Ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung steht der Wohnpark Alt-Erlaa vor der größten Transformation seiner Geschichte. Zum 50-jährigen Jubiläum startet die umfassendste thermische Sanierung, ...
Ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung steht der Wohnpark Alt-Erlaa vor der größten Transformation seiner Geschichte. Zum 50-jährigen Jubiläum startet die umfassendste thermische Sanierung, die Österreich je gesehen hat – ein Mammutprojekt, das bis 2028 über 3.000 Wohnungen modernisiert und den Energiebedarf halbiert. Für die 9.000 Bewohner bedeutet dies nicht nur besseren Wohnkomfort, sondern auch niedrigere Heizkosten in Zeiten steigender Energiepreise.
Die Dimensionen des Projekts sind beeindruckend: 24.000 Fenster, Terrassen- und Loggiatüren werden in den kommenden Jahren ausgetauscht. Damit erneuert die GESIBA (Gemeinnützige Siedlungs- und Bauaktiengesellschaft) praktisch jede einzelne Öffnung in den Blöcken A, B und C des monumentalen Wohnkomplexes. Die Sanierungsfläche von 103.000 Quadratmetern entspricht etwa der Größe von 14 Fußballfeldern – eine Dimension, die das Projekt zum größten seiner Art in Österreich macht.
Das thermische Sanierungsprojekt umfasst weit mehr als nur den Fenstertausch. Umfassende Fassaden- und Dämmmaßnahmen sollen den Heizwärmebedarf um etwa 50 Prozent senken. "Wir investieren in den Klimaschutz, halbieren den Energiebedarf und schaffen gleichzeitig ein noch besseres Wohngefühl für tausende Wienerinnen und Wiener", erklärt Vizebürgermeisterin Barbara Novak die ambitionierten Ziele des Vorhabens.
Thermische Sanierung bezeichnet die energetische Modernisierung von Gebäuden durch Verbesserung der Wärmedämmung. Dabei werden alte, ineffiziente Bauteile durch moderne, wärmedämmende Elemente ersetzt. Im Fall des Wohnparks Alt-Erlaa bedeutet dies den Austausch veralteter Fenster aus den 1970er Jahren gegen hochmoderne Drei- oder Vierfachverglasungen mit speziellen Wärmedämmrahmen. Diese neuen Fenster reduzieren Wärmeverluste drastisch und verbessern gleichzeitig den Schallschutz erheblich. Zusätzlich werden die Außenwände mit modernen Dämmmaterialien versehen, die wie eine warme Jacke um das Gebäude gelegt werden und Wärmebrücken eliminieren.
Der Wohnpark Alt-Erlaa gilt seit seiner Fertigstellung 1974 als Vorzeigeprojekt des Wiener Wohnbaumodells. Die von Harry Glück entworfene Terrassenhaus-Anlage war bei ihrer Entstehung revolutionär: Mit Schwimmbädern, Saunen und Dachgärten bot sie Wohnkomfort, der zuvor nur in Luxusimmobilien verfügbar war – und das zu leistbaren Preisen für normale Arbeiterfamilien.
Heute, 50 Jahre später, steht die Anlage beispielhaft für die Herausforderungen des Gebäudebestands in ganz Europa. Millionen von Wohnungen aus den 1960er und 1970er Jahren benötigen dringend energetische Sanierungen, um die Klimaziele zu erreichen. "Der Wohnpark Alt-Erlaa ist weit über die Grenzen Österreichs als Symbol für das Wiener Wohnbaumodell des geförderten Wohnens bekannt", betont Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch die internationale Bedeutung des Projekts.
Mit einer Sanierungsrate von nur etwa einem Prozent pro Jahr hinkt Österreich den EU-Zielen deutlich hinterher. Die Europäische Union fordert eine Verdopplung auf zwei Prozent jährlich, um bis 2050 klimaneutral zu werden. Deutschland erreicht derzeit 1,4 Prozent, die Schweiz sogar 1,8 Prozent. Das Alt-Erlaa-Projekt könnte als Katalysator für ähnliche Großsanierungen fungieren und zeigen, wie auch komplexe Wohnanlagen wirtschaftlich und sozial verträglich modernisiert werden können.
Für die 9.000 Bewohner des Wohnparks bedeutet die Sanierung zunächst Baustellenlärm und Einschränkungen, langfristig aber erhebliche Vorteile. Die neuen Fenster eliminieren Zugluft und verbessern den Schallschutz deutlich – ein wichtiger Faktor angesichts der Nähe zur stark befahrenen Triester Straße. Der halbierte Heizwärmebedarf führt zu spürbaren Kosteneinsparungen bei den Betriebskosten, was gerade für einkommensschwächere Haushalte entscheidend ist.
Ein durchschnittlicher 60-Quadratmeter-Haushalt könnte nach der Sanierung jährlich 400 bis 600 Euro an Heizkosten sparen. Bei den derzeitigen Energiepreisen amortisiert sich die Sanierung für die Bewohner bereits nach wenigen Jahren durch niedrigere Nebenkosten. Gleichzeitig steigt der Wohnkomfort durch bessere Temperaturen und weniger Kondenswasserbildung an den Fenstern erheblich.
