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Zwei Drittel aller Studierenden arbeiten: JUNOS fordern flexiblere Hochschulen

14. April 2026 um 17:18
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Die aktuellen Zahlen der Studierendensozialerhebung 2024 zeichnen ein eindeutiges Bild der österreichischen Hochschullandschaft: Über zwei Drittel aller Studierenden gehen neben ihrem Studium einer

Die aktuellen Zahlen der Studierendensozialerhebung 2024 zeichnen ein eindeutiges Bild der österreichischen Hochschullandschaft: Über zwei Drittel aller Studierenden gehen neben ihrem Studium einer Erwerbstätigkeit nach. Was für manche ein Alarmsignal darstellt, sehen die JUNOS – Junge liberale Studierende als Chance, die jedoch durch strukturelle Reformen an den Universitäten und Fachhochschulen besser unterstützt werden muss. Die Forderungen nach mehr Flexibilität und höheren Studienbeihilfen rücken damit wieder in den Mittelpunkt der bildungspolitischen Debatte.

Studierendensozialerhebung offenbart strukturelle Probleme

Die Studierendensozialerhebung wird alle drei Jahre vom Institut für Höhere Studien (IHS) im Auftrag des Bildungsministeriums durchgeführt und gilt als wichtigste Datenquelle zur sozialen Lage der österreichischen Studierenden. Die Erhebung 2024 zeigt erneut auf, dass die Vereinbarkeit von Studium und Erwerbstätigkeit eine der größten Herausforderungen im österreichischen Hochschulsystem darstellt. Diese systematische Befragung von rund 47.000 Studierenden an öffentlichen Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen liefert seit 1999 regelmäßig Einblicke in die Lebensrealität der Studierenden.

Manuel Grubmüller, Bundesvorsitzender der JUNOS Studierenden, interpretiert die Zahlen anders als traditionelle Studierendenvertretungen: "Im Gegensatz zu den linken Fraktionen und der Arbeiterkammer begreifen wir die Verbindung von Arbeit und Studium nicht als Verbrechen, sondern als Chance." Diese Positionierung steht im deutlichen Kontrast zu anderen Studierendenorganisationen, die erwerbstätige Studierende primär als Symptom unzureichender staatlicher Finanzierung sehen.

Berufserfahrung versus finanzielle Notwendigkeit

Die Motivationen für die Erwerbstätigkeit neben dem Studium sind vielfältig und haben sich in den letzten Jahren gewandelt. Während frühere Erhebungen zeigten, dass finanzielle Notwendigkeit der Hauptgrund war, geben heute deutlich mehr Studierende an, durch die Arbeit wertvolle Berufserfahrung sammeln zu wollen. Diese Entwicklung spiegelt einen Wandel in der Wahrnehmung der Studierenden wider: Das Studium wird zunehmend nicht mehr als isolierte Ausbildungsphase betrachtet, sondern als Teil einer umfassenden Vorbereitung auf das Berufsleben.

Dennoch bleibt die finanzielle Komponente ein entscheidender Faktor. Die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten für Studierende in Österreich sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. In Wien beispielsweise müssen Studierende mittlerweile mit monatlichen Ausgaben von durchschnittlich 1.200 bis 1.500 Euro rechnen, wobei die Wohnkosten den größten Anteil ausmachen. Die maximale Studienbeihilfe von derzeit 679 Euro monatlich deckt diese Kosten bei weitem nicht ab, was viele Studierende zur Erwerbstätigkeit zwingt.

Flexibilität als Schlüssel zur Vereinbarkeit

Das Konzept der "leistungsstarken Hochschulen", das die JUNOS propagieren, basiert auf der Idee maximaler Flexibilität und Wahlfreiheit für Studierende. Grubmüller konkretisiert diese Vision: "Dazu zählen weniger Anwesenheitspflichten, mehr hybride Lehre sowie der Ausbau des Angebots von Lehrveranstaltungen an Abenden, Wochenenden und in den Ferien." Diese Forderungen zielen darauf ab, das traditionelle, oft starre Hochschulsystem an die Realitäten des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Hybride Lehrformate, die während der COVID-19-Pandemie notgedrungen eingeführt wurden, haben gezeigt, dass flexible Studienformen durchaus möglich sind. Online-Vorlesungen und digitale Seminare ermöglichen es Studierenden, ihre Zeit effizienter zu planen und Erwerbstätigkeit besser mit dem Studium zu vereinbaren. Allerdings stehen dem oft traditionelle Strukturen und Widerstände in der Professorenschaft entgegen, die auf Präsenzlehre und Anwesenheitspflichten beharren.

