Wiener Volkspartei fordert verpflichtende Deutschförderung ab drei Jahren – Neos weisen Vorwürfe zurück
Die Wiener ÖVP wirft der Stadtregierung Versagen bei der Sprachförderung vor. Jedes zweite Schulkind habe Deutschdefizite.
Die Debatte um Sprachförderung und Deutschkenntnisse von Schulanfängern in Wien hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Wiener Volkspartei (ÖVP) attackiert die Stadtregierung und insbesondere die für Bildung zuständigen Neos mit scharfen Worten. Im Zentrum der Kritik steht ein aktuelles Interview von Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling, das nach Ansicht der Opposition mehr Problembeschreibung als Lösungsansätze enthält.
Harald Zierfuß, Bildungssprecher und Klubobmann der Wiener ÖVP, bezeichnet die aktuelle Situation als "bildungspolitisches Armutszeugnis". Seinen Angaben zufolge muss rund die Hälfte aller Schulanfänger in Wien als außerordentliche Schülerinnen und Schüler geführt werden – ein Status, der Kindern mit mangelnden Deutschkenntnissen zukommt und ihnen zusätzliche Sprachförderung ermöglichen soll.
"Wenn die zuständige Vizebürgermeisterin erklärt, warum Sprachprobleme entstehen, aber nicht sagt, wie sie diese endlich lösen will, ist das ein bildungspolitisches Armutszeugnis", so Zierfuß in einer Aussendung. Er wirft der Stadtregierung vor, nach "Erklärungen außerhalb des eigenen Verantwortungsbereichs" zu suchen und damit vom "eigenen Versagen" abzulenken.
Die Wiener ÖVP präsentiert einen konkreten Maßnahmenkatalog, um die Situation zu verbessern. Im Zentrum steht die Forderung nach einer verpflichtenden Deutschförderung für alle Dreijährigen im Kindergarten. Derzeit besteht in Wien eine Kindergartenpflicht für Fünfjährige, die nach Ansicht der Opposition zu spät ansetzt, um Sprachdefizite rechtzeitig auszugleichen.
Zusätzlich fordert die Volkspartei:
"Integration beginnt mit der Sprache", betont Zierfuß. "Wenn Kinder beim Schuleintritt kaum Deutsch sprechen, dann hat die Sprachförderung in Wiens Kindergärten unter SPÖ/Neos versagt." Er fordert einen "grundlegenden Kurswechsel" in der Bildungspolitik der Bundeshauptstadt.
In Österreich werden Kinder vor dem Schuleintritt einer Sprachstandsfeststellung unterzogen. Diese Überprüfung soll feststellen, ob die Deutschkenntnisse ausreichen, um dem Unterricht folgen zu können. Kinder, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen, werden als außerordentliche Schülerinnen und Schüler eingestuft und erhalten besondere Fördermaßnahmen.
Wien steht aufgrund seiner demografischen Struktur vor besonderen Herausforderungen. Als Großstadt mit hohem Migrationsanteil gibt es einen überdurchschnittlichen Anteil an Kindern, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Die Frage, wie diese Kinder optimal auf den Schulstart vorbereitet werden können, beschäftigt die Bildungspolitik seit Jahren.
Die Positionen in der bildungspolitischen Debatte gehen weit auseinander. Während konservative Kräfte wie die ÖVP auf verpflichtende Maßnahmen und frühere Intervention setzen, betonen andere Seiten die Komplexität der Sprachentwicklung und die Notwendigkeit, soziale Faktoren wie das familiäre Umfeld in die Betrachtung einzubeziehen.
Bildungsexperten weisen darauf hin, dass Spracherwerb ein vielschichtiger Prozess ist, der von zahlreichen Faktoren abhängt. Neben dem Kindergartenbesuch spielen das Elternhaus, der Freundeskreis und die allgemeine Lebenssituation eine entscheidende Rolle. Eine rein auf den Kindergarten fokussierte Betrachtung greife daher zu kurz.
Die Kritik der ÖVP richtet sich explizit gegen die seit 2020 bestehende Koalition aus SPÖ und Neos in Wien. Die Volkspartei macht beide Regierungsparteien für die aktuelle Situation verantwortlich und spricht von "jahrelangem Wegschauen" und einer "gescheiterten Deutschförderung".
"SPÖ und Neos dürfen nicht länger zuschauen, wie jedes Jahr tausende Kinder ohne Deutschkenntnisse ins Schulsystem geschickt werden", warnt Zierfuß. "Das ist verantwortungslos und gefährdet Wiens Zukunft." Mit dieser Formulierung verbindet die Opposition die aktuelle Bildungsdebatte mit größeren Fragen der städtischen Entwicklung und Integration.
Die Debatte um Sprachförderung in Wien dürfte in den kommenden Wochen weitergehen. Die Neos haben die Kritik der ÖVP bisher nicht im Detail kommentiert, verweisen aber regelmäßig auf laufende Programme und Investitionen im Bildungsbereich. Die SPÖ als größerer Koalitionspartner betont traditionell die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes, der Bildung mit Sozial- und Integrationspolitik verbindet.
Fest steht, dass die Frage der Sprachförderung eine der zentralen bildungspolitischen Herausforderungen für Wien darstellt. Mit rund 100.000 Kindergartenkindern und etwa 240.000 Schülerinnen und Schülern ist die Bundeshauptstadt der mit Abstand größte Schulerhalter Österreichs. Entscheidungen, die hier getroffen werden, haben Auswirkungen auf das gesamte Bildungssystem.
Die Forderung nach verpflichtender Deutschförderung ab dem dritten Lebensjahr würde einen erheblichen Ausbau der Kindergarteninfrastruktur erfordern. Derzeit besuchen zwar die meisten Kinder in diesem Alter bereits einen Kindergarten, eine Pflicht besteht jedoch nicht. Die praktische Umsetzung einer solchen Maßnahme würde zusätzliches Personal und möglicherweise weitere Einrichtungen erfordern.
Auch die geforderte stärkere Einbindung der Eltern wirft Fragen auf. Wie eine solche Verpflichtung konkret aussehen und durchgesetzt werden könnte, bleibt offen. Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Eltern, deren Kinder Sprachdefizite aufweisen, werden von Experten kontrovers diskutiert.
Die bildungspolitische Debatte in Wien wird von allen Seiten mit Nachdruck geführt. Während die Opposition auf schnelle und verbindliche Maßnahmen drängt, verweist die Stadtregierung auf bereits bestehende Programme und die Komplexität der Herausforderung. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es zu konkreten Reformen kommt oder ob die Diskussion ein politisches Dauerthema bleibt.