Während sich 40 EU-Abgeordnete aus 15 Ländern für ein Verbot der grausamen Zwangsmast bei Enten und Gänsen einsetzen, zeigt eine aktuelle Analyse der Tierschutzorganisation Animal Equality, wie die...
Während sich 40 EU-Abgeordnete aus 15 Ländern für ein Verbot der grausamen Zwangsmast bei Enten und Gänsen einsetzen, zeigt eine aktuelle Analyse der Tierschutzorganisation Animal Equality, wie die Stopfleber-Industrie systematisch Einfluss auf die EU-Gesetzgebung nimmt. Bis zu 199.999 Euro investierte die Branche 2025 in professionelle Lobbyarbeit und sicherte sich mehrere direkte Treffen mit hochrangigen EU-Kommissaren.
Der europäische Branchenverband Euro Foie Gras, unterstützt durch die spezialisierte Lobbyfirma Aliénor, verschaffte sich strategischen Zugang zu den Entscheidungsträgern der Europäischen Union. Konkret dokumentiert sind Treffen am 13. Februar 2025 mit Tierschutzkommissar Olivér Várhelyi zum Thema "Tierschutz und Gesundheit" sowie am 18. Juni 2025 mit dem Büro von Landwirtschaftskommissar Christophe Hansen.
Das Ergebnis dieser intensiven Lobbyarbeit zeigt sich deutlich: Im Oktober 2025 verabschiedete die Europäische Kommission eine überarbeitete Verordnung zu Vermarktungsstandards für Geflügelprodukte. Die umstrittenen Mindestgewichte für Stopfleber - mindestens 300 Gramm für Entenlebern und 400 Gramm für Gänselebern - blieben unverändert bestehen. Diese extremen Lebergewichte können ausschließlich durch die qualvolle Zwangsmast erreicht werden.
Die systematische Analyse von Animal Equality offenbart das erschreckende Ausmaß der industriellen Einflussnahme auf die EU-Tierschutzpolitik. Von Dezember 2024 bis März 2026 hielten die Kommissare Várhelyi und Hansen sowie ihre Kabinette insgesamt 708 öffentliche Treffen ab. In mindestens 46 dieser Gespräche diskutierten Vertreter der Fleisch-, Geflügel- und Milchindustrie das Thema Tierschutz mit den beiden Kommissaren.
Dem gegenüber stehen lediglich sieben Treffen mit Tierschutzorganisationen im selben Zeitraum - ein erschütterndes Verhältnis von fast 7:1 zugunsten der Industrie. Besonders alarmierend: Zum spezifischen Thema Zwangsmast ist kein einziges Treffen mit einer Tierschutzorganisation dokumentiert. Diese Zahlen verdeutlichen, wie einseitig die politische Meinungsbildung in Brüssel erfolgt.
Die Zwangsmast, französisch "gavage" genannt, ist eine jahrhundertealte Praxis zur Stopfleber-Produktion, die heute von führenden wissenschaftlichen Gremien weltweit als Tierquälerei verurteilt wird. Bei diesem Verfahren wird den Enten und Gänsen durch ein 20 bis 50 Zentimeter langes Metallrohr über einen Zeitraum von 12 bis 21 Tagen zwei- bis dreimal täglich gewaltsam große Mengen Futter eingeflößt - bis zu einem Kilogramm Maisbrei pro Fütterung.
Die Tiere leiden unter dieser Prozedur an einer krankhaften Verfettung der Leber, medizinisch als Hepatosteatose bezeichnet. Zum Zeitpunkt der Schlachtung wiegen ihre Lebern zwischen 550 und 700 Gramm - das ist sieben- bis zehnmal mehr als das natürliche Gewicht einer gesunden Gänse- oder Entenleber von etwa 70-100 Gramm. Die Sterblichkeitsrate während der Zwangsmast ist bis zu 25-mal höher als bei nicht zwangsgemästeten Tieren, was das extreme Leiden der Tiere unterstreicht.
Besonders brisant gestaltet sich die personelle Verflechtung zwischen Agrarindustrie und EU-Kommission. An den entscheidenden Treffen zwischen Euro Foie Gras und den Kommissaren nahmen zwei italienische Kabinettsmitglieder mit direkten Verbindungen zur Agrarindustrie teil. Flavio Facioni, Mitglied im Stab von Kommissar Várhelyi, unterhält enge Beziehungen zum italienischen Agrar- und Tierhaltungsverband Coldiretti, einem der mächtigsten Agrarverbände Italiens.
Antonella Rossetti, Stabsmitglied von Kommissar Hansen, arbeitete zuvor als Senior Adviser bei Farm Europe - einer einflussreichen Agrarlobby-Organisation, die jährlich rund eine halbe Million Euro in Lobbyarbeit investiert. Diese personellen Verflechtungen werfen fundamentale Fragen zur Unabhängigkeit politischer Entscheidungsprozesse auf.
"Das zeigt überdeutlich: Hier entscheiden nicht Fakten und Wissenschaft, sondern Euros und Einfluss", kritisiert Vanessa Raith, Direktorin von Animal Equality Deutschland. "Wir reden bei der Zwangsmast über eine Praxis, die von den führenden wissenschaftlichen Gremien weltweit als tierquälerisch verurteilt wurde. Dass sie in der EU noch immer legal ist, ist ein Versagen der Politik."
