Österreichs Medienlandschaft bekommt eine neue Chance, ihre gesellschaftliche Verantwortung unter Beweis zu stellen: Der ÖZIV Bundesverband startet die Ausschreibung für den renommierten ÖZIV-Medie...
Österreichs Medienlandschaft bekommt eine neue Chance, ihre gesellschaftliche Verantwortung unter Beweis zu stellen: Der ÖZIV Bundesverband startet die Ausschreibung für den renommierten ÖZIV-Medienpreis 2025. Bereits zum 20. Mal würdigt die größte Interessenvertretung für Menschen mit Behinderungen herausragende journalistische Arbeiten, die das Bewusstsein für die Lebenswelten von Menschen mit Behinderungen schärfen. Die Einreichfrist läuft noch bis zum 30. April 2026 – und die Erwartungen sind hoch.
Der ÖZIV-Medienpreis ist weit mehr als eine weitere Auszeichnung in der österreichischen Medienlandschaft. Seit seiner Gründung 2006 hat er sich zu einem wichtigen Instrument der Bewusstseinsbildung entwickelt. "Medien spielen eine Schlüsselrolle, ob und wie Menschen mit Behinderungen in einer Gesellschaft wahrgenommen werden", betont Rudolf Kravanja, Präsident des ÖZIV Bundesverbandes. Diese Aussage trifft den Kern eines Problems, das oft übersehen wird: Die Art, wie Medien über Menschen mit Behinderungen berichten, prägt maßgeblich die öffentliche Wahrnehmung und damit auch die gesellschaftliche Teilhabe dieser Bevölkerungsgruppe.
Die Auszeichnung richtet sich an alle journalistischen Formate: Print-, Online-, Radio- und TV-Beiträge können eingereicht werden, sofern sie zwischen dem 1. Jänner und 31. Dezember 2025 in einem österreichischen Medium veröffentlicht oder ausgestrahlt wurden. Besonders erwünscht sind Arbeiten zu vier Schwerpunktthemen: Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt, Barrierefreiheit, Frauen mit Behinderungen sowie Menschen mit Behinderungen und Kunst.
Das Thema "Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt" steht nicht zufällig an erster Stelle der Prioritätenliste. Österreich kämpft seit Jahren mit einer unbefriedigenden Beschäftigungsquote in diesem Bereich. Laut aktuellen Statistiken des Sozialministeriums liegt die Arbeitslosenquote bei Menschen mit Behinderungen deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Während die allgemeine Arbeitslosenquote in Österreich 2024 bei etwa 6,1 Prozent lag, waren Menschen mit Behinderungen überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen.
Die Herausforderungen sind vielschichtig: Vorurteile bei Arbeitgebern, mangelnde Barrierefreiheit am Arbeitsplatz, unzureichende Unterstützungsstrukturen und oft auch fehlendes Bewusstsein für die tatsächlichen Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen. Hier können qualitätsvolle journalistische Beiträge Brücken bauen, indem sie erfolgreiche Beispiele aufzeigen, Barrieren benennen und Lösungsansätze präsentieren.
Die österreichische Gesetzgebung sieht zwar eine Beschäftigungspflicht vor – Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitenden müssen auf je 25 Dienstnehmende eine Person mit Behinderung beschäftigen oder eine Ausgleichstaxe zahlen. Doch die Realität zeigt, dass viele Betriebe lieber die Ausgleichstaxe entrichten, als Menschen mit Behinderungen einzustellen. Journalistische Aufklärungsarbeit kann hier einen wichtigen Beitrag leisten.
Barrierefreiheit ist ein weiteres Kernthema des Medienpreises, das oft missverstanden wird. Viele Menschen denken dabei primär an bauliche Maßnahmen wie Rampen oder Aufzüge. Tatsächlich umfasst Barrierefreiheit jedoch ein viel breiteres Spektrum: von digitaler Zugänglichkeit über leichte Sprache bis hin zur Bereitstellung von Gebärdensprachdolmetschern oder Informationen in Brailleschrift.
In Österreich regelt das Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG) seit 2006 die Anforderungen an Barrierefreiheit. Dennoch sind viele öffentliche Gebäude, Verkehrsmittel und digitale Angebote noch nicht vollständig barrierefrei. Die EU-Accessibility-Richtlinie, die auch in Österreich umgesetzt wurde, verschärft die Anforderungen insbesondere für digitale Inhalte. Medienberichte, die diese komplexen Zusammenhänge erklären und praktische Beispiele aufzeigen, sind besonders wertvoll.
