Kampagne gegen Schleuderpreise soll faire Wertschöpfung für heimische Landwirte sichern
Der Preisverfall bei Schweinefleisch setzt österreichische Bauern massiv unter Druck. Vom Schnitzelpreis im Gasthaus bleiben nur 2,8 Prozent am Hof.
Die österreichischen Schweinebauern schlagen Alarm: Der anhaltende Preisdruck bei Schweinefleisch gefährdet zunehmend die Existenz heimischer Betriebe. Ein aktuelles Beispiel aus dem Großhandel verdeutlicht das Ausmaß der Krise – EU-Schweinefleisch wird derzeit um lediglich 2,99 Euro netto pro Kilogramm angeboten. Diese Schleuderpreise treiben die Preisspirale weiter an und setzen die gesamte heimische Wertschöpfungskette unter massiven Druck.
Bauernbund-Präsident und Nationalratsabgeordneter Georg Strasser macht sich für ein Umdenken in der Lebensmittelbranche stark. "Die Preislawine muss gestoppt werden. Die Debatte um billige Lebensmittel muss endlich ein Ende haben", fordert Strasser eindringlich. Hochwertige heimische Lebensmittel hätten einen Wert und daher auch ihren Preis – eine Tatsache, die im aktuellen Preiskampf zunehmend in Vergessenheit gerate.
Die Situation ist für viele bäuerliche Familienbetriebe existenzbedrohend. Während Konsumenten im Supermarkt zu günstigen Fleischprodukten greifen, kämpfen die Erzeuger um ihr wirtschaftliches Überleben. Der Preisverfall betrifft dabei nicht nur einzelne Betriebe, sondern gefährdet die gesamte heimische Schweinefleischproduktion.
Besonders drastisch zeigt eine aktuelle Berechnung der Landwirtschaftskammer Steiermark, wie unausgewogen die Wertschöpfung in der Lebensmittelkette verteilt ist. Bei einem durchschnittlichen Schnitzelpreis von 18,50 Euro im Gasthaus bleiben für den Bauern gerade einmal 53 Cent übrig. Das entspricht einem Anteil von lediglich 2,8 Prozent am Endpreis – ein erschütternd niedriger Wert, der die strukturellen Probleme der Branche offenlegt.
Diese Zahlen verdeutlichen ein grundlegendes Missverhältnis: Während Gastronomie, Handel und Verarbeitung den Großteil der Wertschöpfung für sich beanspruchen, bleiben die Produzenten mit einem minimalen Anteil zurück. Die wirtschaftliche Basis der Erzeuger gerät dadurch immer stärker unter Druck.
Die Verteilung der Erlöse entlang der Wertschöpfungskette zeigt ein deutliches Ungleichgewicht. Vom Erzeuger über den Schlachthof, die Verarbeitung und den Handel bis zum Endkonsumenten wandert der Großteil des Geldes an Zwischenhändler und Verarbeiter. Der Landwirt, der die eigentliche Produktionsleistung erbringt und das unternehmerische Risiko trägt, wird dabei systematisch benachteiligt.
Dieses Missverhältnis ist kein neues Phänomen, hat sich aber in den vergangenen Jahren durch den verschärften Preiswettbewerb im Lebensmittelhandel weiter zugespitzt. Die großen Handelsketten nutzen ihre Marktmacht, um Preise zu drücken – auf Kosten der Produzenten.
Als Reaktion auf die prekäre Lage hat der Österreichische Bauernbund die Kampagne "Schleuderpreise stoppen" ins Leben gerufen. Im Zentrum steht ein klares Ziel: eine spürbare Verbesserung der Erzeugerpreise, damit ein fairer Anteil an der Wertschöpfung tatsächlich am Hof ankommt.
Die Kampagne macht sichtbar, wie wenig vom Regalpreis in vielen Fällen am Anfang der Kette bleibt. Durch Aufklärungsarbeit und öffentlichen Druck soll ein Umdenken bei Handel, Gastronomie und Konsumenten erreicht werden. Eine begleitende Petition gibt Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, die Forderungen aktiv zu unterstützen.
"Genau hier setzt unsere Kampagne an: Es muss deutlich mehr von der Wertschöpfung dort ankommen, wo produziert wird, nämlich am Hof", betont Strasser. Der Appell richtet sich dabei nicht nur an den Handel, sondern auch an die Verbraucher selbst. Wer heimische Qualität wolle, müsse bereit sein, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen.
Ein wichtiges Argument für höhere Preise liefert die Qualität der österreichischen Schweinehaltung. Laut dem World Animal Protection Index gehört Österreich zu den Ländern mit den höchsten Tierhaltungsstandards weltweit. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Maßnahmen zur Weiterentwicklung des Tierwohls umgesetzt.
