Acht neue Windräder sollen in den kommenden Jahren die Landschaft von Traismauer im Bezirk St. Pölten prägen – doch das ehrgeizige Energieprojekt spaltet die Gemeinde. Um die Windkraftanlagen erric...
Acht neue Windräder sollen in den kommenden Jahren die Landschaft von Traismauer im Bezirk St. Pölten prägen – doch das ehrgeizige Energieprojekt spaltet die Gemeinde. Um die Windkraftanlagen errichten zu können, müssen mehrere Waldflächen im Grenzgebiet von Traismauer, Herzogenburg und Sitzenberg-Reidling umgewidmet werden. Diese Pläne haben eine heftige Debatte ausgelöst, die am 26. März 2026 im Rahmen der ORF-Diskussionsrunde "Ein Ort am Wort" öffentlich ausgetragen wird.
Die Widerstandsbewegung formiert sich: Die Bürgerinitiative "3 Gemeinden – 1 Ziel" sammelt bereits Unterschriften gegen die geplante Umwidmung der Waldflächen. Dabei geht es den Projektgegnern nicht um eine grundsätzliche Ablehnung der Windenergie – sie fordern vielmehr ein Mitspracherecht bei der Standortwahl. Als Alternative verweisen sie auf bereits bestehende Windkraft-Standorte entlang der Kremser Schnellstraße (S33), wo bereits erfolgreich Windenergie produziert wird.
Die betroffenen Flächen erstrecken sich über das Grenzgebiet dreier Gemeinden, was die Komplexität des Projekts zusätzlich erhöht. Traismauer, Herzogenburg im Bezirk St. Pölten und Sitzenberg-Reidling im Bezirk Tulln müssen gemeinsam eine Lösung finden – ein Unterfangen, das politisches Fingerspitzengefühl erfordert.
Das Projekt in Traismauer steht exemplarisch für die Herausforderungen der österreichischen Energiewende. Windkraft spielt eine zentrale Rolle beim Erreichen der Klimaziele: Bis 2030 soll Österreich seinen Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien beziehen. Derzeit deckt Windkraft etwa 13 Prozent des österreichischen Stromverbrauchs ab – eine Zahl, die deutlich gesteigert werden muss.
Niederösterreich ist dabei Österreichs Windkraft-Vorreiter: Mit über 750 Windrädern und einer installierten Leistung von rund 1.700 Megawatt führt das Bundesland die Statistik an. Zum Vergleich: Das Burgenland, der zweitgrößte Windkraft-Produzent, kommt auf etwa 420 Windräder mit 1.100 Megawatt Leistung. Die acht geplanten Anlagen in Traismauer würden je nach Typ zwischen 20 und 40 Megawatt zusätzliche Kapazität schaffen.
Bei der komplexen Materie der Windkraft-Planung fallen regelmäßig Fachbegriffe, die für Laien nicht selbstverständlich sind. Die Umwidmung von Flächen bedeutet, dass die rechtliche Nutzungsbestimmung eines Gebiets geändert wird – in diesem Fall von Wald- zu Energieerzeugungsgebiet. Dieser Prozess erfordert umfangreiche Gutachten zu Umweltauswirkungen, Lärmbelastung und Landschaftsbild. Eine Volksbefragung, wie sie der SPÖ-Bürgermeister von Traismauer angekündigt hat, ist rechtlich nicht bindend, gibt aber den politischen Entscheidungsträgern wichtige Hinweise auf die Stimmung in der Bevölkerung.
Die installierte Leistung wird in Megawatt (MW) gemessen und gibt an, wie viel elektrische Energie eine Windkraftanlage maximal erzeugen kann. Moderne Windräder erreichen heute Leistungen zwischen 2,5 und 5 MW pro Anlage. Die tatsächliche Stromerzeugung hängt jedoch stark von den Windverhältnissen ab – Experten rechnen mit etwa 2.000 bis 2.500 Volllaststunden pro Jahr in guten Lagen.
Der SPÖ-Bürgermeister von Traismauer hat auf die Proteste reagiert und eine umfassende Informationsoffensive angekündigt. Das Projekt soll im Detail vorgestellt werden, Fachgespräche und Podiumsdiskussionen sind geplant. Als Höhepunkt ist eine Volksbefragung vorgesehen, die den Bürgern direkten Einfluss auf die Entscheidung geben soll.
Diese Herangehensweise spiegelt einen Wandel in der österreichischen Energiepolitik wider: Waren früher viele Großprojekte Top-down geplant worden, setzen heute immer mehr Gemeinden auf Bürgerbeteiligung. Erfolgreiche Beispiele finden sich etwa in der Steiermark, wo Windpark-Projekte durch frühzeitige Einbindung der Bevölkerung deutlich weniger Widerstand erfahren haben.
Die ORF-Diskussion "Ein Ort am Wort" am 26. März bringt alle relevanten Akteure an einen Tisch. Moderator Werner Fetz wird mit Alex Aicher von der Bürgerinitiative "3 Gemeinden – 1 Ziel" über die Bedenken der Anrainer sprechen. Auf der anderen Seite stehen Branchenvertreter wie Florian Maringer, Geschäftsführer der IG Windkraft, und Arnold Kainz von der W.E.B Projektentwicklung Österreich.
Besonders interessant wird die Teilnahme von Alfons Haber, Vorstand der E-Control, der die regulatorischen Aspekte beleuchten kann. Christian Schirmer von Netz NÖ wird über die technischen Herausforderungen der Netzintegration sprechen, während NÖ Umweltanwalt Tom Hansmann die ökologischen Aspekte einbringen wird. Diese Konstellation verspricht eine sachliche, alle Seiten beleuchtende Diskussion.
