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Vandalismus gegen kroatische Ortstafeln im Burgenland sorgt für Empörung

6. März 2026 um 12:25
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In der Nacht auf den 1. März wurden im Burgenland zweisprachige Ortstafeln vandalisiert – ein Vorfall, der weitreichende Diskussionen über Minderheitenrechte und gesellschaftlichen Zusammenhalt aus...

In der Nacht auf den 1. März wurden im Burgenland zweisprachige Ortstafeln vandalisiert – ein Vorfall, der weitreichende Diskussionen über Minderheitenrechte und gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgelöst hat. Die kroatischsprachigen Ortsbezeichnungen in Štikapron/Steinbrunn und Vorištan/Hornstein wurden gezielt unkenntlich gemacht, was bei Politikern und Volksgruppenvereinen für heftige Kritik sorgt.

Grüne verurteilen Angriff auf Mehrsprachigkeit scharf

Olga Voglauer, Volksgruppensprecherin der Grünen, zeigt sich über die Schmieraktion empört und sieht darin einen Angriff auf das Selbstverständnis der österreichischen Republik. "Das Burgenland ist mehrsprachig. Wer heute noch zweisprachige Ortstafeln beschmiert, beschmiert nicht nur Schilder, sondern das gemeinsame Selbstverständnis unserer vielfältigen Republik und aller ihrer autochthonen Volksgruppen", kritisiert die Politikerin den Vandalismus.

Die betroffenen Gemeinden Steinbrunn und Hornstein liegen im Bezirk Eisenstadt-Umgebung und gehören zu jenen burgenländischen Ortschaften, in denen die kroatische Minderheit traditionell verwurzelt ist. Diese Gebiete sind seit Jahrhunderten zweisprachig geprägt, wobei die kroatische Bevölkerung bereits im 16. Jahrhundert vor den Türkenkriegen in diese Region geflohen war.

Historische Wurzeln der burgenländischen Kroaten

Die Geschichte der burgenländischen Kroaten reicht bis ins späte Mittelalter zurück. Als das Osmanische Reich im 15. und 16. Jahrhundert auf dem Balkan expandierte, suchten viele Kroaten Schutz in den westlichen Gebieten des Königreichs Ungarn, zu dem das heutige Burgenland damals gehörte. Die Ansiedlung erfolgte nicht zufällig, sondern wurde von den ungarischen Magnaten gezielt gefördert, da sie loyale und arbeitsame Siedler benötigten.

Diese kroatischen Siedler brachten ihre Sprache, Kultur und Traditionen mit und prägten die Region nachhaltig. Über die Jahrhunderte entwickelte sich eine eigenständige burgenländisch-kroatische Identität, die sich von der Muttersprache in Kroatien unterschied. Das Gradišćansko-Kroatische, wie die lokale Variante genannt wird, weist eigene dialektale Merkmale auf und ist ein lebendiges Zeugnis dieser historischen Entwicklung.

Rechtliche Grundlagen der Zweisprachigkeit

Die rechtliche Absicherung der Minderheitenrechte erfolgte stufenweise. Bereits 1955 wurde im Staatsvertrag von Wien der Schutz der slowenischen und kroatischen Minderheit festgeschrieben. Das eigentliche Volksgruppengesetz trat jedoch erst 1976 in Kraft – also vor nunmehr 48 Jahren, nicht 50 wie in der ursprünglichen Stellungnahme erwähnt. Dieses Gesetz regelt die Rechte der sechs anerkannten Volksgruppen in Österreich: Slowenen, Kroaten, Ungarn, Tschechen, Slowaken und Roma.

Das Volksgruppengesetz garantiert den Volksgruppen verschiedene Rechte, darunter das Recht auf zweisprachige Ortsbezeichnungen in Gebieten mit einem Minderheitenanteil von mindestens 25 Prozent. Diese Regelung war jahrzehntelang umstritten und führte besonders in Kärnten zu heftigen politischen Auseinandersetzungen, die als "Ortstafelsturm" in die österreichische Geschichte eingingen.

Aktuelle Situation der kroatischen Minderheit im Burgenland

Laut der letzten Volkszählung 2021 bekannten sich im Burgenland etwa 16.000 Personen zur kroatischen Volksgruppe, was rund 5,4 Prozent der Landesbevölkerung entspricht. Diese Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu betrachten, da die Selbstdeklaration bei Volkszählungen oft niedriger ausfällt als die tatsächliche Sprachkompetenz oder kulturelle Verbundenheit.

Die kroatische Minderheit ist besonders in den Bezirken Eisenstadt-Umgebung, Oberpullendorf und Neusiedl am See stark vertreten. In insgesamt 25 Gemeinden des Burgenlandes sind zweisprachige Ortstafeln aufgestellt, was die historische Verwurzelung dieser Volksgruppe unterstreicht. Die Gemeinden Steinbrunn und Hornstein gehören zu diesem Kreis und weisen eine lange Tradition der Zweisprachigkeit auf.

