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OTS-MeldungArchitektur/Kunst & Kultur/Bau/Wissenschaft

Wiener Jesuitensaal erstrahlt in neuem Glanz: 300 Jahre altes Deckenfresko restauriert

16. April 2026 um 06:51
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Acht Meter über dem Boden, in schwindelerregender Höhe, vollendet sich derzeit ein kunsthistorisches Meisterwerk neu. Im Herzen Wiens, in der traditionsreichen Wollzeile, wird das prächtige Deckenf...

Acht Meter über dem Boden, in schwindelerregender Höhe, vollendet sich derzeit ein kunsthistorisches Meisterwerk neu. Im Herzen Wiens, in der traditionsreichen Wollzeile, wird das prächtige Deckenfresko des historischen Jesuitensaals nach monatelanger Restaurierung wieder in seiner ursprünglichen Schönheit erstrahlen. Pünktlich zum Internationalen Tag des Denkmals am 18. April zeigt sich der älteste Theatersaal der österreichischen Hauptstadt wieder in voller Pracht – ein kultureller Schatz, der bald im neuen "Q. Dein Raum für Wissenschaft" der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Meisterwerk aus dem 18. Jahrhundert kehrt zu alter Pracht zurück

Die Malerei von Anton Hertzog und Franz Anton Danne, entstanden im 18. Jahrhundert, zählt zu den bedeutendsten barocken Deckenmalereien Wiens. Das monumentale Fresko zeigt die Himmelfahrt Mariens und bedeckt die gesamte Decke des ehemaligen Collegium academicum der Jesuiten. Mit einer Fläche von mehreren hundert Quadratmetern stellt es nicht nur kunsthistorisch, sondern auch handwerklich eine außergewöhnliche Leistung dar.

Anton Hertzog (1653-1718) gilt als einer der wichtigsten Freskenmaler des österreichischen Barock. Gemeinsam mit Franz Anton Danne schuf er ein Werk, das die religiöse Ikonographie der Jesuiten mit der künstlerischen Vollendung des Hochbarock vereint. Die dargestellte Mariä Himmelfahrt folgt der jesuitischen Tradition der Marienverehrung und verbindet theologische Inhalte mit spektakulärer malerischer Virtuosität.

Restaurator Jörg Riedel: Eine berufliche Zeitreise

"Wenn man ein Werk erneut restauriert, ist es auch für einen selbst an der Zeit zu gehen", erklärt Restaurator Jörg Riedel mit einem Augenzwinkern diese alte Weisheit seines Berufsstandes. Doch in seinem Fall schließt sich ein ganz besonderer Kreis: Bereits als Student hatte er in den 1990er Jahren an genau diesem Fresko gearbeitet – damals als Teil eines internationalen Expertenteams, das die kriegsgeschädigten Deckenmalereien rettete.

Das Gebäude in der Wollzeile war während des Zweiten Weltkriegs durch einen Bombentreffer schwer beschädigt worden. Eindringende Feuchtigkeit hatte über die Jahrzehnte massive Schäden am Fresko verursacht. Die korrodierten Drahtbefestigungen der ursprünglichen Aufhängung drohten zu versagen – ein kultureller Verlust von unschätzbarem Wert stand bevor.

Innovative Restaurierungstechniken sichern jahrhundertealte Kunst

In den 1990er Jahren entwickelte das internationale Restauratorenteam unter Riedels Mitwirkung ein revolutionäres Aufhängungssystem. Die korrodierten Drahtbefestigungen wurden durch moderne Polypropylenfasern ersetzt – ein Material, das deutlich langlebiger und weniger anfällig für Korrosion ist. Diese innovative Lösung hat sich bewährt: Eine aktuelle Begutachtung vor der Übernahme durch die wissenschaftlichen Institutionen bestätigte die ausgezeichnete Stabilität der Konstruktion.

Die moderne Konservierungswissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Während früher oft großflächige Übermalungen vorgenommen wurden, die die ursprüngliche Substanz überdeckten, arbeitet man heute mit minimal-invasiven Methoden. Jörg Riedel setzt auf punktuelle Retuschen, die nur die tatsächlichen Fehlstellen behandeln und dabei sogar die historische Schmutzpatina respektieren.

Aufwändige Detailarbeit in luftiger Höhe

Seit März 2024 arbeitet Riedel mit Schwamm, Pinsel und speziellen Aquarellfarben an der Vollendung der vor drei Jahrzehnten begonnenen Restaurierung. Die Arbeit konzentriert sich auf das Retuschieren von Kittungen ehemaliger Verschraubungen, die sich als kleine, helle Flecken über das gesamte Fresko verteilten. Diese stammten von einer zwischenzeitlichen Notsicherung und störten die ästhetische Wirkung des Gesamtwerks erheblich.

