In einer Zeit, in der religiöse Konflikte weltweit Schlagzeilen machen und die Gesellschaft zu spalten drohen, setzt Wien ein kraftvolles Zeichen der Hoffnung: Am Sonntag unterzeichneten Vertreter ...
In einer Zeit, in der religiöse Konflikte weltweit Schlagzeilen machen und die Gesellschaft zu spalten drohen, setzt Wien ein kraftvolles Zeichen der Hoffnung: Am Sonntag unterzeichneten Vertreter von zehn verschiedenen Religionsgemeinschaften die "Wiener Erklärung - Religionen für den Frieden" und begruben das historische Dokument als Zeitkapsel im Eckstein des entstehenden "Campus der Religionen". Dieser beispiellose Schulterschluss könnte weit über Österreichs Grenzen hinaus Vorbildcharakter entwickeln.
Die feierliche Zeremonie auf dem Gelände des entstehenden Wiener "Campus der Religionen" markiert einen Wendepunkt im interreligiösen Dialog Österreichs. Bereits am 9. Jänner 2025 hatten drei prominente Religionsvertreter den Grundstein gelegt: Kardinal Christoph Schönborn als Erzbischof von Wien, Oberrabbiner Jaron Engelmayer und Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Diese drei Unterzeichner repräsentieren die drei abrahamitischen Religionen - Christentum, Judentum und Islam - und bilden damit das Fundament für eine noch breitere Allianz des Friedens.
Der "Campus der Religionen" selbst ist ein einzigartiges Projekt in Europa. Auf dem Gelände in Wien-Donaustadt entstehen Gebetsstätten verschiedener Religionsgemeinschaften in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Diese räumliche Nähe soll den Dialog fördern und Vorurteile abbauen. Das Projekt, das bereits seit mehreren Jahren geplant wird, kostet rund 40 Millionen Euro und soll 2027 vollständig fertiggestellt sein.
Die Vielfalt der Unterzeichner spiegelt Wiens religiöse Landschaft wider: Neben den christlichen Konfessionen - vertreten durch die römisch-katholische Kirche (Bischofsvikar Dariusz Schutzki), die evangelische Kirche A.B. (Superintendent Matthias Geist), die evangelisch-methodistische Kirche (Superintendent Stefan Schröckenfuchs), die neuapostolische Kirche (Walter Hessler) und die griechisch-orthodoxe Kirche (Archimandrit Ilias Papadopoulos) - unterzeichneten auch Vertreter östlicher Religionen. Dazu gehören Gerhard Weissgrab von der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, Sunil Narula von der Hindugemeinschaft Österreich und Gursharan Singh Mangat von der Sikh Gemeinde Österreich.
Die "Wiener Erklärung" bekennt sich unmissverständlich dazu, den Glauben als "kraftvolle Basis" für gemeinsame Friedensarbeit zu nutzen. Diese Formulierung ist bewusst gewählt, denn sie steht im direkten Gegensatz zu jenen Strömungen, die Religion als Instrument der Spaltung missbrauchen. Die Unterzeichner verpflichten sich ausdrücklich, jeden "Missbrauch von Religion zur Anstiftung oder Rechtfertigung von Terror und Gewalt" zu verurteilen.
Besonders bemerkenswert ist die Selbstverpflichtung der Religionsgemeinschaften, "das gegenseitige Verständnis in den jeweiligen Religionsgemeinschaften zu stärken". Dies bedeutet konkret, dass die Religionsführer nicht nur nach außen für Toleranz werben, sondern auch innerhalb ihrer eigenen Gemeinden Aufklärungs- und Bildungsarbeit leisten werden. Diese Innen-Außen-Perspektive unterscheidet die Wiener Erklärung von vielen anderen interreligiösen Initiativen.
Der Appell der Religionsvertreter richtet sich direkt an die Wiener Bevölkerung: "Wir appellieren an unsere Gemeinden und an alle Menschen, die in Wien leben, sich unermüdlich für den Erhalt des friedlichen und respektvollen Miteinanders in unserer Stadt einzusetzen." Dies ist mehr als eine symbolische Geste - es handelt sich um einen konkreten Auftrag an rund 280.000 Gläubige verschiedener Konfessionen in Wien.
