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Osteopathie kämpft um Anerkennung: Österreich hinkt Europa hinterher

18. März 2026 um 16:20
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Während 13 europäische Länder die Osteopathie bereits als eigenständigen Gesundheitsberuf anerkannt haben, wartet Österreich noch immer auf eine entsprechende gesetzliche Regelung. Bei der 6. Facht...

Während 13 europäische Länder die Osteopathie bereits als eigenständigen Gesundheitsberuf anerkannt haben, wartet Österreich noch immer auf eine entsprechende gesetzliche Regelung. Bei der 6. Fachtagung für Osteopathie am vergangenen Wochenende machten Experten und Gesundheitspolitiker deutlich: Die Zeit ist reif für eine längst überfällige Reform. Mit wissenschaftlichen Belegen, internationalen Vorbildern und klaren Forderungen setzten die Teilnehmer ein starkes Signal für die Zukunft der alternativen Heilmethode in Österreich.

Was ist Osteopathie und warum ist sie umstritten?

Osteopathie ist eine ganzheitliche Heilmethode, die Ende des 19. Jahrhunderts vom amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still entwickelt wurde. Das Grundprinzip basiert auf der Annahme, dass der menschliche Körper eine funktionelle Einheit bildet und über Selbstheilungskräfte verfügt. Osteopathen arbeiten ausschließlich mit ihren Händen und versuchen durch sanfte Manipulationen und Mobilisationen, Blockaden und Spannungen im Körper zu lösen. Dabei unterscheiden sie zwischen drei Bereichen: der parietalen Osteopathie (Bewegungsapparat), der viszeralen Osteopathie (innere Organe) und der kraniosakralen Osteopathie (Schädel-Kreuzbein-System).

Die Kontroverse um die Osteopathie liegt hauptsächlich in ihrer wissenschaftlichen Evidenz begründet. Während Studien für bestimmte Anwendungsgebiete wie Rückenschmerzen oder Spannungskopfschmerzen positive Effekte nachweisen konnten, ist die Datenlage für andere Bereiche noch dünn. Kritiker bemängeln zudem, dass einige osteopathische Konzepte nicht mit den Erkenntnissen der modernen Medizin vereinbar sind. Befürworter hingegen verweisen auf die hohe Patientenzufriedenheit und die wenigen Nebenwirkungen der manuellen Therapie.

Europäischer Trend: 13 Länder haben bereits reguliert

Ein Blick auf die europäische Landkarte zeigt einen deutlichen Trend zur gesetzlichen Anerkennung der Osteopathie. Frankreich war 2002 das erste Land, das die Osteopathie als eigenständigen Heilberuf anerkannte. Es folgten Belgien (2003), Portugal (2009), die Schweiz (2013), Dänemark (2018), Finnland (2019), Luxemburg (2020), Malta (2021), Italien (2022), Slowenien (2023) und zuletzt Norwegen (2024). Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung in Deutschland: Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung wurde 2021 festgelegt, die Osteopathie künftig berufsgesetzlich zu regeln.

Italien gilt als Musterbeispiel für eine erfolgreiche Regulierung. Das Land hat 2025 den Prozess vollständig abgeschlossen und die Osteopathie als eigenständigen Gesundheitsberuf mit klar definiertem Berufsbild, standardisierten Ausbildungsanforderungen und rechtlicher Verankerung im Gesundheitssystem etabliert. Die italienischen Osteopathen durchlaufen eine fünfjährige Vollzeitausbildung, die sowohl medizinische Grundlagen als auch praktische Fertigkeiten umfasst. Nach erfolgreichem Abschluss sind sie berechtigt, eigenständig zu praktizieren und mit anderen Gesundheitsberufen zu kooperieren.

In der Schweiz zeigt sich ein differenziertes Bild: Während die Osteopathie auf Bundesebene seit 2013 als eigenständiger Gesundheitsberuf anerkannt ist, variiert die Erstattung durch die Krankenkassen je nach Kanton. Grundsätzlich können Osteopathen jedoch nach einer fundierten Ausbildung und staatlichen Prüfung eigenverantwortlich tätig werden.

Österreichische Situation: Grauzone mit Risiken für Patienten

In Österreich bewegt sich die Osteopathie derzeit in einer rechtlichen Grauzone. Während die Behandlungsmethode bei der Bevölkerung sehr beliebt ist und von vielen Privatversicherungen erstattet wird, fehlt eine klare gesetzliche Grundlage. Derzeit dürfen nur Ärzte und Physiotherapeuten osteopathische Techniken anwenden. Alle anderen Personen, die osteopathische Behandlungen anbieten, bewegen sich im gewerberechtlichen Bereich und dürfen keine Heilbehandlung im medizinischen Sinne durchführen.