Unterstützt wird Riedel von seiner Ehefrau Julia Kolar, ebenfalls eine erfahrene Restauratorin. "Allerdings nur in Teilzeit", ergänzt sie schmunzelnd, "das Arbeiten über Kopf geht auf Dauer ganz schön in den Nacken." Die körperlichen Belastungen bei Deckenrestaurierungen sind nicht zu unterschätzen: Stundenlange Arbeit mit nach oben gerichtetem Kopf führt zu Verspannungen und erfordert regelmäßige Pausen.

Wissenschaftliche Präzision trifft auf künstlerische Sensibilität

Die aktuelle Restaurierung geht weit über ästhetische Korrekturen hinaus. Riedel entfernt auch bauschädliche Salze, die sich im Laufe der Jahrzehnte gebildet hatten und die Substanz der Malerei bedrohen könnten. Diese Salzausblühungen entstehen durch Feuchtigkeit und können langfristig zu Abplatzungen der Farbschicht führen.

"Das Fresko wird dabei nicht \'übermalt\', wie es in der Vergangenheit üblich war", betont Riedel. "Stattdessen passen wir die Fehlstellen farbig an das Gesamtbild an. Dazu gehört auch die Schmutzpatina, die das Fresko aus dem 18. Jahrhundert erst wirken lässt." Diese Herangehensweise entspricht den modernen Standards der Denkmalpflege, die den historischen Charakter eines Kunstwerks bewahren wollen.

Die verwendeten Materialien müssen höchsten konservatorischen Ansprüchen genügen. Aquarellfarben sind reversibel und belasten die ursprüngliche Substanz nicht. Sie können bei Bedarf wieder entfernt werden, ohne das historische Material zu schädigen – ein wichtiger Aspekt für zukünftige Generationen von Restauratoren.

Internationale Zusammenarbeit für Wiener Kulturerbe

Die Finanzierung der aufwändigen Restaurierung erfolgte durch eine beeindruckende Koalition verschiedener Institutionen. Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) als Eigentümerin des Gebäudes, das Bundesdenkmalamt als oberste Denkmalschutzbehörde, die Österreichische Gesellschaft der Denkmalfreunde sowie die Jesuiten in Wien unterstützten gemeinsam das Projekt.

Christa Pinz, Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft der Denkmalfreunde, betont die Bedeutung solcher Kooperationen: "Die Österreichische Gesellschaft der Denkmalfreunde wurde als Freundesverein des Bundesdenkmalamtes gegründet. Ihr Ziel ist die Erforschung und die Erhaltung des Denkmalbestandes in Österreich und damit die Bewahrung vieler kultureller Werte."

Vom Jesuitenkolleg zum modernen Wissenschaftszentrum

Die Geschichte des Gebäudes in der Wollzeile reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Das ehemalige Collegium academicum der Jesuiten war eine der wichtigsten Bildungseinrichtungen des Habsburgerreichs. Hier wurden Jahrhunderte lang Generationen von Gelehrten, Theologen und Wissenschaftlern ausgebildet. Der Theatersaal diente nicht nur der Unterhaltung, sondern war integraler Bestandteil der jesuitischen Pädagogik.

Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 durch Papst Clemens XIV. wechselte das Gebäude mehrfach den Besitzer und die Nutzung. Im 19. und 20. Jahrhundert dienten die Räume verschiedenen kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken, bevor Kriegsschäden und jahrzehntelanger Leerstand ihre Spuren hinterließen.

Q. Dein Raum für Wissenschaft: Vision für die Zukunft

Ab 2027 wird das historische Gebäude als "Q. Dein Raum für Wissenschaft" eine völlig neue Funktion erhalten. Das ambitionierte Projekt wird von drei der renommiertesten wissenschaftlichen Institutionen Österreichs getragen: der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Universität Wien und der Technischen Universität Wien. Unterstützt wird das Vorhaben vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung sowie dem Bundesministerium für Bildung.

Christopher Lindinger, der Gründungsdirektor von Q, erklärt die Vision: "Wir möchten die reiche Geschichte dieses Ortes bewahren und den Räumen gleichzeitig eine neue Zukunft geben – mit Ausstellungen, Veranstaltungen und Diskussionsformaten, die Wissenschaft und gesellschaftliche Herausforderungen in den Mittelpunkt stellen."

