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Wiener Töchtertag 2026: 300 Unternehmen öffnen Türen für Mädchen

19. März 2026 um 11:17
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Es ist ein Mittwoch im April, der das Leben von hunderten Mädchen und jungen Frauen in Wien verändern könnte. Am 23. April 2026 findet zum bereits 25. Mal der Wiener Töchtertag statt – eine Initiat...

Es ist ein Mittwoch im April, der das Leben von hunderten Mädchen und jungen Frauen in Wien verändern könnte. Am 23. April 2026 findet zum bereits 25. Mal der Wiener Töchtertag statt – eine Initiative, die seit einem Vierteljahrhundert daran arbeitet, traditionelle Rollenbilder aufzubrechen und jungen Frauen neue Berufsperspektiven zu eröffnen. Noch bis 31. März haben interessierte Schülerinnen die Möglichkeit, sich für diesen besonderen Tag anzumelden und in Berufe hineinzuschnuppern, die oft noch als "Männerdomäne" gelten.

Ein Vierteljahrhundert gegen Geschlechterklischees

Der Wiener Töchtertag ist mehr als nur ein Schnuppertag – er ist ein gesellschaftspolitisches Statement. Seit seiner Gründung im Jahr 2002 hat sich die Initiative zum Ziel gesetzt, Mädchen und junge Frauen dazu zu ermutigen, ihre Berufswahl nicht von überholten Rollenbildern beeinflussen zu lassen. "Am Wiener Töchtertag können Mädchen und junge Frauen erleben, dass ihnen in ihrer Zukunft alle Wege offenstehen", erklärt Initiatorin Vizebürgermeisterin und Frauenstadträtin Kathrin Gaál. "Die Mädchen in unserer Stadt dürfen sich nicht durch überholte Rollenbilder in ihrer Berufswahl einschränken lassen."

Diese Worte treffen den Kern eines Problems, das trotz aller gesellschaftlichen Fortschritte noch immer besteht: die berufliche Segregation nach Geschlecht. In Österreich arbeiten nach wie vor nur etwa 16 Prozent der Frauen in technischen Berufen, obwohl diese Branchen oft bessere Verdienstmöglichkeiten und Aufstiegschancen bieten als traditionelle "Frauenberufe".

Rund 300 Unternehmen als Partner für die Zukunft

Das Engagement der Wiener Wirtschaft für den Töchtertag ist beeindruckend: Rund 300 Unternehmen öffnen auch 2026 ihre Türen für die jungen Besucherinnen. Diese Zahl zeigt nicht nur die Bereitschaft der Betriebe zur Nachwuchsförderung, sondern auch das wachsende Bewusstsein für die Notwendigkeit von Diversität in der Arbeitswelt. Von kleinen Handwerksbetrieben bis hin zu großen Technologiekonzernen – die Bandbreite der teilnehmenden Unternehmen ist so vielfältig wie die Berufsmöglichkeiten, die sie den Mädchen präsentieren.

Die teilnehmenden Schülerinnen – von der 1. Klasse Mittelschule oder Gymnasium bis zur Matura – können einen ganzen Tag lang authentische Einblicke in zukunftsorientierte Berufsfelder gewinnen. Besonders im Fokus stehen dabei die sogenannten MINT-Bereiche: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Diese Schwerpunktsetzung ist strategisch durchaus berechtigt, denn gerade in diesen Feldern herrscht sowohl akuter Fachkräftemangel als auch eine deutliche Unterrepräsentation von Frauen.

Von der Forschung bis zum Handwerk: Vielfältige Einblicke

Das Programm des Wiener Töchtertags 2026 verspricht wieder außergewöhnliche Einblicke in die moderne Arbeitswelt. Das Austrian Institute of Economic Research (WIFO) beispielsweise bietet unter dem Titel "Wie groß ist der Klima-Fußabdruck deiner Urlaubsreise?" einen spielerischen Zugang zur Wirtschaftsforschung und Umweltökonomie. Hier lernen die Teilnehmerinnen, wie komplexe volkswirtschaftliche Zusammenhänge erforscht und berechnet werden – ein Berufsfeld, das Mathematik mit gesellschaftlicher Relevanz verbindet.

