Ein außergewöhnliches Signal gegen Gewalt an Frauen sendet Österreichs Bildungslandschaft: Ab April 2026 können Schülerinnen und Schüler ab der 7. Schulstufe beim bundesweiten Video-Wettbewerb "Gew...
Ein außergewöhnliches Signal gegen Gewalt an Frauen sendet Österreichs Bildungslandschaft: Ab April 2026 können Schülerinnen und Schüler ab der 7. Schulstufe beim bundesweiten Video-Wettbewerb "Gewaltschutz ist #Männersache" teilnehmen. Die am 20. März 2026 vorgestellte Initiative von Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner und Bildungsminister Christoph Wiederkehr will junge Menschen dazu ermutigen, aktiv Stellung gegen Gewalt zu beziehen – mit besonderem Fokus darauf, männliche Jugendliche als Verbündete im Kampf gegen Gewalt an Frauen zu gewinnen.
Gewaltprävention in österreichischen Schulen hat eine neue Dimension erreicht. Während traditionelle Aufklärungsarbeit oft auf passive Wissensvermittlung setzt, geht der neue Video-Wettbewerb einen anderen Weg: Schülerinnen und Schüler werden zu aktiven Gestaltern des gesellschaftlichen Wandels. Diese Herangehensweise basiert auf der Erkenntnis, dass nachhaltiger Bewusstseinswandel nur durch eigene Auseinandersetzung und kreative Reflexion entsteht.
Der Begriff "#Männersache" mag auf den ersten Blick irritieren, doch dahinter steht ein durchdachtes Konzept: Gewaltschutz wird nicht als reine Frauenangelegenheit dargestellt, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der insbesondere Männer und männliche Jugendliche eine Schlüsselrolle einnehmen. Diese Perspektivenerweiterung ist revolutionär, denn sie verlagert die Verantwortung von den Opfern zu den potenziellen Tätern und deren sozialem Umfeld.
Der Grundstein für diese bundesweite Initiative wurde an der BHAK/BHAS Fürstenfeld gelegt. Im Herbst 2025 entwickelten Schülerinnen und Schüler dort im Rahmen eines fächerübergreifenden Projekts das Video "Gewalt an Frauen – ist Männersache". Das Projekt entstand aus der direkten Konfrontation der Jugendlichen mit Gewaltdarstellungen in sozialen Medien und ihrem Wunsch, ein Gegensignal zu setzen.
Besonders bemerkenswert war die technische Umsetzung: Mit Drohnenaufnahmen und professioneller Videotechnik schufen die Schülerinnen und Schüler ein beeindruckendes Werk, das zeigt, welches kreative Potenzial in österreichischen Klassenzimmern schlummert. Der Erfolg dieses Pilotprojekts überzeugte das Bildungsministerium, das Konzept österreichweit auszurollen.
Die Teilnahme am Wettbewerb ist bewusst niederschwellig gestaltet. Schülerinnen und Schüler ab der 7. Schulstufe können allein, in Kleingruppen oder als ganze Klasse teilnehmen. Die Videos dürfen maximal drei Minuten lang sein und können mit einfachsten Mitteln – sogar dem Smartphone – erstellt werden. Diese technische Einfachheit ist gewollt: Kreativität und Inhalt sollen im Vordergrund stehen, nicht die technische Perfektion.
Der zeitliche Ablauf ist straff organisiert: Vom 9. April bis 15. Juni 2026 können Videos über die offizielle Plattform des Bildungsministeriums eingereicht werden. Eine hochkarätige Jury unter dem Vorsitz von Schauspieler Harald Krassnitzer und Bildungsexperte Daniel Landau bewertet die Einsendungen von Juli bis Oktober 2026. Die 16 besten Videos werden dann ab dem 25. November 2026 – dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen – im ORF und bei Puls 4 sowie auf JOYN ausgestrahlt.
Die Kooperation mit ORF und der ProSiebenSat.1 PULS 4-Gruppe ist strategisch klug gewählt. ORF-Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz betont die Wichtigkeit des kontinuierlichen Dialogs mit der Jugend, während Puls 4 Informationsdirektorin Corinna Milborn besonders die Bedeutung der Bewusstseinsänderung bei jungen Männern hervorhebt. Auf JOYN, wo sich viele junge Menschen aufhalten, wird sogar eine eigene Programmschiene für die Siegervideos eingerichtet.
Gewalt gegen Frauen ist in Österreich nach wie vor ein gravierendes Problem. Laut aktuellen Statistiken erlebt jede fünfte Frau ab dem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt. Im europäischen Vergleich liegt Österreich damit im oberen Mittelfeld – ein Umstand, der dringenden Handlungsbedarf signalisiert.
Deutschland hat mit ähnlichen Initiativen bereits positive Erfahrungen gemacht. Dort führten schulische Präventionsprogramme zu einem messbaren Rückgang von Gewaltdelikten unter Jugendlichen. In der Schweiz setzt man ebenfalls auf kreative Ansätze: Video-Projekte in Schulen haben dort zu einer erhöhten Sensibilität für Geschlechterfragen geführt.
Was den österreichischen Ansatz besonders macht, ist die Einbindung in den "Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen". Dieser ressortübergreifende Plan zeigt, dass Gewaltprävention als gesamtstaatliche Aufgabe verstanden wird. Der Video-Wettbewerb ist nur ein Baustein in einem größeren Konzept, das von der Früherkennung bis zur Täterarbeit reicht.
