Ehemalige ORF-Journalisten wehren sich gegen Zensurversuch
Nach Kritik an Israel-Berichterstattung droht ORF-Korrespondent Tim Cupal mit rechtlichen Schritten. Autoren sehen Angriff auf Pressefreiheit.
Eine Kontroverse um die ORF-Berichterstattung zum Nahost-Konflikt eskaliert: Nach kritischen Äußerungen ehemaliger ORF-Journalisten zur Israel-Korrespondenz droht Tim Cupal, Korrespondent des österreichischen Rundfunks, mit einer Klage. Die betroffenen Autoren sprechen von einem Angriff auf die Pressefreiheit und weigern sich, ihre Kritik zurückzunehmen.
Am 11. Februar 2026 veröffentlichten ehemalige ORF-Journalisten eine Presseaussendung über die APA-OTS, in der sie "die in weiten Teilen unausgewogene Berichterstattung der Korrespondenten des ORF-Büros in Israel" kritisierten. Diese Kritik richtete sich insbesondere gegen die Darstellung der Situation in Gaza und den besetzten Gebieten.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Peter Sichrovsky, ehemaliger FPÖ-Generalsekretär und EU-Abgeordneter sowie früheres Mitglied der Chefredaktion des STANDARD, postete auf Facebook eine beleidigende Antwort, in der er die Kritiker als "Gruppe von A....löchern" bezeichnete. Sichrovsky hatte nach eigenen Angaben "bis zu meinem Rückzug aus der Politik mit dem Mossad kooperiert".
Die Situation verschärfte sich am 15. Februar, als Tim Cupal, ORF-Korrespondent in Israel, die Redaktion der Vereinigung für Medienkultur anrief. Laut den Autoren Martin Adel und Franz Fluch teilte Cupal mit, dass bereits eine Klage im Rechtsbüro des ORF vorbereitet werde. Die Bedingung: Alle Stellen, in denen die Israel-Korrespondenten Tim Cupal und Nikolaus Wildner namentlich erwähnt wurden, müssten aus dem veröffentlichten Artikel gelöscht werden.
Unter diesem Druck entfernte die Website der Vereinigung für Medienkultur tatsächlich vier komplette Absätze, die sich mit der ORF-Berichterstattung zum Nahost-Konflikt beschäftigten. Für die Autoren Adel und Fluch stellt dies einen "erzwungenen Eingriff in ein durch das Urheberrecht geschütztes und bereits veröffentlichtes Werk" dar.
Die nun gelöschten Passagen, die Adel und Fluch in ihrer aktuellen Pressemitteilung wieder veröffentlichen, enthalten schwerwiegende Vorwürfe gegen die ORF-Korrespondenten. Sie werfen ihnen vor, "willfährig das tatsächliche Geschehen in Gaza, in den militärisch besetzten Gebieten im Westjordanland und Ostjerusalem verzerrt und einseitig dargestellt" zu haben.
Besonders kritisiert wird, dass diese Berichte "in den Hauptnachrichten von Österreichs größtem Medienkonzern mit einem Jahresbudget von 1,1 Milliarden Euro unwidersprochen verbreitet" würden. Die Autoren bezeichnen dies als "Skandal" und werfen den Korrespondenten vor, "das tatsächliche Leid der palästinensischen Bevölkerung verharmlost" zu haben.
Ein besonderer Fokus der Kritik liegt auf den Auszeichnungen, die den ORF-Korrespondenten zuteil wurden. Nikolaus Wildner erhielt am 18. November 2025 den Arik-Brauer-Publizistikpreis von der Medienbeobachtungsstelle Naher Osten (mena-watch), die von dem österreichischen Stahlmagnaten Erwin Javor finanziert wird.
Tim Cupal wurde 2024 mit dem Hauptpreis "Journalistinnen und Journalisten des Jahres" von "Österreichs journalist:in" ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung dankte Cupal seinem Kollegen Wildner dafür, "dass er die Stellung halte", während er zur Ehrung nach Wien gekommen war.