Für den Alltag bedeutet dies: Gemeinsame Bildungsveranstaltungen, interreligiöse Feiern zu wichtigen Anlässen, koordinierte Sozialarbeit in den Bezirken und nicht zuletzt eine verstärkte Zusammenarbeit bei der Integration von Zuwanderern verschiedener Glaubensrichtungen. Wien, das bereits heute als eine der weltoffensten Städte Europas gilt, könnte durch diese Initiative zu einem internationalen Modell für gelungenen interreligiösen Dialog werden.
Bischofsvikar Dariusz Schutzki betonte gegenüber der Katholischen Presseagentur den weitreichenden Signalcharakter der Erklärung: "Es ist ein großartiges Zeichen des Friedens, des Miteinanders, der Toleranz und des Respekts." Seine Worte wiegen schwer, denn sie fallen in eine Zeit, in der religiöse Minderheiten in vielen Teilen der Welt unter Druck stehen.
Von den Verfolgungen der Uiguren in China über die Diskriminierung von Christen in verschiedenen islamischen Ländern bis hin zu antisemitischen Anschlägen in Europa - die Liste religiös motivierter Konflikte ist lang. Umso bedeutsamer ist es, dass gerade Wien, eine Stadt mit einer komplexen religiösen Geschichte, zum Vorreiter für ein "Zeichen für die ganze Welt" wird, wie Schutzki es formuliert.
Wiens Rolle als Zentrum des interreligiösen Dialogs ist nicht neu, aber sie hat eine wechselvolle Geschichte. Die Stadt war jahrhundertelang das Zentrum des katholischen Habsburgerreichs, beherbergte aber schon früh bedeutende jüdische Gemeinden. Die Donaumetropole erlebte sowohl Zeiten der Toleranz als auch dunkle Perioden der Verfolgung, insbesondere während des Nationalsozialismus, als die jüdische Gemeinde nahezu vollständig vernichtet wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Wien schrittweise zu einer weltoffenen Stadt. Die Gastarbeiter-Migration der 1960er und 1970er Jahre brachte muslimische Gemeinden nach Wien, später folgten buddhistische und hinduistische Gruppen. Heute leben in Wien Menschen aus über 100 Nationen, die unterschiedlichsten Glaubensrichtungen angehören. Diese Vielfalt birgt sowohl Chancen als auch Herausforderungen - die Wiener Erklärung will die Chancen nutzen und die Herausforderungen gemeinsam bewältigen.
Das Projekt "Campus der Religionen" ist in seiner Konzeption europaweit einzigartig. Auf einem 13.000 Quadratmeter großen Areal in Wien-Donaustadt entstehen bis 2027 Gebetsstätten für verschiedene Religionsgemeinschaften. Das Besondere: Die Gebäude sind so angeordnet, dass sie einen gemeinsamen Platz umschließen - ein architektonisches Symbol für Gemeinschaft bei gleichzeitiger Wahrung der jeweiligen religiösen Identität.
Die Baukosten von rund 40 Millionen Euro werden teils durch öffentliche Förderungen, teils durch private Spenden der Religionsgemeinschaften finanziert. Neben den Gebetsstätten entstehen auch gemeinsame Räumlichkeiten für interreligiöse Veranstaltungen, eine Bibliothek und ein Café. Das Projekt wird von der Stadt Wien unterstützt, die darin eine wichtige Investition in den sozialen Zusammenhalt sieht.
Die Einbettung der Friedenserklärung als Zeitkapsel in den Eckstein des Campus hat hohe Symbolkraft. Diese Praxis, wichtige Dokumente für künftige Generationen zu konservieren, reicht bis in die Antike zurück. Die Wiener Religionsvertreter wollen damit ein Zeichen setzen: Ihr Friedensbekenntnis soll nicht nur ein Moment der Medienaufmerksamkeit sein, sondern eine dauerhafte Verpflichtung für die Zukunft.
Wenn der Campus der Religionen in einigen Jahren vollständig fertiggestellt ist und künftige Generationen das Dokument möglicherweise wieder öffnen, werden sie ein Zeugnis einer Zeit vorfinden, in der religiöse Führer trotz weltweiter Konflikte den Mut hatten, gemeinsam für den Frieden einzutreten. Diese historische Dimension macht die Wiener Erklärung zu mehr als einer Pressemitteilung - sie wird Teil des kulturellen Gedächtnisses der Stadt.
