Wie Logistikunternehmen ihre Kennzahlen schönen und warum Auftraggeber genauer hinschauen sollten
Interne Audits zeigen: Die beworbenen Pünktlichkeitsquoten von Logistikern weichen oft drastisch von der Realität ab. Ein Blick hinter die Kulissen der Branche.
Wer einen Logistikdienstleister beauftragt, achtet auf Pünktlichkeit. Kein Wunder also, dass Spediteure und Kurierdienste mit beeindruckenden Quoten werben – 98 Prozent pünktliche Zustellungen klingen schließlich nach einem verlässlichen Partner. Doch wie belastbar sind diese Zahlen wirklich? Interne Überprüfungen großer europäischer Unternehmen zeichnen ein ernüchterndes Bild und werfen unbequeme Fragen auf.
Die Logistikbranche liebt Kennzahlen. Pünktlichkeitsquoten gehören dabei zu den wichtigsten Verkaufsargumenten im Wettbewerb um Aufträge. Während Anbieter regelmäßig mit Werten von 95 Prozent und mehr hausieren gehen, offenbaren unabhängige Audits eine deutliche Diskrepanz: Die tatsächlich gemessenen Pünktlichkeitsraten liegen häufig unter 90 Prozent – und das selbst dann, wenn den Dienstleistern ein großzügiges Zeitfenster von drei Stunden zugestanden wird.
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht das Ausmaß des Problems: Ein europäischer Konsumgüterhersteller nahm 2023 die Performance seiner Logistikpartner genauer unter die Lupe. Das Ergebnis war ernüchternd. Während die Dienstleister selbst Pünktlichkeitsquoten von über 95 Prozent kommunizierten, ermittelte das Unternehmen bei eigener Messung lediglich 86 Prozent. Eine Differenz von fast zehn Prozentpunkten, die in der Praxis erhebliche Konsequenzen haben kann – von Produktionsstillständen über verpasste Verkaufsfenster bis hin zu verärgerten Endkunden.
Wie kommt es zu solch gravierenden Abweichungen? Die Antwort liegt oft in der Art und Weise, wie Pünktlichkeit gemessen und definiert wird. „Wenn mir jemand eine extrem hohe Pünktlichkeitsquote präsentiert, frage ich zuerst: Wie messt ihr das?