Ein bemerkenswertes Sozialprojekt in Wien zeigt neue Wege im Kampf gegen Obdachlosigkeit auf: Seit 2019 bildet die Organisation neunerhaus gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien Menschen aus, die se...
Ein bemerkenswertes Sozialprojekt in Wien zeigt neue Wege im Kampf gegen Obdachlosigkeit auf: Seit 2019 bildet die Organisation neunerhaus gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien Menschen aus, die selbst einst auf der Straße lebten. Diese sogenannten "Peer-Mitarbeiter*innen der Wohnungslosenhilfe" helfen nun anderen dabei, den Weg zurück in ein normales Leben zu finden. Am 15. Januar 2025 haben weitere 17 Absolventen den bereits achten Zertifikatskurs erfolgreich abgeschlossen.
Das Konzept der Peer-Ausbildung basiert auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: Menschen, die selbst Obdachlosigkeit erlebt haben, verfügen über einzigartiges Wissen und Verständnis für die Situation Betroffener. Sie können authentisch vermitteln, wie der Ausstieg aus der Obdachlosigkeit gelingen kann, weil sie diesen Weg selbst erfolgreich beschritten haben.
Der Begriff "Peer" stammt aus dem Englischen und bedeutet "Gleichgestellter" oder "Ebenbürtiger". In der Sozialarbeit bezeichnet er Menschen, die aufgrund ähnlicher Lebenserfahrungen eine besondere Vertrauensbasis zu den Klienten aufbauen können. Diese Peer-to-Peer-Beratung hat sich in verschiedenen Bereichen der Sozialarbeit bewährt, von der Suchttherapie bis zur Integrationsarbeit.
Die Teilnehmer des Zertifikatskurses durchlaufen eine intensive Ausbildung, in der sie lernen, ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren und professionell zu nutzen. Sie eignen sich Gesprächsführungstechniken an, lernen die rechtlichen Grundlagen der Wohnungslosenhilfe kennen und entwickeln Strategien zur Krisenbewältigung. Dabei werden sie von erfahrenen Sozialarbeitern und Psychologen begleitet.
Mit den 17 neuen Absolventen vom Januar 2025 sind nun insgesamt 133 Peer-Mitarbeiter*innen in Wien ausgebildet worden. Von diesen arbeiten derzeit fast 80 in 13 verschiedenen Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe. Allein bei neunerhaus sind 13 Peer-Mitarbeiter*innen angestellt und ergänzen die Teams in verschiedenen Bereichen der Obdachlosenhilfe.
Diese Zahlen sind bemerkenswert, wenn man sie in den Kontext der Wiener Obdachlosensituation einordnet. Laut Statistiken des Fonds Soziales Wien waren 2023 rund 17.000 Menschen in Wien von Wohnungslosigkeit betroffen. Die 80 aktiven Peer-Mitarbeiter*innen können somit einen direkten, spürbaren Beitrag zur Betreuung dieser Menschen leisten.
Die Erfolgsquote des Programms ist ebenfalls beachtlich: Rund 60 Prozent der Kursabsolventen finden eine Anstellung in der Wohnungslosenhilfe. Dies zeigt nicht nur die Qualität der Ausbildung, sondern auch die hohe Nachfrage nach diesen speziellen Fachkräften in den Wiener Sozialeinrichtungen.
Die ausgebildeten Peers arbeiten in verschiedenen Bereichen der Wohnungslosenhilfe:
Das Peer-Programm ist eingebettet in das "Housing First"-Konzept, das neunerhaus und der Fonds Soziales Wien verfolgen. Dieser Ansatz stellt das traditionelle Stufenmodell der Obdachlosenhilfe auf den Kopf: Statt Menschen erst "wohnfähig" zu machen, bevor sie eine eigene Wohnung erhalten, bekommen sie sofort dauerhaften Wohnraum und werden dabei unterstützt, ihr Leben zu stabilisieren.
Elisabeth Hammer, Geschäftsführerin von neunerhaus, erklärt die Bedeutung dieses Ansatzes: "Die Peer-Ausbildung ist ein großartiges Projekt zum Arbeitsmarktzugang. Sie zeigt, dass auch Menschen mit brüchigen Bildungs- und Arbeitsbiografien der Schritt in den regulären Arbeitsmarkt gelingen kann. Für uns bedeutet dies gleichzeitig einen Riesenschritt weg von der Verwaltung hin zur Beendigung von Wohnungslosigkeit."