Die PCS IT-Trading GmbH lädt dazu ein, "IT hautnah zu erleben". In Zeiten der Digitalisierung ist dies besonders wertvoll, denn die Informationstechnologie durchdringt mittlerweile nahezu alle Lebensbereiche. Von der Softwareentwicklung über Cybersecurity bis hin zur künstlichen Intelligenz – die IT-Branche bietet unzählige Spezialisierungsmöglichkeiten und gehört zu den am stärksten wachsenden Wirtschaftszweigen Österreichs.

Ein besonders zukunftsträchtiges Angebot kommt von der RAG Austria AG unter dem Motto "Gestalte die Zukunft der Energie". In Zeiten des Klimawandels und der Energiewende gewinnen alternative Energieformen und nachhaltige Technologien immens an Bedeutung. Hier können die Mädchen erfahren, wie sie aktiv an der Lösung der großen Umweltherausforderungen unserer Zeit mitwirken können.

Der wohnfonds_wien zeigt unter "Mädchen bauen Stadt", wie vielfältig die Baubranche heute ist. Weit über das traditionelle Handwerk hinaus umfasst sie Bereiche wie Stadtplanung, Architektur, Umwelttechnik und digitales Bauen. Gerade in Wien, wo der soziale Wohnbau eine lange Tradition hat, eröffnen sich hier interessante Perspektiven für junge Frauen, die ihre Stadt mitgestalten möchten.

Frühe Weichenstellung: Programme für die Jüngsten

Besonders innovativ ist die Erweiterung des Konzepts auf jüngere Altersgruppen. Der Töchtertag KIDS richtet sich an Volksschülerinnen, während der Töchtertag MINI sogar Mädchen im letzten und vorletzten Kindergartenjahr anspricht. Diese frühe Heranführung an das Thema Berufswahl ist wissenschaftlich fundiert: Studien zeigen, dass sich geschlechtsspezifische Berufspräferenzen bereits im Vorschulalter zu entwickeln beginnen.

Bei diesen Programmen für die Jüngsten steht das spielerische Entdecken im Vordergrund. Gemeinsam mit ihren Lehrkräften oder Pädagoginnen besuchen die Kinder für etwa zwei Stunden Institutionen oder Unternehmen. Ob in der Werkstatt beim Schrauben und Hämmern, bei der Erkundung von Pflanzen und Tieren im Freien oder im Forschungslabor beim Experimentieren – die Mädchen sammeln erste praktische Erfahrungen und können sich in verschiedensten Rollen ausprobieren, ohne bereits von gesellschaftlichen Erwartungen geprägt zu sein.

Bildungspolitische Dimension und gesellschaftlicher Impact

Der Wiener Töchtertag ist weit mehr als eine einzelne Veranstaltung – er ist Teil einer umfassenden bildungspolitischen Strategie zur Förderung der Geschlechtergleichstellung. Die Kooperation zwischen der Stadt Wien, der Bildungsdirektion für Wien und der Wirtschaftskammer Wien zeigt, wie wichtig eine abgestimmte Herangehensweise bei der Bekämpfung beruflicher Segregation ist.

Die Bedeutung solcher Initiativen wird deutlich, wenn man sich die aktuellen Zahlen zur Berufswahl von Frauen in Österreich ansieht: Noch immer konzentrieren sich junge Frauen bei der Ausbildungswahl auf wenige Bereiche. Die zehn beliebtesten Lehrberufe von Mädchen machen etwa 68 Prozent aller weiblichen Lehrlinge aus, während es bei den Burschen nur 51 Prozent sind. Besonders problematisch ist dabei, dass viele dieser traditionellen "Frauenberufe" schlechtere Verdienstmöglichkeiten und geringere Aufstiegschancen bieten.

Wirtschaftliche Auswirkungen der Geschlechtersegregation

Die volkswirtschaftlichen Kosten der beruflichen Geschlechtersegregation sind erheblich. Österreich entgehen dadurch nicht nur wichtige Fachkräfte in zukunftsträchtigen Branchen, sondern auch erhebliche Steuereinnahmen. Wenn mehr Frauen in gut bezahlten technischen Berufen arbeiten würden, könnte dies das Bruttoinlandsprodukt um mehrere Prozentpunkte steigern. Gleichzeitig würde sich das Gender Pay Gap – der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen – deutlich verringern.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Alterssicherung: Frauen, die in technischen Berufen arbeiten, verdienen im Durchschnitt deutlich mehr und können somit besser für das Alter vorsorgen. Dies ist besonders relevant angesichts der Tatsache, dass Frauen in Österreich im Schnitt um 38 Prozent weniger Pension erhalten als Männer – ein Unterschied, der maßgeblich auf die unterschiedliche Berufswahl und die damit verbundenen Einkommensunterschiede zurückzuführen ist.

