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Schockierende Zahlen: Männer in OÖ verdienen 12.900 Euro mehr

5. März 2026 um 12:11
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Die Zahlen sind erschreckend und zeigen ein Österreich der zwei Geschwindigkeiten: Während wir uns gerne als modernes, gleichberechtigtes Land sehen, klafft in der Realität eine massive Einkommensschere zwischen Frauen und Männern. Besonders drastisch zeigt sich diese Ungerechtigkeit in Oberösterreich, wo Männer bei Vollzeitbeschäftigung jährlich 12.900 Euro mehr verdienen als ihre weiblichen Kolleginnen. Diese alarmierenden Daten der Arbeiterkammer Oberösterreich, veröffentlicht anlässlich des Weltfrauentages am 8. März 2024, werfen ein grelles Licht auf strukturelle Probleme unseres Arbeitsmarktes.

Oberösterreich als trauriger Spitzenreiter der Ungleichheit

Bei ganzjähriger Vollzeitbeschäftigung verdienen Männer in Oberösterreich um 23,7 Prozent mehr als Frauen – das entspricht dem erwähnten Unterschied von 12.900 Euro pro Jahr. Damit liegt das Bundesland österreichweit an zweiter Stelle der Einkommensungleichheit, nur Vorarlberg weist mit 27,7 Prozent noch größere Unterschiede auf. Im österreichischen Durchschnitt beträgt die Differenz 18,4 Prozent oder 10.500 Euro jährlich.

Diese Zahlen werden noch dramatischer, wenn man Teilzeitbeschäftigte miteinbezieht. Dann verdienen Männer in Oberösterreich monatlich fast 1.200 Euro mehr als Frauen – eine Diskrepanz von 49 Prozent. Auch hier belegt das Industrieland den unrühmlichen zweiten Platz nach Vorarlberg mit 53 Prozent.

Die Anatomie der Ungerechtigkeit: Warum OÖ besonders betroffen ist

Um diese erschreckenden Zahlen zu verstehen, muss man tief in die Struktur des oberösterreichischen Arbeitsmarktes blicken. Das Bundesland ist traditionell stark industriell geprägt – Branchen wie Stahl, Maschinenbau und Automotive dominieren die Wirtschaftslandschaft. Diese Industriezweige waren historisch männerdominiert und bieten nach wie vor überdurchschnittlich hohe Löhne bei Vollzeitbeschäftigung.

Parallel dazu hat sich eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung entwickelt, die tief in gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt ist. Frauen arbeiten überproportional häufig in Dienstleistungsbereichen wie Handel, Pflege, Bildung oder Tourismus – Branchen, die traditionell geringere Entlohnung bieten. Gleichzeitig sind Frauen deutlich häufiger in Teilzeit beschäftigt, oft aus Gründen der Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen.

Historische Entwicklung der Einkommensschere

Die Einkommensungleichheit zwischen den Geschlechtern ist kein neues Phänomen, sondern hat tiefe historische Wurzeln. In den 1960er und 1970er Jahren war die Rollenverteilung noch klarer definiert: Männer als Alleinverdiener, Frauen als Hausfrauen und Mütter. Mit dem gesellschaftlichen Wandel und der steigenden Erwerbsquote von Frauen hätte man eine Angleichung der Einkommen erwarten können.

Tatsächlich hat sich die Situation zwar verbessert – in den 1980er Jahren lag der Gender Pay Gap noch bei über 30 Prozent –, jedoch sehr langsam. Strukturelle Barrieren wie fehlende Kinderbetreuungsplätze, unflexible Arbeitszeiten und die Konzentration von Frauen in geringer entlohnten Berufen perpetuieren die Ungleichheit. In Oberösterreich verstärkt die starke Industrialisierung diesen Effekt zusätzlich.

Bundesländervergleich: Wo steht Österreich?

Ein Blick auf die anderen Bundesländer zeigt deutliche regionale Unterschiede. Wien weist mit 15,2 Prozent die geringste Einkommensschere bei Vollzeit auf, gefolgt vom Burgenland mit 16,8 Prozent. Am anderen Ende der Skala stehen neben Oberösterreich auch Salzburg (21,4 Prozent) und Kärnten (20,9 Prozent).

