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Wiener Wohnungskrise: Grüne fordern sofortige Maßnahmen

23. März 2026 um 11:36
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Wien steht vor einer Wohnungskrise historischen Ausmaßes. Was jahrzehntelang als Gewissheit galt – leistbares Wohnen in der Bundeshauptstadt – ist zur Vergangenheit geworden. Die Mieten explodieren...

Wien steht vor einer Wohnungskrise historischen Ausmaßes. Was jahrzehntelang als Gewissheit galt – leistbares Wohnen in der Bundeshauptstadt – ist zur Vergangenheit geworden. Die Mieten explodieren, Spekulanten treiben die Preise in die Höhe und gleichzeitig stehen tausende Wohnungen leer. Anlässlich der am 25. März erfolgten Wahl von Kathrin Gaal-Hanel-Torsch zur neuen Wohn- und Frauenstadträtin schlagen die Wiener Grünen Alarm und fordern drastische Sofortmaßnahmen.

Das Ende einer Ära: Wiener Wohnungsmarkt vor dem Kollaps

Die Wiener Grünen zeichnen ein düsteres Bild der aktuellen Wohnungssituation. Georg Prack, Klubobmann und Wohnsprecher der Grünen Wien, macht deutlich: "Wien galt jahrzehntelang als Hochburg des leistbaren Wohnens, doch diese Gewissheit ist verloren gegangen." Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Während die Mieten kontinuierlich steigen, wird der soziale Wohnbau zurückgefahren. Gleichzeitig nehmen Leerstand und Kurzzeitvermietung über Plattformen wie Airbnb dramatisch zu.

Der Begriff "Wohnraub" beschreibt ein Phänomen, das Wien zunehmend erfasst: Wohnungen werden dem regulären Mietmarkt entzogen und als touristische Kurzzeitvermietung genutzt. Dies führt zu einer künstlichen Verknappung des Wohnungsangebots und treibt die Preise für normale Mietwohnungen in die Höhe. Expert:innen schätzen, dass allein in Wien mehrere tausend Wohnungen auf diese Weise dem Wohnungsmarkt entzogen werden.

Historischer Kontext: Das Rote Wien als Vorbild

Das "Rote Wien" der 1920er Jahre gilt international als Paradebeispiel für sozialen Wohnbau. Nach dem Ersten Weltkrieg initiierte die sozialdemokratische Stadtregierung unter Bürgermeister Karl Seitz eines der ambitioniertesten Wohnbauprogramme Europas. Mit der Einführung der Wohnbausteuer - einer Luxussteuer auf teure Wohnungen - finanzierte Wien den Bau von über 60.000 Gemeindewohnungen. Legendäre Anlagen wie der Karl-Marx-Hof mit seinen 5.000 Wohnungen entstanden und prägten das Bild einer Stadt, die Wohnen als Grundrecht versteht.

Dieses Erbe, so die Kritik der Grünen, verspiele die aktuelle rot-pinke Stadtregierung unter Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und seinem Koalitionspartner NEOS. "SPÖ und NEOS sind gerade dabei, das Erbe des Roten Wien zu verspielen", warnt Prack. Die Kürzungen im Sozialbereich und die zaghafte Bekämpfung von Immobilienspekulanten stehen im krassen Gegensatz zur traditionellen Wiener Wohnpolitik.

Frauenpolitische Rückschritte: Ein doppeltes Problem

Parallel zur Wohnungskrise kritisieren die Grünen massive Rückschritte in der Wiener Frauenpolitik. Julia Malle, stellvertretende Klubobfrau und Frauensprecherin der Wiener Grünen, hält fest: "Frauenpolitisch hat die SPÖ zuletzt leider den Rückwärtsgang eingelegt – nicht nur in der eigenen Partei, sondern auch in ganz Wien."

Ein besonders symbolträchtiges Beispiel liefert die Nachfolge von Hanel-Torsch im Nationalrat: Mit Christoph Matznetter folgt ein 66-jähriger Mann nach, wodurch der Frauenanteil im SPÖ-Nationalratsklub auf 39 Prozent sinkt. Dies hat nicht nur symbolische Bedeutung, sondern auch finanzielle Konsequenzen: Der Partei entgehen dadurch jährlich 160.000 Euro an Frauenförderungsbonus – eine Regelung, die Parteien für einen höheren Frauenanteil belohnt.