Diese Situation schafft erhebliche Unsicherheit sowohl für Behandler als auch für Patienten. Margit Halbfurter-Mandler, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Osteopathie (OEGO), kritisiert: "Menschen, die Osteopathie nutzen, bekommen nicht immer die Qualität, die sie erwarten, weil es keine einheitlichen Ausbildungsstandards gibt." Die fehlende Regulierung führe dazu, dass sich auch unqualifizierte Personen als Osteopathen bezeichnen könnten, ohne die notwendige mehrjährige Ausbildung absolviert zu haben.

Die OEGO fordert daher eine fünfjährige Vollzeitausbildung als Mindeststandard, vergleichbar mit anderen europäischen Ländern. Diese soll medizinische Grundlagen, anatomische Kenntnisse, pathophysiologische Zusammenhänge und umfassende praktische Fertigkeiten umfassen. Erst nach erfolgreichem Abschluss und staatlicher Prüfung sollten Osteopathen berechtigt sein, eigenständig zu praktizieren.

Wissenschaftliche Evidenz nimmt zu

Die wissenschaftliche Grundlage der Osteopathie hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen konnten für verschiedene Indikationen positive Effekte nachweisen. Besonders gut belegt ist die Wirksamkeit bei unspezifischen Rückenschmerzen, Spannungskopfschmerzen und muskuloskelettalen Beschwerden. Eine 2021 im Journal of Clinical Medicine veröffentlichte Studie zeigte, dass osteopathische Behandlungen bei chronischen Rückenschmerzen ähnlich effektiv sind wie konventionelle physiotherapeutische Maßnahmen, dabei aber weniger Nebenwirkungen aufweisen.

Auch in der Neurobiologie gibt es interessante Entwicklungen. Die Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Tania Singer, die bei der Fachtagung über Empathie und Mitgefühl sprach, betont die Bedeutung der therapeutischen Beziehung für den Behandlungserfolg. "Die empathische Verbindung zwischen Therapeut und Patient aktiviert neurobiologische Prozesse, die zur Schmerzlinderung und Entspannung beitragen", erklärt die Forscherin. Diese Erkenntnisse untermauern das ganzheitliche Konzept der Osteopathie, bei dem der Therapeut durch achtsame Berührung und individuelle Behandlung positive Veränderungen bewirken kann.

Kritiker wenden jedoch ein, dass viele osteopathische Konzepte noch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt sind. Insbesondere die viszerale und kraniosakrale Osteopathie seien noch nicht hinreichend erforscht. Die OEGO räumt ein, dass weitere Studien notwendig sind, betont aber gleichzeitig die Bedeutung der praktischen Erfahrung und Patientenrückmeldungen.

Gesundheitspolitische Perspektiven und Reformbedarf

Andreas Huss, Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse, machte bei der Fachtagung deutlich, dass das österreichische Gesundheitssystem vor großen Herausforderungen steht. Demografischer Wandel, Personalmangel und steigende Kosten erfordern innovative Lösungsansätze. "Wir müssen alle verfügbaren Ressourcen optimal nutzen und qualifizierte Gesundheitsberufe entsprechend ihrer Ausbildung einsetzen", betont Huss.

Die derzeit diskutierte Reformpartnerschaft im Gesundheitswesen zielt darauf ab, die ambulante Versorgung effizienter zu gestalten. Neue Versorgungsmodelle wie Pflege- und Therapiepraxen sollen eine bessere Koordination zwischen verschiedenen Gesundheitsberufen ermöglichen. "Osteopathen könnten in diesen multiprofessionellen Teams einen wertvollen Beitrag leisten, vorausgesetzt sie haben eine anerkannte Ausbildung und klare Kompetenzbereiche", so Huss.

Besonders interessant ist der Verweis auf die Primärversorgungszentren, die in Österreich schrittweise ausgebaut werden. Diese Zentren sollen verschiedene Gesundheitsberufe unter einem Dach vereinen und eine umfassende Betreuung der Patienten ermöglichen. Die Integration der Osteopathie in solche Strukturen könnte die Versorgungsqualität verbessern und gleichzeitig Kosten sparen, wenn dadurch aufwändige medizinische Interventionen vermieden werden können.

