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ORF zeigt toxische Männlichkeit: Neue Rollenbilder gesucht

5. März 2026 um 15:33
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Drei Frauen wurden in Österreich bereits seit Jahresbeginn getötet – ein dramatischer Beleg für ein gesellschaftliches Problem, das weit über die Grenzen unseres Landes hinausreicht. Der öffentlich...

Drei Frauen wurden in Österreich bereits seit Jahresbeginn getötet – ein dramatischer Beleg für ein gesellschaftliches Problem, das weit über die Grenzen unseres Landes hinausreicht. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ORF greift dieses brisante Thema zum Weltfrauentag mit einer internationalen Dokumentation auf, die am 6. März 2026 um 21.20 Uhr in ORF 2 ausgestrahlt wird. Die "WeltWeit"-Reportage "Problemstelle Mann. Braucht es neue Rollenbilder?" beleuchtet ein Phänomen, das Expertinnen und Experten zunehmend Sorgen bereitet: den Aufstieg toxischer Männlichkeitsideale und deren verheerende Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Maskulinismus als demokratiegefährdende Bewegung in Europa

Der Begriff "Maskulinismus" beschreibt eine reaktionäre Bewegung, die traditionelle Geschlechterrollen propagiert und dabei oft frauenfeindliche Positionen vertritt. Anders als der Feminismus, der für Gleichberechtigung aller Geschlechter eintritt, zielt der Maskulinismus darauf ab, männliche Dominanz zu restaurieren und weibliche Emanzipation rückgängig zu machen. In Frankreich wird diese Bewegung mittlerweile offiziell als Bedrohung für Demokratie und Gleichstellung eingestuft – ein alarmierendes Signal für ganz Europa.

Die französische Regierung stuft maskulinistische Gruppierungen als extremistische Organisationen ein, da sie gezielt Hass gegen Frauen schüren und demokratische Grundwerte untergraben. Diese Bewegungen nutzen moderne Kommunikationskanäle, insbesondere soziale Medien und Online-Plattformen, um ihre Botschaften zu verbreiten. Dabei bedienen sie sich professioneller Marketingstrategien und erreichen vor allem junge Männer, die sich in einer sich wandelnden Gesellschaft orientierungslos fühlen.

Manfluencer: Wenn Frauenhass zum Geschäftsmodell wird

Ein besonders besorgniserregendes Phänomen sind sogenannte "Manfluencer" – männliche Influencer, die mit frauenfeindlichen Inhalten Geld verdienen. Der 33-jährige Ryan Mehsein aus Cannes ist ein Beispiel für diese neue Generation von Content-Erstellern, die sich als Ratgeber für "echte" Männlichkeit inszenieren. Solche Personen vermitteln ihren Followern ein Weltbild, in dem Frauen als minderwertig oder als Bedrohung dargestellt werden.

Die Auswirkungen dieser Online-Propaganda sind real und gefährlich. Die französische Künstlerin Marion Séclin erlebte dies am eigenen Leib: Nach der Veröffentlichung eines feministischen Videos erhielt sie 40.000 Hassbotschaften und Vergewaltigungsdrohungen. Ihr Fall zeigt exemplarisch, wie schnell sich Hass im Netz mobilisieren lässt und welche psychischen Folgen dies für die Betroffenen hat. Séclin musste ihre Online-Aktivitäten einschränken und benötigte psychologische Unterstützung, um mit der Flut an Bedrohungen umzugehen.

Österreich im internationalen Vergleich: Alarmierende Zahlen

Die Statistiken zu geschlechtsspezifischer Gewalt in Österreich sind erschreckend und zeigen einen negativen Trend auf. Bereits drei Femizide seit Jahresbeginn 2026 verdeutlichen die Dringlichkeit des Problems. Im Vergleich dazu verzeichnete Deutschland im Jahr 2023 insgesamt 155 Femizide bei einer etwa zehnmal größeren Bevölkerung – was Österreichs Pro-Kopf-Rate als überdurchschnittlich hoch erscheinen lässt.

Die Schweiz, oft als Referenz für niedrige Kriminalitätsraten herangezogen, verzeichnete 2023 etwa 25 Femizide. Umgerechnet auf die Bevölkerungsgröße liegt Österreich damit deutlich über dem schweizerischen Niveau. Diese Zahlen sind nicht nur statistische Werte, sondern repräsentieren menschliche Tragödien und zerbrochene Familien. Hinter jedem Fall steht eine Frau, die ihr Leben verlor, weil ein Mann nicht mit Zurückweisung, Trennung oder anderen zwischenmenschlichen Herausforderungen umgehen konnte.

Besonders beunruhigend ist der Anstieg von Gewalt gegen junge Frauen und Mädchen. Sexualisierte Gewalt und Online-Belästigung nehmen kontinuierlich zu, wobei soziale Medien als Verstärker fungieren. Mädchen im Teenageralter berichten vermehrt von unerwünschten sexuellen Annäherungsversuchen, Cyber-Stalking und der Verbreitung intimer Bilder ohne Einverständnis – Praktiken, die durch toxische Männlichkeitsideale normalisiert werden.

