Millionen von Tieren sind täglich auf der Wanderschaft – von winzigen Insekten bis hin zu majestätischen Walen durchqueren sie Kontinente und Ozeane, um zu überleben. Doch diese uralten Wanderroute...
Millionen von Tieren sind täglich auf der Wanderschaft – von winzigen Insekten bis hin zu majestätischen Walen durchqueren sie Kontinente und Ozeane, um zu überleben. Doch diese uralten Wanderrouten werden zunehmend zu gefährlichen Hindernisparcours. Am 23. März beginnt in Campo Grande, Brasilien, die 15. UN-Konferenz zum Schutz wandernder Tierarten, bei der Experten aus aller Welt nach Lösungen suchen. Die Zahlen sind alarmierend: Jede vierte wandernde Tierart ist bereits akut bedroht.
Unter wandernden Tierarten versteht man alle Tiere, die regelmäßig große Entfernungen zurücklegen, um ihre Lebenszyklen zu vollenden. Dies umfasst spektakuläre Phänomene wie die jährliche Wanderung von Gnus in der afrikanischen Serengeti, aber auch weniger bekannte Reisen wie die tausende Kilometer langen Züge von Meeresschildkröten oder die Wanderung von Lachsen flussaufwärts. Diese Bewegungen sind nicht optional – sie sind überlebenswichtig. Tiere wandern, um Nahrung zu finden, Fortpflanzungspartner zu treffen, Brutgebiete zu erreichen oder ungünstigen Witterungsbedingungen zu entgehen.
Die Bedeutung dieser Wanderungen reicht weit über die einzelnen Arten hinaus. Wandernde Tiere fungieren als lebende Brücken zwischen Ökosystemen, transportieren Nährstoffe über große Distanzen und tragen zur genetischen Vielfalt bei. Ein klassisches Beispiel sind Lachse, die Meeresnährstoffe in Süßwassersysteme bringen und so ganze Waldökosysteme nähren. Ohne diese natürlichen Transportdienste würden viele Ökosysteme kollabieren.
Der aktuelle Status-Bericht der Bonner Konvention zeichnet ein düsteres Bild: Fast die Hälfte aller gelisteten Populationen wandernder Arten sind weltweit rückläufig. Bei wandernden Fischarten ist die Situation besonders dramatisch – 97 Prozent sind bedroht. Diese Zahlen sind nicht nur statistisch beeindruckend, sie spiegeln eine ökologische Krise wider, die sich seit Jahrzehnten aufbaut.
"Straßen, Bauwerke, Verschmutzung, Fischerei oder Schiffsverkehr versperren den Tieren immer häufiger ihre lebenswichtigen Wege", erklärt WWF-Meeresexpertin Simone Niedermüller die Problematik. Die Hindernisse sind vielfältig: Autobahnen zerschneiden Landschaften, Staudämme blockieren Flüsse, Hochhäuser werden zu tödlichen Fallen für Zugvögel, und der zunehmende Schiffsverkehr stört die Wanderrouten von Meerestieren.
Ein besonderer Fokus der Konferenz liegt auf dem Schutz der Jaguare, da Brasilien als Gastgeberland die weltweit größten Populationen dieser Großkatzen beherbergt. Der Jaguar ist nicht nur das größte Raubtier Südamerikas, sondern auch ein wichtiger Indikator für die Gesundheit tropischer Ökosysteme. Diese beeindruckenden Katzen benötigen riesige Territorien – ein einzelner Jaguar kann ein Revier von bis zu 100 Quadratkilometern beanspruchen.
Die Wanderungen der Jaguare sind komplex und lebenswichtig. Junge Männchen müssen oft hunderte Kilometer zurücklegen, um ein eigenes Territorium zu finden. Weibchen wandern zwischen verschiedenen Nahrungsgebieten, je nach Jahreszeit und Verfügbarkeit von Beute. Diese Bewegungen ermöglichen den genetischen Austausch zwischen verschiedenen Populationen und sind entscheidend für das langfristige Überleben der Art.
Doch der Jaguar hat bereits die Hälfte seines ursprünglichen Lebensraums verloren. Einst zusammenhängende Regenwaldgebiete sind heute in kleine, isolierte Inseln zersplittert. Zwischen diesen Fragmenten erstrecken sich Rinderweiden, Sojafelder und Siedlungen – unüberwindbare Barrieren für die Großkatzen. "Nur wenn es gelingt, diese verbliebenen Lebensräume sicher miteinander zu verbinden, besteht eine Chance, den Jaguar vor dem Aussterben zu bewahren", betont Niedermüller.
Die Ozeane bedecken über 70 Prozent unseres Planeten, doch auch hier werden die Wanderrouten der Tiere zunehmend gefährlich. Wale, Haie, Schildkröten und unzählige Fischarten sind auf sichere "blaue Korridore" angewiesen – Meeresgebiete, die frei von störenden menschlichen Aktivitäten sind.
