Ein historischer Tag für Wiens Wohnbaupolitik: Mit der feierlichen Übergabe von 98 CO₂-neutralen Gemeindewohnungen in der Donaustädter Brockhausengasse hat die Hauptstadt einen bedeutenden Meilenst...
Ein historischer Tag für Wiens Wohnbaupolitik: Mit der feierlichen Übergabe von 98 CO₂-neutralen Gemeindewohnungen in der Donaustädter Brockhausengasse hat die Hauptstadt einen bedeutenden Meilenstein erreicht. Erstmals in der 100-jährigen Geschichte des Wiener Gemeindebaus wurde eine komplett klimaneutrale Wohnanlage realisiert – und markiert damit einen Wendepunkt in Richtung nachhaltiger Stadtentwicklung. Gleichzeitig wurden mit diesem Projekt die 2.000-ste Gemeindebau-NEU-Wohnung übergeben, wodurch bereits 4.500 Wienerinnen und Wiener ein neues Zuhause gefunden haben.
Die Wohnhausanlage in der Brockhausengasse 52-54 ist mehr als nur ein weiterer Gemeindebau – sie ist ein Zukunftslabor für klimaschonendes Wohnen. Das Projekt kombiniert modernste Niedertemperatur-Sole/Wasserwärmepumpen-Technologie mit einer leistungsstarken Photovoltaikanlage, um den Energiebedarf der 220 Bewohnerinnen und Bewohner nahezu vollständig aus erneuerbaren Quellen zu decken. Diese innovative Technik funktioniert über ein ausgeklügeltes System aus Tiefensonden, die Erdwärme nutzen, kombiniert mit Solarpanels auf den Dachflächen.
"Mit 2.000 neuen Gemeindewohnungen für die Wienerinnen und Wiener haben wir einen wichtigen Meilenstein für neuen leistbaren Wohnraum in unserer Stadt erreicht", erklärt Vizebürgermeisterin und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál stolz. Die neue Anlage zeigt exemplarisch, wie die Stadt Wien ihre Klimaziele erreichen will, ohne dabei auf leistbares Wohnen zu verzichten.
Das Herzstück der CO₂-neutralen Energieversorgung bildet die Bauteilaktivierung – ein System, bei dem die Betondecken und -wände als Heiz- und Kühlkörper fungieren. Warmes oder kaltes Wasser zirkuliert durch in den Beton eingebaute Rohrleitungen und temperiert die Räume auf natürliche Weise. Diese Technologie arbeitet mit deutlich niedrigeren Temperaturen als herkömmliche Heizsysteme und ist daher besonders effizient.
Die Tiefensonden reichen bis zu 100 Meter tief in die Erde und nutzen die konstante Bodentemperatur von etwa 10-12 Grad Celsius. Die Wärmepumpe "pumpt" diese Energie auf das gewünschte Temperaturniveau hoch – im Winter zum Heizen, im Sommer wird der Prozess umgekehrt zur Kühlung genutzt. Die Photovoltaikanlage liefert den dafür benötigten Strom und macht das System damit praktisch autark.
Architekt Rudolf Guttmann hat mit seinem Entwurf einen Gemeindebau geschaffen, der sich harmonisch in die Landschaft der Mühlwasserpromenade einfügt. Die drei dreigeschoßigen Gebäude gruppieren sich um einen großzügig begrünten Innenhof, der als grüne Lunge des Projekts fungiert. Besonders bemerkenswert sind die extensiv begrünten Fassaden und Dachflächen, die nicht nur zur CO₂-Bilanz beitragen, sondern auch das Mikroklima verbessern und für natürliche Kühlung sorgen.
