Ahmed steht vor seinem verdorrten Feld und blickt in den wolkenlosen Himmel. Der 40-jährige Erntehelfer im syrischen Gouvernement al-Hasaka kennt nur noch eine Hoffnung: "Wir beten um Regen. Und we...
Ahmed steht vor seinem verdorrten Feld und blickt in den wolkenlosen Himmel. Der 40-jährige Erntehelfer im syrischen Gouvernement al-Hasaka kennt nur noch eine Hoffnung: "Wir beten um Regen. Und wenn er kommt, gehen wir raus und feiern ihn. Alles hängt vom Regen ab." Seine Worte spiegeln die Verzweiflung von Millionen Syrern wider, die nicht nur unter den Folgen eines 14-jährigen Krieges leiden, sondern nun auch von der schwersten Dürre seit Jahrzehnten betroffen sind. Die aktuelle Situation zeigt dramatisch auf, wie der Klimawandel bestehende Krisen verstärkt und ganze Regionen destabilisieren kann.
Das Gouvernement al-Hasaka im Nordosten Syriens galt einst als die Kornkammer des Landes. Etwa drei Viertel des gesamten syrischen Weizens wurden hier angebaut - eine Produktion, die nicht nur die lokale Bevölkerung ernährte, sondern auch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellte. Doch diese Zeiten scheinen der Vergangenheit anzugehören. "Die letzte Saison war sehr schlecht", berichtet Ahmed. "Wir hatten nur etwa ein Drittel der üblichen Regenmenge. Die Pflanzen sind verdorrt oder fast verkümmert. Es gab nicht viel zu ernten."
Die Auswirkungen dieser Dürre sind verheerend. In einer Region, wo Landwirtschaft traditionell die Haupteinkommensquelle darstellt, bedeutet das Ausbleiben von Regen existenzielle Bedrohung. Ahmed verdient in schlechten Erntesaisonen so wenig, dass sein Einkommen kaum die täglichen Ausgaben seiner Familie deckt. "An den meisten Tagen gibt es Brot. Fleisch ist zu teuer geworden. Obst gibt es höchstens einmal pro Woche", beschreibt er die prekäre Ernährungslage seiner Familie.
Um die aktuelle Krise zu verstehen, muss man sie im Kontext der jüngeren syrischen Geschichte betrachten. Der Bürgerkrieg, der 2011 begann und offiziell 14 Jahre andauerte, hinterließ das Land in Trümmern. Infrastruktur wurde zerstört, Millionen Menschen flohen aus ihren Heimatorten, und die Wirtschaft brach zusammen. Heute benötigen 16,5 Millionen Menschen - das entspricht etwa drei Vierteln der Gesamtbevölkerung - humanitäre Hilfe.
Viele Familien leben noch immer als Vertriebene in Flüchtlingslagern, während diejenigen, die in ihre ursprünglichen Dörfer zurückkehren konnten, mit einem langwierigen und kostspieligen Wiederaufbau konfrontiert sind. Landwirtschaftliche Flächen sind durch Landminen und Kriegstrümmer kontaminiert, was die Bewirtschaftung zusätzlich erschwert. In diese bereits verzweifelte Lage hinein trifft nun der Klimawandel mit voller Wucht.
Neben der Ernährungssicherheit bedroht die anhaltende Dürre auch die Grundversorgung mit Wasser. Bereits jetzt haben über zehn Millionen Syrer keinen gesicherten Zugang zu sauberem Wasser - das entspricht etwa der Hälfte der Bevölkerung. Diese Zahl ist besonders alarmierend, wenn man bedenkt, dass der Zugang zu sauberem Wasser ein fundamentales Menschenrecht darstellt und die Basis für Gesundheit, Hygiene und wirtschaftliche Entwicklung bildet.
Ahmed erlebte diese Wasserkrise am eigenen Leib. Die Wasserstation, die sein Dorf und vier weitere umliegende Gemeinden versorgt, war früher kaum funktionsfähig. Sie war auf öffentlichen Strom und teure Dieselgeneratoren angewiesen. "Wenn es Strom gab, dann oft nur eine Stunde am Tag. Der Treibstoff, um die Generatoren am Laufen zu halten, ist zu teuer", erklärt er die problematische Situation.
Angesichts dieser multiplen Krise hat die internationale Gemeinschaft Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Die österreichische Hilfsorganisation CARE arbeitet seit 2013 gemeinsam mit Partnerorganisationen in Syrien und erhält seit zehn Jahren finanzielle Unterstützung von der Europäischen Union. Diese Kooperation zeigt, wie wichtig internationale Solidarität in Krisenzeiten ist und wie europäische Werte auch in entfernten Regionen konkret umgesetzt werden können.
