Frauen verdienen in 97 Prozent der österreichischen Gemeinden weniger als Männer
Ein neuer Gleichstellungsindex zeigt dramatische Einkommensunterschiede auf. Österreichische Städte setzen vielfältige Aktionen zum Frauentag.
Zum Weltfrauentag am 8. März rückt der Österreichische Städtebund ein brisantes Thema in den Fokus: die nach wie vor bestehende Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen. Die Zahlen des neuen Städtebund-AK-Gleichstellungsindex sind alarmierend und zeigen, wie weit Österreich noch von echter Gleichberechtigung entfernt ist.
Die Ergebnisse des Gleichstellungsindex 2025 sprechen eine deutliche Sprache: In 97 Prozent der österreichischen Gemeinden – das entspricht 2.043 Gemeinden – verdienen Frauen weniger als drei Viertel des Medianeinkommens der Männer. Diese Statistik verdeutlicht das Ausmaß der strukturellen Ungleichheit im Land.
Besonders drastisch wird das Problem bei einem Blick auf die Extremwerte: Das höchste Medianeinkommen der Männer in einer österreichischen Gemeinde liegt bei 60.091 Euro, während das höchste Medianeinkommen der Frauen lediglich 38.077 Euro erreicht. Diese Differenz von fast 40 Prozent zeigt die enormen Herausforderungen auf, die noch zu bewältigen sind.
Nur in zwei österreichischen Gemeinden liegt das Medianeinkommen der Frauen nicht unter jenem der Männer – eine verschwindend geringe Anzahl, die die Dringlichkeit des Problems unterstreicht. Im Gleichstellungsindex erreicht die Dimension Einkommen nur einen Wert von 19 von maximal 100 Punkten und erweist sich damit als größte Baustelle neben dem eklatanten Gefälle in der Teilzeitarbeit.
Thomas Weninger, Generalsekretär des Österreichischen Städtebundes, sieht in der Lohntransparenz den entscheidenden Schlüssel zur Lösung: "Finanzielle Unabhängigkeit ist Voraussetzung für ein selbstbestimmtes und freies Leben, das jeder Frau und jedem Mädchen offenstehen muss. Lohntransparenz ist das Gebot der Stunde und eine wichtige Schraube, um das Einkommensgefälle endlich zugunsten der Frauen zu schließen."
Weninger verweist dabei auf die EU-Richtlinie, die Österreich bis Juni umsetzen muss. Diese Richtlinie soll dazu beitragen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu schaffen – ein Grundsatz, der in der Realität noch nicht angekommen ist.
Vizebürgermeisterin Kathrin Gaál, Vorsitzende des Städtebund-Frauenausschusses, analysiert die tieferliegenden Ursachen der Einkommensungleichheit: "Die Höhe des Einkommens darf keine Frage des Geschlechts sein. Solange die hochbezahlten Berufsfelder männlich dominiert und die schlechter bezahlten Jobs mehrheitlich durch Frauen besetzt sind, können wir nicht vom Erreichen des Ziels der wirtschaftlichen Gleichberechtigung sprechen."
Ein zentrales Problem sieht Gaál in der ungleichen Verteilung der Care-Arbeit: Frauen leisten den Großteil der unbezahlten Betreuungs- und Pflegearbeit und sind gleichzeitig viel häufiger in Teilzeit beschäftigt. Diese Kombination führt zu finanziellen Abhängigkeiten, schlechteren Karrierechancen und letztendlich zur Altersarmut.
Als Lösungsansätze fordert Gaál eine grundlegende Umstrukturierung: "Um eine tatsächliche wirtschaftliche Gleichberechtigung zu erreichen, müssen jene Jobs, die überwiegend von Frauen wahrgenommen werden, aufgewertet werden. Für Frauen muss außerdem Vollzeitarbeit möglich sein – im Gegenzug sollten mehr Männer in Teilzeit arbeiten und sich mit ihren Partnerinnen die unbezahlte Care-Arbeit 50:50 aufteilen."
Anlässlich des Weltfrauentags organisieren zahlreiche Mitgliedsstädte des Österreichischen Städtebundes ein breites Spektrum an Veranstaltungen, um auf Frauenrechte und Gleichberechtigung aufmerksam zu machen.