Der Video-Wettbewerb revolutioniert die Art, wie schwierige gesellschaftliche Themen in der Schule behandelt werden. Statt frontaler Belehrung setzt man auf partizipative Pädagogik: Schülerinnen und Schüler werden zu Forschenden, Regisseuren und Botschaftern in einer Person.
Diese Methode hat mehrere Vorteile: Erstens führt die intensive Beschäftigung mit dem Thema zu tieferem Verständnis. Zweitens stärkt die kreative Arbeit das Selbstbewusstsein der Jugendlichen. Drittens entstehen authentische Botschaften, die bei Gleichaltrigen besser ankommen als Kampagnen von Erwachsenen.
Bildungsexperte Daniel Landau sieht in dem Projekt enormes Potenzial: "Schülerinnen und Schüler haben zu diesem Thema sehr viel zu sagen und sollen gehört werden." Diese Wertschätzung jugendlicher Perspektiven ist ein wichtiger Paradigmenwechsel in der österreichischen Bildungslandschaft.
Besonders innovativ ist die fächerübergreifende Herangehensweise. Mediendesign, Sozialwissenschaften, Ethik und Deutsch können in einem Projekt zusammengeführt werden. Schülerinnen und Schüler lernen dabei nicht nur technische Fertigkeiten, sondern entwickeln auch soziale Kompetenzen und ethische Reflexionsfähigkeit.
Diese Verbindung von technischer Kreativität und gesellschaftlicher Verantwortung bereitet Jugendliche optimal auf die Herausforderungen der digitalen Gesellschaft vor. Sie lernen, Medien nicht nur zu konsumieren, sondern bewusst und verantwortlich zu gestalten.
Die Zusammensetzung der Jury spiegelt die gesellschaftliche Relevanz des Themas wider. Neben Harald Krassnitzer und Daniel Landau als Vorsitzende umfasst das Gremium über 40 Persönlichkeiten aus Kunst, Medien, Bildung, Frauenberatung und öffentlichem Leben. Von Gewerkschaftspräsidentin Renate Anderl über Regisseur Stefan Ruzowitzky bis hin zu Sängerin Ina Regen – die Vielfalt der Jury garantiert eine ausgewogene Bewertung aus verschiedenen Blickwinkeln.
Diese interdisziplinäre Zusammensetzung ist programmatisch: Gewaltprävention betrifft alle Gesellschaftsbereiche und braucht entsprechend breite Unterstützung. Die Präsenz prominenter Persönlichkeiten verleiht dem Projekt zusätzliche Glaubwürdigkeit und Aufmerksamkeit.
Der Video-Wettbewerb wird das Bildungssystem nachhaltig beeinflussen. Lehrkräfte müssen sich mit neuen pädagogischen Ansätzen auseinandersetzen und ihre Rolle von Wissensvermittlern zu Lernbegleitern wandeln. Gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten für projektorientierten Unterricht.
Für Schulen bedeutet die Teilnahme am Wettbewerb auch eine Chance zur Profilbildung. Einrichtungen, die sich besonders engagieren, können sich als progressive, gesellschaftlich verantwortliche Bildungsstätten positionieren. Dies kann sowohl für die Schülerakquise als auch für die Lehrergewinnung von Vorteil sein.
Die Kooperation mit REWE International (BILLA, BIPA, PENNY, ADEG) zeigt zudem, wie Wirtschaft und Bildung gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung übernehmen können. Das "kleine Dankeschön" für alle teilnehmenden Schulen ist dabei weniger materiell als symbolisch wertvoll – es zeigt Wertschätzung für das Engagement.
Nebenbei fördert der Wettbewerb auch die digitale Kompetenz der Teilnehmenden. Das Erstellen, Bearbeiten und Hochladen von Videos erfordert technische Fertigkeiten, die in der digitalen Arbeitswelt zunehmend wichtiger werden. Diese Verbindung von gesellschaftlichem Engagement und Kompetenzentwicklung macht das Projekt besonders wertvoll.
Der österreichische Video-Wettbewerb könnte Modellcharakter für andere europäische Länder entwickeln. Die Kombination aus kreativer Pädagogik, gesellschaftlichem Engagement und medialer Aufmerksamkeit bietet ein übertragbares Konzept für verschiedene Bildungssysteme.
Bereits jetzt zeigen sich internationale Bildungsexperten interessiert an den österreichischen Erfahrungen. Sollte sich der Wettbewerb als erfolgreich erweisen, könnte er als Blaupause für ähnliche Initiativen in anderen Ländern dienen.
Langfristig könnte aus dem einmaligen Wettbewerb ein fester Bestandteil des österreichischen Bildungskalenders werden. Die positive Resonanz auf das Pilotprojekt in Fürstenfeld lässt vermuten, dass auch der bundesweite Wettbewerb auf große Begeisterung stoßen wird.
Der wahre Erfolg des Projekts wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen: Haben die teilnehmenden Jugendlichen tatsächlich ein nachhaltig verändertes Bewusstsein für Gewaltprävention entwickelt? Werden sie als Erwachsene aktiver gegen Diskriminierung und Gewalt eintreten?
Diese Fragen lassen sich nur durch Langzeitstudien beantworten. Fest steht jedoch: Mit dem Video-Wettbewerb "Gewaltschutz ist #Männersache" setzt Österreich ein innovatives Signal für eine gewaltfreie Gesellschaft – und macht deutlich, dass Veränderung bei der Bildung der nächsten Generation beginnt.