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Sandoz streicht 180 Jobs in Tirol: SPÖ fordert Fairplay bei Förderungen

16. März 2026 um 11:23
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Ein Aufschrei geht durch Tirol: Der Schweizer Pharmariese Sandoz plant den massiven Abbau von bis zu 180 Arbeitsplätzen am Standort Kundl. Was besonders bitter aufstößt: Das Unternehmen hat über Ja...

Ein Aufschrei geht durch Tirol: Der Schweizer Pharmariese Sandoz plant den massiven Abbau von bis zu 180 Arbeitsplätzen am Standort Kundl. Was besonders bitter aufstößt: Das Unternehmen hat über Jahre hinweg erhebliche öffentliche Förderungen kassiert und will nun trotzdem Forschung und Entwicklung nach Slowenien und Indien verlagern. SPÖ-Gesundheitssprecher Rudolf Silvan spricht von einem "inakzeptablen" Vorgehen und fordert von Sandoz "Fairplay statt Förderungen kassieren und dann Arbeitsplätze abbauen".

Massive Jobverluste trotz staatlicher Unterstützung

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während Sandoz von rund 100 betroffenen Stellen spricht, geht der Betriebsrat von bis zu 180 gefährdeten Arbeitsplätzen aus. Betroffen sind vorrangig hochqualifizierte Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung – genau jene Bereiche, die Österreich als Pharmastandort international wettbewerbsfähig machen sollen.

Der Standort Kundl, gelegen im Tiroler Unterland, ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Pfeiler der österreichischen Pharmaindustrie. Sandoz, eine Tochtergesellschaft des Schweizer Novartis-Konzerns, produziert hier Generika – kostengünstige Nachahmermedikamente, die nach Ablauf der Patente von Originalarzneimitteln auf den Markt kommen. Diese Generika spielen eine zentrale Rolle im Gesundheitssystem, da sie die Medikamentenkosten erheblich senken und damit die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen.

Was sind Generika und warum sind sie wichtig?

Generika sind Arzneimittel, die den gleichen Wirkstoff, die gleiche Dosierung und die gleiche Darreichungsform wie das ursprüngliche Markenmedikament enthalten. Sie dürfen erst nach Ablauf des Patentschutzes des Originalpräparats hergestellt und vermarktet werden, was in der Regel 20 Jahre nach der ersten Patentanmeldung der Fall ist. Der große Vorteil von Generika liegt in ihrem deutlich niedrigeren Preis – oft kosten sie nur einen Bruchteil des Originalmedikaments, da die Entwicklungskosten bereits amortisiert sind. In Österreich machen Generika mittlerweile etwa 80 Prozent aller verschriebenen Medikamente aus und sparen dem Gesundheitssystem jährlich mehrere hundert Millionen Euro. Ohne diese kostengünstigen Alternativen wären viele Therapien für Patienten schlichtweg unerschwinglich.

Österreichs Pharmaindustrie unter Druck

Die geplanten Stellenstreichungen bei Sandoz kommen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Österreich kämpft seit Jahren darum, als Pharmastandort international relevant zu bleiben. Die Konkurrenz aus Ländern mit niedrigeren Lohnkosten wie Indien, China oder osteuropäischen Staaten setzt die heimische Industrie zunehmend unter Druck. Gleichzeitig investiert die Bundesregierung Millionen in die sogenannte "Life Science Strategie", um Österreich als Forschungs- und Entwicklungsstandort für Biotechnologie und Pharmazie zu positionieren.

Diese Strategie sieht vor, bis 2030 Österreich zu einem der führenden Life-Science-Standorte Europas zu entwickeln. Dazu gehören massive Investitionen in Forschungsinfrastruktur, die Förderung von Start-ups im Biotech-Bereich und die Schaffung attraktiver Rahmenbedingungen für internationale Konzerne. Umso paradoxer erscheint es, wenn etablierte Unternehmen wie Sandoz, die von genau diesen Förderungen profitiert haben, nun ihre Aktivitäten ins kostengünstigere Ausland verlagern.

Förderungen und Subventionen: Was hat Sandoz erhalten?

Obwohl die genauen Summen der öffentlichen Förderungen für Sandoz in Kundl nicht vollständig transparent sind, ist bekannt, dass das Unternehmen über die Jahre hinweg erhebliche Unterstützung erhalten hat. Diese reichen von direkten Investitionszuschüssen über Forschungsförderungen bis hin zu steuerlichen Begünstigungen. Die Austria Wirtschaftsservice (AWS) und die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) haben wiederholt Projekte am Standort Kundl unterstützt. Auch das Land Tirol hat durch verschiedene Förderprogramme zur Stärkung des Standorts beigetragen. Experten schätzen, dass sich die öffentlichen Zuwendungen über die Jahre auf mehrere zehn Millionen Euro summieren dürften.

