Die Bilder aus der Justizanstalt Hirtenberg haben Österreich erschüttert: Ein kahler Haftraum, Betonbetten, menschenunwürdige Zustände. Was vielen als Einzelfall erscheinen mag, ist laut Volksanwältin Gaby Schwarz symptomatisch für ein System, das seit Jahren am Rande des Kollaps steht.
In einem Interview mit dem Falter prangert Volksanwältin Gaby Schwarz die Missstände in Österreichs Strafvollzug an und fordert Reformen. Sie betont, dass die Empfehlungen der Volksanwaltschaft seit Jahren ignoriert worden seien, während sich die Zustände und die Häftlingszahlen verschlechterten.
„Die Situation im heimischen Strafvollzug erschüttert mich. Und nicht erst seit dem tragischen Todesfall in der Justizanstalt Hirtenberg. Laufend weise ich auf eklatante Missstände in Österreichs Gefängnissen hin. Leider wurden unsere Empfehlungen seit Jahren ignoriert, während die Zustände prekärer und die Häftlingszahlen höher wurden. Es ist Zeit für Reformen“, betont Volksanwältin Gaby Schwarz im Interview mit Chefredakteur Florian Klenk in der Wochenzeitung Falter.
Sie ortet ein „absolutes Systemversagen“ und nennt im Interview einige dramatische Fälle, die in den Parlamentsberichten der Volksanwaltschaft dokumentiert sind.
„Die Folge aus Personalmangel und Überbelag in allen Gefängnissen sind hohe Einschlusszeiten, zu wenig Beschäftigungsmöglichkeiten, mangelnde Versorgung und schlechte Resozialisierung. Wenn Menschen bis zu 23 Stunden in einem überfüllten Haftraum verbringen, kann sich jeder ausrechnen, dass das keine idealen Bedingungen sind.“
Als „äußerst mangelhaft“ bezeichnet Gaby Schwarz die Versorgung psychisch erkrankter Häftlinge. Die Volksanwaltschaft arbeitet seit dem Vorjahr an einem Prüfschwerpunkt; die Ergebnisse werden Ende März 2026 veröffentlicht. Die Erhebungen zeigen, dass zu wenige Fachärzte für Psychiatrie im Strafvollzug tätig sind, um eine adäquate Versorgung sicherzustellen. Das führt dazu, dass Justizwachepersonal sich um diese Inhaftierten kümmern muss, das dafür nicht ausgebildet ist, und Betroffene häufig in Einzelhafträumen untergebracht werden.
„Ja, der Umgang mit psychotischen Menschen ist eine extreme Herausforderung, aber solche Missstände sind unzumutbar“, hält Volksanwältin Gaby Schwarz angesprochen auf Fotos jenes Haftraums der Justizanstalt Hirtenberg fest, die in der aktuellen Falter-Ausgabe zu sehen sind. „Die Volksanwaltschaft hat Mängel in besonders gesicherten Hafträumen mehrfach kritisiert und Deeskalationsschulungen gefordert. Passiert ist nichts. Im Mai 2023 habe ich die damalige Justizministerin Alma Zadic in einem Brief sogar explizit auf das Betonbett in Hirtenberg hingewiesen, an dem sich der betroffene Häftling schwere Verletzungen zugezogen hat. Ich höre, dass diese Betonbetten jetzt in mehreren Justizanstalten weggestemmt werden und frage mich: Warum hat man nicht früher auf uns gehört und die besonders gesicherten Hafträume mit Hartschaumstoff ausgestattet?“
„Dass es erst eines tragischen Todesfalls bedurfte, damit man auf den dringenden Handlungsbedarf aufmerksam wird, erfüllt mich mit großem Ärger. Ich hoffe, dass jetzt ein Zeitfenster für Verbesserungen offen ist. Ich werde jedenfalls weiter meinen Finger in die Wunde legen“, so Volksanwältin Gaby Schwarz im Falter-Interview.