Eine Million Frauen in Österreich befinden sich derzeit in den Wechseljahren – doch über diese prägende Lebensphase wird kaum gesprochen. Das will Niederösterreich nun ändern: Mit der vierteiligen ...
Eine Million Frauen in Österreich befinden sich derzeit in den Wechseljahren – doch über diese prägende Lebensphase wird kaum gesprochen. Das will Niederösterreich nun ändern: Mit der vierteiligen Veranstaltungsreihe "Von Pause keine Rede!" setzt das Land ein starkes Zeichen gegen Mythen und für mehr Verständnis. Der Auftakt in Stockerau lockte bereits über 200 interessierte Frauen an und zeigte: Der Bedarf nach Information und Austausch ist riesig.
"Viele dieser Frauen stehen mitten im Berufsleben, tragen Verantwortung in der Familie und sind gleichzeitig mit körperlichen Veränderungen konfrontiert, die sie oft nicht einordnen können", erklärt Frauen-Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister die Ausgangslage. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Jede dritte Frau zwischen 45 und 60 Jahren erlebt derzeit die Wechseljahre, doch gesellschaftlich wird diese natürliche Lebensphase systematisch ignoriert oder bagatellisiert.
Die Menopause beginnt durchschnittlich im Alter von 51 Jahren, doch bereits ab dem 40. Lebensjahr können erste hormonelle Veränderungen auftreten. Diese sogenannte Perimenopause kann sich über mehrere Jahre hinziehen und geht oft mit erheblichen Beschwerden einher. Trotzdem fehlt es in der österreichischen Gesellschaft an Bewusstsein für diese Thematik – ein Zustand, den Niederösterreich nun aktiv angehen will.
Hitzewallungen kennt fast jede Frau vom Hörensagen, doch die Realität der Wechseljahre ist weitaus komplexer. Schlafstörungen plagen bis zu 60 Prozent der betroffenen Frauen, Stimmungsschwankungen und Konzentrationsprobleme können die berufliche Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Weitere häufige Beschwerden umfassen Gelenkschmerzen, Gewichtszunahme, Trockenheit der Schleimhäute und eine erhöhte Anfälligkeit für Osteoporose.
"Diese Symptome werden viel zu oft als 'normal' abgetan", kritisiert Elisabeth Cinatl, Sprecherin der niederösterreichischen Frauen- und Mädchenberatungsstellen. "Dabei beeinflussen sie den Alltag massiv und verdienen ernsthafte medizinische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit." Die Folgen reichen von reduzierten Arbeitszeiten bis hin zu vorzeitigen Pensionierungen – ein volkswirtschaftlicher Schaden, der bislang kaum erforscht wurde.
Während in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden oder Großbritannien bereits umfassende Aufklärungskampagnen zu den Wechseljahren laufen, hinkt Österreich hinterher. In Deutschland startete die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bereits 2019 eine breit angelegte Informationsoffensive, die Schweiz folgte 2021 mit einem nationalen Aktionsplan für Frauengesundheit, der explizit die Menopause einschließt.
Besonders fortschrittlich zeigt sich Frankreich: Dort können Frauen seit 2020 spezielle "Menopause-Urlaube" in Anspruch nehmen, wenn die Beschwerden den Arbeitsalltag beeinträchtigen. Auch in Spanien diskutiert die Regierung über ähnliche Maßnahmen. Österreich steht somit vor der Chance, diese internationalen Entwicklungen aufzugreifen und eine Vorreiterrolle in der deutschsprachigen Region zu übernehmen.
Mit der Initiative "Von Pause keine Rede!" positioniert sich Niederösterreich als erstes österreichisches Bundesland, das systematisch über die Wechseljahre aufklärt. Während Wien zwar vereinzelt Informationsveranstaltungen in Gesundheitszentren anbietet und die Steiermark das Thema in ihre Frauengesundheitsstrategie integriert hat, fehlt es bislang an koordinierten, landesweiten Kampagnen.
"Wir möchten andere Bundesländer ermutigen, ähnliche Wege zu gehen", betont Teschl-Hofmeister. "Die Wechseljahre sind kein rein niederösterreichisches Phänomen – Frauen in ganz Österreich verdienen Unterstützung und Verständnis." Erste Gespräche mit Kolleginnen aus anderen Ländern seien bereits im Gange, um eine bundesweite Vernetzung zu schaffen.
Die praktischen Folgen der mangelnden Aufklärung sind gravierend: Studien zeigen, dass 25 Prozent der Frauen in den Wechseljahren über eine Reduktion ihrer Arbeitszeit nachdenken, 15 Prozent erwägen sogar einen Jobwechsel. In Österreich bedeutet das für rund 250.000 Frauen eine potenzielle berufliche Veränderung aufgrund unbehandelter oder nicht verstandener Wechseljahresbeschwerden.
Besonders betroffen sind Frauen in verantwortlichen Positionen: Als Abteilungsleiterinnen, Geschäftsführerinnen oder Fachexpertinnen stehen sie unter enormem Leistungsdruck, während ihr Körper hormonelle Achterbahn fährt. "Wenn eine Führungskraft plötzlich unter Konzentrationsproblemen oder extremer Müdigkeit leidet, wird das oft auf mangelnde Kompetenz zurückgeführt – nicht auf hormonelle Veränderungen", erklärt Hormonexpertin Eveline Diridl.