Diese blauen Korridore funktionieren ähnlich wie Autobahnen an Land: Sie verbinden wichtige Lebensräume miteinander und ermöglichen es den Tieren, effizient zwischen Nahrungs-, Fortpflanzungs- und Aufzuchtgebieten zu wechseln. Ein Buckelwal beispielsweise legt jährlich bis zu 25.000 Kilometer zurück – eine der längsten Wanderungen im Tierreich. Dabei folgt er uralten Routen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Doch diese Routen sind zunehmend bedroht. Der internationale Schiffsverkehr hat sich in den letzten 30 Jahren verdreifacht, was zu mehr Kollisionen, Lärmbelästigung und Umweltverschmutzung führt. Große Containerschiffe erzeugen Unterwasserlärm, der die Echoortung von Walen und Delfinen stört. Fischerei mit Schleppnetzen zerstört Meeresböden und reduziert die Nahrungsgrundlage vieler Arten.
Auch in der Luft werden die Reisebedingungen für wandernde Arten immer schwieriger. Zugvögel folgen seit Jahrtausenden bestimmten "Himmelsautobahnen" – Flugrouten, die durch geografische Gegebenheiten wie Küstenlinien, Gebirgsketten oder Flüsse bestimmt werden. Diese Routen sind evolutionär optimiert und berücksichtigen Windverhältnisse, Nahrungsvorkommen und sichere Rastplätze.
Ein Beispiel ist der Weißstorch, der jedes Jahr von Europa nach Afrika und zurück wandert. Dabei legt er bis zu 10.000 Kilometer zurück und orientiert sich an natürlichen Landmarken. Doch diese Orientierungshelfer verschwinden: Feuchtgebiete werden trockengelegt, traditionelle Brutplätze durch Siedlungen ersetzt, und Hochspannungsleitungen werden zu tödlichen Fallen.
Besonders problematisch sind moderne Hindernisse wie Windkraftanlagen und Hochhäuser. Millionen von Vögeln sterben jährlich durch Kollisionen mit diesen Strukturen. In Österreich schätzt man, dass bis zu 28 Millionen Vögel pro Jahr an Glasscheiben verunglücken.
Als wäre die zunehmende Zerschneidung der Landschaft nicht genug, kommt nun auch noch der Klimawandel als zusätzliche Bedrohung hinzu. Steigende Temperaturen verändern die zeitlichen Abläufe in der Natur – ein Phänomen, das Wissenschaftler als "Phänologie" bezeichnen. Pflanzen blühen früher, Insekten schlüpfen zu anderen Zeiten, und Nahrungsquellen verschieben sich räumlich.
Zugvögel, die ihre Wanderungen nach einem jahrtausendealten inneren Kalender ausrichten, finden bei ihrer Ankunft oft nicht mehr die erwarteten Bedingungen vor. Ein Beispiel ist der Trauerschnäpper, dessen Brutzeit nicht mehr mit dem Höhepunkt des Insektenvorkommens zusammenfällt. Die Folge: weniger erfolgreiche Bruten und schrumpfende Populationen.
Auch Meerestiere leiden unter den veränderten Bedingungen. Steigende Wassertemperaturen verschieben die Verbreitung von Plankton und Fischen, was die gewohnten Nahrungsketten durcheinanderbringt. Kaltwasserarten wie der Kabeljau wandern polwärts, während tropische Arten ihren Lebensraum nach Norden ausdehnen.
Auch Österreich spielt beim Schutz wandernder Arten eine wichtige Rolle. Das Land liegt an der Schnittstelle mehrerer wichtiger Zugvogelrouten und beherbergt Durchzugsgebiete für Arten wie Kraniche, Störche und verschiedene Greifvögel. Der Neusiedler See im Burgenland ist beispielsweise ein international bedeutsames Rastgebiet für Wasservögel.
In den österreichischen Gewässern sind wandernde Fischarten wie der Huchen oder die Äsche bedroht. Jahrhundertelang wurden Flüsse durch Wehre und Kraftwerke verbaut, was die natürlichen Wanderrouten der Fische unterbrach. Mittlerweile gibt es jedoch Bemühungen, diese Barrieren durch Fischtreppen und andere technische Lösungen zu überwinden.
Der WWF Österreich setzt sich aktiv für den Schutz wandernder Arten ein. Projekte wie die Renaturierung der March oder der Schutz der Donau-Auen tragen dazu bei, wichtige Korridore zu erhalten oder wiederherzustellen. "Österreich kann als Transitland eine Vorbildrolle übernehmen", betont man beim WWF.
Bei der Konferenz in Brasilien werden verschiedene konkrete Schutzmaßnahmen diskutiert. Ein zentraler Punkt ist die Schaffung und bessere Vernetzung von Schutzgebieten. Dabei geht es nicht nur um die Ausweisung neuer Reservate, sondern vor allem um die Verbindung bestehender Schutzgebiete durch Korridore.
Für Jaguare beispielsweise arbeitet man an einem kontinentweiten Netzwerk von Schutzkorridoren, das von Mexiko bis nach Argentinien reichen soll. Diese Korridore müssen nicht vollständig naturbelassen sein – auch extensive Landwirtschaft oder nachhaltige Forstwirtschaft können als Verbindungselemente dienen, solange sie für die Tiere durchquerbar bleiben.
