Ein jahrelang belastendes Problem für Anwohner von Windparks gehört ab sofort der Vergangenheit an: Das nächtliche Dauerblinken roter Warnlichter an Windkraftanlagen hat im Burgenland ein Ende. Als...
Ein jahrelang belastendes Problem für Anwohner von Windparks gehört ab sofort der Vergangenheit an: Das nächtliche Dauerblinken roter Warnlichter an Windkraftanlagen hat im Burgenland ein Ende. Als erste Region Österreichs setzt die Burgenland Energie gemeinsam mit Austro Control seit heute die sogenannte bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung (BNK) ein – eine technische Innovation, die das störende Lichtermeer nur noch bei tatsächlicher Gefahr für den Luftverkehr aktiviert. Der Startschuss erfolgte am 14. Januar 2025 im Windpark Andau, wo 38 Anlagen auf die neue Technologie umgestellt wurden.
Die bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung (BNK) ist ein hochkomplexes System, das verschiedene Technologien miteinander verbindet, um maximale Sicherheit bei minimalster Belästigung zu gewährleisten. Anders als herkömmliche Hindernisbeleuchtung, die kontinuierlich blinkt, aktiviert sich die BNK-Technologie nur bei tatsächlichem Bedarf.
Das System funktioniert durch die Integration mehrerer Datenquellen: Radardaten von Austro Control erfassen alle Flugbewegungen in der Region, während Flugplandaten bereits im Voraus bekannte Routen berücksichtigen. Ein spezieller Algorithmus wertet diese Informationen in Echtzeit aus und definiert einen Schutzbereich von mindestens acht Kilometern Radius um jede Windkraftanlage. Dieser Schutzraum erstreckt sich bis zu einer Höhe von 600 Metern über den höchsten Punkt der Anlage.
Besonders innovative Infrarot-Sensoren, die auf rund 150 Meter Höhe an den Windrädern installiert wurden, ergänzen das System. Diese können auch Flugzeuge erkennen, die nicht auf dem Radar erfasst werden – etwa bei sehr niedrigen Flughöhen oder bei Sportflugzeugen ohne Transponder. Ein eigener Windpark-Rechner verarbeitet alle diese Daten und entscheidet binnen Sekunden über die Aktivierung der roten Warnlichter.
Die Entwicklung der bedarfsgerechten Nachtkennzeichnung war kein Sprint, sondern ein Marathon technischer Herausforderungen. Bereits 2021 begannen die ersten konzeptionellen Arbeiten, doch der Weg zur Marktreife war gepflastet mit regulatorischen Hürden und technischen Prüfungen.
Das größte Hindernis stellten die rechtlichen Rahmenbedingungen dar. Die bisherige Luftfahrtgesetzgebung schrieb eine kontinuierliche Beleuchtung von Hindernissen vor – eine Regelung, die noch aus Zeiten stammte, als moderne Radar- und Sensortechnologie undenkbar war. Das Mobilitätsministerium musste daher grundlegende Änderungen in der Luftfahrtverordnung vornehmen, um bedarfsgerechte Systeme zu ermöglichen.
Parallel dazu führte Austro Control umfangreiche Sicherheitstests durch. In mehrmonatigen Testphasen wurde das System unter verschiedensten Bedingungen geprüft: bei unterschiedlichen Wetterlagen, zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten und mit allen Arten von Luftfahrzeugen – von Verkehrsflugzeugen bis hin zu Rettungshubschraubern. Besonders kritisch war die Prüfung der Reaktionszeiten: Das System muss garantieren, dass die Beleuchtung aktiviert wird, bevor ein Flugzeug den kritischen Bereich erreicht.
Österreich orientierte sich bei der Entwicklung an internationalen Vorbildern, insbesondere an Deutschland und den Niederlanden. Deutschland führte bereits 2018 erste BNK-Systeme ein und konnte bis heute über 2.000 Windkraftanlagen umrüsten. Die Erfahrungen zeigten, dass die nächtlichen Blinklichter tatsächlich in 85-90 Prozent der Zeit ausgeschaltet bleiben können, ohne die Luftfahrtsicherheit zu beeinträchtigen.