Ein aktuelles Beispiel ist die schrittweise Barrierefreiheit der Wiener U-Bahn-Stationen. Bis 2026 sollen alle 109 Stationen barrierefrei zugänglich sein – ein Millionenprojekt, das zeigt, wie aufwendig echte Inklusion ist. Solche Großprojekte bieten reichlich Material für fundierte journalistische Berichterstattung.
Das Thema "Frauen mit Behinderungen" verdient besondere Aufmerksamkeit, da diese Gruppe häufig einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt ist. Studien zeigen, dass Frauen mit Behinderungen sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch aufgrund ihrer Behinderung benachteiligt werden. Sie sind seltener erwerbstätig, erhalten geringere Löhne und sind häufiger von Gewalt betroffen als Frauen ohne Behinderung oder Männer mit Behinderung.
Die UN-Behindertenrechtskonvention widmet diesem Thema einen eigenen Artikel (Artikel 6), der die Vertragsstaaten dazu verpflichtet, alle geeigneten Maßnahmen zu treffen, um die volle Entfaltung, Förderung und Stärkung der Autonomie der Frauen zu gewährleisten. In Österreich gibt es zwar entsprechende gesetzliche Grundlagen, doch die praktische Umsetzung lässt oft zu wünschen übrig.
Journalistische Beiträge können hier wichtige Bewusstseinsarbeit leisten, indem sie die spezifischen Herausforderungen von Frauen mit Behinderungen sichtbar machen und erfolgreiche Lebensgeschichten erzählen. Dabei geht es nicht nur um Mitleid oder Bewunderung, sondern um eine realistische Darstellung der Lebenswelten und Potentiale dieser Frauen.
Der vierte Schwerpunkt "Menschen mit Behinderungen und Kunst" öffnet ein faszinierendes Feld. Kunst von Menschen mit Behinderungen wird oft noch immer in speziellen Kategorien betrachtet, anstatt als gleichwertige künstlerische Ausdrucksform anerkannt zu werden. Dabei zeigen zahlreiche Beispiele, dass Behinderung und außergewöhnliche künstlerische Leistung Hand in Hand gehen können.
In Österreich gibt es mehrere bemerkenswerte Initiativen und Künstlerinnen und Künstler mit Behinderungen. Das Wiener Werk integra etwa bietet Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung professionelle Kunstausbildung. Die dort entstehenden Werke werden in renommierten Galerien ausgestellt und finden internationale Anerkennung. Solche Geschichten verdienen mediale Aufmerksamkeit, die über das übliche "trotz ihrer Behinderung"-Schema hinausgeht.
Auch im Bereich der darstellenden Künste gibt es bewegende Entwicklungen. Theatergruppen wie das Wiener "Theater Nestroyhof Hamakom" integrieren Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderungen selbstverständlich in ihre Produktionen. Diese Normalität zu vermitteln und gleichzeitig die künstlerische Qualität zu würdigen, ist eine journalistische Herausforderung, die der ÖZIV-Medienpreis besonders schätzt.
Der ÖZIV-Medienpreis wurde 2006 ins Leben gerufen, zu einer Zeit, als die Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen noch stark von Mitleidsjournalismus und Heldengeschichten geprägt war. Die Initiative des ÖZIV zielte von Anfang an darauf ab, eine differenziertere und respektvollere Berichterstattung zu fördern.
In den vergangenen 19 Jahren hat sich die Qualität der eingereichten Beiträge kontinuierlich verbessert. Anfangs dominierten noch klassische Porträts einzelner Personen, heute reichen Journalistinnen und Journalisten zunehmend komplexe gesellschaftspolitische Analysen und investigative Recherchen ein. Diese Entwicklung spiegelt auch den gewandelten Blick der Gesellschaft auf Menschen mit Behinderungen wider.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung in der Online-Berichterstattung. Während 2006 noch hauptsächlich Print- und TV-Beiträge eingereicht wurden, machen heute Online-Artikel und multimediale Formate einen großen Teil der Einreichungen aus. Diese Entwicklung ermöglicht es, komplexe Themen mit verschiedenen Darstellungsformen zu behandeln und interaktive Elemente einzubauen.
Im internationalen Vergleich nimmt Österreich mit dem ÖZIV-Medienpreis eine Vorreiterrolle ein. Ähnliche Auszeichnungen gibt es zwar auch in Deutschland (BOBBY-Medienpreis) und der Schweiz (Medienpreis der Stiftung Cerebral), doch der österreichische Preis zeichnet sich durch seine Kontinuität und sein breites Themenspektrum aus.