Die geplanten acht Windräder in Traismauer würden nicht nur zur Energieversorgung beitragen, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Effekte haben. Windkraftprojekte generieren in der Regel Steuereinnahmen für die Standortgemeinden durch die Kommunalsteuer der Betreibergesellschaften. Pro Windrad können Gemeinden mit jährlichen Einnahmen zwischen 20.000 und 50.000 Euro rechnen.
Darüber hinaus profitiert die lokale Wirtschaft während der Bauphase: Erdbauarbeiten, Fundamentlegung und Montage werden oft von regionalen Unternehmen durchgeführt. Auch die laufende Wartung der Anlagen schafft Arbeitsplätze vor Ort. In Niederösterreich arbeiten bereits über 2.000 Menschen direkt oder indirekt in der Windkraft-Branche.
Im bundesweiten Vergleich zeigt sich, dass Niederösterreich bei der Windkraft-Entwicklung eine Vorreiterrolle einnimmt. Während in Bayern oder Baden-Württemberg restriktive Abstandsregeln den Windkraft-Ausbau stark bremsen, verfolgt Niederösterreich eine pragmatischere Linie. Die "10H-Regel" in Bayern, wonach Windräder mindestens das Zehnfache ihrer Höhe von Wohngebäuden entfernt stehen müssen, würde in der dicht besiedelten Region um Traismauer kaum Standorte ermöglichen.
Interessant ist auch der Vergleich mit der Schweiz: Dort sind Windkraftprojekte oft noch umstrittener als in Österreich, da das föderale System den Kantonen große Gestaltungsfreiheit einräumt. Einige Schweizer Kantone haben den Windkraft-Ausbau praktisch zum Stillstand gebracht, während andere wie das Wallis oder Jura durchaus windkraft-freundlich sind.
Die geplante Umwidmung von Waldflächen ist der neuralgische Punkt der Diskussion. Wald ist in Österreich besonders geschützt – das Forstgesetz sieht vor, dass gerodete Waldflächen grundsätzlich durch Aufforstungen an anderer Stelle kompensiert werden müssen. Bei Windkraftprojekten ist dieser Flächenbedarf jedoch verhältnismäßig gering: Pro Windrad werden typischerweise nur etwa 0,3 bis 0,5 Hektar dauerhaft versiegelt.
Moderne Windkraftanlagen können durchaus mit dem Wald koexistieren: Die Fundamente nehmen nur wenige hundert Quadratmeter ein, während zwischen den Anlagen der Wald erhalten bleiben kann. Dennoch müssen für Zuwegung und Kranstellplätze größere Flächen temporär gerodet werden. Nach Abschluss der Bauarbeiten können diese Bereiche teilweise wieder aufgeforstet werden.
Die Ankündigung einer Volksbefragung in Traismauer zeigt, wie sich die Herangehensweise bei Windkraft-Projekten gewandelt hat. Erfolgreiche Beispiele aus anderen österreichischen Gemeinden belegen: Frühe und umfassende Bürgerbeteiligung kann Akzeptanz schaffen. In der Gemeinde Petzenkirchen im Bezirk Melk führten intensive Informationsveranstaltungen dazu, dass ein ursprünglich umstrittenes Windpark-Projekt schließlich breite Zustimmung fand.
Auch finanzielle Beteiligungsmodelle haben sich bewährt: Wenn Bürger selbst Anteile an Windkraftanlagen erwerben können, steigt die Akzeptanz erheblich. Energiegenossenschaften und Bürgerbeteiligungen sorgen dafür, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt und nicht an anonyme Investoren abfließt.
Das Projekt in Traismauer ist Teil einer größeren Transformation: Österreich muss bis 2030 seine Windkraft-Kapazität nahezu verdoppeln, um die Klimaziele zu erreichen. Das bedeutet etwa 1.200 zusätzliche Windräder in den kommenden sechs Jahren – eine gewaltige Herausforderung für Raumplanung und Bürgerbeteiligung.
Gleichzeitig entwickelt sich die Technologie weiter: Moderne Windräder werden immer leistungsfähiger und leiser. Neue Rotorblatt-Designs reduzieren die Geräuschentwicklung, während intelligente Steuerungssysteme die Effizienz optimieren. Diese technischen Fortschritte könnten auch in Traismauer dazu beitragen, die Bedenken der Anrainer zu zerstreuen.
Die Diskussion in Traismauer wird wegweisend sein für ähnliche Projekte in ganz Österreich. Gelingt es, durch transparente Information und echte Bürgerbeteiligung einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, könnte dies als Modell für andere Gemeinden dienen. Scheitert das Projekt am Widerstand der Bevölkerung, dürfte dies den Windkraft-Ausbau landesweit erschweren.
Die ORF-Übertragung am 26. März wird die Diskussion um Traismauer weit über die Regionsgrenzen hinaus bekannt machen. Die Sendung "Ein Ort am Wort" hat sich in Niederösterreich als wichtiges Forum für lokale Themen etabliert und erreicht regelmäßig zehntausende Zuschauer und Zuhörer.
Die Zusammenarbeit mit der Tageszeitung "Kurier" sorgt für zusätzliche Reichweite und journalistische Aufbereitung. Diese mediale Begleitung ist wichtig für die demokratische Meinungsbildung – sie ermöglicht es auch Bürgern aus anderen Gemeinden, sich über die Herausforderungen der lokalen Energiewende zu informieren.
Der Livestream auf ORF ON und sound.ORF.at macht die Diskussion auch für jüngere Zielgruppen zugänglich, die traditionelle Medien seltener konsumieren. Die angekündigten Nachberichte auf noe.ORF.at werden die wichtigsten Ergebnisse der Diskussion einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.