Das Housing First-Konzept stammt ursprünglich aus den USA und wurde dort in den 1990er Jahren entwickelt. Studien zeigen, dass Menschen, die nach diesem Prinzip betreut werden, zu 85 bis 90 Prozent langfristig in ihren Wohnungen bleiben. In Wien wird Housing First seit 2012 umgesetzt, zunächst als Pilotprojekt, seit 2019 als fester Bestandteil der Wohnungslosenhilfe.
Der Erfolg der Peer-Mitarbeiter*innen basiert auf ihrer Authentizität. Markus Hollendohner, Leiter der Strategie Obdach- und Wohnungslosenhilfe im FSW, betont: "Gleichzeitig profitieren auch akut obdach- und wohnungslose Menschen von den Peers, die durch ihre individuellen Lebensgeschichten viel Wissen und Erfahrung mitbringen. Es bestärkt akut Betroffene, wenn sie sehen, dass es nachhaltige Auswege gibt."
Diese Glaubwürdigkeit ist entscheidend, da viele obdachlose Menschen aufgrund negativer Erfahrungen ein tiefes Misstrauen gegenüber Behörden und Institutionen entwickelt haben. Ein Peer-Mitarbeiter, der selbst den Weg aus der Obdachlosigkeit gefunden hat, kann dieses Misstrauen überwinden und Hoffnung vermitteln, wo traditionelle Sozialarbeit an ihre Grenzen stößt.
Die Arbeit als Peer-Mitarbeiter*in bringt jedoch auch besondere Herausforderungen mit sich. Die ständige Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit kann emotional belastend sein. Deshalb ist die kontinuierliche Supervision und psychologische Betreuung der Peers ein zentraler Baustein des Programms.
Zudem müssen die Peer-Mitarbeiter*innen lernen, professionelle Distanz zu wahren, ohne ihre Authentizität zu verlieren. Diese Balance zwischen persönlicher Nähe und professioneller Arbeit erfordert besondere Fähigkeiten und wird intensiv in der Ausbildung trainiert.
Wien nimmt mit seinem Peer-Programm eine Vorreiterrolle ein. Während es in anderen österreichischen Bundesländern vereinzelt ähnliche Projekte gibt, ist das Wiener Modell das größte und systematischste seiner Art im deutschsprachigen Raum.
In Deutschland gibt es vergleichbare Programme in Berlin, Hamburg und München, allerdings in deutlich kleinerem Umfang. Die Schweiz hat ebenfalls erste Pilotprojekte gestartet, orientiert sich dabei aber stark am Wiener Modell. Diese internationale Aufmerksamkeit zeigt die Innovationskraft der Wiener Sozialarbeit und könnte zu einer weiteren Verbreitung des Konzepts führen.
Das Peer-Programm wird durch den Fonds Soziales Wien gefördert, der jährlich rund 500.000 Euro für die Ausbildung und Betreuung der Peers zur Verfügung stellt. Diese Investition rechnet sich: Die Kosten für einen ausgebildeten Peer sind deutlich geringer als die Folgekosten chronischer Obdachlosigkeit, die sich auf bis zu 50.000 Euro pro Person und Jahr belaufen können.
Die Nachhaltigkeit des Programms zeigt sich auch darin, dass viele der ersten Peer-Absolventen mittlerweile Führungspositionen in der Wohnungslosenhilfe übernommen haben oder als Ausbilder für neue Kurse fungieren. Diese Weiterentwicklung stärkt das gesamte System der Obdachlosenhilfe in Wien.
Für die Menschen, die aktuell von Obdachlosigkeit betroffen sind, bedeuten die Peer-Mitarbeiter*innen eine erhebliche Verbesserung der Betreuungsqualität. Sie erhalten nicht nur fachliche Unterstützung, sondern auch emotionale Stärkung durch das lebende Beispiel, dass ein Ausstieg aus der Obdachlosigkeit möglich ist.
Konkrete Beispiele aus der Praxis zeigen die Wirksamkeit: Ein 45-jähriger Mann, der fünf Jahre auf der Straße gelebt hatte, fand mit Hilfe eines Peer-Beraters nicht nur eine Wohnung, sondern auch wieder Arbeit als Hausmeister. Eine 38-jährige Frau konnte nach jahrelanger Wohnungslosigkeit den Kontakt zu ihren Kindern wiederherstellen und lebt heute in einer eigenen Wohnung.