Als Kontrast zu den Israel-Korrespondenten wird Karim El-Gawhary, Leiter des ORF-Nahostbüros in Kairo, dargestellt. Die Medienbeobachtungsstelle mena-watch unterstellt El-Gawhary, er habe in seiner Gaza-Berichterstattung stets "Originaltöne eines Ahmeds, eines Mohammeds oder einer Ghada parat, die herzzerreißende Geschichten zu erzählen haben, bei denen letztendlich immer Israel zum Bösewicht stilisiert wird".
El-Gawhary, der vierfache "Journalist des Jahres" und Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, konterte auf dem sozialen Netzwerk X, er "widerspiegle die arabische Welt wie sie ist und nicht wie man meint, dass sie zu sein habe oder wie sie sich politische Interessengruppen zurechtbiegen wollen".
Die Abberufung El-Gawharys, über die der STANDARD am 19. Dezember 2025 berichtete, wird von den Kritikern als symptomatisch gesehen. Sechs Wochen zuvor kam es zu einem "bemerkenswerten Treffen" zwischen Israels Staatspräsident Yitzhak Herzog, dem Direktor des israelischen Rundfunks KAN, Golan Yochpaz, und ORF-Generaldirektor Roland Weißmann in Jerusalem.
Die Autoren Martin Adel und Franz Fluch sehen in Cupals Klagsdrohung einen direkten Angriff auf die Pressefreiheit. Sie betonen, dass sie sich "von dieser ausgesprochenen Klagsandrohung des ORF nicht einschüchtern" lassen und die gelöschten Passagen daher erneut veröffentlicht haben.
"Wir lassen uns als Autoren jedoch von dieser ausgesprochenen Klagsandrohung des ORF nicht einschüchtern", erklären Adel und Fluch in ihrer Stellungnahme. Sie sehen die Löschung der kritischen Passagen als problematischen Präzedenzfall für die Meinungsfreiheit in Österreich.
Der Fall steht exemplarisch für die anhaltenden Diskussionen über die Ausgewogenheit der Nahost-Berichterstattung in österreichischen Medien. Die Kontroverse zeigt auch, wie sensibel das Thema Israel-Palästina in der österreichischen Medienlandschaft behandelt wird und welche Auswirkungen Kritik an der Berichterstattung haben kann.
Besonders problematisch sehen die Kritiker, dass bereits die bloße Androhung rechtlicher Schritte ausreichte, um eine bereits veröffentlichte Kritik zum Verschwinden zu bringen. Dies werfe Fragen zur Robustheit des österreichischen Mediensystems gegenüber Einschüchterungsversuchen auf.
Als öffentlich-rechtliches Medium mit einem Jahresbudget von 1,1 Milliarden Euro steht der ORF besonders im Fokus der Kritik. Die ehemaligen Journalisten argumentieren, dass gerade ein durch Gebührengelder finanziertes Medium eine besondere Verantwortung für ausgewogene Berichterstattung trage.
Die Tatsache, dass Korrespondenten für ihre Berichterstattung mit Preisen ausgezeichnet werden, die von politischen Interessengruppen vergeben werden, wirft zusätzliche Fragen zur Unabhängigkeit der Berichterstattung auf.
Der Fall zeigt die Spannungen zwischen Pressefreiheit, politischen Interessen und journalistischer Verantwortung auf. Ob die Klagsdrohung tatsächlich umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass die Debatte über die Qualität und Ausgewogenheit der österreichischen Nahost-Berichterstattung weitergehen wird.
Die Weigerung der Autoren, sich einschüchtern zu lassen, und ihre erneute Veröffentlichung der kritisierten Passagen stellen einen Test für die Pressefreiheit in Österreich dar. Der Ausgang dieser Kontroverse könnte Signalwirkung für zukünftige Fälle haben, in denen Medienkritik mit rechtlichen Mitteln bekämpft wird.
Für den ORF als öffentlich-rechtliche Institution stellt der Fall eine besondere Herausforderung dar: Wie geht man mit Kritik an der eigenen Berichterstattung um, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, kritische Stimmen mundtot machen zu wollen?