In Bregenz wird am 27. Februar der Agathe-Fessler-Frauenpreis verliehen, benannt nach der Begründerin der modernen Sozialarbeit in Vorarlberg. Der Preis würdigt beispielgebendes Wirken für Chancengerechtigkeit oder Erfolge in "frauenuntypischen" Bereichen. Zusätzlich findet das feministische Kunst- und Kulturfestival "laDIY*" statt.
Graz setzt auf Information und Bewusstseinsbildung: Unter dem Motto "Viel erreicht und noch viel vor!" werden zwölf Tafeln mit Fakten zu frauenrelevanten Themen am Hauptplatz ausgestellt. Das Bündnis 0803 bietet ein vielfältiges Programm unter dem Motto "Enough! Basta! Genug!"
Innsbruck veranstaltet am 7. März die "Lange Nacht des Frauenfilms" mit zehn Filmen im Metropol Kino und unterstützt die Demonstration der Frauen*Vernetzung unter dem Motto "Heraus zum 8. März 2025! Gewalt ist global – unser Aufstand auch."
Klagenfurt lädt zur Ausstellung "Alte Meisterinnen – neue Perspektiven" ein, bei der Studentinnen alte Meisterinnen kopieren und in ihrer heutigen künstlerischen Lebenswelt interpretieren. Ergänzt wird das Programm durch die Ausstellung "women_power_lines" und eine Performance.
Krems setzt ein Zeichen für weibliche Perspektiven in Kunst und Gesellschaft mit einem Kunst-Picknick, Livezeichnen mit der Wiener Comickünstlerin Valerie Bruckbög und Ausstellungen zu Christa Hauer anlässlich ihres 100. Geburtstages.
Linz vergab bereits am 26. Februar den mit 5.000 Euro dotierten "Frauenpreis der Stadt Linz" an die Beratungsstelle LENA für ihre innovative Aufklärungskampagne für Sexarbeiter*innen. Das Symposium "Frauen + Wohnen" am 5. März beleuchtet das Thema Wohnen aus weiblicher Perspektive.
Wien organisiert mit dem "Offenen Rathaus" am 7. März eine Informationsmesse mit der Ausstellung "Wien. Stadt der großen Töchter" und bietet in der 3. Wiener Frauenwoche über 200 kostenlose Veranstaltungen mit Fokus auf Finanzbildung.
Hohenems veranstaltet eine Vortragsreihe zu Frauengesundheit mit Schwerpunkten auf Wechseljahren und bioidentischen Hormonen. Zusätzlich findet ein StoP-Expertinnentalk über Opferschutzeinrichtungen statt.
Salzburg setzt auf Vernetzung mit einem Frauenclubbing am 5. März und einem Expert*innengespräch über "Gleichstellung: Zahlen, Daten, Fakten" am 10. März.
Die Aktivitäten zum Weltfrauentag zeigen das Engagement der österreichischen Städte für Gleichberechtigung. Doch die Zahlen des Gleichstellungsindex machen deutlich, dass punktuelle Aktionen allein nicht ausreichen. Es braucht strukturelle Veränderungen und politischen Willen, um die Einkommensschere zu schließen.
Die geforderte Lohntransparenz ist dabei nur ein Baustein. Ebenso wichtig sind die Aufwertung typischer "Frauenberufe", eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit und die Schaffung von Rahmenbedingungen, die es Frauen ermöglichen, finanziell unabhängig zu sein.
Der Österreichische Städtebund, der 259 Mitgliedsgemeinden vertritt und damit zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung repräsentiert, hat mit seinem Gleichstellungsindex ein wichtiges Instrument geschaffen, um Fortschritte messbar zu machen. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch, dass der Weg zur echten Gleichberechtigung noch lang ist.
Bis zur vollständigen Umsetzung der EU-Richtlinie zur Lohntransparenz im Juni haben Politik und Gesellschaft die Chance, konkrete Schritte zu setzen. Die Städte zeigen mit ihren vielfältigen Aktivitäten zum Weltfrauentag, dass der Wille zum Wandel vorhanden ist – nun müssen Taten folgen.