Die Szene kennt jeder Wiener: Ein Fahrgast telefoniert lautstark über Freisprecher, während ein anderer seine Musik ohne Kopfhörer abspielt und ein dritter seine Knoblauchpizza im überfüllten U-Bah...
Die Szene kennt jeder Wiener: Ein Fahrgast telefoniert lautstark über Freisprecher, während ein anderer seine Musik ohne Kopfhörer abspielt und ein dritter seine Knoblauchpizza im überfüllten U-Bahn-Waggon verzehrt. Was für die Verursacher harmlos erscheint, ist für die meisten Mitfahrenden ein großes Ärgernis. Mit der neuen Kampagne "Host kan Genierer?" wollen die Wiener Linien nun das Bewusstsein für Rücksichtnahme in den öffentlichen Verkehrsmitteln schärfen – und zeigen dabei mit typisch wienerischem Schmäh, wo die Grenzen des Anstands liegen.
Eine aktuelle Umfrage der Wiener Linien unter 800 Teilnehmern zwischen 16 und 75 Jahren offenbart eine dramatische Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Während sich 86 Prozent der Befragten durch lautes Telefonieren über Lautsprecher gestört fühlen, geben nur 9 Prozent zu, selbst schon einmal so telefoniert oder Videos ohne Kopfhörer geschaut zu haben. Diese Zahlen verdeutlichen ein fundamentales Problem: Das eigene Verhalten wird systematisch als weniger störend wahrgenommen, als es für das Umfeld tatsächlich ist.
"Diese Wahrnehmungslücke ist der Kern des Problems", erklärt Alexandra Reinagl, Geschäftsführerin der Wiener Linien. "Unsere Regeln sind klar und gelten für alle. Die meisten Fahrgäste halten sich daran. Mit dieser Kampagne wollen wir jene erreichen, die das nicht tun und sich der Wirkung ihres Verhaltens oft auch nicht bewusst sind."
Die Dimension des Problems wird erst bei Betrachtung der Nutzerzahlen deutlich: Täglich nutzen mehr als 2,4 Millionen Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien. Das entspricht etwa einem Viertel der gesamten österreichischen Bevölkerung, die sich jeden Tag auf engem Raum begegnet. Bei dieser Masse an Menschen können schon kleine Rücksichtslosigkeiten zu großen Problemen werden.
Im Vergleich zu anderen österreichischen Städten ist Wien mit seinem öffentlichen Verkehrsnetz einzigartig. Salzburg befördert täglich etwa 100.000 Fahrgäste, Graz rund 200.000 – Wien übertrifft diese Zahlen um das Zwölf- beziehungsweise Zwanzigfache. Diese Dimensionen machen deutlich, warum Verhaltensregeln hier besonders wichtig sind.
Die Kampagne setzt auf eine typisch wienerische Herangehensweise: Mit Humor und dem charakteristischen "Wiener Schmäh" werden ernste Themen angesprochen. Der Titel "Host kan Genierer?" ist ein ur-wienerischer Ausdruck, der die Frage nach dem Schamgefühl auf den Punkt bringt. Diese Formulierung ist bewusst gewählt, um die Wiener Identität zu stärken und gleichzeitig eine klare Botschaft zu vermitteln.
"Respekt ist kein bürokratisches Regelwerk, sondern Teil von Gemeinschaft und Identität", betont Öffi-Stadträtin Ulli Sima. "Wer in Wien einsteigt, fährt mit Respekt – und trägt selbst dazu bei, dass die Öffis für alle angenehm bleiben."
Herzstück der Kampagne ist der Song "Ka Genierer", eine umgetextete Version des Klassikers "I bin a Kniera" von Georg Danzer. Diese Verbindung von Wiener Musikgeschichte mit einer zeitgemäßen Botschaft zeigt, wie traditionelle Kultur für moderne Kommunikation genutzt werden kann. Georg Danzer, der 2007 verstorbene Austropop-Legende, hätte vermutlich seine Freude an dieser kreativen Adaption gehabt – war er doch selbst bekannt für seine humorvollen und gesellschaftskritischen Texte.
Die visuelle Kampagne arbeitet mit übertreibten Darstellungen: Ein Riesen-Handy dominiert den Waggon, eine überdimensionierte Leberkäsesemmel wird zum Symbol für Geruchsbelästigung, ein riesiger Rucksack nimmt anderen den Platz weg. Diese bewusste Übertreibung soll verdeutlichen, was im Alltag oft unterschätzt wird: Was für die einzelne Person klein wirkt, kann für das Umfeld große Auswirkungen haben.
