 2024 bereits 1.125 Betriebe – mehr als eine Verdopplung in nur vier Jahren. Laut Kreditschutzverband von 1870 (KSV) entfällt mittlerweile ein Sechstel aller Insolvenzen in Österreich auf den Handel.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch am Arbeitsmarkt wider: Die Beschäftigung im gesamten Handel ging um 1,5 Prozent auf knapp 560.000 unselbständig Beschäftigte zurück, davon etwa 296.000 im Einzelhandel. Gleichzeitig sank die Zahl der offenen Stellen um 10 Prozent, während die Arbeitslosigkeit in der Branche um 9,6 Prozent anstieg.
"Vor allem um die Rentabilität vieler Handelsunternehmen ist es schlecht bestellt", fasst WKÖ-Handelsobmann Trefelik die Situation zusammen. Der anhaltende Kostendruck in allen Bereichen – von Energie über Personal bis hin zu Mieten – belastet die Ertragssituation der Unternehmen erheblich. Viele Betriebe kämpfen trotz steigender Umsätze ums Überleben.
Dieser Trend erklärt auch, warum die Stimmung in der Branche trotz des ersten Wachstums seit Jahren verhalten optimistisch bleibt. Die Unternehmer sehen zwar Licht am Ende des Tunnels, doch die strukturellen Probleme sind noch nicht gelöst.
Die Wirtschaftskammer fordert daher konkrete Verbesserungen bei den politischen Rahmenbedingungen. "Keine zusätzlichen Kostenbelastungen" steht dabei ganz oben auf der Liste, betont Trefelik mit Verweis auf das kürzlich beschlossene Shrinkflationgesetz. Gleichzeitig wehrt er sich gegen die Darstellung des Handels als Inflationstreiber: "Die Zahlen belegen es schwarz auf weiß: Die Preissteigerungen im Handel liegen unter der Inflationsrate."
Um die inflationsdämpfende Wirkung des Handels aufrechtzuerhalten, sind laut Trefelik wettbewerbsfähige Energiepreise unerlässlich. Die hohen Energiekosten belasten die Handelsbetriebe erheblich und schränken ihre Spielräume für Preisgestaltung und Investitionen ein.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit der außereuropäischen Billigkonkurrenz. Die EU-Entscheidung, ab Juli einen Pauschal-Zoll von drei Euro auf Kleinpakete aus Drittstaaten zu erheben, bewertet Trefelik als ersten Schritt in die richtige Richtung. "Doch dass die Abschaffung der 150-Euro-Zollfreigrenze erst 2028 kommen soll, ist viel zu spät", kritisiert er.
Diese Zollfreigrenze ermöglicht es außereuropäischen Online-Händlern, Waren bis zu einem Wert von 150 Euro ohne Zoll und Mehrwertsteuer nach Europa zu versenden – ein erheblicher Wettbewerbsvorteil gegenüber heimischen Betrieben.
Iris Thalbauer, Geschäftsführerin der Bundessparte Handel, sieht im EU-Binnenmarkt große Chancen für kleine und mittlere Unternehmen: "Zugang zu 450 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten in 27 Staaten ohne Zölle ermöglicht skalierbare Geschäftsmodelle." In der Praxis erschweren jedoch komplexe Vorschriften und unterschiedliche nationale Auslegungen den Marktzugang erheblich.
Für das kommende Jahr zeigen sich die Wirtschaftsforscher vorsichtig optimistisch. Sie prognostizieren ein weiteres Anspringen der Konjunktur und eine gewisse Verbesserung beim privaten Konsum. Unsicherheiten bleiben jedoch bestehen, insbesondere was die Unternehmensstimmung und den anhaltenden Kostendruck betrifft.
"Wir blicken somit auf ein schwieriges Jahr zurück, auch wenn sich die Konjunktur etwas erholt hat und wir für 2026 eine gewisse Hoffnung auf einen Aufwärtstrend haben", resümiert Trefelik. Die Herausforderungen seien aber noch längst nicht bewältigt.
Neben den aktuellen Forderungen hat die Handelssparte auch eine langfristige Reformagenda im Blick. Dazu gehören eine spürbare Entlastung bei den Lohnnebenkosten, die Reduktion von Bürokratie sowie verstärkte Investitionen in Aus- und Weiterbildung zur Bekämpfung des Fachkräftemangels.
Auch die Erreichbarkeit von Handelsbetrieben steht auf der Agenda – ein Thema, das besonders in städtischen Gebieten durch Parkplatzmangel und Verkehrsbeschränkungen an Bedeutung gewinnt. "Die Betriebe entlasten statt belasten und für faire Wettbewerbsbedingungen sorgen", fasst Trefelik die Kernforderungen zusammen.
Das Jahr 2025 markiert für den österreichischen Handel eine wichtige Zäsur: Nach vier Jahren des Rückgangs konnte die Branche wieder wachsen. Doch die Rekordwerte bei Insolvenzen und Arbeitslosigkeit zeigen, dass die strukturellen Probleme noch längst nicht gelöst sind. Die Rentabilität vieler Betriebe bleibt unter Druck, während der Wettbewerb durch Online-Handel und internationale Konkurrenz weiter zunimmt.
Ob 2026 tatsächlich eine nachhaltige Erholung bringt, hängt wesentlich davon ab, ob die Politik die geforderten Verbesserungen bei den Rahmenbedingungen umsetzt. Der Handel hat gezeigt, dass er inflationsdämpfend wirken kann – nun braucht er die Unterstützung, um diese positive Rolle auch in Zukunft spielen zu können.