Die Wiener Stadtwerke verstärken ihren Kurs in Richtung erneuerbare Energien mit einer strategischen Personalentscheidung: Karl Gruber, derzeit Geschäftsführer der Wien Energie, wechselt ab Mai 202
Die Wiener Stadtwerke verstärken ihren Kurs in Richtung erneuerbare Energien mit einer strategischen Personalentscheidung: Karl Gruber, derzeit Geschäftsführer der Wien Energie, wechselt ab Mai 2026 zur Führung der ImWind Gruppe. Diese Rochade markiert einen entscheidenden Schritt in Wiens Energiewende-Strategie und unterstreicht die wachsende Bedeutung der Windkraft für die Energieversorgung der Bundeshauptstadt. Mit der Übernahme der ImWind-Geschäftsführung durch den erfahrenen Energiemanager sollen bis 2030 Wind- und Sonnenkraftanlagen an bis zu 200 Standorten österreichweit entstehen.
Die ImWind Gruppe, die erst im vergangenen Jahr von den Wiener Stadtwerken übernommen wurde, gilt als eine der wichtigsten Akquisitionen in der Unternehmensgeschichte des kommunalen Energieversorgers. Das Unternehmen ist ein österreichischer Spezialist für die Entwicklung und den Betrieb von Windkraftanlagen und verfügt über eine beeindruckende Projektpipeline in ganz Österreich.
Die Windkraft bezeichnet die Nutzung der kinetischen Energie von Luftströmungen zur Stromerzeugung durch Windkraftanlagen. Moderne Windräder wandeln die Bewegungsenergie des Windes mittels Rotorblättern in Drehbewegung um, die über einen Generator in elektrischen Strom transformiert wird. In Österreich hat sich die Windkraft zu einer der wichtigsten erneuerbaren Energiequellen entwickelt, wobei die Technologie kontinuierlich weiterentwickelt wird, um auch bei geringeren Windgeschwindigkeiten effizient Strom zu produzieren. Die neuesten Anlagen erreichen Nabenhöhen von über 150 Metern und können einzelne Haushalte mit mehreren Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr versorgen.
Karl Gruber bringt eine beeindruckende Laufbahn in die neue Position ein. Der 56-Jährige studierte Wirtschaftsingenieurwesen für Maschinenbau mit Schwerpunkt Energietechnik an der Technischen Universität Graz und erweiterte seine Qualifikationen später durch ein Global Executive MBA-Programm an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie der University of Minnesota.
Seine berufliche Laufbahn führte ihn zunächst als Vorstandsvorsitzenden zur IG Holzkraft und als Technischen Direktor zur Cycleenergy Beteiligungs- und Management AG. Seit 2011 prägte er maßgeblich die Entwicklung von Wien Energie, zunächst als Leiter der Wasserkraft und Geschäftsführer internationaler Beteiligungen, seit 2016 als Geschäftsführer an der Spitze des Unternehmens.
Die ambitionierten Pläne der Wiener Stadtwerke sehen vor, dass Wien Energie gemeinsam mit ImWind bis 2030 die Leistung aus erneuerbaren Energien mehr als verdoppeln wird. Konkret sollen Wind- und Sonnenkraftanlagen an bis zu 200 Standorten in Österreich entstehen, wodurch alle Wiener Haushalte mit Ökostrom versorgt werden können.
Photovoltaikanlagen wandeln Sonnenlicht mittels Solarzellen direkt in elektrischen Strom um. Die Technologie basiert auf dem photovoltaischen Effekt, bei dem Photonen aus dem Sonnenlicht Elektronen in Halbleitermaterialien wie Silizium anregen und dadurch elektrische Spannung erzeugen. Moderne PV-Anlagen erreichen Wirkungsgrade von über 20 Prozent und können auch bei diffusem Licht Strom produzieren. In Österreich hat sich die installierte Photovoltaik-Leistung in den letzten Jahren vervielfacht, wobei sowohl Dachanlagen als auch Freiflächenanlagen zur Energiewende beitragen. Die Kombination von Wind- und Sonnenenergie ermöglicht eine kontinuierlichere Stromproduktion, da sich die Energiequellen oft ergänzen – wenn wenig Wind weht, scheint häufig die Sonne und umgekehrt.