Die wirtschaftlichen Dimensionen der Stopfleber-Industrie sind beträchtlich: Schätzungen zufolge werden in der Europäischen Union jährlich rund 40 Millionen Enten und Gänse für die Stopfleber-Produktion genutzt und getötet. Frankreich dominiert dabei den Weltmarkt mit etwa 75 Prozent der globalen Produktion, gefolgt von Ungarn, Bulgarien, Spanien und Belgien als den einzigen weiteren EU-Ländern, in denen diese Praxis noch legal ist.
Interessant ist die geografische Verteilung der politischen Unterstützung: Während aus vier der fünf produzierenden EU-Länder Parlamentsabgeordnete den Brief für ein Zwangsmast-Verbot unterzeichneten, fehlt ausgerechnet eine Unterschrift aus Ungarn - dem Heimatland von Kommissar Várhelyi und dem zweitgrößten Stopfleber-Produzenten der Welt nach Frankreich.
Ein bemerkenswerter Widerspruch kennzeichnet die aktuelle EU-Rechtslage: 22 von 27 EU-Mitgliedstaaten haben die Stopfleber-Produktion auf ihrem Territorium bereits verboten - so auch Deutschland, Österreich und die meisten anderen Länder. Dennoch bleibt der Import der umstrittenen Delikatesse in allen Mitgliedstaaten weiterhin legal.
Diese rechtliche Inkonsistenz führt zu der paradoxen Situation, dass europäische Verbraucher Produkte kaufen können, deren Herstellung in ihrem eigenen Land als Tierquälerei gilt und strafrechtlich verfolgt würde. Tierschutzorganisationen kritisieren diese Doppelmoral scharf und fordern ein einheitliches EU-weites Importverbot.
Die wissenschaftliche Bewertung der Zwangsmast ist eindeutig: Sowohl die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als auch der Wissenschaftliche Ausschuss für Tiergesundheit und Tierschutz der EU haben die Praxis als tierquälerisch verurteilt. Veterinärmedizinische Studien belegen, dass die gewaltsame Fütterung zu schweren Verletzungen der Speiseröhre, chronischem Stress und systemischen Organschäden führt.
Die extreme Lebervergrößerung, die für die Stopfleber-Produktion erforderlich ist, entspricht medizinisch einer schweren Fettlebererkrankung, die bei Menschen als ernste Gesundheitsgefährdung gilt. Verhaltenstudien zeigen zudem, dass die zwangsgemästeten Tiere Zeichen von extremem Stress und Angst vor den Fütterungszeiten entwickeln.
Trotz der intensiven Lobbyarbeit der Stopfleber-Industrie formiert sich zunehmend politischer Widerstand. Am 27. März 2026 unterzeichneten 40 Mitglieder des Europäischen Parlaments aus 15 EU-Ländern einen Brief an die Kommissare Várhelyi und Hansen, in dem sie die schrittweise Abschaffung der Zwangsmast fordern.
Unter den deutschen Unterzeichnern finden sich prominente Namen wie der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken, die Grünen-Politiker Erik Marquardt, Martin Häusling und Jutta Paulus sowie Maria Noichl von der SPD. Auch Sebastian Everding von der Tierschutzpartei und Manuela Ripa von der ÖDP setzten ihre Unterschrift unter das Schreiben.
Die Parlamentarier fordern explizit, das Zwangsmast-Verbot in der kommenden Überarbeitung der EU-Tierschutzgesetzgebung zu verankern. Dies würde einen wichtigen Schritt hin zu einer einheitlichen europäischen Tierschutzpolitik bedeuten, die nicht mehr von industriellen Partikularinteressen dominiert wird.
Österreich hat wie Deutschland die Stopfleber-Produktion bereits national verboten, was die progressive Haltung in Tierschutzfragen unterstreicht. Dennoch können österreichische Verbraucher weiterhin legal Stopfleber aus den produzierenden EU-Ländern importieren und konsumieren. Diese Situation zeigt exemplarisch die Notwendigkeit einer einheitlichen EU-Regelung.
Die aktuellen Entwicklungen in Brüssel werden auch für Österreich von Bedeutung sein, da ein EU-weites Verbot der Zwangsmast und ein Importverbot die rechtliche Klarheit schaffen würden, die derzeit fehlt. Experten gehen davon aus, dass der politische Druck auf die Europäische Kommission in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird, insbesondere da sich die öffentliche Meinung zunehmend gegen Praktiken wendet, die als Tierquälerei wahrgenommen werden.
Die Enthüllungen über die massive Lobbyarbeit der Stopfleber-Industrie könnten einen Wendepunkt markieren. Sie zeigen nicht nur die problematischen Einflussstrukturen in Brüssel auf, sondern auch, wie systematisch Tierschutzinteressen marginalisiert werden. Animal Equality und andere Organisationen setzen ihre Kampagnenarbeit fort und mobilisieren weiterhin die Öffentlichkeit für ein endgültiges Verbot dieser umstrittenen Praxis.