Internationale Vergleiche zeigen Handlungsbedarf

Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass andere Länder bereits weiter fortgeschritten sind bei der Flexibilisierung der Hochschullandschaft. In den Niederlanden beispielsweise ist es völlig normal, dass Studiengänge so gestaltet sind, dass sie berufsbegleitend absolviert werden können. Deutsche Fachhochschulen bieten seit Jahren verstärkt Teilzeit- und Abendstudiengänge an, die explizit auf berufstätige Studierende ausgerichtet sind.

In der Schweiz hat sich das System der dualen Bildung auch auf Hochschulebene etabliert, wodurch Studierende systematisch praktische Erfahrungen sammeln können, ohne dass dies als problematisch betrachtet wird. Diese Modelle zeigen, dass die Integration von Studium und Berufstätigkeit nicht nur möglich, sondern sogar vorteilhaft für die Qualität der Ausbildung sein kann.

Finanzielle Unterstützung: Studienbeihilfe und Zuverdienstgrenzen

Die JUNOS fordern eine grundlegende Reform des österreichischen Studienbeihilfensystems, das in seiner aktuellen Form als unzureichend und wenig zeitgemäß kritisiert wird. Die maximale Studienbeihilfe von 679 Euro monatlich wurde zuletzt 2022 erhöht, liegt aber immer noch deutlich unter dem, was Studierende tatsächlich zum Leben benötigen. Zum Vergleich: Die Mindestpension in Österreich beträgt derzeit 1.000 Euro monatlich.

Besonders problematisch sind die starren Zuverdienstgrenzen, die bei 15.000 Euro brutto jährlich liegen. Überschreitet ein Studierender diese Grenze auch nur geringfügig, droht die komplette Rückforderung der bereits ausbezahlten Studienbeihilfe. Diese Regelung wirkt wie eine Arbeitsverhinderung und steht im Widerspruch zu dem Ziel, Studierenden praktische Erfahrungen zu ermöglichen.

Auswirkungen der aktuellen Regelungen auf das Studierverhalten

Die restriktiven Zuverdienstgrenzen führen zu paradoxen Situationen: Studierende, die motiviert sind, Berufserfahrung zu sammeln und gleichzeitig ihr Studium zu finanzieren, werden durch bürokratische Hürden ausgebremst. Viele verzichten bewusst auf lukrative Praktika oder Werkstudententätigkeiten, um die Grenzen nicht zu überschreiten. Dies ist nicht nur individuell nachteilig, sondern auch volkswirtschaftlich kontraproduktiv, da qualifizierte Arbeitskraft verschenkt wird.

Die Inflationsrate der letzten Jahre hat die Situation zusätzlich verschärft. Während die Lebenshaltungskosten deutlich gestiegen sind, blieben die Studienbeihilfe und die Zuverdienstgrenzen lange Zeit unverändert. Dies führte zu einer schleichenden Verschlechterung der finanziellen Situation vieler Studierender und erhöhte den Druck, erwerbstätig zu werden.

Herausforderungen für Österreichs Hochschulsystem

Die österreichische Hochschullandschaft steht vor grundlegenden Herausforderungen, die weit über die reine Finanzierung hinausgehen. Die Studierendenzahlen sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen – von etwa 200.000 im Jahr 1990 auf über 390.000 heute. Gleichzeitig hat sich die Studierendenschaft diversifiziert: Mehr ältere Studierende, mehr Studierende mit Migrationshintergrund und mehr Studierende, die bereits Berufserfahrung mitbringen.

Diese Entwicklung erfordert eine Anpassung der Hochschulstrukturen, die noch immer auf das traditionelle Modell des Vollzeitstudierenden ausgerichtet sind. Anwesenheitspflichten, die zu Zeiten entstanden sind, als Studieren ein Privileg weniger war, passen nicht mehr zu einer Gesellschaft, in der Hochschulbildung zur Normalität geworden ist.

Digitalisierung als Chance und Herausforderung

Die fortschreitende Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten für flexible Studienformate, stellt aber auch Anforderungen an die technische Ausstattung der Hochschulen. Während der Pandemie wurde deutlich, dass viele österreichische Universitäten und Fachhochschulen unzureichend auf digitale Lehre vorbereitet waren. Die notwendigen Investitionen in moderne Lernmanagementsysteme, Videokonferenz-Technologien und digitale Prüfungsformate sind erheblich.

Gleichzeitig eröffnet die Digitalisierung Chancen für neue Lehr- und Lernformate, die erwerbstätigen Studierenden entgegenkommen. Aufgezeichnete Vorlesungen, Online-Sprechstunden und digitale Gruppenarbeiten können die Flexibilität erheblich erhöhen, ohne die Qualität der Lehre zu beeinträchtigen.