In Deutschland vergibt der Verein "Die Medien-Akademie" bereits seit 1992 den BOBBY-Preis für behindertenfreundliche Medienarbeit. Der Schweizer Pendant konzentriert sich stärker auf spezifische Behinderungsformen. Der ÖZIV-Medienpreis hingegen umfasst das gesamte Spektrum von Behinderungen und fördert damit eine ganzheitliche Betrachtung des Themas.
Internationale Studien zeigen, dass Länder mit etablierten Medienpreisen für Behindertenthemen tendenziell eine ausgewogenere und respektvollere Berichterstattung aufweisen. Diese Preise fungieren als wichtige Qualitätskontrolle und Anreiz für Journalistinnen und Journalisten, sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Um die Bedeutung des ÖZIV-Medienpreises zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Organisation dahinter. Der ÖZIV Bundesverband ist seit 1962 aktiv und hat sich zu einer der wichtigsten Interessenvertretungen für Menschen mit Behinderungen in Österreich entwickelt. Mit rund 22.000 Mitgliedern, die durch Landes- und Bezirksorganisationen betreut werden, verfügt der Verband über eine breite gesellschaftliche Basis.
Der ÖZIV versteht sich als Dachverband für selbstständige Mitgliedsorganisationen in den einzelnen Bundesländern. Diese föderale Struktur spiegelt die österreichische Staatsorganisation wider und ermöglicht es, regional unterschiedliche Bedürfnisse zu berücksichtigen. Gleichzeitig sorgt der in Wien ansässige Bundesverband für eine koordinierte Interessenvertretung auf nationaler Ebene.
Mit zentralen Angeboten wie ÖZIV SUPPORT (Beratung und Coaching), der ÖZIV ARBEITSASSISTENZ Niederösterreich und ÖZIV ACCESS setzt sich der Bundesverband für eine wahrhaft inklusive Gesellschaft ein. Diese praktischen Unterstützungsleistungen verleihen der Organisation Glaubwürdigkeit und tiefe Kenntnis der realen Herausforderungen, mit denen Menschen mit Behinderungen konfrontiert sind.
Die Bewertung der eingereichten Beiträge übernimmt eine hochkarätige Jury unter dem Vorsitz von Professor Turnheim. Diese Expertenrunde setzt sich aus Medienfachleuten, Behindertenvertretern und Wissenschaftlern zusammen, die sowohl journalistische Qualität als auch die angemessene Darstellung von Menschen mit Behinderungen bewerten können.
Die Bewertungskriterien sind anspruchsvoll: Neben der journalistischen Qualität spielen die respektvolle Darstellung, die Vermeidung von Klischees und Stereotypen sowie die Förderung des gesellschaftlichen Verständnisses für Menschen mit Behinderungen eine wichtige Rolle. Besonders geschätzt werden Beiträge, die Menschen mit Behinderungen als aktive Gestalter ihres Lebens zeigen, anstatt sie auf ihre Behinderung zu reduzieren.
Die Jury achtet auch darauf, dass die Berichterstattung nicht in die Falle des "Inspiration Porn" tappt – ein Begriff, der die problematische Darstellung von Menschen mit Behinderungen als inspirierende Helden beschreibt, die ihre Behinderung "überwinden". Stattdessen werden Beiträge bevorzugt, die eine differenzierte und realistische Sicht auf die Lebenswelten von Menschen mit Behinderungen vermitteln.
Der ÖZIV-Medienpreis 2025 wird von zwei namhaften Partnern unterstützt: Otto Bock Healthcare Products und der Österreichischen Post AG. Diese Partnerschaften sind mehr als nur finanzielle Unterstützung – sie zeigen, dass auch Unternehmen die Bedeutung einer ausgewogenen Medienberichterstattung über Menschen mit Behinderungen erkennen.
Otto Bock ist ein international führender Anbieter von Prothesen und orthopädischen Hilfsmitteln mit Hauptsitz in Wien. Das Unternehmen unterstützt seit Jahren Initiativen zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen. Die Österreichische Post AG hat sich in den letzten Jahren verstärkt für Barrierefreiheit und Inklusion engagiert, etwa durch die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen und die barrierefreie Gestaltung ihrer Dienstleistungen.
Der ÖZIV-Medienpreis hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten spürbare Veränderungen in der österreichischen Medienlandschaft bewirkt. Journalistinnen und Journalisten berichten heute differenzierter über Menschen mit Behinderungen, verwenden eine respektvollere Sprache und vermeiden zunehmend problematische Stereotype.