Diese Erfolgsgeschichten sind keine Einzelfälle. Statistiken zeigen, dass Menschen, die von Peer-Mitarbeiter*innen betreut werden, eine höhere Erfolgsrate bei der dauerhaften Wiedereingliederung haben als jene, die nur traditionelle Sozialarbeit in Anspruch nehmen.
Das Peer-Programm leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Entstigmatisierung von Obdachlosigkeit. Wenn ehemalige Obdachlose als Fachkräfte arbeiten und gesellschaftlich anerkannte Positionen bekleiden, verändert das die öffentliche Wahrnehmung. Obdachlosigkeit wird weniger als persönliches Versagen und mehr als gesellschaftliche Herausforderung verstanden, die bewältigt werden kann.
Diese Bewusstseinsveränderung ist entscheidend für eine nachhaltige Lösung des Problems. Nur wenn die Gesellschaft versteht, dass Obdachlosigkeit jeden treffen kann und dass Betroffene Unterstützung verdienen statt Verurteilung, können langfristige Verbesserungen erreicht werden.
Das Wiener Peer-Programm hat internationale Aufmerksamkeit erregt und mehrere Auszeichnungen erhalten. 2023 wurde es mit dem Europäischen Sozialpreis ausgezeichnet, und Delegationen aus verschiedenen EU-Ländern haben Wien besucht, um das Modell zu studieren und in ihren Ländern zu adaptieren.
Die Zukunft des Peer-Programms in Wien sieht vielversprechend aus. Für 2025 sind weitere zwei Kurse geplant, die zusätzlich 30 bis 35 neue Peer-Mitarbeiter*innen ausbilden werden. Dabei soll das Angebot auch auf andere Bereiche der Sozialarbeit ausgeweitet werden, etwa die Arbeit mit psychisch kranken oder suchtbetroffenen Menschen.
Langfristig könnte das Peer-Prinzip zu einem Standard in der österreichischen Sozialarbeit werden. Die positiven Erfahrungen in Wien haben bereits andere Bundesländer dazu bewogen, ähnliche Programme zu entwickeln. Salzburg und Graz haben angekündigt, 2025 mit Pilotprojekten zu starten.
Ein weiterer Ausbau ist auch auf europäischer Ebene geplant. Die EU-Kommission hat das Wiener Modell als "Best Practice" eingestuft und fördert die Übertragung auf andere Mitgliedsstaaten. Dies könnte zu einer europaweiten Revolution in der Obdachlosenhilfe führen.
Die technologische Entwicklung bietet ebenfalls neue Möglichkeiten. Geplant ist der Einsatz digitaler Tools zur besseren Vernetzung der Peers untereinander und zur Dokumentation ihrer Arbeit. Mobile Apps sollen den Zugang zu Beratung erleichtern und die Effizienz der Arbeit steigern.
Trotz der Erfolge stehen das Programm und die gesamte Wohnungslosenhilfe vor neuen Herausforderungen. Die steigenden Wohnkosten in Wien erschweren es, geeigneten und leistbaren Wohnraum für die Betroffenen zu finden. Auch die Zuwanderung und die Folgen der Corona-Pandemie haben die Zahl der hilfsbedürftigen Menschen erhöht.
Diese Entwicklungen erfordern eine kontinuierliche Anpassung und Weiterentwicklung des Peer-Programms. Die Ausbildung muss erweitert werden, um neue Zielgruppen zu erreichen, und die Finanzierung muss gesichert bleiben, um den wachsenden Bedarf zu decken.
Das neunerhaus Peer-Programm zeigt eindrucksvoll, wie innovative Ansätze in der Sozialarbeit nachhaltige Veränderungen bewirken können. Die 133 ausgebildeten Peers sind nicht nur ein Erfolg für die Betroffenen selbst, sondern auch ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft. Sie beweisen, dass jeder Mensch das Potenzial zur Veränderung hat und dass professionelle Hilfe den entscheidenden Unterschied machen kann. Wien bleibt damit ein Vorbild für humane und effektive Sozialarbeit, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung findet.