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Palliativmedizin schützt vor Suizid: Wiener Studie widerlegt Befürchtungen

19. März 2026 um 07:52
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Eine bahnbrechende Studie der Medizinischen Universität Wien räumt mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf: Krebspatient:innen in spezialisierter Palliativversorgung weisen entgegen aller Erwartu...

Eine bahnbrechende Studie der Medizinischen Universität Wien räumt mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf: Krebspatient:innen in spezialisierter Palliativversorgung weisen entgegen aller Erwartungen keine erhöhte Suizidrate auf. Die am 20. Januar 2025 im renommierten Journal of Clinical Medicine veröffentlichte Forschungsarbeit könnte die Art, wie wir über Palliativmedizin denken, grundlegend verändern und zeigt erstmals wissenschaftlich fundiert deren möglichen suizidprotektiven Effekt.

Palliativmedizin als Schutzschild gegen Verzweiflung

Die Palliativmedizin ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich der ganzheitlichen Betreuung von Patient:innen mit unheilbaren, fortgeschrittenen Erkrankungen widmet. Im Gegensatz zur kurativen Medizin, die auf Heilung abzielt, konzentriert sich die Palliativmedizin auf die Linderung von Schmerzen und anderen belastenden Symptomen sowie die Verbesserung der Lebensqualität. Der Begriff stammt vom lateinischen "pallium" (Mantel) und symbolisiert das schützende Umhüllen der Patient:innen in ihrer schwierigsten Lebensphase.

"Unsere Auswertung zeigt, dass Patientinnen und Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung in spezialisierter Palliativversorgung keine höhere Suizidsterblichkeit aufweisen als die allgemeine onkologische Vergleichskohorte", erklärt Erstautor Stephan Listabarth von der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien. Diese Erkenntnis ist umso bemerkenswerter, als dass Krebserkrankungen in der medizinischen Fachliteratur als wesentlicher Risikofaktor für Suizid gelten.

Interdisziplinärer Ansatz macht den Unterschied

Das österreichische Palliativversorgungssystem basiert auf einem interdisziplinären Ansatz, der weit über die reine Schmerztherapie hinausgeht. Teams bestehen typischerweise aus Ärzt:innen verschiedener Fachrichtungen, Pflegefachkräften, Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Seelsorger:innen und Physiotherapeut:innen. Diese ganzheitliche Betreuung unterscheidet sich fundamental von der herkömmlichen onkologischen Behandlung, die primär auf die Bekämpfung der Krebserkrankung fokussiert ist.

"Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der interdisziplinäre und ganzheitliche Ansatz der Palliativmedizin einen wichtigen Beitrag leisten kann", betont Eva Masel von der Klinischen Abteilung für Palliativmedizin. "Diese umfasst nicht nur die Behandlung körperlicher Symptome, sondern auch psychosoziale und spirituelle Unterstützung." Besonders wichtig ist dabei die Bearbeitung existenzieller Ängste, die bei schwerkranken Patient:innen oft im Vordergrund stehen: die Angst vor Schmerzen, vor Kontrollverlust, anderen zur Last zu fallen oder vor dem Sterben selbst.

Umfassende Datenanalyse über zehn Jahre

Für ihre Untersuchung analysierten die Wiener Forscher:innen Patient:innendaten der Palliativstation der MedUni Wien und des AKH Wien aus dem Zeitraum von November 2012 bis März 2022. Diese wurden mit Daten des österreichischen Krebsregisters und des nationalen Sterberegisters verglichen – eine methodisch anspruchsvolle Herangehensweise, die erstmals eine so umfassende Bewertung der Suizidraten in der Palliativversorgung ermöglichte.

Das österreichische Krebsregister, das seit 1983 alle Krebsneuerkrankungen systematisch erfasst, bildete dabei eine solide Vergleichsbasis. Die Qualität der österreichischen Gesundheitsdaten gilt international als vorbildlich und ermöglichte es den Forscher:innen, statistisch belastbare Aussagen zu treffen. In der Gesamtauswertung zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied in der Suizidsterblichkeit zwischen der Palliativkohorte und der onkologischen Vergleichsgruppe – ein Ergebnis, das selbst die Forscher:innen überraschte.

Besonderheit bei Bauchspeicheldrüsenkrebs erfordert weitere Forschung

Eine bemerkenswerte Ausnahme stellten Patient:innen mit Pankreaskarzinom dar. Das Pankreaskarzinom, umgangssprachlich Bauchspeicheldrüsenkrebs genannt, gilt als eine der aggressivsten Krebsformen mit einer besonders schlechten Prognose. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei weniger als zehn Prozent, was diese Krebsart zu einer der gefürchtetsten macht.

In dieser spezifischen Patientengruppe wurde in der Palliativkohorte eine höhere kumulative Suizidinzidenz beobachtet. "Bei Patient:innen mit Pankreaskarzinom hat sich eine Besonderheit gezeigt, die weiter untersucht werden muss", erklärt Studienleiter Daniel König-Castillo von der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie. "Es geht vor allem darum, mögliche Risikokonstellationen besser zu verstehen und Unterstützungsangebote für besonders belastete Patient:innen gezielt weiterzuentwickeln."

Die Forscher:innen betonen jedoch, dass dieser Befund vorsichtig interpretiert werden muss. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass besonders stark belastete Patient:innen mit Pankreaskarzinom häufiger in eine spezialisierte palliativmedizinische Betreuung aufgenommen werden, was zu einer Verzerrung der Daten führen könnte.