In den Meeren sollen sogenannte "Meeresschutzgebiete" ausgeweitet werden. Dabei handelt es sich um Gebiete, in denen bestimmte menschliche Aktivitäten wie Fischerei oder Schiffsverkehr eingeschränkt oder ganz verboten sind. Internationale Koordination ist dabei entscheidend, da sich wandernde Meerestiere nicht an nationale Grenzen halten.
Ein besonderer Fokus liegt auf den "Tiefseebergen" – unterseeischen Erhebungen, die besonders artenreich sind. Diese Gebiete sollen als Schutzgebiete anerkannt und vor zerstörerischen Aktivitäten wie dem Tiefseebergbau geschützt werden.
Trotz aller Probleme gibt es auch Erfolgsgeschichten, die zeigen, dass Artenschutz funktioniert. In Europa hat sich die Population der Graureiher in den letzten Jahrzehnten deutlich erholt, nachdem sie durch Pestizide stark zurückgegangen war. Auch der Seeadler, einst am Rand des Aussterbens, brütet heute wieder in Österreich.
Bei den Meerestieren gibt es ebenfalls positive Beispiele: Die Bestände der Buckelwale haben sich nach dem weitgehenden Walfangverbot deutlich erholt. Manche Populationen sind von wenigen hundert Tieren auf mehrere tausend angewachsen.
Diese Erfolge zeigen, dass konsequenter Schutz Wirkung zeigt. Allerdings braucht es oft Jahrzehnte, bis sich Populationen erholen, und die Bedrohungen nehmen eher zu als ab.
Moderne Technologie eröffnet neue Möglichkeiten für den Schutz wandernder Arten. Satelliten-Telemetrie ermöglicht es, die Wanderrouten von Tieren präzise zu verfolgen und zu verstehen. Winzige Sender, die an Vögeln oder Meerestieren befestigt werden, liefern wertvolle Daten über Wanderverhalten und Habitatnutzung.
Gleichzeitig können technische Lösungen helfen, Konflikte zwischen Mensch und Tier zu reduzieren. Grünbrücken über Autobahnen ermöglichen es Landtieren, Straßen sicher zu überqueren. Spezielle Scheiben an Hochhäusern reduzieren Vogelkollisionen, und intelligente Beleuchtung kann Störungen für nachtaktive Wanderer minimieren.
Der Schutz wandernder Arten ist nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern macht auch wirtschaftlich Sinn. Ökosystemleistungen, die von diesen Tieren erbracht werden, haben einen enormen Wert. Bestäubende Insekten beispielsweise erbringen jährlich Dienstleistungen im Wert von mehreren Milliarden Euro.
Auch der Tourismus profitiert von intakten Tierpopulationen. Whale-Watching, Vogelbeobachtung oder Safari-Tourismus generieren weltweit Milliardenumsätze und schaffen Arbeitsplätze. In Costa Rica beispielsweise ist der Naturschutz zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden.
Andererseits verursacht der Verlust von Arten hohe Folgekosten. Wenn natürliche Bestäuber aussterben, müssen Landwirte auf teure technische Alternativen zurückgreifen. Der Zusammenbruch von Fischpopulationen führt zu Einbußen in der Fischereiindustrie.
Die kommenden Jahre werden entscheidend für das Schicksal wandernder Arten sein. Die Weltbevölkerung wächst weiter, der Ressourcenverbrauch steigt, und der Klimawandel beschleunigt sich. Gleichzeitig wächst aber auch das Bewusstsein für die Bedeutung der Biodiversität.
Ein vielversprechender Ansatz ist das Konzept der "Ökologischen Konnektivität" – die Idee, ganze Landschaften so zu gestalten, dass sie für wandernde Arten durchlässig bleiben. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Naturschutz, Landwirtschaft, Stadtplanung und Verkehrswesen.
Internationale Abkommen wie die Bonner Konvention sind dabei unverzichtbar, da wandernde Arten keine Grenzen kennen. Ein Zugvogel, der in Europa brütet, kann in Afrika überwintern und dabei durch dutzende Länder reisen. Nur durch koordinierte Schutzmaßnahmen aller beteiligten Staaten kann sein Überleben gesichert werden.
Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten für Bürgerwissenschaften. Apps wie "eBird" oder "iNaturalist" ermöglichen es Hobby-Naturbeobachtern, wertvolle Daten zu sammeln. Diese crowd-sourced Informationen helfen Wissenschaftlern, Wanderrouten zu kartieren und Schutzmaßnahmen zu planen.
Die 15. UN-Konferenz zum Schutz wandernder Tierarten in Brasilien ist ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg. Die dort gefassten Beschlüsse werden maßgeblich darüber entscheiden, ob zukünftige Generationen noch die Faszination wandernder Tiere erleben können oder ob diese uralten Wanderungen für immer der Vergangenheit angehören werden.