Vergleich mit anderen Bundesländern

Im Gegensatz zu anderen österreichischen Bundesländern gilt das Burgenland als Musterbeispiel für gelungene Minderheitenpolitik. Während in Kärnten die Umsetzung der zweisprachigen Beschilderung jahrzehntelang für politische Spannungen sorgte und erst 2011 mit dem Ortstafelkompromiss vollständig umgesetzt wurde, herrschte im Burgenland ein weitgehend konfliktfreier Umgang mit der Mehrsprachigkeit.

In der Steiermark leben etwa 2.000 Slowenen, hauptsächlich im Bezirk Radkersburg, wo ebenfalls zweisprachige Ortstafeln aufgestellt sind. Wien beherbergt als Bundeshauptstadt Vertreter aller Volksgruppen, jedoch ohne territorial abgrenzbare Siedlungsgebiete. Die Umsetzung der Minderheitenrechte unterscheidet sich daher erheblich zwischen den Bundesländern.

Konkrete Auswirkungen des Vandalismus auf die Bevölkerung

Der Angriff auf die Ortstafeln hat bei der kroatischen Bevölkerung für Verunsicherung gesorgt. Maria Kolarić, eine Bewohnerin von Steinbrunn, deren Familie seit Generationen in der Gemeinde lebt, zeigt sich bestürzt: "Diese Schmierereien sind ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich für die Erhaltung unserer Kultur einsetzen. Es geht nicht nur um Schilder, sondern um die Anerkennung unserer Identität."

Für Familien mit kroatischen Wurzeln stellen solche Vorfälle eine besondere Belastung dar. Kinder, die zweisprachig aufwachsen, könnten verunsichert werden und ihre Herkunftssprache als problematisch empfinden. Dies hätte langfristige Folgen für die Spracherhaltung und kulturelle Transmission.

Auch für den Tourismus können solche Vorfälle negative Auswirkungen haben. Das Burgenland bewirbt sich als multikulturelles Bundesland, in dem Vielfalt gelebt wird. Vandalismus gegen Minderheitensymbole widerspricht diesem Image und könnte potenzielle Besucher abschrecken, die an der kroatischen Kultur interessiert sind.

Wirtschaftliche Dimension der Mehrsprachigkeit

Die Zweisprachigkeit im Burgenland ist nicht nur ein kultureller Wert, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor. Unternehmen profitieren von mehrsprachigen Arbeitskräften, besonders im Handel mit Kroatien und anderen südosteuropäischen Ländern. Das Burgenland fungiert als Brücke zwischen Österreich und dem Balkan, wobei sprachliche Kompetenzen einen Wettbewerbsvorteil darstellen.

Kulturveranstaltungen der kroatischen Minderheit, wie das jährliche Kroatenfest in Großwarasdorf oder die Tamburica-Festivals, ziehen Tausende Besucher an und generieren Wertschöpfung in der Region. Diese Events sind wichtige Tourismusattraktionen und tragen zur regionalen Identität bei.

Politische Forderungen nach Reform des Volksgruppengesetzes

Der Vandalismus-Vorfall verstärkt die Diskussion über eine Novellierung des Volksgruppengesetzes. Voglauer betont: "Das Volksgruppengesetz muss endlich ins 21. Jahrhundert gebracht werden, das zweisprachige Schulwesen gehört dringend ausgebaut und gestärkt und nicht zuletzt müssen die Förderungen und Unterstützungen für die Organisationen, Vereine und Verbände unserer heimischen Volksgruppen wieder erhöht werden."

Konkret fordern Volksgruppenvertreter eine Erhöhung der Subventionen für Kulturvereine, eine Verbesserung der Finanzierung zweisprachiger Kindergärten und Schulen sowie eine Modernisierung der Medienförderung. Das kroatische Radio Burgenland und die Kroatenzeitung "Naše Novine" kämpfen seit Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten.

Ein besonders kritischer Punkt ist das zweisprachige Schulwesen. In vielen Gemeinden ist das Angebot an kroatischsprachigem Unterricht rückläufig, da zu wenige Schüler angemeldet werden. Dies führt zu einem Teufelskreis: Weniger Unterricht bedeutet geringere Sprachkompetenz, was wiederum die Motivation zur Anmeldung reduziert.

Internationale Vorbilder für Minderheitenschutz

Ein Blick über die Grenzen zeigt verschiedene Ansätze im Umgang mit Minderheitensprachen. In Südtirol genießen die deutschsprachigen Südtiroler weitreichende Autonomierechte und eine umfassende sprachliche Gleichberechtigung. Das Proportionssystem gewährleistet eine faire Vertretung in öffentlichen Ämtern nach Sprachgruppen.

