Am 4. September wird weltweit der Welttag der sexuellen Gesundheit begangen, ein Thema, das viele Menschen betrifft, aber oft im Schatten bleibt. Expertin Marianne Greil-Soyka von der Österreichischen Akademie für Sexualmedizin betont die Notwendigkeit, die Sexualmedizin zu stärken, um die allgemein
Am 4. September wird weltweit der Welttag der sexuellen Gesundheit begangen, ein Thema, das viele Menschen betrifft, aber oft im Schatten bleibt. Expertin Marianne Greil-Soyka von der Österreichischen Akademie für Sexualmedizin betont die Notwendigkeit, die Sexualmedizin zu stärken, um die allgemeine Gesundheitsversorgung zu verbessern. Doch was bedeutet das für den Durchschnittsbürger und warum ist es so wichtig?
Sexuelle Gesundheit ist ein wesentlicher Bestandteil des allgemeinen Wohlbefindens. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert sie als einen Zustand des körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf Sexualität. Doch trotz ihrer Bedeutung wird sie oft vernachlässigt. Greil-Soyka unterstreicht: „Sexuelle Gesundheit betrifft alle sozialen Schichten, Altersgruppen und Geschlechter, unabhängig von kulturellen Hintergründen oder Bildungsniveau.“
Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung unter sexuellen Funktionsstörungen leidet. Laut verschiedenen Studien haben 40 bis 46 Prozent der Frauen und 33 bis 37 Prozent der Männer in den letzten 12 Monaten mindestens eine sexuelle Dysfunktion erlebt. Bei Frauen sind häufig vermindertes sexuelles Verlangen und Orgasmusprobleme, während Männer oft von vorzeitigem Samenerguss und Erektionsproblemen berichten.
Sexuelle Beschwerden stehen oft in engem Zusammenhang mit psychischen und körperlichen Gesundheitsproblemen. Depressionen, Angstzustände oder chronischer Stress treten häufig gemeinsam mit sexuellen Funktionsstörungen auf. Auch Lebensphasen und hormonelle Veränderungen, wie die Menopause, spielen eine zentrale Rolle. Chronische Erkrankungen wie Krebs oder kardiovaskuläre Erkrankungen sowie deren Behandlungen können die sexuelle Gesundheit ebenfalls stark beeinträchtigen.
Unbehandelte sexuelle Erkrankungen neigen dazu, chronisch zu werden. Daher sollten Betroffene frühzeitig medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Greil-Soyka betont: „Es braucht dringend eine Stärkung der Sexualmedizin sowie eine fundierte Ausbildung in diesem Bereich für alle Medizinerinnen und Mediziner.“
Obwohl die Sexualmedizin schnell an Bedeutung gewinnt, ist sie akademisch noch kaum sichtbar und verteilt sich fragmentarisch über verschiedene Disziplinen. Greil-Soyka sieht hier dringenden Handlungsbedarf: „Sexualmedizin muss in die routinemäßige Gesundheitsversorgung eingebettet werden.“
Eine fundierte Ausbildung von Ärzten ist entscheidend, um Patienten effektiv zu unterstützen. Besonders Krebspatienten erleben fast immer sexuelle Probleme. Eine frühzeitige, kompetente ärztliche Beratung könnte ihnen helfen, die Zusammenhänge zwischen ihrer Erkrankung und sexuellen Funktionsstörungen besser zu verstehen und zu bewältigen.
Mehr öffentliche Bildung und Aufklärung im Bereich der sexuellen Gesundheit sind unerlässlich, um das Bewusstsein der Bevölkerung zu stärken und Betroffene schneller in ärztliche Behandlung zu bringen. Die Bedeutung von sexueller Gesundheit und Sexualmedizin muss im Kontext allgemeiner Entwicklungen gedacht werden. Der technologische Wandel und das Internet konfrontieren Menschen häufiger mit sexuell gewalttätigen Inhalten und erleichtern den Zugang zu problematischen Materialien.
Der steigende Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung stellt die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Die Lebensqualität in sexueller Hinsicht ändert sich im Alter rasant und erfordert entsprechende Antworten der Sexualmedizin.
Dr. Marianne Greil-Soyka baut das International Sexual Medicine Research Network (ISMR) mit Sitz in Salzburg auf. Zu den Zielen des Vereins gehören die Förderung der interdisziplinären Sexualforschung, die Etablierung der Sexualmedizin als eigenständige Disziplin und die Zusammenarbeit mit globalen Organisationen. Das Netzwerk setzt sich für sexuelle Rechte als Teil der Menschenrechte ein und thematisiert Gewalt, Femizide und Homophobie in demokratiegefährdeten Gesellschaften.
Ein regionales Exzellenz- und Forschungszentrum in Salzburg soll aufgebaut werden, um diese Ziele zu unterstützen und die Sexualmedizin weiter voranzutreiben.
Die Stärkung der Sexualmedizin ist nicht nur eine Frage der Gesundheitsversorgung, sondern auch der sozialen Gerechtigkeit. Sie ermöglicht es, Stigmatisierung abzubauen und sexuelle Gerechtigkeit zu fördern, indem sie Bewusstsein schafft und Bildung vorantreibt.
Die sexuelle Gesundheit ist ein integraler Bestandteil des allgemeinen Wohlbefindens und erfordert eine umfassende und interdisziplinäre Herangehensweise. Die Stärkung der Sexualmedizin ist ein entscheidender Schritt, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern und die Lebensqualität der Menschen zu erhöhen. Öffentliche Bildung, fundierte Ärzteausbildung und interdisziplinäre Forschung sind unerlässlich, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern und eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen.
Für weitere Informationen besuchen Sie die Pressemitteilung der Österreichischen Ärztekammer.