Spanien als Vorreiter für neue Männlichkeitsbilder

Während andere europäische Länder noch mit den Auswirkungen traditioneller Rollenbilder kämpfen, hat sich Spanien als Vorzeigeland in Sachen Gleichstellung etabliert. Das Land hat in den vergangenen Jahren umfassende Reformen durchgeführt, um geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen und alternative Männlichkeitskonzepte zu fördern. Diese Bemühungen zeigen bereits messbare Erfolge: Die Femizidrate ist in Spanien in den letzten fünf Jahren um 15 Prozent gesungen.

Ein innovativer Ansatz wird in einem Vorort von Sevilla praktiziert, wo Workshop-Leiter Juan Moreno mit jungen Fußballspielern arbeitet. In diesen Workshops geht es nicht nur um sportliche Leistung, sondern vor allem um die Vermittlung eines kooperativen, fairen Männlichkeitsbilds. Die Jugendlichen lernen, Emotionen zu zeigen, Konflikte gewaltfrei zu lösen und respektvoll mit allen Menschen umzugehen – unabhängig vom Geschlecht.

Morenos Methode basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Geschlechterforschung und Pädagogik. Er nutzt den Sport als Vehikel, um tieferliegende gesellschaftliche Themen anzusprechen. Die Teilnehmer reflektieren gemeinsam über Stereotype, hinterfragen eigene Vorurteile und entwickeln alternative Handlungsstrategien. Dieser Ansatz ist besonders effektiv, weil er in einem Umfeld stattfindet, das traditionell von männlichen Stereotypen geprägt ist – dem Fußball.

Männer-Kreise und emotionale Intelligenz

Ein weiteres innovatives Konzept praktiziert der Österreicher Jakob Horvat in Südspanien. Seine "Männer-Kreise" bieten Raum für emotionale Entwicklung und zwischenmenschliche Verbindungen jenseits traditioneller Männlichkeitsnormen. In diesen Gruppen lernen Teilnehmer, ihre Gefühle zu artikulieren, Verletzlichkeit als Stärke zu begreifen und authentische Freundschaften zu anderen Männern aufzubauen.

Horvats Arbeit adressiert ein zentrales Problem moderner Männlichkeit: die emotionale Isolation. Viele Männer haben gelernt, Gefühle zu unterdrücken und Schwäche zu verbergen. Dies führt nicht nur zu psychischen Problemen, sondern auch zu dysfunktionalen Beziehungsmustern und im Extremfall zu Gewalt. Die Männer-Kreise bieten einen geschützten Raum, in dem diese gelernten Muster durchbrochen werden können.

Besonders relevant ist dabei die Diskussion über die Vaterrolle. Viele Teilnehmer berichten, dass sie ihre eigenen Väter als emotional distanziert erlebt haben und nun lernen müssen, wie sie selbst präsente, emotionale Väter werden können. Diese Arbeit hat generationenübergreifende Auswirkungen, da sie den Kreislauf toxischer Männlichkeit durchbricht.

Philippinen: Wenn Frauen die Hauptverdienerinnen werden

Die Philippinen bieten ein faszinierendes Beispiel für gesellschaftlichen Wandel durch wirtschaftliche Notwendigkeit. Traditionell waren die Geschlechterrollen klar verteilt: Männer als Ernährer der Familie, Frauen als Hüterinnen von Haus und Kindern. Doch die ökonomische Realität hat diese Struktur grundlegend verändert. Von den etwa zwei Millionen Filipinos, die im Ausland arbeiten, sind mittlerweile die Mehrheit Frauen.

Diese Frauen arbeiten primär als Pflegekräfte, Hausangestellte oder im Servicebereich in Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Hongkong, Singapur oder verschiedenen europäischen Staaten. Ihre Arbeit ist körperlich und emotional fordernd, oft schlecht bezahlt und mit wenig sozialer Anerkennung verbunden. Dennoch ermöglichen ihre Überweisungen vielen Familien auf den Philippinen ein besseres Leben und finanzieren Bildung für die nächste Generation.

Der vierfache Vater Alexander Caiña verkörpert diesen gesellschaftlichen Wandel. Seit seine Frau in Dubai als Pflegekraft arbeitet, hat er die Verantwortung für Haushalt und Kindererziehung übernommen. Was anfangs eine große Herausforderung darstellte, ist heute Teil seiner täglichen Routine geworden. Caiña musste nicht nur praktische Fähigkeiten wie Kochen und Haushaltsführung erlernen, sondern auch seine Identität als Mann neu definieren.

Herausforderungen des Rollentauschs

Caiñas Erfahrung illustriert die komplexen psychologischen Herausforderungen, die mit einem Rollenwechsel einhergehen. Jahrelang definierte er sich über seine Rolle als "Familien-Ernährer" – ein Identitätskonzept, das in der philippinischen Kultur tief verwurzelt ist. Die Übernahme von Care-Arbeit erforderte nicht nur neue praktische Fertigkeiten, sondern auch eine grundlegende Neubewertung von Männlichkeit und Erfolg.