Im Fall von Ahmeds Dorf führte diese Hilfe zu einer spürbaren Verbesserung. Mit EU-Unterstützung setzte CARE die Wasserstation instand und installierte Solarpanele. Diese nachhaltige Lösung sorgt nicht nur für eine zuverlässigere Wasserversorgung, sondern reduziert auch die Abhängigkeit von teuren fossilen Brennstoffen. "Seither wechseln sich die Dörfer ab: Jedes von ihnen erhält alle fünf Tage für sieben bis acht Stunden fließendes Wasser", beschreibt Ahmed die neue Situation.
Die Klimakrise trifft Frauen und Kinder besonders hart, wie das Beispiel von Yasmin aus dem Nordwesten Syriens zeigt. Die 41-jährige Mutter von sechs Kindern arbeitet zusammen mit ihren zwei ältesten Söhnen als Erntehelferin, um das Überleben ihrer Familie zu sichern. Doch die steigenden Preise und die durch die Dürre bedingte geringere Arbeitsverfügbarkeit machen das Leben immer schwieriger.
"Besonders Wasser und Strom sind im letzten Jahr viel teurer geworden", berichtet Yasmin. "Wir brauchen ungefähr 1,5 US-Dollar am Tag, um Brot für alle zu kaufen. Das ist das Minimum zum Überleben." Diese Summe mag gering erscheinen, stellt aber für eine Familie, deren Einkommensquellen durch klimabedingte Ernteausfälle stark beeinträchtigt sind, eine enorme Herausforderung dar. Mehrfach musste Yasmin Geld leihen, um überhaupt Brot kaufen zu können.
Die aktuelle Situation in Syrien ist nicht nur ein humanitärer Notfall, sondern auch ein Vorbote dessen, was andere Regionen der Welt erwarten könnte. Der Klimawandel verstärkt bestehende Konflikte und schafft neue Instabilitäten. Wissenschaftler warnen seit Jahren vor den sogenannten "Klimakriegen" - Konflikten, die durch Ressourcenknappheit, Dürren und andere klimabedingte Faktoren ausgelöst oder verstärkt werden.
In Syrien zeigt sich diese Dynamik bereits deutlich. Die Dürre der Jahre 2007-2010 wird von vielen Experten als einer der Faktoren genannt, die zum Ausbruch des Bürgerkriegs beitrugen. Bauern verloren ihre Existenzgrundlage, zogen in die Städte und verstärkten dort die sozialen Spannungen. Die aktuelle Dürre könnte ähnliche Migrationsströme auslösen und die ohnehin fragile Stabilität der Region weiter gefährden.
Syrien steht mit dieser Problematik nicht allein da. Ähnliche Muster zeigen sich in anderen Teilen der MENA-Region (Middle East and North Africa). Der Irak, Jordanien und der Libanon kämpfen ebenfalls mit den Auswirkungen von Klimawandel und politischer Instabilität. Auch in Ostafrika, insbesondere am Horn von Afrika, führen anhaltende Dürren zu humanitären Krisen und Bevölkerungsbewegungen.
Im Vergleich zu europäischen Ländern wie Österreich wird deutlich, wie unterschiedlich die Auswirkungen des Klimawandels auf verschiedene Regionen sind. Während in Österreich hauptsächlich über Anpassungsmaßnahmen für die Landwirtschaft und den Tourismus diskutiert wird, geht es in Ländern wie Syrien buchstäblich ums Überleben.
Die von CARE geleistete Hilfe zeigt sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen internationaler Unterstützung auf. Mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union konnte die Organisation bereits mehr als 580.000 Menschen erreichen, die Mehrheit davon Frauen. Das Spektrum der Hilfsmaßnahmen ist breit gefächert und umfasst verschiedene Bereiche der Grundversorgung.
Im Bereich der Wasserversorgung baut und saniert CARE Brunnen, Toiletten und Handwaschstationen. Zudem wird Abwassermanagement betrieben, um die Hygienebedingungen zu verbessern und Krankheiten vorzubeugen. Diese Maßnahmen sind besonders wichtig, da schlechte Wasserhygiene zu Durchfallerkrankungen und anderen gesundheitlichen Problemen führen kann, die in einer bereits geschwächten Bevölkerung verheerende Auswirkungen haben können.
Bemerkenswert ist, dass CARE nicht nur kurzfristige Nothilfe leistet, sondern auch langfristige Entwicklungsansätze verfolgt. Berufsausbildungen, Mentoring-Programme und Startkapital helfen Frauen und Männern dabei, eigene Einkommensquellen aufzubauen. Diese Ansätze sind besonders wichtig, da sie den Menschen Perspektiven bieten und ihre Abhängigkeit von externer Hilfe reduzieren können.
Ein spezieller Fokus liegt auf dem Schutz von Frauen und Mädchen, die von Gewalt betroffen oder bedroht sind. Mobile Gesundheitsdienste, psychosoziale Beratung sowie finanzielle Unterstützung sollen ihre Situation verbessern. Ergänzend richten sich Aufklärungskampagnen an Männer und Buben, um Gewalt präventiv zu verhindern. Dieser ganzheitliche Ansatz zeigt, dass effektive Hilfe verschiedene Dimensionen menschlicher Bedürfnisse berücksichtigen muss.