Verhaltensregeln im öffentlichen Verkehr sind keine neue Erfindung. Bereits in der Monarchie gab es für die Wiener Pferdebahn strikte Vorschriften: Rauchen war verboten, lautes Sprechen unerwünscht, und das Mitführen von Tieren nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Mit der Elektrifizierung der Straßenbahn 1897 wurden diese Regeln modernisiert und angepasst.
Die erste U-Bahn-Linie U1 eröffnete 1978, und schon damals gab es eine Hausordnung. In den 1980er-Jahren war das größte Problem das Rauchen in den Waggons – ein Verhalten, das heute undenkbar erscheint. In den 1990er-Jahren kamen Diskman und Walkman auf, und damit die ersten Konflikte um zu laute Musik. Mit dem Aufkommen der Handys in den 2000er-Jahren entstanden neue Problembereiche.
Das Essverbot in der U-Bahn wurde erst 2019 eingeführt – auf Wunsch vieler Fahrgäste. Davor war es jahrzehntelang üblich, in der U-Bahn zu essen. Diese Regel zeigt, wie sich gesellschaftliche Normen wandeln und wie die Wiener Linien auf die Bedürfnisse ihrer Fahrgäste reagieren.
Im Vergleich zu anderen Großstädten gelten die Wiener Öffis als besonders sauber und sicher. In London ist lautes Verhalten in der U-Bahn weitgehend verpönt, in New York hingegen deutlich tolerierter. Das Pariser Métro kämpft mit ähnlichen Problemen wie Wien, setzt aber weniger auf Humor und mehr auf strikte Durchsetzung.
Besonders interessant ist der Vergleich mit Deutschland: In Berlin oder München gibt es ähnliche Kampagnen, die jedoch meist trockener und direkter formuliert sind. Der "Wiener Schmäh" ist in dieser Form einzigartig und zeigt, wie lokale Kultur erfolgreich in die Kommunikation eingebunden werden kann.
Für die täglich 2,4 Millionen Fahrgäste bedeutet die neue Kampagne konkrete Veränderungen im Alltag. Die Mitarbeiter der Wiener Linien kontrollieren die Einhaltung der Hausordnung ab sofort verstärkt und ermahnen bei Fehlverhalten. Dies bedeutet, dass rücksichtsloses Verhalten nicht mehr stillschweigend hingenommen wird.
Ein praktisches Beispiel: Wer künftig lautstark über Freisprecher telefoniert, muss mit einer direkten Ansprache durch das Sicherheitspersonal rechnen. Bei wiederholten Verstößen können sogar Fahrtverbote ausgesprochen werden. Diese Maßnahmen sind nicht nur symbolisch, sondern haben reale Konsequenzen für die Betroffenen.
Ein wichtiger Aspekt der Kampagne ist die Stärkung der Zivilcourage unter den Fahrgästen. Viele Menschen ärgern sich über rücksichtsloses Verhalten, trauen sich aber nicht, andere darauf anzusprechen. Die Kampagne soll ermutigen, höflich aber bestimmt auf die Hausordnung hinzuweisen.
"Niemanden interessieren lautstarke Debatten über Beziehungsprobleme anderer Mitfahrender – genauso wenig wie die Einkaufsliste, das Abendmenü oder die Wochenendplanung", betont Stadträtin Ulli Sima. Diese klare Ansage soll auch anderen Fahrgästen Mut machen, sich für ein respektvolles Miteinander einzusetzen.
Die Qualität des öffentlichen Verkehrs ist ein wichtiger Standortfaktor für Wien. Unternehmen bewerten bei Ansiedlungsentscheidungen auch die Verkehrsinfrastruktur und deren Nutzungsqualität. Ein angenehmes Fahrerlebnis trägt zur Attraktivität der Stadt bei und kann indirekt Arbeitsplätze und Investitionen beeinflussen.
Studien zeigen, dass sich schlechte Erfahrungen im öffentlichen Verkehr negativ auf die Nutzungsbereitschaft auswirken. Wenn Menschen aufgrund von Störungen und Rücksichtslosigkeit wieder auf das Auto umsteigen, hat das nicht nur ökologische, sondern auch verkehrspolitische Konsequenzen. Die Kampagne ist daher auch eine Investition in die Zukunftsfähigkeit des öffentlichen Verkehrs.