Interessant ist dabei, dass Caiña diese Veränderung mittlerweile als Bereicherung empfindet. Er berichtet von einer intensiveren Beziehung zu seinen Kindern und einem besseren Verständnis für die Herausforderungen, denen sich seine Frau früher täglich stellte. Diese persönliche Transformation spiegelt einen breiteren gesellschaftlichen Wandel wider, der auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten ist.

Auswirkungen auf die österreichische Gesellschaft

Die in der ORF-Dokumentation gezeigten internationalen Beispiele haben direkte Relevanz für die österreichische Gesellschaft. Auch hierzulande zeigen sich ähnliche Spannungen zwischen traditionellen Geschlechterrollen und modernen Lebensrealitäten. Junge österreichische Männer sind denselben widersprüchlichen Botschaften ausgesetzt wie ihre Altersgenossen in anderen Ländern: Einerseits werden sie ermutigt, sensibel und emotional zu sein, andererseits konfrontiert sie die Popkultur und das Internet mit hypermaskulinen Idealen.

Österreichische Bildungseinrichtungen beginnen zwar, geschlechtssensible Pädagogik zu implementieren, doch der Prozess ist langsam und ungleichmäßig. Während in städtischen Gebieten progressive Ansätze Fuß fassen, dominieren in ländlichen Regionen oft noch traditionelle Vorstellungen. Diese Diskrepanz schafft Verwirrung bei jungen Menschen und kann zu Radikalisierung führen.

Besonders problematisch ist der Einfluss rechtspopulistischer Bewegungen, die bewusst traditionelle Geschlechterrollen propagieren und Angst vor gesellschaftlichem Wandel schüren. Diese Gruppen nutzen gezielt die Verunsicherung junger Männer aus und bieten scheinbar einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen. Dabei werden Frauenemanzipation und Gender-Gleichstellung als Bedrohung für die männliche Identität dargestellt.

Präventionsarbeit und positive Männlichkeitsvorbilder

Die Lösung des Problems erfordert einen vielschichtigen Ansatz, der bei der Erziehung beginnt und sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche zieht. Schulen müssen Jungen alternative Rollenmodelle anbieten und emotionale Intelligenz als wichtige Kompetenz vermitteln. Sportvereine, traditionell Bastionen traditioneller Männlichkeit, können zu Orten der Transformation werden, wenn sie bewusst inklusive und respektvolle Werte fördern.

Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Darstellung von Männlichkeit. Statt ausschließlich hypermaskuline Helden zu zeigen, sollten sie diversere männliche Charaktere präsentieren – Väter, die Care-Arbeit leisten, Männer, die Gefühle zeigen, oder solche, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Diese Repräsentation ist besonders wichtig für junge Menschen, die ihre Identität noch formen.

Auch die Arbeitswelt muss sich ändern. Flexible Arbeitszeiten, Väterkarenz und familienfreundliche Policies ermöglichen es Männern, aktiver in der Kindererziehung zu sein. Unternehmen, die solche Maßnahmen implementieren, berichten nicht nur von zufriedeneren Mitarbeitern, sondern auch von höherer Produktivität und geringerer Fluktuation.

Zukunftsperspektiven: Ein Wandel ist möglich

Die internationale Perspektive der ORF-Dokumentation zeigt, dass gesellschaftlicher Wandel möglich ist, aber Zeit und bewusste Anstrengungen erfordert. Spaniens Erfolge in der Gleichstellungspolitik können als Blaupause für andere Länder dienen, während die Situation auf den Philippinen verdeutlicht, wie ökonomische Realitäten traditionelle Strukturen aufbrechen können.

Für Österreich bedeutet dies, dass proaktive Maßnahmen erforderlich sind. Die Regierung muss in Präventionsprogramme investieren, die bereits in Kindergärten und Schulen ansetzen. Gleichzeitig braucht es bessere Unterstützung für Männer in Krisensituationen – Beratungsstellen, die sich speziell an Männer richten und alternative Bewältigungsstrategien zu Gewalt anbieten.

Die Zivilgesellschaft spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Vereine, Organisationen und engagierte Einzelpersonen können lokale Initiativen starten, die positive Männlichkeitsbilder fördern. Dabei geht es nicht darum, Männlichkeit zu "reparieren", sondern sie zu erweitern und zu bereichern. Männer sollen weiterhin stark sein können, aber diese Stärke soll sich in Empathie, Fürsorge und dem Schutz der Schwächeren zeigen – nicht in Dominanz und Kontrolle über andere.

Die ORF-Dokumentation leistet einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion, indem sie zeigt, dass alternative Wege möglich sind. Sie macht deutlich, dass die "Problemstelle Mann" nicht unveränderlich ist, sondern dass Männer lernen können, gesündere und respektvollere Beziehungen zu führen. Dies ist nicht nur im Interesse der Frauen, sondern auch der Männer selbst, die unter den Zwängen toxischer Männlichkeit leiden. Ein Wandel hin zu neuen, inklusiven Rollenbildern verspricht eine gerechtere und friedlichere Gesellschaft für alle.

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