Gender Pay Gap: Das Problem vor der eigenen Haustür

Besonders brisant: Auch bei der Stadt Wien selbst klafft die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen immer weiter auseinander. Der Gender Pay Gap – die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern – beträgt in Österreich durchschnittlich 18,8 Prozent. Bei der Stadt Wien, die als Vorbild für Gleichberechtigung gelten sollte, zeigen die Zahlen einen "steigenden Gender Pay Gap", wie die Grünen kritisieren.

Der Gender Pay Gap entsteht durch verschiedene Faktoren: Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, um Kinderbetreuung zu übernehmen, sie sind seltener in Führungspositionen vertreten und arbeiten oft in schlechter bezahlten Branchen. Bei einem öffentlichen Arbeitgeber wie der Stadt Wien sollten zumindest strukturelle Benachteiligungen durch transparente Gehaltsstrukturen minimiert werden können.

Drei-Punkte-Plan für die Frauenpolitik

Die Grünen präsentieren konkrete Forderungen an die neue Stadträtin Hanel-Torsch, die sowohl das Frauen- als auch das Wohnressort übernehmen wird. Im Bereich Frauenpolitik stehen drei Kernpunkte im Fokus:

Erstens die Bekämpfung des Gender Pay Gap bei der Stadt Wien selbst. Als größter Arbeitgeber der Stadt beschäftigt Wien rund 65.000 Menschen und könnte durch transparente Gehaltsstrukturen und gezielte Fördermaßnahmen eine Vorbildfunktion übernehmen. Dies würde bedeuten, dass alle Gehaltsstufen und Beförderungskriterien öffentlich einsehbar werden und regelmäßige Analysen durchgeführt werden, um Benachteiligungen zu identifizieren.

Zweitens das Ende der Kürzungen im Sozialbereich. Diese treffen Frauen doppelt: als Beschäftigte, da sie überproportional in sozialen Berufen arbeiten, und als Betroffene, da sie häufiger auf soziale Dienstleistungen angewiesen sind. Alleinerziehende Mütter, Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen und ältere Frauen mit niedrigen Pensionen sind besonders betroffen.

Drittens den verbesserten Schutz vor Gewalt und Armut. Die Wartelisten bei Beratungsstellen werden immer länger, während gleichzeitig die Ressourcen gekürzt werden. Berichte über Frauen, die "teils mit ihren Kindern hungrig in die Beratung kommen", zeigen die dramatische Verschlechterung der Situation auf.

Wohnungskrise: Drei konkrete Lösungsansätze

Im Wohnbereich fordern die Grünen ebenfalls drei zentrale Maßnahmen von der neuen Stadträtin. Diese zielen darauf ab, die Wohnungsknappheit zu bekämpfen und Wien wieder zu einer Stadt des leistbaren Wohnens zu machen.

Massive Ausweitung des sozialen Wohnbaus

Der erste Punkt betrifft die Bekämpfung der Wohnungsknappheit durch verstärkten gemeinnützigen Wohnbau. In Wien leben derzeit rund 1,9 Millionen Menschen, Tendenz steigend. Bis 2030 wird ein Bevölkerungswachstum auf über zwei Millionen Einwohner prognostiziert. Um diesem Wachstum gerecht zu werden, müssten jährlich mindestens 10.000 neue Wohnungen entstehen – davon ein Großteil im sozialen oder geförderten Wohnbau.

Der soziale Wohnbau in Wien unterscheidet sich grundlegend von anderen europäischen Modellen. Während in Deutschland oder Großbritannien sozialer Wohnbau primär für einkommensschwache Schichten bestimmt ist, steht er in Wien auch der Mittelschicht offen. Rund 60 Prozent aller Wiener:innen leben in Gemeinde- oder Genossenschaftswohnungen. Dieses Modell sorgte jahrzehntelang für stabile Mieten und soziale Durchmischung.