Gleichzeitig befinden sich viele Frauen in der sogenannten "Sandwich-Generation": Sie pflegen alternde Eltern und unterstützen gleichzeitig ihre eigenen Kinder beim Übergang ins Erwachsenenleben. Die zusätzliche Belastung durch Wechseljahresbeschwerden kann zu chronischer Überforderung führen, die sich in Burnout-Syndromen oder Depressionen manifestiert.
Vorausschauende Unternehmen wie Sonnentor, vertreten durch Geschäftsführerin Manuela Raidl-Zeller, erkennen bereits die Notwendigkeit, ihre Mitarbeiterinnen in dieser Lebensphase zu unterstützen. "Offene Kommunikation, Workshops und Gesundheitsprogramme im Unternehmenskontext stärken nicht nur die Motivation, sondern auch die langfristige Bindung wertvoller Fachkräfte", erklärt Raidl-Zeller.
Konkrete Maßnahmen umfassen flexible Arbeitszeiten während akuter Beschwerdeperioden, die Bereitstellung von Ruhezonen für Entspannungspausen oder die Integration von Gesundheitscoachings in die betriebliche Weiterbildung. Einige Unternehmen experimentieren bereits mit angepassten Raumtemperaturen in Großraumbüros oder speziellen Pausenregelungen für betroffene Mitarbeiterinnen.
Die moderne Medizin bietet heute weit mehr Optionen als noch vor einem Jahrzehnt. Die Hormonersatztherapie (HET) wurde in den vergangenen Jahren erheblich verfeinert und individualisiert. Neue bioidentische Hormone zeigen weniger Nebenwirkungen als ihre synthetischen Vorgänger, während pflanzliche Alternativen wie Rotklee-Extrakte oder Traubensilberkerze wissenschaftlich besser erforscht sind.
"Die Wechseljahre verlaufen bei jeder Frau anders. Umso wichtiger ist es, individuelle Lösungen zu finden", betont Diridl. "Eine vertrauensvolle Begleitung durch die eigene Gynäkologin oder den eigenen Gynäkologen kann enorm entlasten." Moderne Diagnostik ermöglicht es heute, hormonelle Veränderungen präzise zu messen und gezielt zu behandeln.
Parallel dazu gewinnen nicht-medikamentöse Ansätze an Bedeutung: Regelmäßiger Sport kann Hitzewallungen um bis zu 50 Prozent reduzieren, Meditation und Entspannungstechniken helfen gegen Stimmungsschwankungen, während eine angepasste Ernährung den Knochenstoffwechsel unterstützt. Die Integration dieser ganzheitlichen Ansätze in die Regelversorgung ist ein wichtiges Ziel der niederösterreichischen Initiative.
Mit zehn Frauen- und Mädchenberatungsstellen verfügt Niederösterreich bereits über eine solide Infrastruktur für weibliche Gesundheitsfragen. Diese Einrichtungen sollen nun zu Kompetenzzentren für Wechseljahre ausgebaut werden, in denen Frauen "Raum finden, um Fragen zu stellen, Sorgen zu teilen und Wege zu mehr Wohlbefinden zu entdecken", wie Cinatl erklärt.
Die Kooperation mit etablierten Organisationen wie "Welt der Frauen" und der Katholischen Frauenbewegung Niederösterreichs sorgt für eine breite gesellschaftliche Verankerung der Initiative. Diese Vernetzung ermöglicht es, verschiedene Zielgruppen zu erreichen – von berufstätigen Städterinnen bis hin zu Frauen in ländlichen Regionen.
Die langfristigen Ziele der niederösterreichischen Initiative gehen weit über reine Aufklärung hinaus. Geplant ist die Entwicklung eines umfassenden Betreuungsmodells, das medizinische Versorgung, psychosoziale Unterstützung und arbeitsrechtliche Anpassungen miteinander verknüpft. "Wir wollen eine Gesellschaft schaffen, in der die Wechseljahre als natürliche Lebensphase respektiert und unterstützt werden", erklärt Teschl-Hofmeister ihre Vision.
Dazu gehört auch die Sensibilisierung von Arbeitgebern, Krankenkassen und dem Gesundheitssystem. Erste Gespräche mit der Österreichischen Gesundheitskasse laufen bereits, um spezialisierte Vorsorgeprogramme für Frauen ab 45 Jahren zu entwickeln. Parallel dazu sollen Fortbildungen für Allgemeinmediziner das Bewusstsein für Wechseljahresbeschwerden schärfen.
Die demografische Entwicklung macht diese Initiativen noch dringlicher: Bis 2030 werden in Österreich voraussichtlich 1,3 Millionen Frauen in den Wechseljahren sein – ein Anstieg um 30 Prozent gegenüber heute. Diese Frauen stellen eine wertvolle gesellschaftliche Ressource dar, deren Potenzial nur durch angemessene Unterstützung voll ausgeschöpft werden kann.
Der Erfolg der Auftaktveranstaltung in Stockerau, die mit über 200 Teilnehmerinnen ausgebucht war, zeigt deutlich: Die Zeit ist reif für einen offenen Umgang mit den Wechseljahren. Die nächste Station der Veranstaltungsreihe am 17. Juni in Zwettl wird zeigen, ob sich dieser Trend fortsetzt und Niederösterreich tatsächlich eine österreichweite Bewegung anstoßen kann. Frauen verdienen es, diese wichtige Lebensphase mit Würde, Verständnis und professioneller Unterstützung zu durchleben – "Von Pause keine Rede!" ist dabei mehr als nur ein Slogan, sondern ein gesellschaftlicher Auftrag.