Die ökonomischen Folgen der klimabedingten Krise in Syrien sind weitreichend. Die Landwirtschaft, die traditionell einen wichtigen Wirtschaftszweig darstellte, ist stark beeinträchtigt. Dies führt nicht nur zu Einkommensverlusten für Landwirte, sondern auch zu Preisanstiegen für Grundnahrungsmittel, die alle Bevölkerungsschichten treffen.
Ahmed berichtet, dass das gesparte Geld durch die verbesserte Wasserversorgung nun für Lebensmitteleinkäufe verwendet werden kann. Dies zeigt, wie sich Infrastrukturverbesserungen positiv auf die Haushaltsbudgets auswirken können. Gleichzeitig verdeutlicht es aber auch, wie knapp die finanziellen Ressourcen der Familien sind.
Yasmin erhält von CARE Bargeldhilfe, die durch die Europäische Union finanziert wird. "Es reicht nicht aus, um all unsere Bedürfnisse zu decken, vor allem wenn ich meine Kinder zur Schule schicken will. Aber es hilft uns zu überleben", erklärt sie. Die erste Zahlung nutzte sie, um Schulden für Lebensmittel zu begleichen, mit der zweiten beglich sie die Schulden für die wöchentliche Wasserlieferung.
Ein oft übersehener Aspekt der Krise ist die Bedrohung des Bildungssystems. Yasmins Sorge, ihre Kinder zur Schule schicken zu können, spiegelt ein weitverbreitetes Problem wider. Wenn Familien ums Überleben kämpfen, wird Bildung oft als Luxus betrachtet, den man sich nicht leisten kann. Kinder müssen arbeiten, um zum Familieneinkommen beizutragen, oder die Schulgebühren und -materialien sind schlicht nicht finanzierbar.
Dieser Teufelskreis perpetuiert Armut und verringert die Chancen für eine bessere Zukunft. Gut ausgebildete Menschen sind besser in der Lage, sich an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen, neue Technologien zu nutzen und alternative Einkommensquellen zu entwickeln. Der Verlust einer ganzen Generation von Bildungschancen könnte langfristige Folgen für die Entwicklung des Landes haben.
Die Situation in Syrien erfordert sowohl kurzfristige Nothilfe als auch langfristige strategische Ansätze. Experten betonen die Notwendigkeit klimaresilienter Infrastrukturen und nachhaltiger Landwirtschaftsmethoden. Wassersparende Bewässerungstechnologien, dürreresistente Pflanzensorten und diversifizierte Anbaumethoden könnten helfen, die Auswirkungen zukünftiger Dürreperioden zu mildern.
Gleichzeitig ist internationale Solidarität weiterhin unerlässlich. Die Europäische Union und andere Geber müssen ihre Unterstützung aufrechterhalten und verstärken. Dabei sollte der Fokus nicht nur auf unmittelbare Hilfe, sondern auch auf den Aufbau nachhaltiger Strukturen gelegt werden.
Die Integration von Klimaanpassungsmaßnahmen in die humanitäre Hilfe wird zunehmend wichtiger. Dies bedeutet, dass Hilfsprojekte von vornherein so konzipiert werden sollten, dass sie den Menschen helfen, sich an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen und widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Schocks zu werden.
Für Österreich und andere EU-Länder ergibt sich aus der syrischen Klimakrise eine doppelte Verantwortung. Einerseits als Teil der internationalen Gemeinschaft, die humanitäre Hilfe leistet, andererseits als Industrienation, die zum Klimawandel beigetragen hat. Die Unterstützung von Organisationen wie CARE zeigt, dass konkrete Hilfe möglich ist und Wirkung zeigt.
Die Erfahrungen aus Syrien können auch für andere Krisenregionen wertvoll sein. Die Kombination aus nachhaltiger Infrastruktur (wie den Solarpanelen für die Wasserversorgung), direkter finanzieller Unterstützung und Capacity-Building-Maßnahmen scheint ein erfolgversprechender Ansatz zu sein.
Gleichzeitig verdeutlicht die syrische Situation die Dringlichkeit ambitionierter Klimaschutzmaßnahmen. Je erfolgreicher die internationale Gemeinschaft bei der Begrenzung der globalen Erwärmung ist, desto geringer werden die zukünftigen humanitären Katastrophen ausfallen. In diesem Sinne ist Klimaschutz auch Friedenssicherung und humanitäre Prävention.
Die Geschichten von Ahmed und Yasmin stehen stellvertretend für Millionen von Menschen, die an der Schnittstelle zwischen Klimawandel und humanitärer Krise leben. Ihre Hoffnungen und ihr Kampf ums Überleben mahnen uns, dass Klimaschutz und internationale Solidarität keine abstrakten politischen Konzepte sind, sondern Fragen von Leben und Tod für konkrete Menschen mit Namen und Gesichtern.