Leerstandsabgabe: Ein umstrittenes Instrument

Als zweiten Punkt fordern die Grünen die Einführung einer Leerstandsabgabe. Hanel-Torsch hatte sich bereits in der Vergangenheit für dieses Instrument ausgesprochen – nun soll sie "liefern", wie Prack formuliert. Eine Leerstandsabgabe würde Eigentümer:innen dazu motivieren, leerstehende Wohnungen wieder dem Markt zuzuführen.

Das Instrument der Leerstandsabgabe wird in verschiedenen europäischen Städten erfolgreich eingesetzt. In Vancouver beispielsweise führte eine "Empty Homes Tax" zu einer deutlichen Reduktion des Leerstands. Die Abgabe beträgt dort ein Prozent des Verkehrswerts pro Jahr und brachte nicht nur zusätzlichen Wohnraum, sondern auch Millioneneinnahmen für die Stadt.

In Österreich scheiterten bisher alle Versuche, eine bundesweite Leerstandsabgabe einzuführen. Verfassungsrechtliche Bedenken und der Widerstand der Immobilienwirtschaft verhinderten entsprechende Gesetze. Wien könnte jedoch auf Landesebene eine entsprechende Regelung schaffen, wie bereits andere Bundesländer diskutieren.

Energiewende als Wohnbau-Chance

Der dritte Punkt betrifft den Ausstieg aus Gas im Gemeindebau. Dieser liegt laut Grünen-Angaben bereits 18 Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan. Die Energiewende böte jedoch die Chance, gleichzeitig Sanierungen durchzuführen und zusätzlichen leistbaren Wohnraum zu schaffen.

Der Gemeindebau Wien verwaltet rund 220.000 Wohnungen und ist damit einer der größten Wohnungsverwalter Europas. Viele dieser Wohnungen stammen noch aus der Zwischenkriegszeit oder den 1960er und 70er Jahren und sind energetisch sanierungsbedürftig. Eine umfassende thermische Sanierung könnte nicht nur die CO2-Bilanz verbessern, sondern auch die Wohnkosten für die Mieter:innen senken.

Internationale Vergleiche: Was andere Städte besser machen

Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass andere Städte durchaus erfolgreiche Strategien gegen Wohnungsknappheit und steigende Mieten entwickelt haben. Berlin führte 2020 einen Mietendeckel ein, der die Mieten für fünf Jahre einfrieren sollte. Obwohl das Bundesverfassungsgericht diesen später für verfassungswidrig erklärte, zeigte die Maßnahme kurzfristig Wirkung.

Amsterdam geht einen anderen Weg und beschränkt Kurzzeitvermietungen drastisch. Seit 2021 dürfen Wohnungen nur noch maximal 30 Tage pro Jahr über Plattformen wie Airbnb vermietet werden. Diese Maßnahme soll Wohnraum wieder dem regulären Mietmarkt zuführen.

Singapur setzt auf ein hybrides Modell aus staatlichem und privatem Wohnbau. Rund 80 Prozent der Bevölkerung leben in staatlich geförderten Wohnungen, die nach einem ausgeklügelten System vergeben werden. Gleichzeitig sorgt ein striktes Landmanagement dafür, dass Spekulation unterbunden wird.

Auswirkungen auf die Wiener Bevölkerung

Die Wohnungskrise trifft verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich hart. Junge Menschen können sich oft keine eigene Wohnung leisten und bleiben länger bei den Eltern wohnen. Familien mit mittlerem Einkommen werden aus dem innerstädtischen Bereich verdrängt und müssen in die Außenbezirke oder das Umland ziehen.

Besonders betroffen sind Frauen, wie eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer Wien zeigt. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger und sind häufiger von Altersarmut betroffen. Gleichzeitig tragen sie oft die Hauptlast bei der Kinderbetreuung und benötigen daher Wohnungen in gut erschlossenen Lagen mit funktionierender Infrastruktur. Die steigenden Mieten zwingen viele Frauen in prekäre Wohnsituationen oder in Wohngemeinschaften, auch im fortgeschrittenen Alter.

Für Studierende verschärft sich die Lage dramatisch. Während die Zahl der Studienplätze an Wiener Universitäten kontinuierlich steigt, stagniert das Angebot an leistbaren Studentenwohnungen. Private Anbieter verlangen oft 400 bis 600 Euro für ein kleines Zimmer – Preise, die sich viele junge Menschen nicht leisten können.