Wien empfängt jährlich etwa 17 Millionen Touristen, viele davon nutzen intensiv die öffentlichen Verkehrsmittel. Ein angenehmes Fahrerlebnis trägt zum positiven Gesamteindruck der Stadt bei und beeinflusst Weiterempfehlungen. Die Kampagne richtet sich zwar primär an Einheimische, hat aber auch touristischen Mehrwert.
Die Hausordnung der Wiener Linien ist rechtlich bindend und basiert auf dem Personenbeförderungsgesetz. Verstöße können mit Geldstrafen bis zu 50 Euro geahndet werden. Bei schwerwiegenden oder wiederholten Verstößen sind auch Beförderungsausschlüsse möglich.
Die rechtliche Grundlage für Verhaltensregeln in öffentlichen Verkehrsmitteln ist klar definiert. Als private Unternehmen können die Wiener Linien ihre Hausordnung durchsetzen und notfalls den Verweis vom Gelände aussprechen. Diese Möglichkeiten wurden bisher zurückhaltend genutzt, sollen aber künftig konsequenter angewendet werden.
Die Digitalisierung hat neue Herausforderungen geschaffen: Smartphones ermöglichen es, jederzeit und überall zu telefonieren, Musik zu hören oder Videos zu schauen. Die Freisprechfunktion, ursprünglich für die Sicherheit beim Autofahren entwickelt, wird oft gedankenlos auch in öffentlichen Verkehrsmitteln genutzt.
Streaming-Dienste und Social Media haben das Problem verschärft: Videos werden oft automatisch mit Ton abgespielt, Sprachnachrichten laut angehört. Was technisch möglich ist, ist sozial nicht immer angemessen – diese Erkenntnis muss erst wieder gesellschaftlich verankert werden.
Die Umfrageergebnisse zeigen auch einen Generationenkonflikt: Ältere Fahrgäste empfinden lautes Verhalten stärker als störend, während jüngere Menschen oft gar nicht bemerken, wie sehr sie andere stören. Die Kampagne muss daher verschiedene Altersgruppen unterschiedlich ansprechen.
Monika Unterholzner, stellvertretende Generaldirektorin der Wiener Stadtwerke, betont: "Rücksichtnahme ist kein Luxus, sondern die Basis für ein funktionierendes Miteinander – gerade in einem System, das täglich Millionen Menschen bewegt."
Die Kampagne ist langfristig angelegt und soll nicht nur kurzfristig für Aufmerksamkeit sorgen, sondern nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken. Ähnlich wie beim Rauchverbot oder der Gurtpflicht im Auto brauchen gesellschaftliche Normen Zeit, um sich zu etablieren.
Experten gehen davon aus, dass sich die Sensibilität für Rücksichtnahme in den kommenden Jahren weiter erhöhen wird. Die Corona-Pandemie hat bereits das Bewusstsein für den persönlichen Raum und gegenseitige Rücksichtnahme geschärft. Diese Entwicklung kann die Kampagne nutzen und verstärken.
In fünf Jahren könnte lautes Telefonieren in den Öffis genauso verpönt sein wie heute das Rauchen im Restaurant. Diese gesellschaftliche Veränderung ist das langfristige Ziel der Wiener Linien.
Der Erfolg der Kampagne wird durch regelmäßige Fahrgastbefragungen und Beobachtungen gemessen. Die Wiener Linien planen, die Umfrage in einem Jahr zu wiederholen und zu prüfen, ob sich das Bewusstsein für rücksichtsloses Verhalten verändert hat.
Sollten die sanften Maßnahmen nicht ausreichen, sind strengere Regeln und höhere Strafen denkbar. Das Beispiel des U-Bahn-Essverbots zeigt, dass die Wiener Linien bei Bedarf auch unpopuläre Entscheidungen treffen können.
Die neue Kampagne der Wiener Linien ist mehr als nur eine PR-Aktion – sie ist ein Versuch, das Zusammenleben in einer Millionenstadt zu verbessern. Mit typisch wienerischem Humor wird ein ernstes Problem angegangen, das täglich Millionen Menschen betrifft. Ob die Kampagne erfolgreich sein wird, hängt letztendlich von jedem einzelnen Fahrgast ab. Denn wie es so schön wienerisch heißt: "Host kan Genierer?" – diese Frage muss sich jeder selbst beantworten.