Stadträtin Ulli Sima, zuständig für die Wiener Stadtwerke, betonte die strategische Bedeutung des Projekts: "Wir gehen konsequent den Weg, um unabhängig von Gas zu werden und damit langfristig stabile und leistbare Preise für alle Wienerinnen zu garantieren." Diese Aussage unterstreicht die geopolitische Dimension der Energiewende, die nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre besondere Relevanz erhalten hat.
Im österreichweiten Vergleich nimmt Wien eine Sonderstellung ein, da die Bundeshauptstadt selbst aufgrund ihrer geografischen Lage nur begrenzte Windkraft-Potenziale aufweist. Die meisten Windkraftanlagen in Österreich befinden sich in Niederösterreich, dem Burgenland und der Steiermark. Das Burgenland gilt als österreichisches Windkraft-Pionierland und deckt bereits einen Großteil seines Strombedarfs durch Windenergie ab.
Im Vergleich zu Deutschland liegt Österreich bei der installierten Windkraft-Leistung pro Einwohner im europäischen Mittelfeld. Während Deutschland mit über 65.000 MW installierter Leistung absolut führend ist, erreicht Österreich mit etwa 3.800 MW eine respektable Position. Die Schweiz hingegen hinkt bei der Windkraft-Nutzung deutlich hinterher, was hauptsächlich an den geografischen Gegebenheiten und regulatorischen Hürden liegt.
Für die rund 1,9 Millionen Wienerinnen und Wiener bedeuten die geplanten Investitionen in erneuerbare Energien mehrere konkrete Vorteile: Erstens werden die Strompreise langfristig stabilisiert, da die "Brennstoffkosten" von Wind und Sonne dauerhaft null betragen. Ein durchschnittlicher Wiener Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.500 kWh könnte dadurch mittelfristig mehrere hundert Euro pro Jahr sparen.
Zweitens erhöht sich die Versorgungssicherheit erheblich, da die Abhängigkeit von fossilen Brennstoff-Importen reduziert wird. Drittens trägt jede neue Windkraft- oder Photovoltaikanlage zur Reduktion der CO₂-Emissionen bei – ein wichtiger Beitrag zu Wiens Klimazielen. Eine moderne 3-MW-Windkraftanlage kann beispielsweise etwa 2.000 Haushalte mit Strom versorgen und spart jährlich rund 4.500 Tonnen CO₂ gegenüber konventioneller Stromerzeugung ein.
Unter Grubers Führung hat Wien Energie bereits wichtige Meilensteine der Dekarbonisierung gesetzt. Die Gründung der "Wien Energie International" sowie die Entwicklung der Joint Ventures "deeep" mit OMV und "Venergi" mit Ramboll zeigen die internationale Ausrichtung des Unternehmens.
Das Joint Venture "deeep" konzentriert sich auf die Entwicklung von Geothermie-Projekten und nutzt die Erfahrung der OMV in der Tiefbohrung für die Erschließung von Erdwärme. Diese Technologie könnte besonders für die Wiener Fernwärmeversorgung von großer Bedeutung werden. "Venergi" hingegen ist eine Kooperation mit dem dänischen Ingenieursunternehmen Ramboll und fokussiert auf nachhaltige Energielösungen für urbane Räume.
Die Wiener Stadtwerke können auf eine über 150-jährige Geschichte zurückblicken. Gegründet 1863 als "Kaiser Franz Joseph I. Wiener Communal-Gasanstalt", entwickelte sich das Unternehmen von einem reinen Gasversorger zu einem modernen, diversifizierten Infrastruktur-Dienstleister. In den 1970er Jahren begann der Ausbau der Fernwärmeversorgung, die heute etwa 400.000 Wiener Wohnungen mit Wärme versorgt.
Der Wandel zur nachhaltigen Energieversorgung beschleunigte sich in den 2000er Jahren. Wien Energie investierte massiv in Photovoltaik, Windkraft und Biomasse-Anlagen. Heute betreibt das Unternehmen bereits über 50 Photovoltaikanlagen in Wien und Umgebung sowie mehrere Windparks in Niederösterreich und dem Burgenland. Die ImWind-Akquisition markiert den bisher größten Schritt in Richtung erneuerbare Energien.