Andere europäische Metropolen könnten von der Wiener Initiative lernen. In Berlin gibt es zwar das "House of One", wo Christen, Juden und Muslime unter einem Dach beten sollen, doch das Projekt kämpft seit Jahren mit Finanzierungsproblemen und Verzögerungen. Paris hat nach den Terroranschlägen von 2015 verschiedene interreligiöse Initiativen gestartet, diese erreichten aber nie die Systematik und Verbindlichkeit der Wiener Erklärung.
London, eine der religiös vielfältigsten Städte Europas, setzt eher auf dezentrale Ansätze und lokale Initiativen. Amsterdam experimentiert mit "Religionsräten" auf Stadtteilebene. Wien hingegen wählt mit dem Campus der Religionen und der gemeinsamen Erklärung einen zentralisierten, aber inklusiven Ansatz, der als Modell für andere Städte dienen könnte.
Trotz des überwiegend positiven Echos gibt es auch kritische Stimmen zur Wiener Initiative. Säkularisierungsexperten warnen vor einer zu starken Betonung religiöser Identitäten in einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Sie argumentieren, dass wahre Integration nicht durch die Betonung religiöser Unterschiede, sondern durch gemeinsame säkulare Werte erreicht wird.
Andere Kritiker befürchten, dass die Erklärung zu allgemein formuliert sei und konkrete Maßnahmen vermissen lasse. Tatsächlich nennt das Dokument keine spezifischen Projekte oder Budgets für die angekündigte Friedensarbeit. Die Unterzeichner werden sich daran messen lassen müssen, ob aus den schönen Worten auch konkrete Taten folgen.
Die Unterzeichnung der Wiener Erklärung ist erst der Beginn eines längeren Prozesses. In den kommenden Monaten sollen konkrete Projekte entwickelt werden, die das Friedensbekenntnis mit Leben füllen. Geplant sind gemeinsame Bildungsveranstaltungen in Wiener Schulen, interreligiöse Sozialarbeit in den Bezirken und regelmäßige Friedensgebete verschiedener Konfessionen.
Besonders wichtig wird die Einbindung der jüngeren Generation sein. Viele junge Wiener wachsen bereits in einem multikulturellen und multireligiösen Umfeld auf, haben aber oft wenig Wissen über andere Glaubensrichtungen. Hier könnte die Wiener Initiative eine Brücke schlagen und durch gezielte Aufklärungs- und Begegnungsprogramme Vorurteile abbauen.
Die internationale Aufmerksamkeit, die die Wiener Erklärung bereits erhalten hat, könnte Wien auch zu einem Zentrum für interreligiösen Dialog in Europa machen. Delegationen aus anderen Städten haben bereits Interesse an den Wiener Erfahrungen angemeldet. So könnte aus einer lokalen Initiative eine europäische Bewegung entstehen.
Die Vision der Unterzeichner reicht weit über den Campus der Religionen hinaus. Wien soll zu einer "Friedensstadt" werden, in der religiöse Vielfalt nicht als Problem, sondern als Bereicherung verstanden wird. Diese Ambition ist angesichts der globalen Herausforderungen durch Extremismus, Migration und kulturelle Spannungen von höchster Relevanz.
Wenn es Wien gelingt, dieses Modell erfolgreich umzusetzen, könnte die Stadt internationale Ausstrahlung als Zentrum für Toleranz und Verständigung entwickeln. Dies würde nicht nur das internationale Ansehen Österreichs stärken, sondern auch konkrete wirtschaftliche Vorteile durch religiösen Tourismus und internationale Konferenzen bringen.
Die "Wiener Erklärung - Religionen für den Frieden" ist somit mehr als ein symbolischer Akt. Sie ist ein mutiges Bekenntnis zu Toleranz und Verständigung in einer Zeit, in der diese Werte global unter Druck stehen. Ob aus den Worten Taten werden und Wien tatsächlich zu einem Modell für anderen Städte wird, hängt nun von der konkreten Umsetzung in den kommenden Jahren ab. Die Zeitkapsel im Eckstein des Campus wird Zeugnis davon ablegen, ob dieses Friedensversprechen gehalten wurde.