Die Niederlande gingen sogar noch einen Schritt weiter und entwickelten zusätzlich tageslichtabhängige Systeme, die auch die Intensität der Beleuchtung automatisch anpassen. Diese Erkenntnisse flossen in die österreichische Entwicklung ein und trugen zur Optimierung der heimischen Lösung bei.
Die psychologischen und gesundheitlichen Auswirkungen nächtlicher Blinklichter auf die Bevölkerung sind wissenschaftlich gut dokumentiert. Studien der Medizinischen Universität Wien zeigen, dass kontinuierliche Lichtsignale den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus stören können. Besonders betroffen sind Menschen in einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern um Windparks, wo die roten Blinklichter noch deutlich wahrnehmbar sind.
Im burgenländischen Seewinkel, wo die Windkraftdichte österreichweit am höchsten ist, waren diese Auswirkungen besonders spürbar. Allein in der Gemeinde Andau stehen über 100 Windkraftanlagen, die bisher jede Nacht synchron blinkten und ein regelrechtes "Lichtermeer" erzeugten. Anwohner berichteten von Schlafstörungen und einer als belastend empfundenen "Discoatmosphäre" in der eigentlich ländlichen Region.
Maria Huber, Anwohnerin in Andau, beschreibt ihre Erfahrung: "Seit 15 Jahren leben wir mit diesem ständigen Blinken. Man gewöhnt sich daran, aber wirklich angenehm war es nie. Besonders im Winter, wenn die Bäume kahl sind, war das Licht in unserem Schlafzimmer deutlich zu sehen." Mit der neuen Technologie können solche Belastungen nun um bis zu 90 Prozent reduziert werden.
Ein besonderer Fokus bei der Entwicklung lag auf der Sicherheit von Rettungs- und Einsatzflügen. Diese fliegen oft ungeplant und können daher nicht über reguläre Flugplandaten erfasst werden. Das BNK-System verfügt daher über eine spezielle Fernaktivierungsfunktion für Notfalleinsätze.
Jede Rettungsleitstelle in Österreich – von der Flugrettung bis zur Polizeihubschrauber-Einheit – kann über ein gesichertes Kommunikationssystem die Beleuchtung aller Windräder in einem bestimmten Gebiet sofort aktivieren. Diese Aktivierung erfolgt binnen weniger Sekunden und bleibt für die Dauer des Einsatzes aktiv. Zusätzlich werden automatisch auch alle benachbarten Windparks informiert, um eine flächendeckende Sicherheit zu gewährleisten.
"Für uns ist diese Fernaktivierung ein entscheidender Sicherheitsfaktor", erklärt Hermann Schreiber, Einsatzleiter bei Christophorus 9. "Gerade bei Nachtrettungen in schwierigem Gelände ist jede zusätzliche Orientierungshilfe wertvoll. Gleichzeitig wissen wir, dass wir mit dem neuen System die Bevölkerung nicht mehr unnötig belasten."
Das BNK-System verfügt über mehrfache Redundanz, um Ausfälle zu vermeiden. Jede Windkraftanlage ist mit mindestens zwei unabhängigen Erfassungssystemen ausgestattet: dem zentralen Austro Control-Radar und den lokalen Infrarot-Sensoren. Sollte eines der Systeme ausfallen, übernimmt automatisch das andere die Überwachung.
Zusätzlich sind alle Anlagen mit Notfallprotokollen programmiert: Bei einem kompletten Systemausfall aktivieren sich die Blinklichter automatisch und kehren zum Dauerbetrieb zurück. Dieser Fail-Safe-Mechanismus gewährleistet, dass die Luftfahrtsicherheit unter keinen Umständen beeinträchtigt wird.
Neben den sozialen Vorteilen bringt die bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung auch erhebliche wirtschaftliche Vorteile mit sich. Die kontinuierliche Beleuchtung von Windkraftanlagen verbraucht jährlich etwa 2.000 Kilowattstunden pro Anlage – Energie, die bei einem Windpark mit 38 Anlagen wie in Andau insgesamt 76.000 kWh pro Jahr ausmacht.