Österreich im internationalen Vergleich

Die Palliativversorgung in Österreich hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt. Während in Deutschland bereits über 300 Palliativstationen existieren, verfügt Österreich über etwa 20 spezialisierte Einrichtungen für rund 9 Millionen Einwohner:innen. Die Schweiz liegt mit etwa 25 Palliativstationen für 8,7 Millionen Einwohner:innen etwas besser, zeigt aber ähnliche Herausforderungen beim Ausbau der Versorgung.

Im europäischen Vergleich schneidet Österreich beim Zugang zur Palliativversorgung mittlerweile gut ab. Der European Association for Palliative Care zufolge hat sich die Versorgungsdichte in Österreich seit 2010 mehr als verdoppelt. Dennoch besteht weiterhin ein erheblicher Ausbaubedarf, insbesondere in ländlichen Gebieten, wo der Zugang zu spezialisierter Palliativversorgung oft erschwert ist.

Konkrete Auswirkungen für Betroffene und Angehörige

Für Krebspatient:innen und ihre Angehörigen bedeuten die Studienergebnisse eine wichtige Entwarnung. Die weit verbreitete Befürchtung, dass eine Überweisung in die Palliativversorgung das Suizidrisiko erhöhen könnte, erweist sich als unbegründet. Stattdessen scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Die umfassende Betreuung wirkt offenbar stabilisierend und schützend.

Ein praktisches Beispiel verdeutlicht den Unterschied: Während in der herkömmlichen onkologischen Behandlung oft nur die körperlichen Aspekte der Krebserkrankung behandelt werden, kümmert sich das Palliativteam auch um Ängste, Sorgen und spirituelle Bedürfnisse. Patient:innen berichten häufig, dass sie sich erstmals seit ihrer Diagnose wieder als ganzer Mensch wahrgenommen fühlen, nicht nur als "Krebsfall".

Angehörige profitieren ebenfalls von der ganzheitlichen Betreuung. Oft werden sie in die Behandlung einbezogen und erhalten selbst psychologische Unterstützung. Dies kann die Belastung für die gesamte Familie erheblich reduzieren und trägt zur Stabilisierung der Situation bei.

Wirtschaftliche Aspekte der Palliativversorgung

Aus gesundheitsökonomischer Sicht erweisen sich Investitionen in die Palliativversorgung als besonders kosteneffizient. Studien zeigen, dass palliativ betreute Patient:innen seltener teure Notfallbehandlungen benötigen und weniger häufig in Intensivstationen behandelt werden müssen. Die durchschnittlichen Kosten pro Patient:in in den letzten Lebensmonaten können durch spezialisierte Palliativversorgung um 20-30 Prozent reduziert werden.

In Österreich betragen die jährlichen Gesamtkosten für die Palliativversorgung schätzungsweise 150-200 Millionen Euro, während die onkologische Behandlung jährlich über eine Milliarde Euro verschlingt. Diese Zahlen verdeutlichen das erhebliche Sparpotenzial, das eine Ausweitung der Palliativversorgung bieten könnte, ohne dabei die Qualität der Patientenbetreuung zu beeinträchtigen.

Herausforderungen beim Ausbau der Versorgung

Trotz der positiven Studienergebnisse steht Österreich vor erheblichen Herausforderungen beim weiteren Ausbau der Palliativversorgung. Der demografische Wandel führt zu einer steigenden Zahl älterer Menschen, die entsprechende Betreuung benötigen. Gleichzeitig herrscht ein akuter Fachkräftemangel in der Palliativmedizin.

Die Ausbildung von Palliativmediziner:innen dauert mehrere Jahre und erfordert spezielle Qualifikationen. Derzeit gibt es in Österreich nur etwa 200 Ärzt:innen mit einer Zusatzausbildung in Palliativmedizin – viel zu wenige für den tatsächlichen Bedarf. Ähnlich verhält es sich bei den Pflegefachkräften, wo der Mangel an speziell ausgebildetem Personal besonders gravierend ist.

Zukunftsperspektiven und Handlungsempfehlungen

Die Autor:innen der Studie betonen, dass aus der retrospektiven Analyse keine kausalen Schlüsse abgeleitet werden können. Dennoch liefern die Ergebnisse wichtige Hinweise für die zukünftige Gestaltung der Palliativversorgung in Österreich. Eine bedarfsdeckende Stärkung entsprechender Versorgungsangebote wird als dringend notwendig erachtet.

Konkret fordern die Forscher:innen den Ausbau ambulanter Palliativdienste, die es Patient:innen ermöglichen, in ihrer gewohnten Umgebung betreut zu werden. Mobile Palliativteams könnten die Lücke zwischen stationärer Versorgung und häuslicher Pflege schließen und gleichzeitig die Kosten reduzieren.

Darüber hinaus sollte die Früherkennung psychosozialer Belastungen bei Krebspatient:innen verbessert werden. Screening-Instrumente könnten helfen, gefährdete Patient:innen frühzeitig zu identifizieren und entsprechende Unterstützung anzubieten, bevor sich Krisen entwickeln.

Die Integration palliativmedizinischer Grundsätze in die reguläre onkologische Behandlung wird als weiterer wichtiger Schritt gesehen. Statt Palliativmedizin als "letzte Option" zu betrachten, sollte sie von Beginn der Krebsbehandlung an mitgedacht werden.

Diese wegweisende Studie der MedUni Wien zeigt eindrucksvoll, dass spezialisierte Palliativversorgung weit mehr ist als reine Sterbebegleitung. Sie kann Leben schützen, Lebensqualität verbessern und gleichzeitig Kosten sparen. Für die österreichische Gesundheitspolitik sollten diese Erkenntnisse Anlass sein, den Ausbau der Palliativversorgung mit höchster Priorität voranzutreiben. Denn am Ende geht es nicht nur um ein würdevolles Sterben, sondern auch um ein lebenswertes Leben bis zuletzt.

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