Erfolgsgeschichte aus der Kinderrehabilitation als Vorbild

Markus Wieser vom Förderverein Kinder- und Jugendrehabilitation demonstrierte bei der Tagung eindrucksvoll, wie beharrliches Engagement zu strukturellen Verbesserungen im Gesundheitswesen führen kann. Ausgehend von seiner persönlichen Erfahrung als Vater eines schwer erkrankten Kindes kämpfte er jahrelang für den Aufbau einer eigenständigen Kinder- und Jugendrehabilitation in Österreich.

2009 begann Wiesers langer Weg durch Behörden, Ministerien und politische Gremien. Damals gab es in Österreich praktisch keine spezialisierten Rehabilitationseinrichtungen für junge Patienten, obwohl der Bedarf evident war. "Erwachsene konnten nach schweren Erkrankungen oder Unfällen selbstverständlich rehabilitative Angebote nutzen, für Kinder und Jugendliche fehlten diese jedoch vollständig", schildert Wieser die damalige Situation.

Heute, 15 Jahre später, verfügt Österreich über sechs eigenständige Einrichtungen mit mehr als 300 Betten für junge Patienten sowie ebenso vielen Betten für Begleitpersonen. Diese Erfolgsgeschichte zeigt, dass sich Durchhaltevermögen und strategisches Vorgehen im Gesundheitswesen auszahlen können. Wiesers Botschaft an die Osteopathen: "Es braucht starke Vernetzung, einen langen Atem und die Bereitschaft, auch Rückschläge zu verkraften. Aber am Ende lohnt sich der Einsatz für eine bessere Gesundheitsversorgung."

Internationale Expertenperspektiven auf der Fachtagung

Die diesjährige Fachtagung bot ein hochkarätiges wissenschaftliches Programm, das die Bandbreite moderner osteopathischer Forschung und Praxis widerspiegelte. Dr. Thien Phu Do von der Universität Kopenhagen präsentierte aktuelle Erkenntnisse zum multidisziplinären Management von Migräne. Seine Forschung zeigt, dass manuelle Therapien wie die Osteopathie bei bestimmten Migräneformen durchaus wirksam sein können, insbesondere wenn sie in Kombination mit anderen Behandlungsansätzen eingesetzt werden.

Michaela Liedler widmete sich einem hochspezialisierten Thema: postoperativen faszialen Verklebungen und peritonealen Adhäsionen. Diese Komplikationen nach Bauchoperationen können zu chronischen Schmerzen und Funktionsstörungen führen. Osteopathische Techniken könnten hier unterstützend wirken, indem sie die Beweglichkeit der Gewebe verbessern und Verklebungen lösen. "Diese Anwendungsgebiete zeigen das Potenzial der Osteopathie als komplementäre Therapie in der postoperativen Nachsorge", erläutert Liedler.

Simone Kumhofer vom Institut Allergosan beleuchtete die Verbindung zwischen Mikrobiom und Schmerzwahrnehmung. Ihre Forschung deutet darauf hin, dass die Darmflora nicht nur die Verdauung, sondern auch die Schmerzverarbeitung im Nervensystem beeinflusst. "Osteopathische Behandlungen des Bauchraums könnten theoretisch auch Auswirkungen auf das Mikrobiom haben, allerdings sind hier noch weitere Studien notwendig", erklärt die Expertin.

Sportmedizinische Anwendungen gewinnen an Bedeutung

Prof. DDr. Winfried Banzer, renommierter Sportmediziner, zeigte die Bedeutung ganzheitlicher Präventionskonzepte im Profifußball auf. Seine Erfahrungen aus der Betreuung von Spitzensportlern belegen, dass manuelle Therapien wie die Osteopathie einen wichtigen Beitrag zur Verletzungsprävention leisten können. "Moderne Sportmedizin setzt auf ein multidisziplinäres Team, in dem verschiedene Therapeuten ihre spezifischen Kompetenzen einbringen", so Banzer.

Im Profisport ist die Osteopathie bereits weitgehend etabliert. Viele Fußballvereine, Tennisspieler und andere Athleten nutzen osteopathische Behandlungen zur Leistungsoptimierung und Regeneration. Die präventive Wirkung steht dabei im Vordergrund: Durch regelmäßige Behandlungen sollen muskuläre Dysbalancen frühzeitig erkannt und korrigiert werden, bevor es zu Verletzungen kommt.