Mit der neuen Technologie sinkt dieser Verbrauch um etwa 85 Prozent, was einer jährlichen Einsparung von rund 65.000 kWh entspricht. Bei aktuellen Strompreisen bedeutet das eine Kostenersparnis von etwa 13.000 Euro pro Jahr allein für den Windpark Andau. Hochgerechnet auf alle geplanten Umrüstungen bis 2027 könnte die Burgenland Energie mehrere hunderttausend Euro jährlich einsparen.
Diese Einsparungen kommen letztendlich auch den Verbrauchern zugute, da sie zur Stabilisierung der Strompreise beitragen. Stephan Sharma, CEO der Burgenland Energie, betont: "Jede eingesparte Kilowattstunde bei der Beleuchtung ist eine zusätzliche Kilowattstunde für unsere Kunden. Das macht die Windkraft nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch noch effizienter."
Der erfolgreiche Start in Andau ist erst der Anfang einer umfassenden Modernisierung. Die Burgenland Energie hat bereits konkrete Pläne für die Umrüstung ihrer gesamten Windkraftflotte vorgelegt. Als nächstes folgen die Windparks in Neusiedl am See/Weiden und Parndorf, für die bereits alle notwendigen Genehmigungen beantragt sind.
Bis Ende 2025 sollen weitere 150 Windkraftanlagen auf das BNK-System umgestellt werden. Das ambitionierte Ziel: Bis 2027 alle 700+ Windräder der Burgenland Energie mit der neuen Technologie auszustatten. Das Investitionsvolumen für diese flächendeckende Umrüstung beläuft sich auf etwa 15 Millionen Euro – eine Summe, die sich durch die verbesserte Akzeptanz in der Bevölkerung und die Energieeinsparungen langfristig rechnet.
"Wir sehen uns als Pioniere der österreichischen Energiewende", erklärt Sharma. "Genau wie vor 30 Jahren, als wir das erste Windrad im Burgenland errichtet haben, wollen wir auch bei dieser Innovation Vorreiter sein. Andere Bundesländer beobachten unser Projekt bereits sehr genau."
Tatsächlich zeigen bereits andere österreichische Bundesländer großes Interesse an der burgenländischen Innovation. Niederösterreich, wo ebenfalls zahlreiche Windparks in dicht besiedelten Gebieten stehen, prüft bereits die Einführung ähnlicher Systeme. Auch die Steiermark und Oberösterreich haben erste Kontakte mit Austro Control geknüpft, um die technischen Möglichkeiten für ihre Windkraftstandorte zu erkunden.
Wien, als Eigentümer mehrerer Windparks im Umland, hat bereits angekündigt, die Erfahrungen aus dem Burgenland genau zu verfolgen und gegebenenfalls eine eigene Umstellung zu prüfen. "Das burgenländische Pilotprojekt könnte zum Modell für ganz Österreich werden", zeigt sich Energieexperte Dr. Martin Holler von der TU Wien überzeugt.
Die bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung leistet auch einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz. Kontinuierliche künstliche Beleuchtung stört nicht nur Menschen, sondern auch die natürlichen Rhythmen von Tieren. Zugvögel können durch ständige Lichtsignale in ihrer Orientierung beeinträchtigt werden, während nachtaktive Insekten von den roten Blinklichtern angezogen und dadurch von ihren natürlichen Lebensräumen weggelockt werden.
Studien des Naturschutzbunds zeigen, dass Windkraftanlagen mit kontinuierlicher Beleuchtung die Insektenpopulation in einem Umkreis von bis zu zwei Kilometern beeinflussen können. Da Insekten eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen und als Nahrungsgrundlage für viele andere Tiere dienen, haben solche Störungen weitreichende Folgen.
Mit der BNK-Technologie werden diese negativen Umweltauswirkungen drastisch reduziert. "Wir schützen nicht nur die Menschen vor Lichtsmog, sondern auch die Natur", betont Elisabeth Landrichter, Geschäftsführerin von Austro Control. "Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Technologie und Umweltschutz Hand in Hand gehen können."
