Der Wiener Gemeindebau – ein Mikrokosmos der Gesellschaft, in dem viele Kulturen aufeinandertreffen. Doch was passiert, wenn das Zusammenleben dieser Kulturen zum Brennpunkt wird? Die neue ORF-Reportage „Frau Annemarie und der Gemeindebau“ beleuchtet genau diese Thematik und zeigt, warum das Zusamme
Der Wiener Gemeindebau – ein Mikrokosmos der Gesellschaft, in dem viele Kulturen aufeinandertreffen. Doch was passiert, wenn das Zusammenleben dieser Kulturen zum Brennpunkt wird? Die neue ORF-Reportage „Frau Annemarie und der Gemeindebau“ beleuchtet genau diese Thematik und zeigt, warum das Zusammenleben der Kulturen im Wiener Gemeindebau so schwierig ist.
Frau Annemarie, 82 Jahre alt, ist eine der langjährigen Bewohnerinnen im zwölften Bezirk. Fast täglich besucht sie den Sozialmarkt, um für sich und ihre Nachbarinnen einzukaufen. Ihre Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit enden jedoch dort, wo sie sich fremd fühlt. „Der Großteil spricht kein Deutsch und niemand sagt Bitte und Danke. Alles für die Ausländer wird gezahlt von meinem Steuergeld!“, beschwert sich Frau Annemarie.
Solche Aussagen sind symptomatisch für die Spannungen, die in vielen Teilen des Wiener Gemeindebaus herrschen. Historisch gesehen, waren Gemeindebauten in Wien Orte, die erschwinglichen Wohnraum für Arbeiterfamilien bieten sollten. Doch mit der Zeit haben sich die demografischen und sozialen Strukturen verändert.
Im angrenzenden Liebknechthof haben die Mieter begonnen, Unterschriften zu sammeln. Ihr Ziel: die Tore zu ihrem Gemeindebau sollen geschlossen werden, sodass nur noch Bewohner mit einem Schlüssel Zutritt haben. Die Mieter fühlen sich von migrantischen Jugendlichen belästigt, die laut und frech seien und ihren Müll nicht wegräumen würden.
Eine ehemalige Hausbesorgerin bringt es auf den Punkt: „Wir haben das ganze Land aufgebaut und gespart, und jetzt bekommen es die Fremden. Wir haben kämpfen müssen für unsere Gemeindebau-Wohnungen.“ Diese Aussage spiegelt das Gefühl vieler Bewohner wider, die an der Armutsgrenze leben und jeden Cent umdrehen müssen.
Der Wiener Gemeindebau hat eine lange Tradition, die bis in die Zwischenkriegszeit zurückreicht. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden viele dieser Bauten errichtet, um den Wohnraummangel zu beheben. Sie sollten nicht nur Wohnraum bieten, sondern auch das soziale Miteinander fördern.
Doch mit der Zeit hat sich die Bevölkerungsstruktur verändert. Migration und Globalisierung haben dazu geführt, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen hier ein neues Zuhause gefunden haben. Dieser Wandel hat jedoch auch zu Spannungen geführt, da alteingesessene Bewohner oft das Gefühl haben, dass ihre Lebensweise bedroht wird.
Der Steinbauer-Park, gleich gegenüber des Gemeindebaus, ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Diese fühlen sich oft missverstanden und von den älteren Bewohnern diskriminiert. „Wenn die alten Bewohnerinnen aus dem Gemeindebau mehr Respekt hätten, wären wir auch freundlicher“, sagen Jugendliche. Doch stattdessen hören sie oft abfällige Bemerkungen.
Die Jugend spielt eine entscheidende Rolle im Wandel der Gesellschaft. Sie sind die Brückenbauer zwischen den Kulturen, aber oft auch die Auslöser von Konflikten, wenn das Verständnis füreinander fehlt.
Wie kann das Zusammenleben im Wiener Gemeindebau verbessert werden? Experten sind sich einig, dass es mehr Begegnungsmöglichkeiten und Dialog zwischen den Kulturen geben muss. „Es ist wichtig, dass wir nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben“, betont ein Stadtsoziologe.
Bildungsprogramme und gemeinsame Veranstaltungen könnten helfen, Vorurteile abzubauen und den gegenseitigen Respekt zu fördern. Auch die Rolle der Stadtverwaltung ist entscheidend, um geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen.
Im Norden Wiens, in der Großfeldsiedlung, lebt Frau Brigitte. Sie verbringt viel Zeit mit migrantischen Kindern und Jugendlichen. „Für mich sind das keine Tschuschen-Kinder, sondern Kinder. Jeder verlangt von den Neu-Österreichern, dass sie sich an uns anpassen, aber niemand zeigt ihnen, wie wir eigentlich sind“, sagt Frau Brigitte.
Frau Brigittes Ansatz zeigt, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Es erfordert Offenheit auf beiden Seiten und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.
Die Reportage „Frau Annemarie und der Gemeindebau“ ist mehr als nur eine Momentaufnahme der aktuellen Situation. Sie ist ein Aufruf an die Gesellschaft, sich den Herausforderungen des multikulturellen Zusammenlebens zu stellen. Die Zukunft des Wiener Gemeindebaus hängt davon ab, wie wir heute mit den Herausforderungen umgehen.
Es bleibt zu hoffen, dass aus den Spannungen neue Lösungen entstehen, die das Zusammenleben in Wien und darüber hinaus verbessern. Denn letztlich geht es darum, die Vielfalt als Bereicherung zu sehen und die Chancen zu nutzen, die sich daraus ergeben.