Politische Dimensionen der Debatte

Die Diskussion um erwerbstätige Studierende ist auch eine politische Frage, die verschiedene Ideologien und Gesellschaftsbilder widerspiegelt. Während konservative und liberale Kräfte die Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft der Studierenden betonen, sehen sozialdemokratische und grüne Parteien die Notwendigkeit zur Erwerbstätigkeit primär als Zeichen sozialer Ungerechtigkeit.

Die JUNOS positionieren sich in dieser Debatte klar auf der liberalen Seite und argumentieren, dass Erwerbstätigkeit neben dem Studium nicht automatisch problematisch ist, sondern durchaus positive Effekte haben kann. Diese Position steht im Kontrast zur traditionellen Forderung nach einer höheren Grundfinanzierung der Studierenden ohne Gegenleistung.

Europäische Entwicklungen und Bologna-Prozess

Im Rahmen des Bologna-Prozesses haben sich die europäischen Hochschulsysteme in den letzten 25 Jahren stark angeglichen. Das dreistufige System (Bachelor, Master, PhD) sollte ursprünglich mehr Flexibilität und Mobilität ermöglichen. In der Praxis hat die Einführung jedoch oft zu einer Verschulung der Studiengänge geführt, mit mehr Prüfungen, strafferen Zeitplänen und weniger Freiräumen für die Studierenden.

Andere europäische Länder haben auf diese Herausforderung unterschiedlich reagiert. Während skandinavische Länder verstärkt auf Teilzeitstudiengänge setzen, haben angelsächsische Länder das System der Studiengebühren ausgebaut, um Studierenden mehr Wahlmöglichkeiten zu bieten. Deutschland experimentiert mit dualen Studiengängen, die Theorie und Praxis systematisch verbinden.

Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft

Die Debatte um erwerbstätige Studierende hat auch erhebliche wirtschaftliche Dimensionen. Unternehmen profitieren von studentischen Arbeitskräften, die oft hochmotiviert und gut ausgebildet sind. Gleichzeitig beklagen Arbeitgeber, dass Absolventen oft zu wenig praktische Erfahrung mitbringen und eine zu starke theoretische Orientierung haben.

Werkstudententätigkeiten und studienbegleitende Praktika können diese Lücke schließen und gleichzeitig die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen erhöhen. Studien zeigen, dass Absolventen mit Berufserfahrung schneller einen Job finden und höhere Einstiegsgehälter erzielen. Dies spricht für das Modell der JUNOS, Erwerbstätigkeit als Chance zu begreifen.

Demografischer Wandel und Fachkräftemangel

Der demografische Wandel verstärkt die Bedeutung dieser Debatte zusätzlich. Österreich steht vor einem erheblichen Fachkräftemangel, der sich in den kommenden Jahren verschärfen wird. In diesem Kontext ist es volkswirtschaftlich sinnvoll, die Potenziale aller verfügbaren Arbeitskräfte zu nutzen – einschließlich der Studierenden.

Gleichzeitig führt die alternde Gesellschaft dazu, dass mehr Menschen später im Leben studieren wollen oder müssen. Das traditionelle Modell des 20-jährigen Vollzeitstudierenden wird zunehmend zur Ausnahme. Flexible Studienformen sind daher nicht nur für erwerbstätige junge Menschen relevant, sondern auch für die wachsende Gruppe der lebenslang Lernenden.

Zukunftsperspektiven für das österreichische Hochschulsystem

Die Entwicklung hin zu mehr Flexibilität im Hochschulsystem ist unumkehrbar, auch wenn sie unterschiedlich schnell voranschreitet. Die technischen Möglichkeiten für hybride und flexible Lehrformen werden kontinuierlich besser und kostengünstiger. Gleichzeitig steigt der gesellschaftliche Druck, das Hochschulsystem an die veränderten Lebensrealitäten anzupassen.

Die JUNOS-Forderungen nach weniger Anwesenheitspflichten, mehr Online-Angeboten und flexibleren Studienzeiten werden in den kommenden Jahren vermutlich breite Unterstützung finden. Bereits heute experimentieren viele Hochschulen mit neuen Formaten, auch wenn dies oft noch unsystematisch geschieht.

Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die notwendigen Reformen umzusetzen, ohne die Qualität der Hochschulbildung zu beeinträchtigen. Die Balance zwischen Flexibilität und Anspruch, zwischen individueller Wahlfreiheit und gemeinsamen Standards wird die Entwicklung der österreichischen Hochschullandschaft in den nächsten Jahren prägen.

Die aktuelle Studierendensozialerhebung liefert wichtige Grundlagen für diese Reformen und macht deutlich, dass die Zeit für halbherzige Lösungen vorbei ist. Die Studierenden haben längst mit den Füßen abgestimmt – nun müssen Politik und Hochschulen nachziehen und die strukturellen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Verbindung von Studium und Erwerbstätigkeit schaffen.

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