Die politische Dimension: Rot-Pink unter Druck

Die Kritik der Grünen richtet sich direkt gegen die rot-pinke Stadtregierung unter Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (NEOS). Diese Koalition regiert Wien seit 2020 und hatte ursprünglich ambitionierte Pläne für Klimaschutz und sozialen Zusammenhalt angekündigt.

Die NEOS, traditionell eher wirtschaftsliberal orientiert, brachten neue Akzente in die Wiener Politik, etwa bei der Digitalisierung oder der Bildungspolitik. Bei der Wohnungspolitik zeigen sich jedoch die ideologischen Unterschiede zur SPÖ: Während die Sozialdemokraten historisch auf staatlichen Wohnbau setzen, favorisieren die NEOS marktwirtschaftliche Lösungen.

Diese Spannungen könnten erklären, warum konkrete Maßnahmen gegen die Wohnungskrise ausbleiben. Eine Leerstandsabgabe etwa würde in das Eigentumsrecht eingreifen – ein Punkt, bei dem die NEOS traditionell skeptisch sind. Gleichzeitig steht die SPÖ unter dem Druck ihrer Wähler:innen, die bezahlbares Wohnen erwarten.

Kathrin Gaal-Hanel-Torsch: Portrait der neuen Stadträtin

Die neue Wohn- und Frauenstadträtin Kathrin Gaal-Hanel-Torsch wechselt vom Nationalrat in die Wiener Stadtregierung. Die 45-jährige Juristin war bisher als Abgeordnete für Gleichberechtigungs- und Frauenpolitik zuständig und gilt als Expertin für Arbeitsrecht und Sozialpolitik.

Hanel-Torsch steht vor der Herausforderung, zwei ressortübergreifende Themenfelder zu verantworten, die in engem Zusammenhang stehen. Frauen sind überproportional von Wohnungsarmut betroffen und gleichzeitig seltener Eigentümerinnen von Immobilien. Eine erfolgreiche Frauenpolitik muss daher auch eine erfolgreiche Wohnpolitik sein.

Ihre Vorgängerin Kathrin Gaal hatte sich vor allem im Bereich des sozialen Wohnbaus einen Namen gemacht, konnte aber die aktuellen Probleme nicht lösen. Hanel-Torsch wird nun daran gemessen werden, ob sie die von den Grünen geforderten Sofortmaßnahmen umsetzt.

Zukunftsperspektiven: Wien am Scheideweg

Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob Wien seine Rolle als Stadt des leistbaren Wohnens behaupten kann. Die demografische Entwicklung spricht für weiteres Wachstum: Wien ist die einzige österreichische Großstadt mit steigender Bevölkerungszahl und zieht sowohl inländische als auch internationale Zuzügler an.

Gleichzeitig verstärken globale Trends den Druck auf den Wiener Wohnungsmarkt. Internationale Investoren sehen Wien als stabilen Investitionsstandort und kaufen vermehrt Immobilien als Kapitalanlage. Die Digitalisierung ermöglicht neue Formen der Kurzzeitvermietung und entzieht weiteren Wohnraum dem regulären Markt.

Die neue Stadträtin Hanel-Torsch steht vor der Aufgabe, diese widersprüchlichen Entwicklungen in den Griff zu bekommen. Ob ihr dies gelingt, wird nicht nur über ihre politische Zukunft entscheiden, sondern auch darüber, ob Wien weiterhin als soziale und lebenswerte Metropole gelten kann.

Die Grünen jedenfalls lassen keinen Zweifel daran, dass sie die Arbeit der neuen Stadträtin kritisch begleiten werden. Mit ihren konkreten Forderungen haben sie die Messlatte hoch gelegt – jetzt liegt es an Hanel-Torsch zu zeigen, ob sie diesen Erwartungen gerecht werden kann. Die Wiener Bevölkerung wartet dringend auf Antworten auf die drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie soll Wohnen in Wien wieder leistbar werden und wie können Frauen wirksam vor Armut und Gewalt geschützt werden?

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