Die geplante Verdopplung der erneuerbaren Energien bis 2030 bringt sowohl technische als auch regulatorische Herausforderungen mit sich. Netzstabilität wird zu einem kritischen Faktor, da Wind- und Sonnenenergie wetterabhängig und damit volatil sind. Das Stromnetz muss intelligent ausgebaut werden, um Schwankungen auszugleichen. Moderne Smart-Grid-Technologien ermöglichen es, Angebot und Nachfrage in Echtzeit zu balancieren und überschüssigen Strom zu speichern oder in andere Regionen zu leiten.
Auch die Energiespeicherung gewinnt an Bedeutung. Batteriespeicher, Pumpspeicherkraftwerke und Power-to-Gas-Technologien werden künftig eine wichtige Rolle spielen, um die schwankende Produktion aus Wind und Sonne auszugleichen. Wien Energie investiert bereits in verschiedene Speichertechnologien und testet innovative Konzepte wie die Nutzung von Elektroauto-Batterien als dezentrale Puffer.
Der massive Ausbau erneuerbarer Energien schafft zahlreiche neue Arbeitsplätze. Experten schätzen, dass allein in Wien bis 2030 mehrere tausend zusätzliche Jobs in der Energiewirtschaft entstehen könnten – von Planungsingenieuren über Monteure bis hin zu Wartungstechnikern. Diese Entwicklung stärkt Wien als Technologie-Standort und trägt zur lokalen Wertschöpfung bei.
Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsmodelle: Energie-Contracting, bei dem Wien Energie Kunden komplette Energielösungen anbietet, oder Community-Energy-Projekte, bei denen sich Bürger an lokalen Energieanlagen beteiligen können. Diese Diversifizierung macht das Unternehmen widerstandsfähiger gegen Marktvolatilitäten.
Die nächsten Jahre werden entscheidend für die Transformation des Wiener Energiesystems. Neben dem klassischen Ausbau von Wind- und Solarkraft rücken innovative Technologien in den Fokus: Floating-Solar-Anlagen auf Wasserflächen, vertikale Windkraftanlagen für urbane Räume oder die Integration von Wasserstoff als Energieträger und Speichermedium.
Besonders spannend ist die Entwicklung der Sektorenkopplung, bei der Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor miteinander vernetzt werden. Überschüssiger Ökostrom kann zur Wärmeerzeugung genutzt oder für die Wasserstoffproduktion eingesetzt werden. Elektroautos werden zu mobilen Speichern, die bei Bedarf Strom ins Netz zurückspeisen können.
Wien Energie plant bereits heute die Energieinfrastruktur von morgen: Intelligente Wärmepumpen, die sich automatisch einschalten, wenn viel Wind- oder Solarstrom verfügbar ist, oder Schnellladestationen für Elektrofahrzeuge, die direkt mit erneuerbaren Energien gespeist werden. Diese integrierten Lösungen werden Wien zu einer der nachhaltigsten Städte Europas machen.
Der Erfolg der Energiewende hängt maßgeblich von den politischen Rahmenbedingungen ab. Österreich hat sich verpflichtet, bis 2030 den Stromverbrauch zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu decken. Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) schafft die rechtlichen Grundlagen und Fördermechanismen für dieses ambitionierte Ziel.
Auf EU-Ebene treibt der Green Deal die Energiewende voran. Bis 2050 soll Europa klimaneutral werden, was massive Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz erfordert. Wien positioniert sich als Vorreiter dieser Entwicklung und will zeigen, dass eine vollständige Dekarbonisierung der Energieversorgung auch in Millionenstädten möglich ist.
Die Berufung von Karl Gruber zum ImWind-Geschäftsführer ist somit mehr als nur eine Personalentscheidung – sie ist ein klares Bekenntnis zu einer nachhaltigen Energiezukunft. Mit seiner langjährigen Erfahrung und seinem Netzwerk in der Energiebranche wird Gruber entscheidend dazu beitragen, dass Wien seine ehrgeizigen Klimaziele erreicht und gleichzeitig eine sichere und leistbare Energieversorgung für alle Bürgerinnen und Bürger gewährleistet. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob diese Vision Realität wird und Wien zum Modell für andere Städte in Europa und darüber hinaus werden kann.