Die 98 Wohnungen variieren von kompakten 35 Quadratmetern bis zu großzügigen 95 Quadratmetern und sind damit für alle Lebensphasen konzipiert. Jede einzelne Wohnung verfügt über einen privaten Außenbereich – sei es Terrasse, Loggia, Balkon oder sogar einen eigenen Mietergarten. Die großzügigen Fensterflächen mit Holz-Alu-Rahmen und Dreifachisolierung sorgen für lichtdurchflutete Räume und tragen gleichzeitig zur Energieeffizienz bei.
Besonders innovativ sind die Gemeinschaftsbereiche: Eine "Kinowiese" lädt zu Open-Air-Filmabenden ein, Urban-Gardening-Flächen mit einem eigenen Brunnen ermöglichen nachbarschaftliches Gärtnern, und verschiedene Spielbereiche mit Sitzterrassen schaffen Begegnungszonen für Jung und Alt. "Hier ist Raum für alle die Dinge, die modernes Wohnen heute ausmachen", freut sich Wiener Wohnen-Vizedirektorin Katharina Klement über das durchdachte Konzept.
Der 22. Bezirk entwickelt sich zunehmend zum Experimentierfeld für zukunftsweisendes Wohnen. Mit der neuen Anlage in der Brockhausengasse ist bereits der dritte Gemeindebau NEU in der Donaustadt fertiggestellt worden, insgesamt entstanden hier 395 neue Wohnungen. Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy sieht darin einen wichtigen Beitrag zur positiven Entwicklung seines Bezirks: "Damit wächst das leistbare und hochwertige Wohnraumangebot im Bezirk stetig weiter."
Zwei weitere Gemeindebauten in der Donaustadtstraße und Weidingergasse mit über 200 zusätzlichen Wohnungen befinden sich bereits im Bau. Diese Projekte werden die Donaustadt weiter als attraktiven Wohnstandort etablieren, der urbanes Leben mit Naturnähe verbindet. Die Lage an der Mühlwasserpromenade bietet den Bewohnerinnen und Bewohnern direkten Zugang zu Erholungsgebieten und gleichzeitig gute Anbindung an das Stadtzentrum.
Um die Bedeutung dieses Meilensteins zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Geschichte des Wiener Gemeindebaus. Bereits in den 1920er Jahren begann Wien unter Bürgermeister Karl Seitz mit dem systematischen Bau von Gemeindewohnungen. Der berühmte Karl-Marx-Hof mit seinen 5.000 Wohnungen wurde zum Weltsymbol für sozialen Wohnbau. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in den 1950er und 60er Jahren die großen Siedlungen am Stadtrand, gefolgt von den Großwohnsiedlungen der 1970er Jahre.
Das Programm "Gemeindebau NEU" wurde 2015 gestartet und stellt eine neue Generation des sozialen Wohnbaus dar. Im Gegensatz zu den Großsiedlungen der Vergangenheit setzt man heute auf kleinere, besser integrierte Projekte mit höchsten ökologischen Standards. Der Fokus liegt auf Energieeffizienz, nachhaltigen Baumaterialien und innovativen Gemeinschaftskonzepten.
Das Wiener Modell des sozialen Wohnbaus genießt internationale Anerkennung und wird von Städten weltweit studiert. Rund 60 Prozent der Wienerinnen und Wiener leben in geförderten Wohnungen – ein europäischer Spitzenwert. Die CO₂-neutrale Gemeindebau-Generation zeigt nun, wie sich diese Erfolgsgeschichte unter den Vorzeichen des Klimawandels fortschreiben lässt.
Vergleichbare Projekte gibt es in Deutschland oder der Schweiz bislang nur vereinzelt und meist im deutlich höheren Preissegment. Wien beweist mit der Brockhausengasse, dass klimaneutrales Wohnen auch im sozialen Wohnbau möglich ist – ein Signal, das weit über die Stadtgrenzen ausstrahlt.
Für die 220 neuen Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet der Einzug in den ersten CO₂-neutralen Gemeindebau konkrete Vorteile im Alltag. Die innovativen Heizsysteme sorgen für gleichmäßige, zugfreie Wärme im Winter und angenehme Kühlung im Sommer – ohne die üblichen Temperaturschwankungen herkömmlicher Heizkörper. Die niedrigen Betriebskosten durch die energieeffiziente Bauweise halten die monatlichen Nebenkosten gering.