Das Konzept von Q unterscheidet sich grundlegend von traditionellen Wissenschaftsmuseen. Statt statischer Exponate sollen interaktive Formate Besucherinnen und Besucher dazu einladen, selbst Fragen zu stellen und in den Dialog mit Forschenden zu treten. Workshops, Diskussionsrunden und temporäre Ausstellungen werden aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen vermitteln.

Denkmalschutz und moderne Architektur in perfekter Symbiose

Der Umbau des denkmalgeschützten Gebäudes erfolgt nach Plänen von Mohr Niklas Architekten und stellt eine besondere Herausforderung dar. Die Architekten müssen die historische Substanz respektieren und gleichzeitig moderne Ausstellungs- und Veranstaltungsräume schaffen. Die Bauarbeiten werden von der Bundesimmobiliengesellschaft koordiniert und abgewickelt.

Der Jesuitensaal mit seinem nun restaurierten Deckenfresko wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Als historisches Herzstück des Gebäudes soll er sowohl für festliche Veranstaltungen als auch für wissenschaftliche Präsentationen genutzt werden. Die Verbindung von barocker Pracht und modernster Technik symbolisiert die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, die Q verkörpern möchte.

Internationale Vorbilder und österreichische Innovation

Science Center und Wissenschaftshäuser haben sich international als wichtige Bildungseinrichtungen etabliert. Vorbilder wie das Deutsche Museum in München, das Science Museum in London oder das Exploratorium in San Francisco zeigen, wie Wissenschaftsvermittlung erfolgreich funktionieren kann. Q möchte diese Erfahrungen aufgreifen und gleichzeitig einen spezifisch österreichischen Weg beschreiten.

Die Einbeziehung der historischen Räumlichkeiten ist dabei einzigartig. Während die meisten Science Center in modernen Neubauten untergebracht sind, nutzt Q bewusst die kulturhistorische Aura des Jesuitenkollegs. Diese Verbindung von Geschichte und Innovation spiegelt Österreichs Position als Brücke zwischen Tradition und Moderne wider.

Wirtschaftliche und kulturelle Impulse für Wien

Die Eröffnung von Q wird nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich bedeutende Impulse für Wien setzen. Als neue Touristenattraktion wird das Wissenschaftshaus internationale Besucher anziehen und zur Stärkung des Wissenschaftstourismus beitragen. Wien positioniert sich damit noch stärker als Stadt der Bildung und Forschung.

Die Investitionen in den Umbau und die Restaurierung belaufen sich auf mehrere Millionen Euro. Diese Mittel fließen in österreichische Unternehmen und Fachbetriebe, von Architekten über Restauratoren bis hin zu spezialisierten Handwerkern. Die Schaffung dauerhafter Arbeitsplätze im Bildungs- und Kultursektor stärkt zudem den Standort Wien langfristig.

Bildungsauftrag für kommende Generationen

Pater Christian Marte SJ, Leiter der Jesuitengemeinschaft in Wien, betont die Kontinuität des Bildungsauftrags: "Wissenschaft und Gesellschaft sind für uns Jesuiten bis heute wichtige Anliegen. Darum freuen wir uns sehr, dass der Jesuitensaal künftig dafür verwendet werden kann, besonders auch für junge Menschen."

Diese Aussage unterstreicht den Generationenvertrag, der mit der Restaurierung des Freskos und der Neunutzung des Gebäudes eingegangen wird. Die Investition in Denkmalschutz und Bildung ist eine Investition in die Zukunft – sowohl für die Bewahrung kultureller Werte als auch für die Förderung wissenschaftlicher Bildung.

Ausblick: Ein neues Kapitel beginnt 2027

Mit der Vollendung der Freskorestaurierung ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Eröffnung von Q erreicht. Die nächsten drei Jahre werden geprägt sein von intensiven Bauarbeiten, der Entwicklung des Ausstellungskonzepts und der Rekrutierung des Teams. Parallel dazu werden bereits erste Veranstaltungen und Pilotprojekte durchgeführt, um das Konzept zu testen und weiterzuentwickeln.

Die Restaurierung des Deckenfreskos steht symbolisch für das gesamte Projekt: Die Rettung und Bewahrung historischer Werte wird verbunden mit innovativen Ansätzen für die Zukunft. Jörg Riedels präzise Handarbeit in acht Metern Höhe ermöglicht es, dass kommende Generationen sowohl die barocke Kunstfertigkeit bewundern als auch moderne Wissenschaft erleben können.

Wenn Q 2027 seine Türen öffnet, wird der Jesuitensaal mit seinem strahlenden Deckenfresko nicht nur Zeugnis einer erfolgreichen Denkmalpflege sein, sondern auch Symbol für Wiens Rolle als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Tradition und Innovation, zwischen Kunst und Wissenschaft.

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