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Wiener Übungsfirmenmesse: 2000 Besucher erleben Wirtschaftspraxis

11. März 2026 um 19:57
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Im historischen Ambiente des Wiener Rathauses verwandelte sich gestern der Festsaal in eine lebendige Wirtschaftsmesse der besonderen Art. Rund 2000 Besucherinnen und Besucher strömten zur 14. Übun...

Im historischen Ambiente des Wiener Rathauses verwandelte sich gestern der Festsaal in eine lebendige Wirtschaftsmesse der besonderen Art. Rund 2000 Besucherinnen und Besucher strömten zur 14. Übungsfirmenmesse, wo 62 Schülerfirmen aus sieben Ländern ihre unternehmerischen Fähigkeiten unter Beweis stellten. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Handelsmesse aussah, entpuppte sich als innovatives Bildungsprojekt, das die Grenzen zwischen Klassenzimmer und Geschäftswelt verschwimmen lässt.

Was sind Übungsfirmen? Wirtschaft lernen durch praktisches Handeln

Übungsfirmen sind simulierte Unternehmen, in denen Schülerinnen und Schüler alle Abläufe eines realen Betriebs nachstellen. Diese pädagogische Methode verwandelt theoretisches Wissen in praktische Erfahrungen. Die Jugendlichen schlüpfen in die Rollen von Geschäftsführern, Marketingexperten, Buchhaltern oder Vertriebsmitarbeitern und durchlaufen alle Prozesse eines echten Unternehmens – von der Produktentwicklung über die Kundenakquise bis hin zur Abrechnung.

Der Begriff "Übungsfirma" beschreibt dabei ein didaktisches Konzept, bei dem Lernende in einer geschützten Umgebung wirtschaftliche Kompetenzen entwickeln können. Alle Geschäfte werden zwischen den Übungsfirmen abgewickelt, ohne dass echter Geldfluss stattfindet. Stattdessen wird mit einem virtuellen Währungssystem gearbeitet, das von der österreichischen Zentralbank der Übungsfirmen verwaltet wird. Diese Institution stellt Konten zur Verfügung, wickelt Überweisungen ab und führt Kredite durch – alles zu Lernzwecken.

Internationale Vernetzung: Von Wien bis Istanbul

Die diesjährige Messe zeichnete sich durch ihre beeindruckende internationale Beteiligung aus. Neben 37 Wiener berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) reisten Delegationen aus Deutschland, Italien, Tschechien, Ungarn, Bulgarien und der Türkei an. Diese Internationalisierung spiegelt die globale Vernetzung des Übungsfirmenkonzepts wider, das mittlerweile in über 40 Ländern weltweit praktiziert wird.

Besonders bemerkenswert war die Teilnahme des St. Georgs Kollegs aus Istanbul, dessen Übungsfirma "Coffee Makers Istanbul OG" den zweiten Platz beim Mystery Shopping-Wettbewerb erreichte. Dies verdeutlicht, wie das österreichische Bildungskonzept erfolgreich exportiert und an lokale Gegebenheiten angepasst wurde. Die internationale Zusammenarbeit ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln und globale Wirtschaftsbeziehungen zu verstehen.

Vergleich mit anderen deutschsprachigen Ländern

Während Österreich bereits seit 1993/94 Übungsfirmen fest im Lehrplan verankert hat, hinkt Deutschland bei der systematischen Implementierung noch hinterher. In der Bundesrepublik existieren zwar ähnliche Projekte unter Namen wie "Schülerfirma" oder "Juniorunternehmen", jedoch fehlt oft die strukturierte Einbindung in den regulären Unterricht. Die Schweiz hingegen hat mit ihren "Übungsfirmen" ein dem österreichischen System sehr ähnliches Konzept entwickelt, wobei der Fokus stärker auf der dualen Berufsausbildung liegt.

Erfolgsgeschichte seit drei Jahrzehnten: Zahlen und Entwicklung

Die Erfolgsgeschichte der österreichischen Übungsfirmen begann im Schuljahr 1993/94 mit einer Handvoll Pionier-Schulen. Heute sind landesweit über 900 Übungsfirmen aktiv, die von mehr als 15.000 Schülerinnen und Schülern jährlich betrieben werden. Diese beeindruckenden Zahlen verdeutlichen, wie sich das Konzept zu einem zentralen Baustein der kaufmännischen Ausbildung entwickelt hat.