Diese hohen Standards bedeuten für die Landwirte jedoch auch höhere Produktionskosten. Mehr Platz pro Tier, strenge Hygienevorschriften und aufwendige Dokumentationspflichten schlagen sich in den Betriebskosten nieder. Wenn die Erzeugerpreise diese Mehrkosten nicht abdecken, wird die Produktion unter hohen Standards wirtschaftlich unrentabel.
"Diese Qualität gibt es nicht zum Nulltarif und sie darf nicht durch Schleuderpreise kaputtgemacht werden", mahnt Strasser. Er appelliert an die Konsumenten, beim Einkauf bewusst zu heimischen Produkten zu greifen – am besten mit AMA-Gütesiegel als Orientierungshilfe. Nur so könne die hohe Qualität der österreichischen Landwirtschaft langfristig erhalten werden.
Über die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen hinaus sieht der Bauernbund auch die Ernährungssouveränität Österreichs gefährdet. Wenn immer mehr heimische Betriebe aufgeben müssen, wächst die Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland. Die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln würde damit langfristig untergraben.
Die Corona-Pandemie und die Unterbrechungen globaler Lieferketten haben bereits gezeigt, wie wichtig eine funktionierende heimische Landwirtschaft ist. Eine starke regionale Produktion schützt vor internationalen Preisschwankungen und Versorgungsengpässen.
"Wer auch in Zukunft heimische Lebensmittel will, muss aufhören, Lebensmittel systematisch zu entwerten", warnt Strasser. Die Konsequenzen einer weiteren Abwanderung aus der Schweinehaltung wären weitreichend: Weniger regionale Wertschöpfung, Verlust von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum und eine zunehmende Abhängigkeit von ausländischen Produzenten mit oft niedrigeren Standards.
"Sonst zahlen wir am Ende einen ganz anderen Preis, weil wir unsere Ernährungssouveränität aufs Spiel setzen. Das dürfen wir nicht zulassen", betont der Bauernbund-Präsident abschließend.
Die aktuelle Preiskrise ist Teil eines langfristigen Strukturwandels in der österreichischen Schweinehaltung. Die Zahl der Betriebe ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesunken, während die verbleibenden Höfe ihre Kapazitäten ausgebaut haben. Dennoch können viele Betriebe mit den niedrigen Preisen nicht mehr kostendeckend produzieren.
Besonders betroffen sind kleinere Familienbetriebe, die nicht über die Skaleneffekte größerer Anlagen verfügen. Sie stehen vor der Entscheidung, entweder massiv zu investieren und zu wachsen oder die Schweinehaltung aufzugeben. Beide Optionen sind mit erheblichen Risiken verbunden.
Zusätzlichen Druck erzeugt die Konkurrenz aus anderen EU-Ländern, insbesondere aus Deutschland, Spanien und Dänemark. Diese Länder produzieren oft zu niedrigeren Kosten und können daher günstiger anbieten. Der europäische Binnenmarkt ermöglicht den freien Warenverkehr, was den Preisdruck auf österreichische Produzenten weiter erhöht.
Die Kampagne des Bauernbundes appelliert auch an die Eigenverantwortung der Verbraucher. Durch bewusste Kaufentscheidungen können Konsumenten einen Beitrag zur Stärkung der heimischen Landwirtschaft leisten. Folgende Punkte können dabei helfen:
Jede Kaufentscheidung ist auch eine Abstimmung über die Zukunft der heimischen Landwirtschaft. Wer zu Billigfleisch unbekannter Herkunft greift, trägt indirekt zum Preisdruck auf österreichische Bauern bei.
Neben der Bewusstseinsbildung bei Konsumenten richtet sich die Kampagne auch an die Politik. Der Bauernbund fordert Maßnahmen zur Stärkung der Position der Landwirte in der Wertschöpfungskette. Dazu gehören eine bessere Durchsetzung des Wettbewerbsrechts gegenüber marktmächtigen Handelsketten sowie eine konsequente Herkunftskennzeichnung.
Auch die EU-Agrarpolitik steht im Fokus der Kritik. Die Rahmenbedingungen müssten so gestaltet werden, dass bäuerliche Familienbetriebe auch unter den strengen europäischen Standards wirtschaftlich überleben können. Andernfalls drohe eine weitere Konzentration der Produktion in Großbetrieben oder eine Verlagerung in Länder mit niedrigeren Standards.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Kampagne "Schleuderpreise stoppen" die erhoffte Wirkung entfaltet. Für die österreichischen Schweinebauern geht es dabei um nichts weniger als ihre wirtschaftliche Existenz.