ZIB 2 History beleuchtet Wendepunkt der österreichischen Geschichte
Eine neue Ausgabe von ZIB 2 History widmet sich dem Jahr 1986 - einem Wendepunkt in Österreichs Geschichte mit der Waldheim-Wahl und Haiders Aufstieg.
Das Jahr 1986 gilt als einer der bedeutendsten Wendepunkte in der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Drei zentrale Ereignisse prägten damals das politische und gesellschaftliche Leben des Landes nachhaltig: die umstrittene Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten, Jörg Haiders Aufstieg zum FPÖ-Chef und der Fall Groer, der die katholische Kirche erschütterte. Diese tiefgreifenden Entwicklungen und ihre bis heute spürbaren Auswirkungen stehen im Mittelpunkt einer neuen Ausgabe von "ZIB 2 History".
Am Mittwoch, dem 25. Februar, um 22.30 Uhr beleuchtet Armin Wolf in ORF 2 und auf ORF ON die komplexen politischen Umbrüche des Jahres 1986. Die Sendung verspricht durch hochkarätige Interviews mit direkten Akteuren der damaligen Zeit besondere Einblicke in die politischen Entscheidungsprozesse.
Als einer der zentralen Gesprächspartner wird Andreas Khol zu Wort kommen, der als einflussreicher ÖVP-Politiker und Verfassungsexperte zu den entschiedenen Verteidigern Kurt Waldheims gehörte. Seine Perspektive auf die damaligen Ereignisse dürfte besonders aufschlussreich sein, da er die innen- und außenpolitischen Verwerfungen aus nächster Nähe miterlebt hat.
Ebenso wird der frühere Bundeskanzler Franz Vranitzky seine Sicht der Dinge darlegen. Vranitzky spielte eine Schlüsselrolle beim politischen Umbruch, der durch Jörg Haiders dramatische Wahl zum FPÖ-Chef beim Parteitag im September 1986 ausgelöst wurde. Dieser Machtwechsel führte letztendlich zum Ende der rot-blauen Koalition und zur Rückkehr der Großen Koalition.
Die Wahl Kurt Waldheims zum österreichischen Bundespräsidenten im Jahr 1986 entwickelte sich zu einem der größten politischen Skandale der Zweiten Republik. Der ehemalige UNO-Generalsekretär sah sich während des Wahlkampfs mit schweren Vorwürfen bezüglich seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Diese Enthüllungen über seine Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier auf dem Balkan führten nicht nur zu heftigen innenpolitischen Debatten, sondern auch zu einer schweren Belastung der österreichischen Außenbeziehungen.
Die internationale Kritik an Waldheims Wahl war deutlich spürbar und führte zu einer teilweisen Isolierung Österreichs in der Weltgemeinschaft. Mehrere Länder verhängten diplomatische Sanktionen, und Waldheim wurde auf eine inoffizielle "Watch List" der USA gesetzt, was ihm die Einreise in die Vereinigten Staaten untersagte.
Diese Ereignisse markierten einen Wendepunkt in Österreichs Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Die jahrzehntelang gepflegte Darstellung Österreichs als "erstes Opfer" des Nationalsozialismus geriet erstmals ernsthaft ins Wanken. Die Waldheim-Affäre zwang die österreichische Gesellschaft zu einer kritischeren Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle während der NS-Zeit.
Parallel zur Waldheim-Kontroverse vollzog sich 1986 ein weiterer dramatischer politischer Wandel: Jörg Haider übernahm die Führung der FPÖ. Beim denkwürdigen Parteitag im September 1986 gelang es dem damals 36-jährigen Kärntner, den bisherigen Parteichef Norbert Steger zu stürzen und die Partei auf einen radikal neuen Kurs zu bringen.
Haiders Machtergreifung hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Regierungskoalition zwischen SPÖ und FPÖ unter Bundeskanzler Fred Sinowatz. Die Sozialdemokraten unter Franz Vranitzky, der nach Sinowatz' Rücktritt das Kanzleramt übernahm, sahen sich nicht mehr in der Lage, mit der nun rechtspopulistisch ausgerichteten FPÖ zusammenzuarbeiten.