Diese Unterschiede spiegeln verschiedene Wirtschaftsstrukturen wider. In Wien dominiert der Dienstleistungssektor mit einem höheren Anteil an hochqualifizierten Arbeitsplätzen, die sowohl Männern als auch Frauen zugänglich sind. Gleichzeitig ist die Kinderbetreuungsinfrastruktur in der Hauptstadt besser ausgebaut, was Frauen häufiger Vollzeitbeschäftigung ermöglicht.

Internationaler Vergleich: Was können wir lernen?

Im internationalen Vergleich steht Österreich schlecht da. Deutschland weist ähnliche Probleme auf, während die nordischen Länder wie Schweden, Norwegen und Island deutlich geringere Einkommensunterschiede verzeichnen. In Island beträgt der Gender Pay Gap nur etwa 4 Prozent, in Schweden rund 8 Prozent.

Diese Länder haben früh auf Transparenz, starke Gleichstellungsgesetze und umfassende Kinderbetreuung gesetzt. Besonders bemerkenswert ist das isländische Modell: Seit 2018 müssen Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern beweisen, dass sie Männer und Frauen gleich bezahlen. Bei Verstößen drohen empfindliche Geldstrafen.

Die unsichtbare Diskriminierung: Mehr als nur Zahlen

Besonders alarmierend ist die Erkenntnis der Statistik Austria, dass nur etwa ein Drittel der Einkommensunterschiede durch messbare Faktoren wie Branche, Arbeitszeit, Beruf oder Betriebszugehörigkeit erklärt werden kann. Der Großteil – rund zwei Drittel – dürfte auf direkte oder strukturelle Diskriminierung zurückzuführen sein.

Direkte Diskriminierung bedeutet bewusste Ungleichbehandlung bei gleicher Qualifikation und Leistung. Strukturelle Diskriminierung ist subtiler: Sie zeigt sich in Beförderungspraktiken, der Bewertung von Tätigkeiten oder unbewussten Vorurteilen bei Gehaltsverhandlungen. Studien zeigen, dass "typisch weibliche" Eigenschaften wie Empathie oder Teamfähigkeit oft weniger wertgeschätzt werden als "typisch männliche" wie Durchsetzungsvermögen oder Risikobereitschaft.

Konkrete Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen

Die 12.900 Euro Unterschied pro Jahr bedeuten für eine Vollzeit arbeitende Frau in Oberösterreich massive Einbußen. Über ein 40-jähriges Berufsleben summiert sich dieser Betrag auf mehr als eine halbe Million Euro – ohne Berücksichtigung von Zinsen und Zinseszinsen. Diese Summe hätte ausgereicht, um eine Eigentumswohnung zu finanzieren oder eine solide private Altersvorsorge aufzubauen.

Die Auswirkungen gehen aber weit über die individuelle Ebene hinaus. Niedrigere Einkommen bedeuten auch niedrigere Pensionsansprüche – ein Teufelskreis, der zur weit verbreiteten Altersarmut von Frauen beiträgt. In Österreich sind 17 Prozent der Frauen über 65 Jahren armutsgefährdet, aber nur 11 Prozent der Männer.

Transparenz als Hoffnungsschimmer: Die EU-Lohntransparenzrichtlinie

Einen wichtigen Schritt zur Lösung des Problems könnte die neue EU-Lohntransparenzrichtlinie darstellen, die bis Juni 2026 in nationales Recht umgesetzt werden muss. Diese Richtlinie verpflichtet Unternehmen zu mehr Offenheit bei Gehaltsstrukturen und stärkt die Rechte der Beschäftigten.

Kernelemente der Richtlinie sind das Recht auf Gehaltstransparenz bereits im Bewerbungsprozess, regelmäßige Lohnberichte und wirksame Sanktionen bei Verstößen. Besonders wichtig ist auch die Beweislastumkehr: Arbeitgeber müssen beweisen, dass sie nicht diskriminieren, nicht umgekehrt.