Diese Entwicklung ist auch in den Redaktionen angekommen. Viele Medienunternehmen haben inzwischen Leitfäden für die Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen entwickelt. Der ORF etwa hat umfassende Guidelines erarbeitet, die eine respektvolle und sachliche Berichterstattung fördern sollen. Auch private Medienunternehmen wie die "Kronen Zeitung" oder "Der Standard" haben ihre Berichterstattung in diesem Bereich professionalisiert.
Besonders erfreulich ist die Entwicklung bei jungen Journalistinnen und Journalisten. Viele Absolventinnen und Absolventen von Journalismus-Studiengängen bringen heute bereits ein sensibilisiertes Bewusstsein für inklusive Berichterstattung mit. Dies zeigt, dass der gesellschaftliche Wandel auch in der Ausbildung angekommen ist.
Die digitale Transformation der Medienlandschaft eröffnet neue Möglichkeiten für die Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen. Podcasts, interaktive Online-Artikel, Virtual-Reality-Erfahrungen und Social-Media-Formate ermöglichen es, komplexe Themen auf innovative Weise zu präsentieren.
Gleichzeitig stellen diese neuen Formate auch neue Anforderungen an die Barrierefreiheit. Online-Artikel müssen für Screenreader zugänglich sein, Videos benötigen Untertitel und Audiodeskription, und Social-Media-Inhalte sollten mit Alt-Texten für Bilder versehen werden. Der ÖZIV-Medienpreis trägt diesem Wandel Rechnung, indem er auch multimediale und digitale Beiträge auszeichnet.
Die Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen bringt spezifische Herausforderungen mit sich. Journalistinnen und Journalisten müssen ein Gleichgewicht finden zwischen der Darstellung realer Probleme und der Vermeidung von Mitleidsklischees. Sie sollen aufklären, ohne zu dramatisieren, und inspirieren, ohne zu verharmlosen.
Besonders schwierig ist die Sprache. Begriffe wie "leidet an", "ist an den Rollstuhl gefesselt" oder "trotz seiner Behinderung" transportieren problematische Vorstellungen. Die korrekte Verwendung der "People-First-Language" (z.B. "Menschen mit Behinderungen" statt "Behinderte") ist ein erster Schritt, aber es geht um mehr als nur Terminologie.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Authentizität. Journalistische Beiträge über Menschen mit Behinderungen sollten idealerweise auch Menschen mit Behinderungen zu Wort kommen lassen und ihre Perspektiven einbeziehen. Dies erfordert oft mehr Aufwand bei der Recherche und Vorbereitung von Interviews, zahlt sich aber in der Qualität des Endprodukts aus.
Der ÖZIV-Medienpreis 2025 steht vor dem Hintergrund eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels. Die UN-Behindertenrechtskonvention, die Österreich 2008 ratifiziert hat, verändert das Verständnis von Behinderung von einem medizinischen zu einem sozialen Modell. Menschen mit Behinderungen werden nicht mehr als Objekte der Fürsorge betrachtet, sondern als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft mit individuellen Rechten und Bedürfnissen.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der EU-Politik wider. Die Europäische Säule sozialer Rechte und der European Accessibility Act setzen neue Standards für Inklusion und Barrierefreiheit. Österreich ist gefordert, diese Vorgaben umzusetzen und dabei auch die Rolle der Medien zu berücksichtigen.
Für die Zukunft ist zu erwarten, dass die Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen noch selbstverständlicher wird. Idealerweise wird es bald nicht mehr nötig sein, spezielle Medienpreise für dieses Thema zu vergeben, weil inklusive Berichterstattung zum Standard geworden ist. Bis dahin bleibt der ÖZIV-Medienpreis ein wichtiges Instrument zur Qualitätssicherung und Bewusstseinsbildung.
Die Einreichfrist bis zum 30. April 2026 gibt Journalistinnen und Journalisten noch ausreichend Zeit, sich mit den vier Schwerpunktthemen auseinanderzusetzen und qualitätsvolle Beiträge zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um eine Auszeichnung, sondern um einen Beitrag zu einer inklusiveren Gesellschaft. Denn letztendlich entscheiden die Medien mit darüber, wie Menschen mit Behinderungen in Österreich wahrgenommen und behandelt werden. Der ÖZIV-Medienpreis bietet die Chance, diese Verantwortung bewusst wahrzunehmen und positiv zu gestalten.