Die Koalition zerbrach, und es folgte die Rückkehr zur Großen Koalition zwischen SPÖ und ÖVP. Diese Entwicklung sollte die österreichische Politik für die kommenden Jahre prägen und markierte den Beginn von Haiders langem und kontroversem politischen Aufstieg.
Haiders Übernahme der FPÖ-Führung veränderte nicht nur die unmittelbare Regierungskonstellation, sondern hatte auch langfristige Auswirkungen auf das österreichische Parteiensystem. Die FPÖ entwickelte sich unter seiner Führung zu einer rechtspopulistischen Kraft, die in den folgenden Jahrzehnten erheblichen Einfluss auf die politische Landschaft ausüben sollte.
Ein weiteres einschneidendes Ereignis des Jahres 1986 war der Beginn der Affäre um Kardinal Hans Hermann Groer. Die ersten Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen den hohen Kirchenvertreter tauchten bereits 1986 auf, auch wenn der Fall erst später vollständig öffentlich wurde. Diese Enthüllungen erschütterten das Vertrauen in die katholische Kirche nachhaltig und leiteten eine bis heute andauernde Vertrauenskrise ein.
Die Auswirkungen des Falls Groer reichten weit über die kirchlichen Strukturen hinaus und beeinflussten das gesellschaftliche Klima in einem traditionell katholisch geprägten Land wie Österreich erheblich.
Im Anschluss an "ZIB 2 History" zeigt ORF 2 um 23.05 Uhr den preisgekrönten Dokumentarfilm "Waldheims Walzer" von Ruth Beckermann. Der Film, der vom ORF im Rahmen des Film/Fernseh-Abkommens kofinanziert wurde, bietet eine eindringliche Analyse der Waldheim-Ära und ihrer Bedeutung für Österreichs Vergangenheitsbewältigung.
Beckermann verwebt in ihrem Werk zeitgenössisches Videomaterial mit umfangreichem Archivmaterial und dokumentiert die hitzigen gesellschaftlichen Debatten, die damals auf Österreichs Straßen geführt wurden. Der Film zeigt, wie das traditionelle Geschichtsbild der Nachkriegszeit zu bröckeln begann und eine neue, kritischere Auseinandersetzung mit der österreichischen Vergangenheit einsetzte.
"Waldheims Walzer" erhielt mehrere internationale Auszeichnungen und gilt als wichtiger Beitrag zur österreichischen Zeitgeschichte. Der Dokumentarfilm wird nicht nur als künstlerisches Werk geschätzt, sondern auch als wertvolles historisches Dokument, das die Atmosphäre und die gesellschaftlichen Spannungen jener Zeit authentisch einfängt.
Die Ereignisse von 1986 wirken bis heute nach und haben das moderne Österreich maßgeblich geprägt. Die Waldheim-Affäre führte zu einer grundlegenden Neuorientierung in der österreichischen Geschichtspolitik und zu einer ehrlicheren Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.
Haiders politischer Aufstieg begründete eine neue Ära des Rechtspopulismus in Österreich, deren Einfluss auch nach seinem Tod 2008 noch spürbar ist. Die FPÖ entwickelte sich zu einer dauerhaften Kraft im österreichischen Parteiensystem und prägte den politischen Diskurs nachhaltig.
Der Fall Groer wiederum leitete eine tiefgreifende Vertrauenskrise der katholischen Kirche ein, die sich in den folgenden Jahrzehnten durch weitere Skandale verschärfte und das Verhältnis zwischen Kirche und Gesellschaft in Österreich grundlegend veränderte.
Die neue Ausgabe von "ZIB 2 History" verspricht somit nicht nur einen faszinierenden Rückblick auf ein turbulentes Jahr der österreichischen Geschichte, sondern auch wichtige Erkenntnisse über die Wurzeln vieler aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Kombination aus fundierter journalistischer Aufarbeitung und den Erinnerungen direkter Zeitzeugen dürfte für ein umfassendes Verständnis dieser prägenden Epoche sorgen.