Eine neu eingerichtete Musterwohnung macht die geplanten Verbesserungen bereits jetzt erlebbar. Paul Steurer, Vorstand der Alt-Erlaa-Entwicklungsgesellschaft AEAG, erklärt: "Die Musterwohnung macht sichtbar, wie sich durch neue Fenster, bessere Dämmung und moderne Lösungen der Wohnkomfort deutlich steigert." Bewohner können sich hier über die Sanierungsmaßnahmen informieren und die Verbesserungen hautnah erleben.
Das Projekt leistet einen erheblichen Beitrag zu Wiens Klimazielen. Die Stadt will bis 2040 klimaneutral werden – zehn Jahre früher als die EU insgesamt. Der Gebäudesektor ist für etwa 40 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich, weshalb thermische Sanierungen essentiell für den Klimaschutz sind. Allein der Wohnpark Alt-Erlaa wird nach der Sanierung jährlich etwa 2.500 Tonnen CO₂ weniger ausstoßen – das entspricht dem jährlichen Ausstoß von 1.100 Pkw.
Perspektivisch ist auch die Umstellung der Wärmeversorgung auf ein klimafreundliches System geplant. Derzeit wird noch mit Fernwärme geheizt, die teilweise aus fossilen Quellen stammt. Künftig könnten Wärmepumpen oder der Anschluss an Wiens wachsendes Netz erneuerbarer Fernwärme den CO₂-Ausstoß weiter reduzieren.
Die größte Herausforderung besteht darin, 9.000 Menschen während der Bauarbeiten angemessen zu versorgen. Die Sanierung erfolgt schrittweise, um die Belastungen zu minimieren. Dabei kommen spezielle Gerüstsysteme zum Einsatz, die einen Weiterbetrieb der Schwimmbäder und anderen Gemeinschaftseinrichtungen ermöglichen. Pro Quartal werden etwa 300 Wohnungen saniert, wobei jede Wohnung etwa vier Wochen lang von Bauarbeiten betroffen ist.
Obwohl die GESIBA keine konkreten Zahlen nennt, schätzen Experten die Gesamtkosten auf 40 bis 60 Millionen Euro. Pro Wohneinheit entspricht das 12.000 bis 19.000 Euro – ein beachtlicher Betrag, der sich jedoch durch Energieeinsparungen und Wertsteigerung rechtfertigt. Die Finanzierung erfolgt über Eigenmittel der GESIBA, Förderungen der Stadt Wien und möglicherweise EU-Mittel aus dem Green Deal.
Für die österreichische Bauwirtschaft bedeutet das Projekt wichtige Impulse. Etwa 200 Arbeitsplätze entstehen direkt auf der Baustelle, weitere indirekt bei Zulieferern und Planungsbüros. Die Auftragsvergabe erfolgt großteils an österreichische Unternehmen, was die heimische Wertschöpfung stärkt.
Bezirksvorsteher Gerald Bischof sieht das Projekt als wegweisend: "Damit wird er einmal mehr seiner beispielgebenden Rolle für den sozialen Wohnbau weit über die Grenzen Wiens gerecht." Tatsächlich beobachten Wohnbaugesellschaften aus ganz Österreich das Vorhaben mit großem Interesse. Ähnliche Großsanierungen stehen in Graz, Linz und Salzburg an – das Alt-Erlaa-Projekt könnte als Blaupause dienen.
Die Erfahrungen aus Wien fließen bereits in die Planung anderer Sanierungsprojekte ein. Besonders die Bewohner-Kommunikation und die Baustellenlogistik bei laufendem Betrieb gelten als Modellfall für komplexe Sanierungen im großvolumigen Wohnbau.
Auch international stößt das Projekt auf Interesse. Delegationen aus Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien haben bereits Besichtigungen angemeldet. Die UN-Habitat, das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, plant eine Fallstudie über das Wiener Modell der nachhaltigen Wohnbausanierung.
Bis Ende 2028 wird sich der Wohnpark Alt-Erlaa grundlegend gewandelt haben. Die neuen Fenster mit ihren schlanken Profilen werden das Erscheinungsbild modernisieren, ohne die charakteristische Architektur zu beeinträchtigen. Smart-Home-Technologien könnten integriert werden, um den Energieverbrauch weiter zu optimieren. Die Bewohner werden in hochmodernen, energieeffizienten Wohnungen leben, die trotzdem leistbar bleiben – ein Beispiel dafür, dass Klimaschutz und soziales Wohnen vereinbar sind.
Das Projekt markiert einen Wendepunkt für den gesamten österreichischen Wohnbau. Es zeigt, dass auch komplexe Großanlagen nachhaltig modernisiert werden können, ohne die soziale Durchmischung zu gefährden oder Bewohner zu verdrängen. "Leistbarkeit, Nachhaltigkeit und höchste Wohnzufriedenheit sind die Paradigmen, die in der Tradition des Roten Wiens die erfolgreiche Geschichte des Wiener Wohnbaumodells prägen", fasst Stadträtin Hanel-Torsch die Bedeutung zusammen.
Der Wohnpark Alt-Erlaa beweist damit eindrucksvoll, dass 50 Jahre alte Visionen des sozialen Wohnbaus auch im 21. Jahrhundert funktionieren – wenn sie konsequent an neue Herausforderungen angepasst werden. Das größte thermische Sanierungsprojekt Österreichs wird Geschichte schreiben und als Vorbild für Generationen von Wohnbauprojekten dienen.