Internationale Verlagerungstrends in der Pharmaindustrie

Sandoz steht mit seiner Verlagerungsstrategie nicht allein da. Viele europäische Pharmaunternehmen haben in den vergangenen Jahren Produktions- und Forschungskapazitäten in Länder mit niedrigeren Lohnkosten verlagert. Indien hat sich dabei zu einem der wichtigsten Produktionsstandorte für Generika weltweit entwickelt. Das südasiatische Land produziert mittlerweile etwa 20 Prozent aller Generika global und beliefert über 200 Länder. Die Lohnkosten sind dort um ein Vielfaches niedriger als in Europa, gleichzeitig verfügt das Land über eine gut ausgebildete, englischsprachige Belegschaft.

Slowenien, das zweite Zielland für die Sandoz-Verlagerung, hat sich als kostengünstige Alternative innerhalb der EU etabliert. Die Lohnkosten liegen dort etwa 40 Prozent unter dem österreichischen Niveau, während die EU-Mitgliedschaft regulatorische Vorteile bietet. Viele internationale Konzerne haben bereits Produktionskapazitäten dorthin verlagert, was dem kleinen Balkanstaat einen beachtlichen Aufschwung in der Pharmaindustrie beschert hat.

Auswirkungen auf die betroffenen Mitarbeiter

Für die bis zu 180 betroffenen Mitarbeiter in Kundl bedeuten die geplanten Stellenstreichungen eine existenzielle Bedrohung. Viele von ihnen sind hochqualifizierte Fachkräfte mit jahrelanger Erfahrung in der Pharmaforschung. In einer ländlichen Region wie dem Tiroler Unterland sind alternative Arbeitsplätze rar gesät, zumal spezialisierte Pharmajobs nur bei wenigen anderen Unternehmen verfügbar sind. Viele der Betroffenen werden sich entscheiden müssen, entweder eine berufliche Neuorientierung zu wagen oder die Region zu verlassen – ein Verlust, den sich Tirol angesichts des demographischen Wandels kaum leisten kann.

Politische Reaktionen und Forderungen

Die politischen Reaktionen auf die Sandoz-Pläne fallen erwartungsgemäß heftig aus. Neben SPÖ-Gesundheitssprecher Rudolf Silvan hat sich auch der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter und SPÖ-Landesvorsitzende Philip Wohlgemuth zu Wort gemeldet. Er fordert rasche Gespräche zwischen der Konzernleitung, dem Betriebsrat und der Politik. Das Ziel müsse es sein, "Arbeitsplätze zu sichern, den Standort zu sichern und zu verhindern, dass zentrale Teile des Pharmastandorts Tirol schrittweise ins Ausland verlagert werden".

Besonders brisant ist Silvans Warnung, dass auf die Verlagerung der Forschung auch die der Produktion folgen könnte. Dies würde den kompletten Standort Kundl gefährden und hätte weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Region. Der SPÖ-Politiker erwartet klare Antworten nicht nur vom Unternehmen selbst, sondern auch vom Verband der pharmazeutischen Industrie (Pharmig), der die Interessen der Branche in Österreich vertritt.

Die Rolle der Pharmig und Industrieverbände

Die Pharmig (Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs) vertritt die Interessen von über 120 Mitgliedsunternehmen und ist damit die wichtigste Lobbying-Organisation der Branche. Der Verband setzt sich normalerweise für die Stärkung des Pharmastandorts Österreich ein und argumentiert regelmäßig mit der Bedeutung der Industrie für Innovation, Arbeitsplätze und Exporterlöse. Umso mehr steht die Pharmig nun unter Druck, zu den Sandoz-Plänen Stellung zu beziehen und gegebenenfalls mäßigend auf das Unternehmen einzuwirken. Die Glaubwürdigkeit des Verbands steht auf dem Spiel, wenn Mitgliedsunternehmen trotz öffentlicher Förderungen massiv Arbeitsplätze abbauen.

Volkswirtschaftliche Bedeutung der Pharmaindustrie

Die Pharmaindustrie ist für Österreich von enormer volkswirtschaftlicher Bedeutung. Sie beschäftigt direkt etwa 45.000 Menschen und erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von über 18 Milliarden Euro. Besonders wichtig sind die hohen Exporterlöse: Österreichische Pharmaunternehmen exportieren Medikamente im Wert von über 8 Milliarden Euro pro Jahr, was etwa 8 Prozent der gesamten österreichischen Warenexporte entspricht. Die Branche ist damit einer der wichtigsten Industriezweige des Landes und trägt erheblich zur positiven Handelsbilanz bei.