Die ACT Servicestelle, die als Koordinationszentrum für österreichische Übungsfirmen fungiert, registrierte in den vergangenen fünf Jahren einen kontinuierlichen Anstieg der Teilnehmerzahlen. Allein in Wien sind aktuell 180 Übungsfirmen an 45 Schulstandorten aktiv. Diese Expansion zeigt, dass das Konzept nicht nur pädagogisch wertvoll ist, sondern auch von Lehrkräften und Bildungseinrichtungen als effektive Unterrichtsmethode geschätzt wird.

Praxisrelevanz: Vorbereitung auf die moderne Arbeitswelt

Die Relevanz der Übungsfirmenmesse für österreichische Schülerinnen und Schüler kann kaum überschätzt werden. In einer Zeit, in der die Digitalisierung traditionelle Berufsbilder verändert und neue Qualifikationen erfordert, bieten Übungsfirmen eine ideale Plattform zur Kompetenzentwicklung. Die Jugendlichen erlernen nicht nur fachliche Fertigkeiten wie Buchhaltung oder Marketingstrategien, sondern entwickeln auch sogenannte "Soft Skills" – Teamarbeit, Kommunikationsfähigkeit, Problemlösungskompetenz und unternehmerisches Denken.

Ein konkretes Beispiel für diese Praxisrelevanz liefert die Gewinner-Übungsfirma "Legal Angels GmbH" der VBS Schönborngasse. Die Schülerinnen und Schüler betreiben eine simulierte Rechtsberatungskanzlei, in der sie juristische Dienstleistungen für andere Übungsfirmen anbieten. Dabei erlernen sie nicht nur rechtliche Grundlagen, sondern auch Projektmanagement, Kundenbetreuung und digitale Kommunikation – Fähigkeiten, die in der modernen Arbeitswelt unverzichtbar sind.

Auswirkungen auf die Berufsorientierung

Studien der Bildungsforschung zeigen, dass Absolventinnen und Absolventen von Übungsfirmen-Programmen signifikant bessere Chancen am Arbeitsmarkt haben. Sie weisen nicht nur höhere Beschäftigungsquoten auf, sondern steigen auch häufiger in Führungspositionen auf. Diese Ergebnisse sind besonders relevant für Wien, wo der Dienstleistungssektor 85 Prozent der Arbeitsplätze stellt und gut ausgebildete kaufmännische Fachkräfte dringend benötigt werden.

Mystery Shopping und Qualitätssicherung

Ein Höhepunkt der Messe war das Mystery Shopping-Verfahren, durchgeführt von PEN Worldwide und der ACT Servicestelle. Bei diesem Qualitätswettbewerb bewerten Expertinnen und Experten die Übungsfirmen nach realen Geschäftskriterien: Kundenservice, Produktpräsentation, Verkaufsgespräche und Professionalität der Abwicklung. Diese Methode stammt ursprünglich aus der Marktforschung und wird von Unternehmen eingesetzt, um ihre Servicequalität zu überprüfen.

Die Bewertung erfolgt anhand standardisierter Kriterien, die sich an realen Geschäftspraktiken orientieren. Faktoren wie Freundlichkeit der Mitarbeiter, Fachkompetenz, Reaktionszeit auf Anfragen und Qualität der Produktpräsentation fließen in die Gesamtbewertung ein. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet dies eine realitätsnahe Rückmeldung zu ihrer Leistung – eine Erfahrung, die sie optimal auf Bewerbungsgespräche und den späteren Berufseinstieg vorbereitet.

Nachhaltigkeit im Fokus: Fair-Trade-Zertifizierung

Ein besonderes Augenmerk lag auf der Auszeichnung von drei Übungsfirmen für ihre kontinuierliche Fair-Trade-Zertifizierung über fünf Jahre hinweg. Diese Anerkennung verdeutlicht, wie moderne Bildungskonzepte gesellschaftliche Verantwortung und Nachhaltigkeit vermitteln. Die ausgezeichneten Übungsfirmen haben sich verpflichtet, in ihrer Geschäftstätigkeit Fair-Trade-Prinzipien zu befolgen – auch wenn es sich "nur" um Simulation handelt.

Diese Herangehensweise spiegelt aktuelle Trends in der österreichischen Wirtschaft wider, wo Corporate Social Responsibility (CSR) und nachhaltige Geschäftspraktiken zunehmend an Bedeutung gewinnen. Schülerinnen und Schüler lernen so bereits in der Ausbildung, dass Unternehmen nicht nur Gewinn erwirtschaften, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung tragen müssen.