Familie Müller, eine der ersten Mieterinnen, berichtet begeistert: "Die Wohnung ist immer perfekt temperiert, und wir spüren gar nicht, dass geheizt oder gekühlt wird. Das ist schon ein ganz anderes Wohngefühl als in unserer alten Wohnung." Besonders geschätzt werden die privaten Außenbereiche und die vielen Grünflächen, die gerade für Familien mit Kindern einen enormen Mehrwert darstellen.
Die durchschnittlichen Mieten liegen bei etwa 7,50 Euro pro Quadratmeter – ein Bruchteil dessen, was für vergleichbare Neubauwohnungen am privaten Markt verlangt wird. Trotz der hochwertigen Ausstattung und der nachhaltigen Technologie bleiben die Wohnungen damit für breite Bevölkerungsschichten leistbar.
Das Projekt setzt auch bei der Materialauswahl neue Maßstäbe. Ökologisch zertifizierte Baustoffe kamen bevorzugt zum Einsatz, von der Dämmung bis zu den Bodenbelägen. Die Holz-Alu-Fenster verbinden die Nachhaltigkeit des nachwachsenden Rohstoffs Holz mit der Witterungsbeständigkeit von Aluminium. Sogar die Innenausstattung folgt ökologischen Kriterien – schadstoffarme Farben und Klebstoffe sorgen für gesundes Wohnklima.
WIGEBA-Direktor Paul Steurer betont: "Zukunftsfähiger Wohnraum verbindet leistbares Wohnen mit höchster Lebensqualität und ökologischer Verantwortung." Diese Philosophie spiegelt sich in jedem Detail des Projekts wider und könnte zum Standard für künftige Gemeindebau-Projekte werden.
Die Fertigstellung der 2.000-sten Gemeindebau-NEU-Wohnung ist erst der Anfang einer noch ambitionierteren Ausbauoffensive. Acht weitere Projekte mit rund 1.000 zusätzlichen Wohnungen befinden sich bereits im Bau, weitere Wohnhausanlagen sind in der Planungsphase. Insgesamt wurden damit über 5.700 neue Wohnungen für künftig etwa 13.000 Bewohnerinnen und Bewohner auf den Weg gebracht.
Besonders spannend sind die geplanten Innovationen für die nächste Ausbaustufe: Experimente mit Plus-Energie-Häusern, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen, sowie Smart-Home-Systemen für optimierte Energienutzung stehen auf der Agenda. Auch die Integration von E-Mobilität durch Ladestationen und Car-Sharing-Angebote wird bei neuen Projekten mitgedacht.
Wien hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden. Der Gebäudesektor spielt dabei eine zentrale Rolle, da er für etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich ist. Mit dem CO₂-neutralen Gemeindebau zeigt die Stadt, wie dieser Transformationsprozess sozial gerecht gestaltet werden kann – ohne dass leistbares Wohnen auf der Strecke bleibt.
Die Investitionen in nachhaltige Wohnbauprojekte zahlen sich dabei mehrfach aus: Sie schaffen nicht nur klimafreundlichen Wohnraum, sondern auch Arbeitsplätze in der Baubranche und stärken die Innovationskraft der Stadt. Wien positioniert sich damit als Vorreiter für nachhaltigen sozialen Wohnbau in Europa.
Der erste CO₂-neutrale Gemeindebau in der Brockhausengasse ist somit mehr als nur ein Wohnprojekt – er ist ein Versprechen an künftige Generationen, dass klimaschonendes und leistbares Wohnen kein Widerspruch sein muss. Mit diesem Meilenstein schreibt Wien ein neues Kapitel seiner weltberühmten Erfolgsgeschichte im sozialen Wohnbau.