Trotz der überwiegend positiven Resonanz gibt es auch kritische Stimmen zur neuen Technologie. Einige Piloten äußern Bedenken bezüglich der Zuverlässigkeit des Systems, insbesondere bei extremen Wetterbedingungen. Starker Regen, Schneefall oder Nebel könnten theoretisch die Sensorfunktion beeinträchtigen.
Austro Control begegnet dieser Kritik mit umfangreichen Testdaten: "Wir haben das System unter allen denkbaren Bedingungen getestet", erklärt Geschäftsführer Philipp Piber. "Bei kritischen Wetterlagen verfügt das System über automatische Backup-Mechanismen. Im Zweifelsfall aktiviert sich immer die Beleuchtung – Sicherheit geht vor."
Auch die Kosten für die Umrüstung werden teilweise kritisiert. Mit etwa 20.000 Euro pro Windkraftanlage ist die BNK-Technologie eine erhebliche Investition. Kleinere Windkraftbetreiber befürchten, dass diese Kosten langfristig auf die Stromverbraucher umgelegt werden könnten.
Um diese Bedenken zu zerstreuen, prüft das Mobilitätsministerium aktuell Fördermodelle für die flächendeckende Einführung der BNK-Technologie. "Innovation kostet zunächst Geld, spart aber langfristig Ressourcen und erhöht die Akzeptanz", argumentiert Minister Peter Hanke. "Wir prüfen verschiedene Unterstützungsmodelle, um auch kleineren Betreibern die Umstellung zu ermöglichen."
Das EU-Förderprogramm "Horizon Europe" hat bereits Interesse an dem österreichischen Pilotprojekt signalisiert. Eine Ausweitung der Förderungen auf europäischer Ebene könnte die Technologie auch für andere EU-Länder attraktiv machen.
Das österreichische BNK-System weckt bereits internationales Interesse. Delegationen aus der Schweiz, Tschechien und Slowenien haben Besuche im Burgenland angekündigt, um die Technologie vor Ort zu begutachten. Besonders die Schweiz, wo Windkraftausbau oft an der mangelnden Akzeptanz in der Bevölkerung scheitert, sieht in der österreichischen Innovation eine Chance zur Beschleunigung der Energiewende.
Austro Control hat bereits erste Anfragen aus dem Ausland erhalten und prüft die Möglichkeiten für einen Export der Technologie. "Unser System könnte zum österreichischen Exportschlager in der Windkraftbranche werden", zeigt sich Piber optimistisch. "Die Kombination aus höchster Sicherheit und minimalster Belästigung ist weltweit gefragt."
Die erfolgreiche Einführung der bedarfsgerechten Nachtkennzeichnung ist nur der erste Schritt in Richtung noch intelligenterer Windkrafttechnologie. Bereits in Entwicklung befinden sich adaptive Systeme, die nicht nur die Beleuchtung, sondern auch die Intensität und Farbe der Lichter je nach Situation anpassen können.
Zukünftige Generationen könnten sogar über "unsichtbare" Markierungen verfügen, die nur für Piloten mit speziellen Nachtsichtgeräten sichtbar sind. Infrarot-Technologie und moderne Displaytechniken in Cockpits könnten traditionelle rote Blinklichter vollständig überflüssig machen.
Die Digitalisierung eröffnet weitere Möglichkeiten: Über 5G-Vernetzung könnten Windparks in Echtzeit mit allen Luftfahrzeugen kommunizieren und individuell optimierte Beleuchtungsszenarien erstellen. "Wir stehen am Beginn einer völlig neuen Ära der intelligenten Infrastruktur", prophezeit Sharma.
Die bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung markiert somit nicht das Ende, sondern den Beginn einer technologischen Revolution, die Windkraft und Luftfahrt gleichermaßen revolutionieren könnte. Mit dem heutigen Start in Andau hat Österreich einen wichtigen Schritt in diese Zukunft gemacht – und zeigt einmal mehr, dass innovative Lösungen komplexe Probleme elegant lösen können.