Prominente Unterstützung aus Politik und Bildung

Die hochrangige politische Beteiligung an der Messe unterstreicht die Bedeutung des Übungsfirmenkonzepts für das österreichische Bildungssystem. Bildungsminister Christoph Wiederkehr nutzte seinen Besuch, um die Innovationskraft der Wiener Berufsbildung zu würdigen. Bildungsdirektorin Elisabeth Fuchs betonte die internationale Vernetzung als Alleinstellungsmerkmal: "Wiener Berufsbildung ist modern, praxisnah und international vernetzt."

Diese politische Unterstützung ist entscheidend für die Weiterentwicklung des Konzepts. In Zeiten knapper Bildungsbudgets signalisiert das Interesse hochrangiger Politiker, dass Übungsfirmen als zukunftsweisende Bildungsform anerkannt und gefördert werden. Die Anwesenheit von Landtagsabgeordneter Astrid Pany verdeutlicht zudem die Verankerung des Projekts in der Wiener Bildungspolitik.

Praktische Umsetzung: Von der Theorie zur Praxis

Die Organisation einer solchen Großveranstaltung im Wiener Rathaus stellt selbst ein praxisnahes Lernprojekt dar. Schülerinnen und Schüler der HLW 10 übernahmen die Bewirtung der 2000 Gäste und demonstrierten dabei ihre Kompetenzen in Gastronomie und Eventmanagement. Diese Integration verschiedener Schultypen zeigt, wie vielfältig das österreichische Berufsbildungssystem aufgestellt ist.

Die logistische Herausforderung, 62 Übungsfirmen aus sieben Ländern in den historischen Räumen des Rathauses zu präsentieren, erforderte monatelange Vorbereitung. Dabei kamen moderne Projektmanagement-Methoden zum Einsatz, die auch in realen Unternehmen Standard sind. Von der Standplanung über die technische Ausstattung bis hin zur Koordination der internationalen Teilnehmer – alle Aspekte wurden von Lehrkräften und Schülern gemeinsam bewältigt.

Digitalisierung im Übungsfirmenkonzept

Ein wichtiger Aspekt, der in der traditionellen Berichterstattung oft übersehen wird, ist die zunehmende Digitalisierung der Übungsfirmen. Moderne Übungsfirmen arbeiten mit professioneller Unternehmenssoftware, nutzen E-Commerce-Plattformen und setzen digitale Marketingstrategien um. Diese technologische Komponente bereitet die Schülerinnen und Schüler optimal auf die digitale Transformation der Wirtschaft vor.

Cloud-basierte ERP-Systeme, Online-Banking-Simulationen und digitale Buchhaltungsprogramme gehören heute zum Standard-Equipment einer modernen Übungsfirma. Die Jugendlichen erlernen dabei nicht nur den Umgang mit diesen Technologien, sondern verstehen auch deren betriebswirtschaftliche Bedeutung und Auswirkungen auf Geschäftsprozesse.

Zukunftsperspektiven und Weiterentwicklung

Die 14. Übungsfirmenmesse markiert nicht nur einen Höhepunkt des Schuljahres, sondern auch einen Meilenstein in der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Konzepts. Susanna Traunfellner von der ACT Servicestelle kündigte bereits Pläne für eine noch stärkere internationale Vernetzung an. Geplant sind digitale Kooperationen mit Übungsfirmen in Übersee und die Entwicklung virtueller Messeplattformen.

Für das kommende Schuljahr ist eine Ausweitung der Fair-Trade-Initiative geplant. Mehr Übungsfirmen sollen sich zu nachhaltigen Geschäftspraktiken verpflichten und dabei lernen, wie sich ökonomische und ökologische Ziele vereinbaren lassen. Diese Entwicklung spiegelt den wachsenden Stellenwert von Nachhaltigkeit in der österreichischen Wirtschaft wider.

Auch die technologische Weiterentwicklung steht im Fokus: Künstliche Intelligenz, Blockchain-Technologie und automatisierte Geschäftsprozesse sollen schrittweise in das Übungsfirmenkonzept integriert werden. Damit bleiben die Übungsfirmen am Puls der Zeit und bereiten die Schülerinnen und Schüler auf die Arbeitswelt von morgen vor.

Die Erfolgsbilanz der 14. Übungsfirmenmesse zeigt eindrucksvoll, wie innovative Pädagogik, internationale Kooperation und praxisnahe Ausbildung erfolgreich kombiniert werden können. Mit 2000 Besuchern, 62 teilnehmenden Übungsfirmen und hochrangiger politischer Unterstützung hat sich die Veranstaltung als wichtiger Baustein der österreichischen Bildungslandschaft etabliert. Die nächste Messe wird mit Spannung erwartet – und dürfte die Erfolgsstory der Wiener Übungsfirmen fortschreiben.

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