Internationale Vorbilder und österreichische Besonderheiten

Im internationalen Vergleich steht Österreich bei der Förderung von Frauen in technischen Berufen noch vor großen Herausforderungen. Länder wie Schweden, Finnland oder Island haben deutlich höhere Anteile von Frauen in MINT-Berufen erreicht. Dies liegt nicht nur an gezielten Fördermaßnahmen, sondern auch an unterschiedlichen gesellschaftlichen Einstellungen und Strukturen.

In Deutschland gibt es mit dem "Girls' Day" eine ähnliche Initiative wie den Wiener Töchtertag, die bereits seit 2001 existiert und mittlerweile bundesweit über 100.000 Plätze für Mädchen anbietet. Die Schweiz hat mit "Nationaler Zukunftstag" ein vergleichbares Programm etabliert. Was den Wiener Töchtertag besonders auszeichnet, ist jedoch seine lange Kontinuität und die enge Einbindung der lokalen Wirtschaft.

Auch innerhalb Österreichs gibt es regionale Unterschiede bei der Förderung von Mädchen in technischen Berufen. Während Wien mit dem Töchtertag eine Vorreiterrolle einnimmt, haben andere Bundesländer erst in den letzten Jahren ähnliche Initiativen gestartet. Oberösterreich beispielsweise hat den "Techniktag für Mädchen" ins Leben gerufen, und die Steiermark setzt auf das Programm "Mädchen in die Technik".

Anmeldeprozess und praktische Organisation

Die Anmeldung zum Wiener Töchtertag 2026 ist bewusst einfach und unbürokratisch gestaltet. Über die Website www.toechtertag.at können sich interessierte Schülerinnen aus Wien, Niederösterreich und dem Burgenland bis zum 31. März registrieren. Diese regionale Ausweitung zeigt die überregionale Ausstrahlung der Wiener Initiative und unterstreicht ihre Bedeutung für den gesamten Osten Österreichs.

Ein wichtiger Aspekt ist die schulische Anerkennung der Teilnahme: Der Wiener Töchtertag ist als schulbezogene Veranstaltung anerkannt, die Teilnehmerinnen sind für diesen Tag von der Schule entschuldigt. Diese offizielle Anerkennung ist wichtig, da sie zeigt, dass der Töchtertag nicht als "Spielerei" betrachtet wird, sondern als ernsthafte bildungspolitische Maßnahme zur Berufsorientierung.

Die kostenlose Teilnahme sowohl für die Schülerinnen als auch für die Betriebe ist ein weiterer wichtiger Faktor für den Erfolg der Initiative. Dadurch wird sichergestellt, dass soziale Barrieren die Teilnahme nicht verhindern und auch kleinere Unternehmen ohne großes Budget für Nachwuchsförderung mitmachen können.

Herausforderungen und kritische Stimmen

Trotz aller positiven Aspekte gibt es auch kritische Stimmen zum Konzept des Töchtertags. Manche Expertinnen argumentieren, dass ein einzelner Tag nicht ausreiche, um tief verwurzelte Geschlechterstereotype zu überwinden. Sie fordern eine systematischere und längerfristigere Herangehensweise an das Thema Berufsorientierung, die bereits im Kindergarten beginnt und sich durch die gesamte Schulzeit zieht.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die einseitige Fokussierung auf technische Berufe. Während es wichtig ist, Mädchen für MINT-Fächer zu begeistern, sollte nicht vergessen werden, dass auch traditionelle "Männerberufe" wie Pflege oder Pädagogik für Jungen attraktiver gemacht werden müssen. Einige Bundesländer haben deshalb parallel zum "Töchtertag" auch einen "Söhnetag" eingeführt.

Darüber hinaus stellt sich die Frage der langfristigen Wirksamkeit: Führt ein Tag der Berufserkundung tatsächlich zu einer anderen Berufswahl, oder handelt es sich nur um ein symbolisches Ereignis ohne nachhaltige Auswirkungen? Langzeitstudien zu dieser Frage gibt es bislang nur wenige, die vorhandenen Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass solche Aktionen durchaus einen positiven Einfluss haben können – allerdings nur dann, wenn sie in ein umfassenderes Programm zur Berufsorientierung eingebettet sind.