Derzeit sind zwar größere Betriebe in Österreich gesetzlich zur Erstellung von Einkommensberichten verpflichtet, doch die Praxis zeigt große Mängel. Viele Unternehmen erstellen keine Berichte oder machen sie der Belegschaft nicht zugänglich. Wirksame Sanktionen fehlen, und die verpflichtende Anonymisierung erschwert konkrete Einkommensvergleiche.

Forderungen der Arbeiterkammer: Ein Fünf-Punkte-Plan

Die Arbeiterkammer Oberösterreich hat anlässlich des Weltfrauentages konkrete Forderungen formuliert, die das Problem an verschiedenen Stellen anpacken sollen:

  • Gleiche Bezahlung für gleiche beziehungsweise gleichwertige Arbeit – ein Grundsatz, der längst selbstverständlich sein sollte, aber noch immer nicht flächendeckend umgesetzt wird.
  • Ein Recht auf Vollzeitbeschäftigung oder Stundenaufstockung, wenn dies betrieblich möglich ist. Viele Frauen sind unfreiwillig in Teilzeit beschäftigt und würden gerne mehr arbeiten.
  • Vollzeittaugliche Betreuungs- und Pflegeangebote, denn noch immer übernehmen Frauen den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit in der Familie.
  • Flächendeckende kollektivvertragliche Mindestlöhne von 2.000 Euro brutto bei Vollzeit, um besonders niedrige Einkommen anzuheben.
  • Eine bestmögliche Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie mit wirksamen Kontrollen und Sanktionen.

Die Rolle der Unternehmen: Zwischen Widerstand und Wandel

Viele Unternehmen argumentieren, dass Gehaltsunterschiede rein leistungsbezogen seien und nichts mit Geschlecht zu tun hätten. Tatsächlich zeigen Studien aber, dass unbewusste Vorurteile ("Unconscious Bias") eine große Rolle spielen. So werden identische Bewerbungen unterschiedlich bewertet, je nach Geschlecht des Namens auf dem Lebenslauf.

Progressive Unternehmen setzen daher auf strukturierte Gehaltsysteme, anonymisierte Bewerbungsverfahren und regelmäßige Gehaltsanalysen. Einige große Konzerne haben bereits freiwillig ihre Gehaltsstrukturen offengelegt und Maßnahmen zur Schließung des Gender Pay Gap ergriffen.

Zukunftsperspektive: Der lange Weg zur Gleichstellung

Experten schätzen, dass es bei der derzeitigen Geschwindigkeit noch Jahrzehnte dauern wird, bis echte Lohngleichheit erreicht ist. Optimistische Prognosen gehen von 20 bis 30 Jahren aus, pessimistische von noch längeren Zeiträumen. Entscheidend wird sein, ob die Politik den Mut zu strukturellen Reformen aufbringt und ob die Gesellschaft bereit ist, traditionelle Rollenbilder zu überdenken.

Wichtige Stellschrauben sind der Ausbau der Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitsmodelle für beide Geschlechter und eine Aufwertung sozialer Berufe. Auch die Väterkarenz müsste stärker gefördert werden, um die Sorgearbeit gleichmäßiger zu verteilen.

Die neuen Zahlen aus Oberösterreich sind ein Weckruf: Trotz aller Fortschritte in anderen Bereichen herrscht am Arbeitsmarkt noch immer erschreckende Ungleichheit. Wie AK-Präsident Andreas Stangl betont: "Gleichstellung darf nicht nur ein Symbol am Weltfrauentag sein. Gerechtigkeit entsteht dort, wo für gleiche Arbeit gleiche Bezahlung erfolgt." Es liegt an uns allen – Politik, Unternehmen und Gesellschaft –, diese Worte endlich in die Tat umzusetzen. Denn wahre Gleichberechtigung ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor, der unserem Land helfen würde, das Potential aller Bürgerinnen und Bürger voll auszuschöpfen.

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