Tirol spielt in diesem Kontext eine besondere Rolle. Mit Unternehmen wie Sandoz, Novartis und anderen Pharmafirmen hat sich das Bundesland zu einem wichtigen Standort der Branche entwickelt. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen gefährdet nicht nur die direkten Beschäftigten, sondern auch zahlreiche Zulieferbetriebe und Dienstleister, die vom Pharmacluster profitieren.

Internationale Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich

Im internationalen Vergleich steht Österreich als Pharmastandort unter zunehmendem Druck. Während Deutschland mit seiner starken Pharmaindustrie und großen Unternehmen wie Bayer, Merck und Boehringer Ingelheim eine dominante Position in Europa hält, kämpft Österreich um seine Nische. Die Schweiz, traditionell ein Pharma-Powerhouse mit Konzernen wie Novartis und Roche, profitiert von günstigen Steuersätzen und einer langen Tradition in der Branche. Österreich muss daher andere Standortvorteile ausspielen: hochqualifizierte Arbeitskräfte, eine zentrale Lage in Europa, politische Stabilität und eine gute Infrastruktur. Doch diese Vorteile schwinden, wenn die Lohnkostenunterschiede zu groß werden.

Zukunftsperspektiven und mögliche Lösungsansätze

Die Sandoz-Krise zeigt exemplarisch die Herausforderungen auf, denen sich der Pharmastandort Österreich stellen muss. Reine Lohnkostenwettbewerbe mit Ländern wie Indien oder osteuropäischen Staaten sind nicht zu gewinnen. Stattdessen muss Österreich auf Innovation, Spezialisierung und Hochtechnologie setzen. Die Life Science Strategie der Bundesregierung geht prinzipiell in die richtige Richtung, doch sie muss konsequent umgesetzt und mit entsprechenden Rahmenbedingungen unterlegt werden.

Ein möglicher Lösungsansatz könnte in der verstärkten Förderung von Forschung und Entwicklung liegen. Österreich könnte sich als Standort für die Entwicklung neuer Medikamente und innovativer Therapien positionieren, während die Massenproduktion durchaus in kostengünstigeren Ländern stattfinden kann. Dies würde hochqualifizierte Arbeitsplätze sichern und gleichzeitig die Wertschöpfung im Land halten.

Darüber hinaus sollten öffentliche Förderungen stärker an Standortgarantien gekoppelt werden. Unternehmen, die Millionen an Steuergeldern erhalten, müssen sich im Gegenzug verpflichten, Arbeitsplätze und Produktionskapazitäten für einen bestimmten Zeitraum im Land zu halten. Bei Verstößen gegen solche Vereinbarungen sollten Rückzahlungsverpflichtungen greifen.

Die Rolle der europäischen Arzneimittelpolitik

Auch auf europäischer Ebene sind Reformen nötig. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie abhängig Europa von Medikamentenimporten aus Asien ist. Über 80 Prozent der Wirkstoffe für in Europa verkaufte Medikamente stammen aus China oder Indien. Diese Abhängigkeit birgt erhebliche Risiken für die Versorgungssicherheit. Die EU arbeitet daher an einer Pharmastrategie, die die Produktion wichtiger Medikamente wieder nach Europa zurückholen soll. Österreich könnte von solchen Initiativen profitieren, wenn es sich geschickt positioniert.

Fazit: Ein Wendepunkt für den Pharmastandort Österreich

Die geplanten Stellenstreichungen bei Sandoz markieren möglicherweise einen Wendepunkt für den Pharmastandort Österreich. Es zeigt sich, dass gutgemeinte Förderungen allein nicht ausreichen, um internationale Konzerne dauerhaft im Land zu halten. Vielmehr braucht es eine kohärente Strategie, die Anreize richtig setzt und gleichzeitig Verpflichtungen einfordert. Die Politik ist gefordert, nicht nur zu kritisieren, sondern konkrete Maßnahmen zu entwickeln, um solche Fälle in Zukunft zu verhindern. Nur so kann Österreich seine Position als attraktiver Standort für die Pharmaindustrie behaupten und die Arbeitsplätze der Zukunft sichern. Die kommenden Gespräche zwischen Politik, Unternehmen und Arbeitnehmervertretern werden zeigen, ob ein Kompromiss möglich ist oder ob Kundl zum Symbol für die Herausforderungen des Pharmastandorts Österreich wird.

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