Zukunftsperspektiven und Weiterentwicklung

Für die Zukunft des Wiener Töchtertags zeichnen sich mehrere Entwicklungsrichtungen ab. Die fortschreitende Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten für die Berufserkundung: Virtuelle Realität könnte es den Teilnehmerinnen ermöglichen, auch solche Arbeitsplätze zu "besuchen", die physisch schwer zugänglich sind – beispielsweise Unterwasserbaustellen, Weltraumtechnik oder gefährliche Industrieanlagen.

Gleichzeitig wird sich die Arbeitswelt selbst weiter verändern. Neue Berufsbilder entstehen, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz, der Robotik und der nachhaltigen Technologien. Der Wiener Töchtertag wird sich diesen Entwicklungen anpassen und immer wieder neue Bereiche in sein Programm aufnehmen müssen.

Ein weiterer wichtiger Trend ist die zunehmende Bedeutung von Soft Skills und interdisziplinärem Arbeiten. Moderne technische Berufe erfordern nicht mehr nur technisches Know-how, sondern auch Kommunikationsfähigkeiten, Kreativität und soziale Kompetenzen – Eigenschaften, die Mädchen oft bereits mitbringen und die sie als besonders wertvoll für technische Teams machen.

Integration neuer Zielgruppen

Eine wichtige Weiterentwicklung könnte die verstärkte Einbeziehung von Mädchen mit Migrationshintergrund sein. Diese Gruppe ist in technischen Berufen besonders unterrepräsentiert, oft aufgrund zusätzlicher kultureller Barrieren. Spezielle Programme, die auch die Eltern einbeziehen und kulturelle Besonderheiten berücksichtigen, könnten hier wichtige Fortschritte bringen.

Auch Mädchen mit Behinderungen könnten stärker in den Fokus rücken. Die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt eröffnet neue Möglichkeiten für barrierefreies Arbeiten, wodurch technische Berufe auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen zugänglicher werden.

Gesellschaftlicher Wandel und kulturelle Transformation

Der Wiener Töchtertag ist Teil eines größeren gesellschaftlichen Wandels, der weit über die Berufswahl hinausgeht. Er trägt dazu bei, traditionelle Geschlechterrollen zu hinterfragen und neue Rollenmodelle zu schaffen. Wenn Mädchen erleben, dass sie in technischen Berufen erfolgreich sein können, verändert das nicht nur ihre eigene Selbstwahrnehmung, sondern auch die Wahrnehmung ihrer Umgebung.

Besonders wichtig ist dabei die Vorbildfunktion erfolgreicher Frauen in technischen Berufen. Der Töchtertag bietet die Möglichkeit, solche Vorbilder kennenzulernen und zu erleben, dass eine Karriere in der Technik mit einem erfüllten Leben als Frau durchaus vereinbar ist. Diese persönlichen Begegnungen sind oft prägender als abstrakte Informationen über Berufsmöglichkeiten.

Die Initiative wirkt auch in die Familien hinein: Wenn Mädchen begeistert von ihren Erfahrungen am Töchtertag erzählen, können auch Eltern ihre Einstellungen überdenken und ihre Töchter stärker darin unterstützen, unkonventionelle Berufswege zu erkunden.

Fazit: Ein wichtiger Baustein für mehr Chancengerechtigkeit

Der Wiener Töchtertag 2026 steht für weit mehr als einen einzelnen Aktionstag – er symbolisiert den kontinuierlichen Kampf für Chancengerechtigkeit und gegen überholte Geschlechterstereotype. Mit seinen 300 teilnehmenden Unternehmen und der Erweiterung auf verschiedene Altersgruppen hat er sich zu einer der bedeutendsten Initiativen seiner Art in Österreich entwickelt.

Die Anmeldung bis 31. März bietet hunderten Mädchen und jungen Frauen die Chance, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und Berufe zu entdecken, die ihnen vielleicht neue Lebensperspektiven eröffnen. In einer Zeit, in der Fachkräftemangel und demografischer Wandel die Arbeitswelt prägen, ist es wichtiger denn je, alle Talente zu fördern – unabhängig vom Geschlecht.

Der Erfolg des Wiener Töchtertags zeigt: Wenn Politik, Wirtschaft und Bildungswesen an einem Strang ziehen, lassen sich auch tief verwurzelte gesellschaftliche Strukturen verändern. Die Investition in die Zukunft junger Frauen ist eine Investition in die Zukunft der gesamten Gesellschaft – und Wien geht dabei mit gutem Beispiel voran.

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