Praktische Herausforderungen der Ausbildung

Die Ausbildung in der Osteopathie ist komplex und zeitaufwändig. Die von der OEGO geforderte fünfjährige Vollzeitausbildung umfasst sowohl theoretische als auch praktische Elemente. Studierende müssen zunächst umfassende medizinische Grundlagen erlernen: Anatomie, Physiologie, Pathologie, Differenzialdiagnostik und Notfallmedizin stehen auf dem Lehrplan. Erst nach dieser soliden medizinischen Basis folgt die spezifisch osteopathische Ausbildung mit ihren verschiedenen Techniken und Konzepten.

Yourik Van Overloop, belgischer Osteopath und Anatomie-Experte, demonstrierte bei der Tagung die Komplexität anatomischen Wissens am Beispiel des Zwerchfells. "Das Zwerchfell ist nicht nur der wichtigste Atemmuskel, sondern auch zentral für die Körperstatik und die Organfunktion", erklärt der Experte. "Ein fundiertes Verständnis solcher anatomischen Zusammenhänge ist essentiell für eine sichere osteopathische Praxis."

Die praktische Ausbildung umfasst Tausende von Stunden unter Supervision erfahrener Osteopathen. Studierende lernen zunächst an Modellen und gesunden Probanden, bevor sie unter Anleitung echte Patienten behandeln dürfen. Dabei müssen sie nicht nur die manuellen Techniken beherrschen, sondern auch lernen, wann eine osteopathische Behandlung angezeigt ist und wann Patienten an andere Therapeuten oder Ärzte weitergeleitet werden müssen.

Kostenerstattung und wirtschaftliche Aspekte

Ein wichtiger Aspekt der Diskussion um die Anerkennung der Osteopathie sind die wirtschaftlichen Auswirkungen. Derzeit erstatten viele private Zusatzversicherungen osteopathische Behandlungen, während die gesetzlichen Krankenkassen nur in Ausnahmefällen Kosten übernehmen. Eine vollständige Integration in das Gesundheitssystem würde zunächst Mehrkosten verursachen, könnte aber langfristig zu Einsparungen führen.

Andreas Huss von der Österreichischen Gesundheitskasse betont die Notwendigkeit einer evidenzbasierten Herangehensweise: "Wir können nur dann Leistungen in den Katalog der Sozialversicherung aufnehmen, wenn ihre Wirksamkeit wissenschaftlich belegt und ihr Nutzen für die Patienten klar erkennbar ist." Gleichzeitig müsse aber auch das Einsparpotenzial berücksichtigt werden. Wenn durch osteopathische Behandlungen aufwändige Operationen oder langwierige konventionelle Therapien vermieden werden können, rechtfertige das die Investition.

Studien aus anderen Ländern zeigen gemischte Ergebnisse: Während einige Untersuchungen Kosteneinsparungen durch osteopathische Behandlungen nachweisen, sind die Effekte oft schwer zu quantifizieren. Die Herausforderung liegt darin, die langfristigen Auswirkungen präventiver Maßnahmen zu bewerten.

Ausblick: Wie geht es weiter?

Die 6. Fachtagung für Osteopathie hat deutlich gemacht, dass die Profession in Österreich vor einem Wendepunkt steht. Die wissenschaftliche Evidenz nimmt zu, europäische Nachbarländer haben bereits reguliert, und auch die Gesundheitspolitik zeigt Interesse an innovativen Versorgungsmodellen. Dennoch bleiben konkrete politische Schritte abzuwarten.

Die OEGO will den Druck auf die Politik erhöhen und plant weitere Initiativen. Dazu gehören Gespräche mit Gesundheitsministerin Rauch, die Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen und die kontinuierliche Präsentation wissenschaftlicher Evidenz. "Wir sind bereit, alle Auflagen zu erfüllen, die für die Anerkennung als eigenständiger Gesundheitsberuf notwendig sind", betont Präsidentin Halbfurter-Mandler.

Gleichzeitig arbeitet die Organisation an der Verbesserung der Ausbildungsqualität. Einheitliche Standards, Akkreditierung von Ausbildungsstätten und kontinuierliche Fortbildungsverpflichtungen sollen sicherstellen, dass alle praktizierenden Osteopathen über die notwendige Qualifikation verfügen.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob Österreich den europäischen Trend zur Regulierung der Osteopathie fortsetzt oder weiterhin im rechtlichen Niemandsland verharrt. Für Patienten und Therapeuten gleichermaßen wäre eine klare gesetzliche Regelung ein wichtiger Schritt zu mehr Sicherheit und Qualität in der Gesundheitsversorgung.

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