Die Schweiz praktiziert mit ihren vier Landessprachen ein anderes Modell. Hier ist die Mehrsprachigkeit auf nationaler Ebene verankert, wobei jede Region ihre dominante Sprache pflegt. Rätoromanisch wird als Minderheitensprache besonders gefördert und geschützt.

In Deutschland erhalten die sorbischen Sprachen in Brandenburg und Sachsen staatliche Unterstützung. Zweisprachige Ortstafeln sind selbstverständlich, und es existiert ein eigenes sorbisches Schulsystem. Diese Beispiele zeigen, dass erfolgreicher Minderheitenschutz möglich ist, wenn der politische Wille vorhanden ist.

Ermittlungen und Präventionsmaßnahmen

Die Polizei Burgenland hat Ermittlungen wegen Sachbeschädigung eingeleitet. Da es sich um öffentliche Verkehrszeichen handelt, kann der Tatbestand der Gefährdung der Verkehrssicherheit hinzukommen. Die Staatsanwaltschaft prüft zudem, ob ein Verstoß gegen das Verbotsgesetz vorliegt, falls die Tat aus fremdenfeindlichen Motiven begangen wurde.

Ähnliche Vorfälle gab es in der Vergangenheit bereits mehrfach. In den 1990er Jahren wurden im Burgenland wiederholt zweisprachige Ortstafeln beschädigt oder gestohlen. Die meisten Fälle blieben unaufgeklärt, was bei der Volksgruppe für Frustration sorgte.

Präventionsmaßnahmen könnten die Installation von Überwachungskameras oder die Verwendung vandalismus-resistenter Materialien umfassen. Einige Gemeinden haben bereits auf Edelstahltafeln oder spezielle Beschichtungen umgestellt, die schwerer zu beschädigen sind.

Zukunftsperspektiven für die kroatische Minderheit

Die langfristigen Aussichten für die kroatische Volksgruppe im Burgenland hängen von verschiedenen Faktoren ab. Die demografische Entwicklung zeigt einen kontinuierlichen Rückgang der Sprecher, der jedoch durch gezielte Maßnahmen verlangsamt werden könnte. Besonders wichtig ist die Stärkung des Bildungsbereichs und die Förderung der Jugendarbeit.

Digitale Medien bieten neue Möglichkeiten für die Sprachpflege. Podcasts auf Kroatisch, Social-Media-Kanäle und Online-Lernplattformen können jüngere Generationen ansprechen. Das kroatische Kulturzentrum in Großwarasdorf arbeitet bereits an solchen Projekten.

Die EU-Mitgliedschaft Kroatiens seit 2013 hat neue Verbindungen zur Muttersprache geschaffen. Austauschprogramme, kulturelle Kooperationen und wirtschaftliche Beziehungen können die Position der Minderheit stärken. Gleichzeitig entstehen durch Migration neue kroatische Gemeinden in Österreich, die jedoch andere Bedürfnisse als die traditionelle Volksgruppe haben.

Gesellschaftlicher Wandel und Integration

Der Umgang mit Mehrsprachigkeit spiegelt den gesellschaftlichen Wandel wider. Während frühere Generationen ihre Herkunftssprache oft verschwiegen, um Diskriminierung zu vermeiden, zeigen jüngere Menschen wieder mehr Stolz auf ihre Wurzeln. Dieser Trend könnte durch positive Signale der Politik verstärkt werden.

Integration bedeutet heute nicht mehr Assimilation, sondern die Anerkennung von Vielfalt als Bereicherung. Das Burgenland hat die Chance, als Modellregion für gelungene Mehrsprachigkeit zu fungieren und damit auch international Beachtung zu finden.

Solidarität und Aufarbeitung als gesellschaftlicher Auftrag

Die Reaktionen auf den Vandalismus zeigen, dass die Mehrheitsgesellschaft solche Aktionen nicht toleriert. Bürgermeister beider betroffener Gemeinden verurteilten die Schmierereien scharf und kündigten die sofortige Wiederherstellung der Tafeln an. Diese Solidarität ist ein wichtiges Signal für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Bildungsarbeit spielt eine zentrale Rolle bei der Prävention von Fremdenfeindlichkeit. Schulprojekte über die Geschichte der Volksgruppen, Begegnungen zwischen den Generationen und kulturelle Veranstaltungen können Vorurteile abbauen und Verständnis fördern.

Der 48. Jahrestag des Volksgruppengesetzes könnte Anlass für eine umfassende Bilanz und Neuausrichtung der Minderheitenpolitik sein. Dabei sollten nicht nur die rechtlichen Rahmenbedingungen überprüft, sondern auch innovative Ansätze für die Zukunft entwickelt werden. Die Vandalismusakte gegen die kroatischen Ortstafeln mahnen daran, dass der Schutz der Minderheitenrechte eine kontinuierliche gesellschaftliche Aufgabe bleibt, die Wachsamkeit und Engagement aller demokratischen Kräfte erfordert.

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